Ist noch jemand überrascht?

Wikileaks hat mal wieder eine Menge Dokumente veröffentlicht. Im Laufe einiger Tage wird klarer, was darin steht. Wir verstehen es so, dass viele Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Deutschlands und andere in der Lage sind, Geräte der Unterhaltungselektronik zu Spionagezwecken zu gebrauchen. Schlimmer noch, sie lassen Softwarelücken absichtlich zu, die sie dann selber nutzen. Zusammenhangdeuter würden aus der passiven wohl eine aktive Rolle stricken können. Ohne viel Mühe könnten wir sagen, sie sorgen dafür, dass solche Schlupflöcher programmiert werden. Wieder einmal regt diese Neuigkeit in Deutschland niemanden auf. Die Medien nicht und erst recht nicht die Regierung. Butterweich wie auf das NSA-Abhören von Kommunikationsleitungen wird unsere Regierung auch auf diese Machenschaften reagieren. Wir vermuten den Grund nicht nur in partnerschaftlicher Zurückhaltung gegenüber dem großen Bruder. Sie dürfen Zurückhaltung auch gern durch Hasenfüßigkeit ersetzen. Vielmehr glauben wir, dass unser BND und andere deutsche Organisationen diese Lücken ebenfalls nutzen oder zumindest deren Ertrag.

In einer Presseschau begegnete uns doch tatsächlich das erstaunte Zitat aus einer Zeitung, das wohl alles gemacht werde, was technisch möglich ist. Ja lieber Journalist, so ist es! Haben Sie es noch nicht gemerkt? Bei all dem genuschelten Auskunftsbrei zum Thema der Geheimdienste kam doch eines deutlich heraus: Für diese Organisationen gelten andere Regeln. Wenn der BND Bundesbürger nicht ausspähen darf, tut er dies eben bei befreundeten Nachbarn. Deren Geheimdienste tun es bei uns und sie tauschen fröhlich ihre Ergebnisse. Unser Bundesinnenscharfmacher Thomas de Maiziere nimmt kein Blatt vor den Mund: „In solchen Zeiten von Terrorismus und anderer Bedrohung müssen wir die Bedeutung von Datenschutz neu bewerten“. Will heißen, ihn hinten an hinter alle anderen Belange stellen. Zum Beispiel ist die Videoüberwachung in aller Munde. Ihr Sinn und Nutzen wird gar nicht in Frage gestellt. Vom Nutzen ausgehend wird nur noch darüber gesprochen, ob und wo die Kameraüberwachung vielleicht enden soll. Unsere gesamte Parteienlandschaft kennt keine Farbe mehr, die sich ernsthaft gegen die staatliche Datensammelwut stellt. Auf den Gesetzgeber sollten wir also nicht hoffen.

Natürlich helfen wir Nutzer der Unterhaltungselektronik fleißig mit. Jedes Smartphone hat ein Mikrofon und eine Kamera. Häufig werden Videosequenzen vom Nutzer selber ins Netz geladen. Hier muss ein Überwacher gar nichts mehr tun. Ist ein Nutzer nicht so aktiv, muss sich der Interessierte eben ins Gerät einschmuggeln und Daten auslesen. Das im Sommer so populäre Pokemon-Spiel könnte – Achtung Zusammenhangdeutung! – ein Großversuch gewesen sein, wie leicht die Nutzer manipuliert werden können. Denn während des Pokemon-Spiels flossen Daten über Bewegung und persönliche Ziele der Mitspieler frei herum. Und wenn das Spiel nur als Datentür zu den Geräten taugte, war für etwaige Beobachter schon viel gewonnen. Moderne Fernseher eignen sich ebenfalls ganz hervorragend. Statt der Fernbedienung wird uns das Bedienen mittels Stimme oder Gesten schmackhaft gemacht. Natürlich braucht unser Wohnzimmerliebling dafür Mikrofone und Kameras. Für das Skypen ist das ja auch ganz wichtig. Fernseher stehen in allen Räumen, hängen am Netz und sind potentiell zugänglich. Kürzlich wurde in Deutschland eine Puppe gerade noch verboten, die mit dem Kind sprechen konnte. Die Antworten holte sie mit Hilfe von Schlagwörtern aus Clouds im Netz. Viele Eltern befürworteten dieses intelligente Spielzeug. Das Vernetzen vieler Haushaltsgeräte wird propagiert. So sinnlos es auch erscheint, vom Auto aus schon mal die Kaffeemaschine zu aktivieren. Wer unbedingt sofort nach Betreten der Wohnung den heißen Genuss will, kann eine Zeitschaltuhr nehmen. Das Befüllen mit Wasser und Kaffeepulver darf jedoch keinesfalls vergessen werden. Die Werbung verbunden mit dem Spieltrieb der Menschen wird schon dafür sorgen, dass sich immer mehr Haushalte mit vielen Geräten ans Netz anbinden. Auch die Sicherheit ist immer ein gutes Argument. Sie können schauen, ob sie den Herd wirklich abgeschaltet haben. Oder am Strand in Spanien können sie sehen, ob jemand bei ihnen zu Hause einsteigt. Sie sehen selbst – Daten fließen fröhlich herum. Ist noch jemand da, der glaubt, dass diese Daten vor irgendwem sicher sind?

„Ich habe nichts zu verbergen“, werden Sie vielfach hören. Diese Menschen fragen Sie mal nach Ihrem Monatseinkommen oder Wahlverhalten. Da wird es meist eng für die freigiebigen Datenspender. Wir müssen auch gar nichts zu verbergen haben. Kein Mensch kann ernsthaft leugnen, dass er gern ein Zuhause hat, wo er sein kann wie er mag. Wo er die anstrengende Maske des Berufslebens fallen lassen kann. Wo er nicht der allseits interessierte Kommunalpolitiker sein muss. Möchten Sie wirklich von Ihrem Nachbarn auf dem Sofa beobachtet werden können? Und natürlich sind es nicht nur staatliche Dienste, die sich für Sie interessieren. Vermutlich eher nicht. Aber die Wirtschaft erfährt gern von Ihren Vorlieben und Gewohnheiten. Dann kriegen Sie passende Angebote oder werden derart mit Werbung versorgt, dass Sie es gar nicht merken. Selbstbestimmung adé! Hallo lieber großer Bruder! Der Roman 1984 wird noch bei weitem übertroffen. Da geht es nur um staatlichen Machterhalt. Bei uns geht es um den letzten Cent und staatlichen Machterhalt. Und anders als in 1984 holen wir uns die Spionagegeräte freiwillig auf eigene Kosten ins Haus. Und freuen uns noch drüber.

Abschließen möchten wir diesen Beitrag mit einer Buchempfehlung. Lesen Sie „Zero – Sie wissen, was Du tust“ von Marc Elsberg, ISBN: 978-3-7645-0492-2. In dieser spannenden Geschichte sammeln die Menschen fleißig Daten. Eine Firma namens Freeme gaukelt ihnen vor, die Menschen hätten die Souveränität über ihre gesammelten Daten. Je mehr, desto besser. Neben Smartphones kommen hier Datenbrillen zum Einsatz, die es bereits auch in der Realität gibt. Nur noch nicht ausgereift und so verbreitet. Lesen Sie das Buch mit offenen Sinnen und Sie werden wissen, was uns droht bzw. was bereits geschieht. Wir gehen hier nicht so weit, zum Verzicht aufzurufen. Das wäre wohl naiv. Doch es soll niemand sagen, er habe davon nichts gewusst. Das ist in unserem digitalen Zeitalter gar nicht mehr möglich.

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