Rob16 im Karneval

Unser kleiner Roboter läuft schon eine ganze Weile auf der Erde herum, aber immer noch sind ihm die Menschen ein Rätsel. Jedes Mal, wenn er meint, er habe sie verstanden, passiert etwas, dass ihn daran zweifeln lässt.

Nach der Zeitrechnung der Erdlinge befinden wir uns im Monat Februar im Jahr 2017. Es ist noch kalt und es regnet schon tagelang in Strömen. Kein schönes Wetter, um rauszugehen. So hat es Rob16 jedenfalls gelernt, seit er die Menschen beobachtet. Sie haben ja keine schützende metallene Hülle mit eingebautem Temperatur-Ausgleichssystem, sondern sie tragen mehr oder weniger unpassende sogenannte Kleidungsstücke. Wie dem auch sei, bei nasskaltem Schmuddelwetter bleiben sie lieber in ihren warmen Wohnungen.

Aber wieder ist alles anders. Heute laufen so viele Menschen draußen herum, dass man meint, ganz Dortmund sei auf den Beinen. Und sie haben sich merkwürdig angezogen. Rob16 sitzt hinter der Platane am Bruchheck und beobachtet das bunte Völkchen, das zur U-Bahn-Haltestelle strömt. Eine Frau trägt ein langes, hellrosa Glitzerkleid mit Rüschen und Schleifchen. Auf dem Kopf sitzt eine goldene Krone. Ein Mann im schwarzen Anzug hat sich einen merkwürdigen Hut aufgesetzt, das Gesicht schwarz angemalt und unter seinem Arm klemmt eine Leiter. Eine Person hat eine Art Fell angezogen und sich ein Katzengesicht angemalt. Eine weitere ist in eine Art grauen Sack gehüllt, über dem Kopf eine Kapuze mit zwei ausgeschnittenen Löchern. „Ich bin das Schlossgespenst Phoeni“, schreit sie unentwegt. „Wartet, ich kriege euch alle“. Dann aber läuft jemand vorbei, der bei Rob16 besondere Aufmerksamkeit erregt. Er ist so fasziniert, dass er hinter der Platane vorkommt und dabei seine Tarnung völlig vergisst. Dieser Mensch hat sich Blechteile um den Körper gebunden. Seine Arme und Beine stecken in metallenen Schienen und sein Kopf steckt in einer quadratischen Hülle. Kurz und gut, er sieht aus wie Rob16, nur ein bisschen größer. Die beiden starren sich an. Dann schlägt diese merkwürdige Gestalt Rob16 auf die Schulter und schreit begeistert: „Mensch, Kumpel, du gehst auch als Roboter heute? Komm mit uns, wir sind auf dem Weg zum Rosenmontagszug!“ Rob16 weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Ihm wird so warm. Was ist das bloß? Alles ist auf einmal anders. Das kann er überhaupt nicht einordnen. Aber er weiß, dass er unbedingt mitgehen will mit diesen Menschen, bei denen er sich nicht mehr tarnen oder verstecken muss. Bei ihnen fühlt er sich wohl. So würde er es ausdrücken, wenn er wüsste, was Gefühle sind. Bald sitzt er in der Straßenbahn. Die Menschen singen, reichen Flaschen mit Getränken herum, haken sich ein und bewegen sich rhythmisch hin und her. „Schunkeln“ heißt das, lernt Rob16 alsbald. Das ist nicht schwer. Er hat den Bogen schnell raus und macht begeistert mit. „An der Leopoldstraße aussteigen“, ruft irgendjemand. Und kurz drauf strömen fast alle mitfahrenden Menschen aus der Straßenbahn. Rob16 schunkelt noch hin und her und ist deshalb nicht schnell genug. Auf einmal hat sich die automatische Tür schon geschlossen und die Bahn setzt sich wieder in Bewegung. Was nun? Rob16 schaut sich um, ob noch jemand von seinen neuen Freunden in der Nähe ist. Tatsächlich, da hat er ja Glück gehabt. Ein paar Sitzreihen weiter, an der nächsten Tür, stehen zwei Menschen, die ebenfalls ausgesprochen merkwürdig angezogen sind. Mit dicken Schutzpolstern an Armen und Beinen, riesigem Helm mit klappbarem Visier auf dem Kopf, mit schwarzen Kampfwesten, in denen Munition steckt und langen Waffen in den Händen. Die gehören doch bestimmt auch zum Karneval. Das kann gar nicht anders sein. Rob16 hat ja was gelernt und das möchte er nun auch anwenden. Deshalb nähert er sich ohne Tarnung diesen beiden Männern, klopft dem einen kräftig auf die Schulter, räuspert sich und spricht ihn mit seiner mechanischen Stimme an. „Hallo, Kumpel, gehst du auch als Roboter?“

