Wie der Blinde seine kriselnde Ehe erlebt – Kapitel 18

In morgendlicher Dunkelheit schweigt das Zimmer unseres blinden Protagonisten Manfred. Keine liebende Frauenhand ist mehr zur Stelle, um eine Nachtleuchte in die Steckdose zu praktizieren. Keine orangefarbene wie in guten, keine grüne wie in schlechten Zeiten. Seit einigen Tagen ist diese Wohnung weitgehend frauenfrei. So kümmert sich auch niemand mehr behutsam um die Weckautomatik, die Manfred bis vor kurzem aus dem Schlaf vibrierte. Die schwachen Nerven und das gute Gehör des Jungen müssen das Ticken und Rasseln eines alten Braille-Weckers ertragen. Es ist nun mal so. Erstaunlicherweise schaffen sie das auch. Die romantische halbe Stunde mit Sabine am Morgen ist durch einen längeren Schlaf ersetzt worden. Seitdem muss auch Pfiffi etwas länger in seinem Körbchen aushalten. Er trägt es mit Fassung. Manfred nimmt ihn mit hinunter, als er gegen halb acht zum Frühstück bei seinen Eltern klingelt. Pfiffi geht derweil allein spazieren. „Guten Morgen, mein Junge“, begrüßt Karl-Heinz seinen Sohn, „Deine Mutter hat heute gute Laune.“ „Wurde sie zur Gläubigen des Monats gewählt oder warum?“, neckt Manfred. „Nein, sie hat gestern einen ganzen Kanister Weihwasser bestellt. Weißt Du, für den Winter.“ „Was hat denn Weihwasser mit dem Winter zu tun?“, ist Manfred durchaus verblüfft. „Na ist doch klar. Für die Heizungen als Luftbefeuchtung.“ „Warum nehmt Ihr da kein normales Wasser oder überhaupt welches?“ „Das ist wegen der trockenen Heizungsluft. Hat Gertrude in der Apothekenumschau gelesen. Und bei QVC hatten sie gestern ein Sonderangebot: Fünf Liter für nur 9,95 €.“ „Ein wahres Schnäppchen!“, höhnt Manfred. „Freu Dich mal nicht zu früh“, warnt der Vater, „Du kriegst auch drei.“ „Ich will aber keine drei Liter Weihwasser.“ Karl-Heinz kichert: „Nicht Liter, sondern Kanister. Drei Kanister kriegst Du. Also fünfzehn Liter. Für uns hat sie sechs bestellt. Weil wir ja zwei sind.“ „Genau, wahnsinnig logisch.“ „Der Papa fährt heute noch in dem Baumarkt und holt diese Hängebehälter für die Heizkörper. Pfarrer Seelighaus segnet dann unsere Kanister. Komm mein lieber Junge und setz Dich!“, sagt Gertrude, als ihre beiden Männer in die Küche kommen. „Du hast aber auch immer Ideen“, meint Manfred und setzt sich. „Hier mein lieber Junge, Dein Schutztuch.“ Gertrude will es Manfred schon um den Hals legen, da wehrt er ab: „Mensch Mama, das nehme ich doch nicht mehr.“ „Aber Manfred, gestern bist Du mit einem Kaffeefleck zur Arbeit gefahren.“ „Das war ein winzig kleiner Spritzer, wie ihn jeder mal hat“, wirft Karl-Heinz ein. Gertrude straft ihn mit einem Blick. „Du sollst nicht böse gucken, wenn der Junge dabei ist“, neckt Karl-Heinz seine Frau. „Nun setz Dich und sprich schnell das Gebet“, lenkt Manfred ein. Beim Frühstück erzählt er seinen Eltern von seiner letzten LPF-Stunde. Da ging es um das Sortieren von Wäsche und wie sie zu behandeln ist. Manfred spricht im Plauderton. Er hofft, dass sich seine Mutter auf diese Weise langsam an seine zunehmende Selbständigkeit gewöhnt. Während Karl-Heinz anerkennende Worte findet, schweigt Gertrude eisern. Gegen Ende fragt sie dann: „Sag mal, hast Du was von Sabine gehört? Ich habe ja gestern mit ihrer Mutter telefoniert. Die ist aber im Moment sehr verschlossen.“ „Vorgestern das letzte Mal. Hab ich Dir ja erzählt. Sabine will noch ein paar Tage bei ihren Eltern bleiben. Es geht ihr nicht so gut.“, erzählt Manfred. „Jetzt ist sie schon fast eine Woche weg. Das geht doch nicht. Wie kann sie Dich so lange allein lassen?“, ereifert sich Gertrude. „Wir kommen doch ganz gut zurecht“, wirft Karl-Heinz ein. „Jaja, ganz gut. Aber eine Frau gehört zu ihrem Mann. Das war schon immer so“, beharrt Gertrude. „Sobald es ihr besser geht, kommt sie sicher schnell wieder nach Hause“, versucht Manfred, seine Mutter zu beschwichtigen.

