Eine Wahl – zwei Pleiten

Ungefähr 800.000 Saarländer waren gestern zur Landtagswahl aufgerufen. Etwa 560.000 Menschen oder 70 % nahmen ihr Recht wahr. Das ist eine Steigerung um neun Prozentpunkte gegenüber der Wahl vor fünf Jahren. Eine erfreuliche Entwicklung, die möglicherweise auf das gestiegene Interesse an Politik zurückgeht, das seit dem demoskopischen Aufschwung der SPD im Land herrscht.

Die eine Pleite erlebten wieder einmal die Sozialdemokraten. Mit viel Schwung und Getöse stellten sich die Sozis hinter Sigmars Auswahl eines Kanzlerkandidaten. Erst im Präsidium, dann beim Wahlparteitag des Vorsitzenden und zuletzt bei der Listenauswahl in NRW für die Bundestagswahl. Beflügelt wurden die Genossen von vielen Meinungsumfragen sämtlicher Fernsehsender und Zeitungen. Im besten Falle war die SPD von 22 auf 32 % gehüpft. Alle nennen dies den Schulz-Effekt. „Der Schulzzug rollt“ heißt es im ersten Wahlkampfhit. Doppeldeutiger sind da schon Wahlschilder, die die SPD für Kundgebungen anbietet. „Jetzt ist Schulz“ steht darauf. Der Kandidat wird also mit Schluss gleichgesetzt. Noch seltsamer mutet „Für die Wahl 2017“ an, wenn statt der 0 der Kopf des Kandidaten in der Jahreszahl auftaucht. Hier wird Schulz also mit einer Null gleichgesetzt. Wir wissen nicht, ob dies den Strategen aufgefallen ist. Der Schulz-Effekt sollte die Sozis nun auch im Saarland auf die Höhe der CDU hieven. Anke Rehlinger träumte wohl von einer großen Koalition unter ihrer Führung. Wahlweise gab es da noch die Linken unter Oskar Lafontaine. Schon bei der Prognose um 18 Uhr hatte Anke ausgeträumt. Satte elf Prozentpunkte liegen zwischen CDU und SPD. Hier das vorläufige Endergebnis:

SPD 29,6 % -1,0 17 Sitze

CDU 40,7 % +5,5 24 Sitze

Linke 12,9 % -3,2 7 Sitze

Grüne 4,0 % -1,0

AfD 6,2 % +6,2 3 Sitze

FDP 3,3 % +1,9

Piraten 0,5 % -5,0

Beziehen wir die abgegebenen Stimmen mal auf die gesamte Wahlbevölkerung, wie wir das in „Wahlergebnis2021“ schon einmal in den Blog gemalt hatten, ergibt sich dieses Bild: Nichtwähler 30,3 %, CDU 28,0 %, SPD 20,4, Linke 8,8, Grüne 2,8, FDP 2,2 und AfD 4,2 Prozent.

Die Sozis haben diese Wahl verloren. Natürlich verweisen sie nun auf die Umfragen vor dem Schulzzug. Anfang Januar hatten die Sozis bei den Meinungsforschern an der Saar etwa 25 %. So verzeichnen sie gute vier Prozentpunkte als Schulz-Effekt. Können sie machen, wenn sie an Umfragen und ihren Messias glauben. Nüchternere Zeitgenossen und die unionierten Christen sagen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer glänzend gesiegt und die Sozis blamiert hat. Die Frage wird lauter werden, ob der Schulz-Effekt in Wahrheit eine Erfindung der Medien sein könnte. Der ersten echten Wahl hielt er nicht stand. Wieder einmal lange Gesichter im Willy Brand-Haus.

Die zweite Pleite des Abends erlebte die Demoskopie. Das Wort bedeutet aus dem Griechischen übersetzt Volksbeschau. Wir wollen es mal mit Volksbefragung oder Meinungsumfrage übersetzen. Diese sagten kurz vor der Saarwahl ein enges Kopf an Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD voraus. Entsprechend fielen die Kommentare der Journaille aus. In Beiträgen kamen Menschen auf der Straße zu Wort, die sich ähnlich äußerten. Hauptsächlich positiv zu Martin Schulz. Kramp-Karrenbauer wurde als ruhige, etwas langweilige Wahlkämpferin dargestellt. Die Vorhersage eines knappen Ausgangs ist falsch! Und zwar gründlich. Elf Punkte liegen zwischen den großen Parteien. Selten ist der Abstand so deutlich. Wir möchten sagen, die Vorhersagen sind kompletter Müll! Wir können sie uns sparen.