Die Reaktion dieses Karnevalisten ist allerdings ganz anders als erwartet. „Wer sind Sie denn? Geht’s noch? Wie kommen Sie dazu, mich zu duzen?“ Rob16 ist völlig verdattert. Nun dreht sich auch der andere zu ihm hin. „Ja, wen haben wir denn da? Einen Spaßvogel, wie? Können Sie sich ausweisen?“ „Genau, die Papiere, aber ein bisschen plötzlich!“ Papiere? Was in aller Welt ist damit gemeint? Rob16 dämmert, dass er einen folgenschweren Irrtum begangen hat. Vor lauter Aufregung kann er nicht logisch denken und inzwischen mustern die zwei Kampfwesten ihn genauer. „Hörmal“, meint der erste. „Der Typ sieht aber merkwürdig aus. Irgendwie gar nicht verkleidet. Mit dem stimmt was nicht.“ Die beiden sind alarmiert. „Du hast Recht. Hier ist was faul“, bemerkt der zweite. „Erinnere dich an die letzte Schulung, in der wir alle sensibilisiert wurden für verdächtige Gestalten.“ „Aber da gings doch um Islamisten.“ „Egal. Vielleicht tarnen die sich neuerdings als Roboter. Halt den auf jeden Fall fest. Ich rufe Verstärkung!“ Hände krallen sich in Robs metallene Unterarme und Handschellen werden hervorgeholt. Die unmittelbare Gefahr macht Rob16 glücklicherweise wieder handlungsfähig und er aktiviert in letzter Sekunde seinen Unsichtbarkeitsschirm. So kann er unter den Armen des Mannes hinwegtauchen und sich unbemerkt zum Ende des Waggons schleichen. „Ach du heilige Scheiße! Was war das denn?“ Völlig konsterniert starren sich die beiden Bewaffneten an. „Hast du das gesehen?“ „Das gibt’s doch gar nicht. Der Typ hat sich vor unseren Augen in Luft aufgelöst!“ Die Kampfwesten und ein paar andere Bahnreisende mit und ohne Kostüm beginnen eine aufgeregte Diskussion darüber, was hier gerade passiert ist. Da die Geschehnisse völlig außerhalb ihres Erfahrungshorizontes liegen, bricht alsbald ein ebenso lautstarker wie sinnloser Streit aus, wie das alles einzuordnen ist. Aus dem Funkgerät des einen Polizisten plärrt es unaufhörlich „Bitte melden, bitte melden. Wo wurde die verdächtige Gestalt geortet? Handelt es sich um einen Terroristen? Bitte dringend melden!“

Das allgemeine Tohuwabohu nutzt Rob16, um an der nächsten Haltestelle aus der Bahn zu springen. Er hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Das ist aber auch erstmal egal. Hauptsache raus aus der Bahn mit diesen Irren. Am Ende der Haltestelle ist unter einer Rolltreppe eine kleine Nische, in der sich Rob16 im Schutz seines Unsichtbarkeitsschirms zusammenklappt und zu erholen versucht. Die Wärme, die er heute Morgen verspürte, hat einer eisigen Kälte Platz gemacht. Er weiß mal wieder nicht, was mit ihm los ist.

