Dortmund in Bronze

Kaum hatten wir es morgens in der Zeitung gelesen, machten wir uns sogleich auf den Weg. Es geht um ein Tastmodell der Dortmunder Innenstadt. In Bronze gegossen von Egbert Broerken. Bezahlt vom Lions-Club Dortmund. Als ich noch Mitglied im Vorstand der hiesigen Gruppe des Blinden- und Sehbehindertenvereins war, hörte ich von diesem Entschluss der Lions. Damals, im Herbst 2015, lief die Standortsuche. Aufgestellt wurde das Modell nun in Höhe des Marienkirchhofs an der Kleppingstraße. Die liegt am östlichen Ende der Dortmunder Einkaufsmeile, dem Hellweg. Besucher der Stadt, ob blind oder sehend, dringen nicht unbedingt bis hierher vor.

Wesentlich geeigneter wäre die Katharinenstraße gewesen. Überquert man vom Hauptausgang des Bahnhofs kommend den Wall, kommt man auf den Max von der Grün-Platz und eben dann auf diese Straße mit der gleichnamigen Treppe. Aktuell wurde dort sogar ein Platz frei, weil ein großes Kunstwerk verkauft werden musste. Selbständig können blinde Menschen den gewählten Standort nicht finden. Der Kardinalfehler bei der Standortauswahl liegt darin, dass kein Blindenleitsystem bis zum Modell führen wird. Aktuell noch nicht einmal bis in die Nähe, sprich die Reinoldikirche. Der Zielgruppe bleibt das Modell weitgehend vorenthalten.

Das ist sehr schade. Denn es ist ausgesprochen gelungen. Dreidimensional abgebildet ist die Innenstadt innerhalb des Walls.

Über besagte Katharinenstraße stoßen wir auf die breite Kampstraße. Beim Tasten wird klar, warum dies künftig der Boulevard Kampstraße mit Bachlauf und Leitsystem werden wird. Denn die Kampstraße ist wesentlich breiter als die Einkaufsmeile, der Hellweg. Der tastende Finger kann sich auf dem Hellweg nur mühsam durch die angrenzenden Gebäude quetschen. Das Modell zeigt die Stadt im Maßstab 1:800. Auffallend sind natürlich die Kirchtürme. Den der Reinoldikirche hatte ich mir höher vorgestellt. In der Nähe ragt zum Beispiel der hässliche RWE-Tower in die Höhe. Auch das brandneue Fußballmuseum fällt durch seine etwas merkwürdige Form auf. Bald finde ich auch das DoC-Haus, dem wir so viel Aufmerksamkeit gewidmet haben. Meine ehemalige Telekom-Wirkungsstätte an der Ecke Kampstraße und Wall ist ebenfalls zu finden.

Anders als am Phönixsee ist hier alles aus einem Guss. Die Beschriftung in Braille sowie die Markierungen gehören zum Modell. Am Phönixsee waren sie aufgeklebt, wie es aussah. Die Vergangenheitsform ist leider korrekt. Denn bei unserem letzten Besuch am Burgplatz, als der CDU-Nikolaus Claudia Middendorf kam, fehlte fast alles. Traurig mussten wir feststellen, dass das Rostmodell halb kaputt ist. Das kann dem Bronzemodell nicht passieren.

Bemerkenswert ist noch, dass der Blinden- und Sehbehindertenverein Dortmund im Ruhr-Nachrichten-Artikel gar nicht erwähnt wird. Er ist offenbar nicht an diesem Modell und dessen Aufstellen beteiligt. Der Vorsitzende des behindertenpolitischen Netzwerks, Friedrich-Wilhelm Herkelmann, war geladen. Leider glänzte er im Zeitungsartikel mit der dämlichen Aussage, die ein, zwei Stufen rund um den Platz seien für Blinde ungünstig, weil Stolperfallen. Das ist natürlich Unfug. Herr Herkelmann sollte nach Jahrzehnten im BPN wissen, dass Stufen für blinde Menschen kein Problem darstellen. Das entspricht eher dem Halbwissen von Menschen ohne Kontakt zu Blinden. Auf die fehlende Anbindung an ein Leitsystem hätte hingewiesen werden müssen. In den gestrigen „Neuigkeiten aus dem behindertenpolitischen Netzwerk“ wurde das Modell nicht erwähnt. Wir wollen mal die April-Ausgabe abwarten. Mag aber auch sein, dass es vom BPN und der Behindertenbeauftragten der Stadt, genannt Gespenst, ebenso ignoriert wird wie seinerzeit das Rostmodell.

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