Nach dem Frühstück holt sich Manfred seinen Stock von oben. Auf der Straße gabelt er Pfiffi wieder auf. Beide gehen rüber zu Rotraud, mit der sich Manfred für heute verabredet hat. „Was ich Dich schon immer fragen wollte“, fängt sie nach der Begrüßung an, „ist Pfiffi eigentlich ein ausgebildeter Führhund?“ „Das war er mal. Damals, als ich ihn kriegte. Meine Mutter hat dann nach wenigen Stunden dafür gesorgt, dass der Trainer nicht mehr kam.“ „Und seid Ihr jemals im Geschirr gelaufen?“ „So zwei, dreimal halbherzig. Wenn Gertrude nicht da war. Mit Sabine habe ich das versucht. Aber die war auch so ängstlich. Sie stand ja damals total unter Gertrudes Fuchtel.“ „Und seitdem gar nicht mehr. Meinst Du denn, Pfiffi kann noch führen?“ „Glaube ich kaum. Ich will ihm das jetzt auch nicht mehr zumuten. Hast Du denn keine Lust mehr, Stocktraining mit mir zu machen?“ „Nein nein, so habe ich das nicht gemeint. Gibt es denn Neuigkeiten von Deinem Antrag auf Kostenübernahme?“ „20 Stunden LPF haben sie bewilligt.“ „Das ist ja klasse! Und Mobtraining?“ „Den Antrag haben wir erst vor ein paar Tagen losgeschickt. Das könnte etwas schwieriger werden. Vor allem, weil sie vor drei Jahren ja Pfiffi teuer bezahlt haben.“ „Naja, warten wir das mal ab. Vielleicht kann Deine Martina ja einen guten Antrag schreiben.“ „Was steht denn für heute auf dem Programm?“, ist Manfred schon neugierig. „Ich dachte, wir üben heute mal das Erkunden einer Treppe.“ Wenig später tun sie das in Rotrauds Treppenhaus. Manfred erkundet mit dem Stock genau, wo es aufwärts geht. Dann fährt er mit der Stockspitze die gesamte Höhe, dann die Breite der ersten Stufe ab, zum Schluss die Tiefe. „Meistens ist es so, dass sich die Stufen gleichen. Wenn  Du eine kennst, kennst Du alle. Nur draußen gibt es manchmal lange und kurze Stufen.“ Manfred hat den Bogen schnell raus. Im Treppengeländer verheddert sich der Stock ein wenig. „Wenn Du die Treppe raufsteigst, hältst Du Dich ja mit einer Hand am Geländer fest. Den Stock nimmst Du in die andere und hältst ihn senkrecht vor Deinen Körper.“ Rotraud zeigt ihm, wie er es machen soll. „Ganz locker in der Hand halten. Ja. So. Wenn Du jetzt aufwärts steigst, stößt der Stock immer gegen die nächste Stufe. Stößt er auf kein Hindernis mehr, ist die Treppe zu Ende.“ Manfred versucht nun, seine zwei Hände und zwei Füße möglichst geschickt zu koordinieren. Es braucht etwas Zeit, den Stock so zu halten, dass er die nächste Stufe trifft, aber nicht dauernd an ihr hängen bleibt. „Am Verlauf des Geländers kann man auch merken, wann die Treppe zu Ende ist“, sagt er oben angekommen. Die beiden wiederholen die Übung bis zum Dachboden. Manfred gewinnt an Sicherheit. Auf den Stufen ruhen sie sich ein bisschen aus. „Runter geht es im Grunde genauso“, erklärt Rotraud, „Du suchst mit dem Stock die erste Kante und dann einen sicheren Stand. Am besten nimmst Du wieder den Handlauf. Dann guckst Du Dir mit dem Stock Höhe, Breite und Tiefe der Stufe an.