Das war mal anders. Es gab eine Zeit, da war der Wahlabend fast langweilig. Spätestens im vergangenen Jahr gab es aber große Irrtümer. Den Brexit sah niemand kommen. Sie gingen von einem knappen Sieg der EU-Befürworter aus. Tatsächlich stand es am Ende 52:48 für den EU-Austritt. Es folgte die Wahl in den USA. Alle gingen von Hillarys Sieg aus. Als Donald gewann, waren Verblüffung und Enttäuschung groß. Kaum hatten sie die Pleite in den USA verdaut, lagen die Demoskopen in den Niederlanden komplett daneben. Wie im Saarland hatten sie ein enges Rennen prognostiziert. Zwischen Rutte und Wilders. In Holland lagen dann sieben Prozentpunkte zwischen den Parteien der beiden. Und jetzt dieser Irrtum im Saarland.

Der Tatbestand ist eindeutig. Demoskopie taugt nichts. Bleibt die Frage, wie das kommt? Gern wird auf die große Zahl unentschlossener Wähler verwiesen. Die mag es geben. Sollten aber hochbezahlte Zahlenjongleure nicht in der Lage sein, diesen Fakt in ihre Rechenmodelle einzuarbeiten? Lügen die Befragten die Fragesteller womöglich an? Hierfür gibt es weder Indizien noch denkbare Gründe. Arbeiten die Demoskopen schlampiger als früher? Kosten werden überall gespart. Warum nicht auch bei  denen für Befrager? Vielleicht kommen sie heute ohne viele Interviews aus und verlassen sich auf gesteigerte Computersimulationsmöglichkeiten. Noch spannender wird es, wenn wir daran denken, dass Umfrageergebnisse natürlich Stimmung machen und die tatsächliche Wahl beeinflussen können. So könnten die Prognosen auch interessengesteuert sein. Denken wir daran, dass fast alle Zeitungen und Fernsehsender in der Hand reicher Familien sind, können wir uns eine Einflussnahme gut vorstellen. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind von der Politik durchdrungen. Von Unabhängigkeit keine Spur. Die beauftragten Institute sind genauso wenig unabhängig. Auch sie sind von Aufträgen abhängig.

In den Niederlanden war es augenfällig. Wilders wurde zeitweilig zur stärksten Kraft erklärt. So sahen seine 13 % bei der Wahl wie eine Niederlage aus, obgleich Wilders Partei von 15 auf 20 Sitze zulegte. Woher der sog. Schulz-Effekt kam, fragen sich viele. Wir erklären dies mit dem Trump-Effekt, also der Sehnsucht nach irgendwas Anderem. Egal was! Denn rational ist dieser Effekt nicht zu erklären, wenn es ihn denn gab oder gibt. Martin Schulz ist ein ganz normaler Politschauspieler wie alle anderen auch. Er herrschte in Straßburg wie ein kleiner König. Er war länger Parlamentspräsident als üblich, weil Juncker dies gut fand. Politisch steht Schulz Angela Merkel sehr viel näher als den Restlinken in seiner SPD. Seine inhaltlichen Äußerungen als Kanzlerkandidat sind nichts als vage Andeutungen kosmetischer Änderungen der Hartz 4-Regeln. Seine Nominierung war eine Hinterzimmer-Trickserei Sigmar Gabriels und seine Wahlen in der SPD sind peinlich undemokratisch. Kein Mensch hat 100 % Zustimmung. Einzig real am Schulz-Effekt sind wohl 13.000 Partei-Eintritte. Real war die Stammtischfeier am Aschermittwoch. Wir halten den Schulz-Effekt für eine Seifenblase. Die Saarländer haben mit einer kleinen Nadel reingepiekt und die Genossen erlebten eine Bauchlandung. Sicher herrschen in Schleswig-Holstein und NRW andere Voraussetzungen. Hier stellen die Sozis gemeinsam mit den Grünen den Regenten bzw. die Königin. Viele führen den CDU-Sieg an der Saar ja auf AKK zurück. Andererseits finden die Wahlen erst am 7. Und 14. Mai statt. Bis dahin wird noch vie Luft aus der Schulzblase entweichen. Sigmars Trick hat den Todeskampf der Sozialdemokratie durch ein letztes Zucken verlängert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Zeitgeschehen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s