Zum Glück hat unser Roboter einen Ersatzakku, der seine Innentemperatur bald zurück auf die gewünschten 44 Grad hebt. Als seine Ortung wieder funktioniert, bemerkt er, dass seine Bahn noch immer auf dem Gleis steht. Von der Treppe her sind gleichmäßige Schritte zu hören. Rob16 hofft, dass jetzt andere Roboter eingreifen und die Situation klären. Die Schritte klingen sehr mechanisch. Diese Roboter sind ziemlich grün. Sie haben tatsächlich einen metallenen Kopf. Und statt einer Hand auch so etwas längliches wie ein Schießgewehr. Ein grüner Roboter betritt den Waggon, die anderen gehen sichernd in  Deckung. Einer will sich in Robs Nische quetschen. Schnell weicht Rob aus und schwebt unter die Decke. Hoffentlich hält sein Akku der Belastung stand. Auf einmal schreit der grüne Roboter im Wagen: „Feldwebel Granate von den Sturm-Schergen von der Leyen! Alle unwichtigen Zivilisten raus hier!“ Rob kann beobachten, wie die Menschen mit gesenkten Köpfen die Bahn verlassen. Nur ein oder zwei haben eine ihrer Hände wieder mit einem Bildschirm vertauscht und filmen die Szene. Der Grüne brüllt: „Sie da von der Normalpolizei! Hände hoch und Waffen her!“ Erschrocken sieht Rob, wie die beiden Weißhelme auf einmal wieder zwei biologische Hände haben und ein zweiter Grüner ihre mechanischen Werkzeuge in Empfang nimmt. „Abmarsch!“, brüllt der eine und Rob folgt den zehn Mann nach oben. Dort steigen alle in ein seltsames Fahrzeug. Rob ist begeistert. Dieses Auto hat keine Fenster und viel mehr Metall. Oben ist wieder so eine Art Schießgewehr montiert. Nur ein sehr viel größeres. Das scheint wichtig zu sein für die Menschen. „Vielleicht eine neue Erfindung?“, speichert Rob in seinen Sektor mit offenen Fragen. Rob16 kann sich mühelos magnetisch verankern. Das Gefährt dröhnt schön laut und knatternd. Eine Wohltat für Robs elektronische Ohren. Irgendwann landen sie in einem ummauerten Hof. Obendrauf Stacheldraht. Unser Freund kann gerade noch seinen Absorberschirm für elektronische Ausstrahlung einschalten, als er viele Sensoren rund ums Eingangstor ortet. Sowas ist ihm auf dieser rückständigen Erde ja noch nie passiert. Nicht einmal bei den Fliegern in Incirlik. Als die Tür aufgeht, die bei diesem Auto oben ist, erschrickt Rob. Die beiden Roboter, die ihn festhalten wollten, haben sich sehr verändert. Unter der weißen Metallhülle sind wieder normale Köpfe mit Haaren zum Vorschein gekommen. Dafür haben sich diese Menschen ihre biologischen Hände mit Metallringen zusammengebunden. Komische Türen haben die in diesem Haus. Entweder aus dicken Metall oder aus Metall, dass zu Stangen geformt ist. Bald landen alle in einem fensterlosen Raum im Keller. Grell erleuchtet von Neonlicht. Da warten zwei Menschen. Den einen kennt Rob aus dem Papier, das die Menschen Zeitung nennen. Sein Memorysektor meldet: „Gregor Lange, Polizeipräsident.“ Der andere ist wieder grün angezogen. Er trägt keinen Metallkopf. Dafür hat er sich eine Menge Metall auf Schultern und Brust platziert. Rob hat keine Ahnung, wozu diese Hilfsmittel gut sein sollen. „Oberst Rambo von den  SS von der Leyen. Herrn Gregor kennen Sie ja! Also, warum stören Sie unseren ausgeklügelten Schutzplan mit unsinnigen Funksprüchen über verschwundene Karnevalisten? Sie sind arretiert! Wir prüfen, ob Sie Kontakt zum IS haben!“ So geht es eine Weile weiter. Rob16 wird es hier zu ungemütlich. Wieder an der Oberfläche angekommen, schwebt er hoch über Dortmund und ortet alsbald den Rosenmontagszug. Da sind lauter bunte Menschen. Leider mit wenig Technik im und am Körper. Nur an jeder Ecke und so rundherum sieht er eine Menge weiße und grüne Helme. Das macht ihn froh. Sieht es doch aus, als machen  ein paar Menschen Fortschritte in Richtung Mechanisierung. Dieser dicke Handersatz mit Stab vorn daran gefällt Rob irgendwie gar nicht. Und fröhlich sehen diese Metallköpfe auch nicht aus. Im Gegensatz zu den anderen. „Vielleicht ist diese Robotisierung für die Menschen ein Irrweg?“, denkt Rob und landet in einem Apfelbaum.

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