““ Ein wenig zittern Manfred schon die Knie. „Den Stock führst Du jetzt wie bei der Schiebetechnik diagonal vor Dir. Nimm ihn locker in die Hand. Dann hüpft die Spitze von Stufe zu Stufe. Wenn sie aufhört, ist die Treppe zu Ende.“ Manfred wagt kaum, den ersten Schritt zu tun. Weiter unten öffnet sich eine Wohnungstür. Es ist Theo, der hinauspoltert. „Diese Gerlinde ist wirklich das Letzte!“, brummelt er in seinen Bart und schlägt unten die Haustür zu. „Weißt Du, wer Gerlinde ist?“, flüstert Manfred. „Ich glaube, das ist seine Freundin in Panama. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht“, sagt Rotraud. Dann aber wird die Übung fortgesetzt. Mehr als eine Hand darf Manfred nicht ans Geländer legen. Im ersten Stock machen sie kurz Pause in Rotrauds Wohnung. Manfred schwitzt vor lauter Konzentration. „Zu Hause kannst Du das dann ja reichlich üben“, meint Rotraud. „Das mache ich. Auch wenn die Borgstein-Waldschmidt immer Anfälle kriegt, wenn sie mich allein irgendwas machen sieht.“ „Ich fahre nämlich übers Wochenende weg. Da können wir nicht üben“, erklärt Rotraud. „Hast Du etwa einen Freund in Panama?“, neckt Manfred neugierig. „Nein zwei, aber die besuche ich diesmal nicht“, weicht Rotraud aus, „Ich gehe nicht mit nach unten. Das schaffst Du ganz allein.“ Manfred merkt, dass er schon etwas mutiger auf die Treppe zugeht. Diese hier bei Rotraud kennt er jetzt auch schon sehr gut. Dennoch ist er stolz auf sich, als er unten wie jeder normale Mensch eigenständig das Haus verlässt.

Zu Hause findet er die Wohnungstür offen vor. Im Korridor schnauf Karl-Heinz. „Bist Du das, Papa?“, fragt Manfred. „Ja mein Junge, ich habe gerade die drei Kanister Weihwasser hochgebracht. Wo soll ich sie hinstellen?“ „Am besten in Sabines Zimmer. Da stören sie niemanden.“ „Dann pack mal mit an und hilf Deinem alten Vater!“ Manfred greift sich zwei Kanister und folgt Karl-Heinz ins Allerheiligste der Gattin. „Hier sieht es ja immer noch aus wie am Wochenende“, stellt der Vater verblüfft fest. „Ich habe Mama und Frau Borgstein-Waldschmidt verboten, hier zu putzen. Mama wollte sowieso nicht. Soll die Schl… doch ihren Mist selber wegräumen, hat sie Frau Borgstein zugeflüstert.“ „Ist wahrscheinlich auch besser so“, meint Karl-Heinz, „wer weiß, was die beiden neugierigen Drachen alles finden könnten in diesem Durcheinander.“ „Konntest Du die Kanister nicht im Keller lagern?“, will Manfred wissen. „Nein, der Pfarrer kommt ja bald und segnet das heilige Wasser nochmal. Und der soll nicht in den Keller müssen und im Dunkeln.