Wir müssen Verständnis haben

Um zu verstehen, was derzeit mit der deutschen Sozialdemokratie los ist, versuchen wir es mal mit drei Vergleichen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Pizzafahrer und machen zu den 40 bezahlten Stunden pro Woche noch zehn unbezahlte Überstunden. Jetzt kommt ein neuer Chef und sagt: „Ich habe einen eingestellt und Du musst jetzt nur noch neuneinhalb Überstunden machen. Unbezahlt, versteht sich.“ Oder Ihre Frau kommt eines Morgens zu Ihnen und sagt: „Schatz, ich habe einen meiner drei Liebhaber in die Wüste geschickt. Damit wir wieder mehr Zeit füreinander haben.“ Oder Ihr Lieblingsverein ist die letzte Gurkentruppe. Nun gewinnt er mal zwei Spiele in  Folge und klettert vom letzten auf den vorletzten Platz der Tabelle. Sind Sie da nicht völlig aus dem Häuschen, euphorisiert, vor Glück betrunken? So wie in diesen drei Beispielen ist es um die Sozis und einen Teil der befragten Bevölkerung geschehen. Da kommt ein Typ, der sich kaum von Vorgänger unterscheidet und Nuancen ändern möchte und die Leute brechen in Begeisterung aus.

Anfang Januar waren wir so weit, dass sich Journalisten schützend vor die SPD stellten und sagten, es sei ja mittlerweile Mode und allzu leicht, auf die SPD einzudreschen. Die Genossen waren verzagt. Die SPD dümpelte bei 20 % mit Tendenz nach unten. Sigmar installierte Martin Schulz als Kanzlerkandidat und Parteivorsitzenden. In einer Aktion, die wir weder sozial noch demokratisch nennen. Plötzlich schossen die nächsten Umfragewerte von 20 % auf 30 %. Wenn wir es denn für wahr halten, erklären wir uns dies mit einer Art Trump-Effekt. Es folgte am Aschermittwoch die erste große Show. Die SPD hatte den größeren Stammtisch, sprich die gefülltere Halle, als die CSU. Das wurmte die Unionierten und brachte den Saal der Sozis zum kochen. Wo mehr Bier floss, ist nicht überliefert. Gestern folgte die zweite Show. Schulz wurde mit 100 % der gültigen Stimmen zum Parteivorsitzenden gewählt. Ein Ergebnis, dass einer demokratischen Partei Schande macht. Die SED hatte damals immerhin so viel Anstand, es bei 99,5 % zu belassen. Auf so etwas mag im Jubeltaumel niemand hinweisen. Wir haben eben Verständnis für die gerade noch so niedergeschlagenen Genossen. Sie greifen nach dem Strohhalm und freuen sich darüber.

Kommenden Sonntag wartet die erste echte Probe auf Schulz. Wie in „Saarland“ beschrieben, lagen Union und Sozis dort bei der letzten Wahl eng beieinander. So sollte es der aufgeblühten SPD doch leicht fallen, mit Anke Rehlinger an der Union mit Annegret Kramp-Karrenbaur vorbeizuziehen. Gelingt dies nicht, wäre es ein Tiefschlag für den Schulz-Boom. Schaffen es die Sozis, wartet schon die nächste Prüfung auf sie. Mit wem koalieren wir denn jetzt? Dank Oskar Lafontaine sind die Linken im Saarland stark. Rotrot könnte reichen. Falls die Blassen in den Landtag kommen, würden die sicher gern bei einer Mehrheitsfindung helfen. Die gehen ja in jede Regierung. Sie können noch so sehr auf die Eigenständigkeit der Landesverbände verweisen. Natürlich ist die Entscheidung an der Saar ein Fingerzeig für den Bund. Vermutlich würden sie die Regierungsbildung gern bis nach der Bundestagswahl verschieben. Bei einem halben Jahr Wegstrecke wird das jedoch nicht gehen. Es folgen die Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In beiden Bundesländern führen die Sozis eine rotgrüne Regierung. Können sie ihre Mehrheit halten?

Wir glauben, im Frühling und Sommer wird sich die Lage gründlich ändern. Es setzt ein neuer Flüchtlingsstrom ein. In Libyen warten sie in Hungerlagern auf die Überfahrt. Das Verhältnis zur Türkei ist in der Talsohle. Der sog. Flüchtlingsdeal wird brüchig. Es wird sich zeigen, dass die relativ ruhige Phase nicht genutzt wurde. In Griechenland hat sich im Hinblick auf die Flüchtlingsversorgung wenig verbessert. Die EU ist in dieser Frage noch immer völlig zerstritten. Ein Verteilen findet nicht statt. Die Bevölkerung wird beim nächsten Ansturm weniger freundlich reagieren. Das ist zum einen normal. Zum anderen haben Politschauspieler sämtlicher Parteien fleißig am Stimmungswandel mitgewirkt. Schulz mit seiner Nuancenagenda in der Sozialpolitik wird unwichtig werden. Es kommt der wahre Schulz zum Vorschein, der als ein führender Kopf in der EU beim Thema Flüchtlinge gescheitert ist. Seine Nähe zu Angela Merkel wird sichtbar werden. Die AfD blüht wieder auf. Die SPD landet bei der Bundestagswahl bei maximal 27 %, eher bei 25 %. Die Union schafft es knapp über 30 %. Eine Regierungsbildung ist mit Ausnahme einer großen Koalition dank der starken AfD nicht möglich. Die Sozis werden am Jahresende dort sein, wo sie am Jahresanfang waren

Und deshalb sagen wir voraus, dass aus Verständnis Mitleid werden wird. Spätestens am Jahresende ist die große rote Party zu Ende. Die Genossen wachen auf und merken, dass sich ihre Partei nur noch in eine Richtung entwickelt. Nämlich hin zu einer mittelgroßen Partei um die 15 bis 20 Prozent. Inhaltlich wird Schulz der Partei nichts Neues gebracht haben. Es wird ihnen gehen wie ihren niederländischen Kollegen. Dort blieb den mitregierenden Sozis nach der jüngsten Wahl ein Viertel ihrer Sitze. Es gab einen Rechtsruck, den Rutte als Fest der Demokratie feierte. So also stellen wir uns das Jahr 2017 für die SPD, die wir gern in ÄPD umtaufen würden, vor. Wie gesagt, wir haben viel Verständnis für die Genossen.

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