Wo sind die Türken?

Für alle Nichtdortmunder will ich vorweg den Ruf schildern, den der Stadtteil Scharnhorst in der Stadt hat und was ich selber dort erlebte. Scharnhorst gilt als eine der Schmuddelecken. Hoher Ausländeranteil, Wohnsilos, höhere Kriminalität, viele Hartz 4-Empfänger. Ein Ladenbesitzer in Hombruch sagte zu mir, in Scharnhorst würde er ein Haus nicht einmal geschenkt nehmen. Er selber ist Türke oder kommt vom Balkan. Anfang der 90er wohnte ich manchmal bei einem Freund zu Hause in Scharnhorst. Auch der ist Türke. Seine Eltern waren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Nur zum arbeiten. Vater und Mutter sprachen ganz schlechtes Deutsch. Sie wohnten in Hochhäusern mit etwa fünf Stockwerken. Das Grün ringsherum mit Wiesen, Büschen und Bänken wirkte eher als Verstärkung der Trostlosigkeit. Ich erlebte den Aufenthalt in Scharnhorst als bedrückend. So übernahm ich die Vorurteile, die wir hier in der Stadt zu diesem Vorort im Nordosten haben.

Als wir nun unser Geronimo-Projekt des gemeinsamen Heims starteten, führte uns das zweite Angebot des Immobilien-Scouts ausgerechnet nach Scharnhorst. Nach Alt-Scharnhorst allerdings. Aufgeklärte Dortmunder machen da einen Unterschied zwischen alt und neu. Ob der gerechtfertigt ist, kann ich heute noch nicht sagen. Deutscher als unsere Siedlung, in der wir gelandet sind, kann es gar nicht sein. Deutsch, aber weder spießig noch muffig. Da treffen wir nämlich auf das nächste Vorurteil. Mag schon sein, dass hier ordentliche Gardinchen an den Fenstern hängen und sogar der eine oder andere Zwerg herumsteht. Ich weiß es nicht genau. Wir haben übrigens auch einen. Der ist einen halben Meter groß und voller Luft. Sutolita heißt er oder sie. Im Moment schaukelt er auf Susannes Stuhl auf der Terrasse. Sutolita macht Kälte nichts aus. Viel wichtiger aber als irgendwelche Äußerlichkeiten sind die Menschen, die hier leben. Hier triffst Du Leute des Ruhrgebiets, wie Du sie Dir vorstellst. Menschlich zugewandt, sehr freundlich, nicht aufdringlich und ohne Schnickschnack. Natürlich gibt es auch Zugereiste mit sächsischem Akzent. Etwas irritiert sind wir immer noch, dass wir in unserer Einkaufsecke außer einem Dönerladen keinen einzigen Türken finden. Mindestens mit einem Friseur hatten wir gerechnet. Aber nichts. In Hombruch und Hörde hatten wir es tendenziell so erlebt, dass die Türken die netteren Läden haben. Mit zugewandten Verkäufer_innen. Schauen Sie mal bei: „Fragen Sie Ihre Apothekerin oder deren Computer!“. Hier in Scharnhorst können all die deutschen Verkäufer_innen auf einmal zugewandt und freundlich sein. Das tut gut. So vermissen wir die Türken nicht so sehr.

Auch im Zentrum waren wir schon zweimal. Jedenfalls heißt das hier so. Sogar die Haltestelle. Dort haben sich viele Ketten wie Kodi oder Kik breit gemacht. Wir waren im Bürgeramt zum Ummelden. Das ging alles zügig und reibungslos. Kein Chaos zwischen Dutzenden von Wartenden. Nur unser deutscher Staat wird immer dreister. Du darfst als Bürger immerhin noch unterschreiben, dass sie Deine Daten nicht an Parteien, Kirchen oder die Bundeswehr weitergeben. Ganz gern speichern sie Deinen Fingerabdruck für den neuen Personalausweis. Noch ist auch das freiwillig. „Guten Tag im Überwachungsstaat wie in 1984“, geht uns durch den Kopf. Einen türkischen Gemüseladen, den wir gern hätten, finden wir vorerst auch hier nicht. Also: Wo sind die Türken?

Wir freuen uns sehr, hier zu leben. Es sind erst drei Wochen. Richtig. Mag sein, dass auch unangenehme Erlebnisse auf uns warten. Das ist normal im Leben. Im Moment besticht Scharnhorst durch freundliche Menschen. Welcher Nationalität auch immer. Dazu die ruhige Straße ohne den ewigen Autolärm, den wir beide vor der Tür hatten. Unser gemietetes Haus erleben wir als ein Schmuckstück mit vielen kleinen Extras. Bleibt zum guten Schluss vielleicht der Gedanke, dass wir alle gelegentlich über unsere Vorurteile nachdenken und sie auch mal nachprüfen können.

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