“ „Der Herr ist überall“, singt Manfred im schönsten Joachim Gauck-Tonfall. „Vor allem wollen sie sicherstellen, dass Du dabei bist“, sagt der Vater und tippt seinem Sohn vor die Brust. „Na mal sehen, was ich da vorhabe“, bleibt Manfred gelassen, „ich komme dann gleich runter, wenn das Taxi da ist.“ Die beiden verabschieden sich. Da Rotraud ihm nichts angeboten hat, macht sich Manfred vor der Arbeit selber noch eine Tasse Kaffee. Das klappt inzwischen ziemlich routiniert. Als er gerade sitzt, klingelt sein Smartphone. Es liegt jetzt immer auf der Kommode im Flur. Der neue Manfred ist durchaus einen Schritt schneller unterwegs als der alte. Pfiffi ist noch nicht ganz auf diese Geschwindigkeit eingestellt und muss deshalb manchen Puff einstecken. „Borkenstock“, meldet sich Manfred. Das übliche Hallo oder gar Hey ist ihm viel zu amerikanisch aufgesetzt cool. „Hier ist Sabine, hallo Manfred“, hört er eine leise Stimme. „Sabine, na so eine Überraschung. Wie geht es Dir?“ „Ach schon etwas besser.“ – Pause – „Bist Du denn noch bei Deinen Eltern?“, fragt Manfred vorsichtig. „Ja.“ – Pause – „Was hast Du denn eigentlich? Vorgestern hast Du was von Magenverstimmung gesagt.“ Inzwischen setzt sich Manfred wieder an den Tisch zu seinem heißen Kaffee. „Ach Manfred, das ist es natürlich nicht nur. Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.“ „Warum bist Du denn abgehauen aus Oberhausen? Das war keine so tolle Aktion, weißt Du.“ „Ich glaube, ich bin kein Mensch für Veränderungen“, wird Sabines Stimme noch leiser. „Sabine, ich glaube, jetzt haben wir keine Zeit für so ein Thema. Ich muss gleich zur Arbeit. Willst Du am Wochenende vielleicht mal nach Hause kommen?“ „Bin ich denn da noch zu Hause?“ „Ich würde sagen, mehr als bei Deinen Eltern. Aber natürlich musst Du das selber wissen.“ „Vielleicht komme ich. Ich schlaf nochmal drüber. Tschüss Manfred.“ Sabine legt auf. Manfred seufzt. Vom Führerschein-Entzug und der Günter-Nacht weiß er noch nichts. Deutlich spürt er, dass sich in dieser Woche seit Sabines Verschwinden eine Menge getan hat. Er fühlt ein wenig Mitleid für Sabine. Vor allem aber ist er genervt. Sie klingt, als sei ihr Leben fast am Ende. Dabei ist sie doch erst 27 Jahre jung. Aber das ist es natürlich nicht. „Kein Mensch für Veränderung. Na prima. Dann soll sie lieber bei Mama und Papa bleiben.“ In seinen eigenen Ohren klingen diese Worte unfreundlich. Milde ausgedrückt. Aber so fühlt es Manfred. Im Moment interessiert ihn Sabine sehr wenig. Schlimmer noch. Er kann sie gar nicht gebrauchen. Vor lauter Wut vergisst er das ganze Training und stolpert ungewollt zügig die Treppe hinunter. Von oben hört Manfred einen tiefen Atemzug und ein Stoßgebet zum Allmächtigen.

Bei der Arbeit im Grünflächenamt löst er diesmal Petra ab, die Frühschicht hatte. „Hey Petra, wie wars heute morgen?“, fragt Manfred voller guter Laune. Das Gespräch mit Sabine ist schon wieder vergessen. „Frag bloß nicht! Hier war der Teufel los.“ „An einem Freitag?“, ist Manfred erstaunt. Normalerweise klingt es in der Stadtverwaltung schon donnerstags langsam aus. Einige Ämter haben an diesem Wochentag länger geöffnet. Wegen der arbeitenden Bürger. Entsprechend mürrisch kommen die Verwalter am Freitag zum Dienst. Meistens läuft da nicht mehr viel. Mittags ist sowieso Schluss. „Der Grünkern-Bratling ist durch sämtliche Büros gestürmt. Die Wartungsfirma ist pleite. Fünf Heckenhäcksler oder Turbobläser sind weg.“ Manfred dämmert etwas fern am Gedächtnishorizont: „Wie weg?“ „Na verschwunden. Die Leute auch. Nur drei kaputte Motorsägen lagen da noch auf dem Hof. Die gehören aber wohl nach Gelsenkirchen.“ „Wer hat denn das Donnerwetter abgekriegt?“, will Manfred vorsichtig wissen. „Hexler ist auf Fortbildung in Bad Oehnhausen und Breitgesäß kriegt ein Kind. Der hat Sonderurlaub.“ „Und dann hat er sich bei Dir ausgetobt?“ „Nein nein. Den Blinden traut der Bratling nichts zu. Also auch nichts Böses.“ „Und wenn der blödeste Blinde am Ende bescheid weiß?“, fragt Manfred. „Wer soll das denn sein?“ „Na ich, der hilflose Manfred.“ „Nun mach mal halblang. Weißt Du etwa was?“ „Ich habs Euch letzten Freitag erzählt. Doch da hatten wir es dann so eilig wegen Volker und dem Schlüssel und dem Bus und so.“ „Apropos, kommst Du heute wieder zum Tischball?“, fragt Petra und räumt ihre Sachen zusammen. „Ich denke schon, Sagst Du mir nochmal die Adresse?“ „Keine Ahnung. Ich frag Volker und simse sie Dir dann, okay?“ „Ja gut – ähm – ist denn der Bratling noch da?“ Petra greift zu ihrem Stock: „Ich glaube schon. Kannst ja mal anrufen. Und was Du da weißt, kannst Du uns ja heute Abend erzählen. Ich muss jetzt ins Krankenhaus. Eine blinde Freundin besuchen. Die ist Malerin und hat sich bei der Begehung einer Kirche den Arm gebrochen. Doppelt. Elle und Speiche oder wie das heißt. Schöner Mist. Bis nachher dann.“ Petra ist zur Tür hinaus, noch ehe Manfred all die Informationen verarbeitet hat. „Blinde Malerin? So ein Quatsch. Petra wollte ihn sicher wieder verkohlen.“ Manfred hat sich gerade gesetzt und sortiert, da tiriliert sein Smartphone. Rosa hat ihm da einen Nachtigall-Klingelton installiert. „Manchmal hat sie schon eine Meise“, denkt Manfred und liest: „Achtung, kein Scherz! Fahre morgen in die Eifel. Interesse? R“ Sofort wandern Manfreds Gedanken einige Zeit rückwärts. Die Nacht an der Müritz. Die Katastrophe am Morgen. Rosas Flucht vor seiner Unselbständigkeit. Sein verzweifelter Hilferuf an den Vater. Dessen Rettungsfahrt mit Theo. Damals dachte Manfred, nun sei mit Rosa alles zu Ende. Ungefähr zu jener Zeit begannen Gedanken an Veränderung in sein Leben einzusickern. Mindestens bis zum Karneval war alles sehr geregelt gewesen im Hause Borkenstock. Nur die Liebe fehlte. Dann die Fahrt nach Düsseldorf. Oder war das der Anfang gewesen? Manfred erinnert sich an seinen Wunsch, endlich allein über sein Leben entscheiden zu können. Dieser Wunsch kam spät, dafür aber mächtig. Speziell die Behandlung durch seine Mutter hatte er satt. Der Tag mit Rosa in Düsseldorf war so leicht gewesen. An der Müritz merkten sie beide dann, dass es falsch ist, die Blindheit zu ignorieren. Denn damals spielte sie in Manfreds Leben eine überragende Rolle. Alles war darauf abgestimmt. Für fast alles brauchte er Hilfe. Das war besser geworden und entwickelte sich weiter. Grundlegend für diesen Prozess aber war der innere Antrieb. Sonst wäre Rosa eine kleine Episode am Rande geblieben. Sie war wie ein Wirbelwind durch seinen trüben, meist langweiligen Alltag gefegt. An der Müritz lernte sie schmerzlich, Manfred so zu sehn, wie er damals war. Mit all seinen Unzulänglichkeiten. Erst später begriff sie, dass dieser Mann dennoch Respekt verdient. Wie jeder Mensch. Auch wenn er vieles nicht konnte. So konnten sie wieder Freunde und etwas mehr werden. Manfred hat das Gefühl, heute wesentlich freier atmen zu können als vor diesem Karnevalsausflug. All das geht ihm durch den Kopf, als der Amtsleiter zur Tür hereinkommt: „Guten Tag, Herr Borkenstock. Ich muss Sie über einen bösen Vorfall informieren. Fünf unserer Maschinen sind verschwunden. Hatten Sie jemals Kontakt zur Firma „Ihr Motor ist ein Lebewesen“?“ Für einen Moment ist Manfred verwirrt: „Wie weg?“, fragt er etwas dämlich. „Na die Firma ist pleite und hat unsere Häcksler und Bläser einfach vorher verkauft. Jedenfalls scheint es so. Also, hatten Sie mal Kontakt?“ Manfred überlegt. Vor genau einer Woche hatte er dieses merkwürdige Telefonat mit Herrn Mogelberg. Der hatte ihn nicht gut verstanden und gedacht, ein Boris rufe an. Deshalb hatte Mogelberg erzählt, dass die Maschinen in Rostock nach Russland verschifft würden. Kurz darauf war er zum Tischball abgeholt worden und am Samstag begann das Drama mit Sabine. Darüber hatte Manfred die Geschichte vergessen und bis heute niemandem davon erzählt. „Nein, Herr Grünkern-Bratling. Ähm. Moment. Einmal doch. Da sprach ich mit einem Herrn Mogelberg.“ „Ja genau. Wann war denn das?“ „So Anfang letzter Woche. Ich habe gleich Herrn Hexler informiert, dass die Reparatur noch etwas dauere. Sie müssten Ersatzteile aus Indonesien oder China kommen lassen. So genau kann ich mich nicht erinnern.“ „Wieso Ersatzteile. Die Häcksler sollten doch bloß gewartet werden.“ „Davon wusste ich nichts.“ „Aber der Hexler!“, zischt Herr Grünkern-Bratling. „Was sagt der denn dazu?“, fragt Manfred scheinheilig. „Der ist auf Fortbildung oder krank. Ich glaube, er hat Knie oder sowas.“ Manfred schweigt. Der Amtsleiter seufzt: „Sonst haben Sie nichts von der Firma gehört, Herr Borkenstock?“ Der Chef erinnert sich jetzt an die Mahnungen von Gertrude und dämpft seine Stimme. „Nein, Herr Grünkern-Bratling, leider nicht.“ „Na dann ein schönes Wochenende und grüßen Sie mir Ihre liebe energische Frau Mutter.“ Manfred atmet tief durch. Das hat er heil überstanden. Er überlegt, nun auch Petra und Volker nichts von diesem einen Anruf zu erzählen. Sicher ist sicher. Ärger auf der Arbeit kann Manfred nun wahrlich nicht auch noch gebrauchen. Langsam sinkt sein Puls und die Gedanken kehren zu Rosa zurück. Er spielt erstmal auf Zeit und schreibt: „Wann soll es denn losgehen?“ Träge kreist der große Zeiger übers Ziffernblatt. Dann bringt die Nachtigall folgende Meldung: „Morgen Mittag.“ Darauf hatte Manfred gehofft und schreibt: „Muss zu Hause noch was klären. Kann ich Dir morgen früh bescheid sagen?“ Der Vogel pfeift: „Okay.“ Das waren die Höhepunkte dieses Mitteldienstes. Schon um halb vier ist Volker da: „Petra ist immer ganz esoterisch, wenn sie bei dieser Malerin war. Nicht auszuhalten.“ So plaudern sie ein wenig über die Frauen im allgemeinen und Petra im besonderen. Volker freut sich, dass Manfred mittlerweile viel mehr Interesse für dieses Thema zeigt. Als das Taxi kommt, verabreden sie sich für den Abend zum Tischball. Petra hat inzwischen die Adresse geschickt: Hans-Semmler-Straße 19.

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