Erfahrungen in der Notaufnahme (15.02.2017)

Vor ca. zwei Jahren, im April 2015, beschrieb ich einen Tag in der Notaufnahme im Klinikum Nord der Stadt Dortmund.

Seitdem habe ich aufgrund der zahlreichen Krankenhausaufenthalte meiner Mutter eine Menge gesehen im Gesundheitswesen. Die Erfahrungen waren durch die Bank weg negativ. Ich rede nicht von der fachlichen, sondern von der menschlichen Seite. Was mir bzw. uns an Unfreundlichkeit, Mangel an Empathie, ja Kaltschnäuzigkeit begegnete, spottet jeder Beschreibung. Ja, ja, ich höre sie schon, die Kommentare: Ärzte und Pflegepersonal sind überfordert, tun ihr Bestes unter diesen Umständen usw. usw. Mag sein, dass die Strukturen so sind, dass am Personal gespart wird, weil auf Teufel komm raus schwarze Zahlen geschrieben werden sollen. Auch die Klinik-Mitarbeiter leiden darunter. Sicher. In erster Linie leiden aber die Patienten. Die Mitarbeiter sind noch handlungsfähig und können sich wehren. Das kann eine alte, von mehreren Schlaganfällen gezeichnete, aphasische Frau nicht mehr. Und für solche Menschen möchte ich hier sprechen, denn die haben anscheinend keine Lobby. Da hat eine bewegungs- und sprachunfähige Frau in der Notaufnahme ein dringendes Bedürfnis, aber das registriert niemand. Ich als Tochter versuche, jemanden zur Hilfe zu rufen, aber es fühlt sich niemand zuständig. Ich werde tatsächlich noch angeraunzt, weil ich auf der verzweifelten Suche nach einer Bettpfanne die heilige Pause störe. Da läuft etwas Grundsätzliches falsch.

Ich versuche, den heutigen Tag chronologisch zu schildern und vor allem die unsäglichen Dialoge mit der Neurologin wiederzugeben.

Das Pflegeheim informiert mich, dass meine Mutter Helga ins Knappschaftskrankenhaus Brackel eingeliefert wurde. Sie habe nach dem Frühstück nicht mehr aufstehen können und die rechte Seite sei „irgendwie bewegungsunfähig“ gewesen. Mehr erfahre ich nicht, denn die Heim-Mitarbeiterin spricht erstens nicht gut deutsch und möchte zweitens keine medizinischen Vermutungen anstellen. Ich eile ins Krankenhaus, wo meine Mutter inzwischen auf der Notfallstation in Zimmer Vier liegt. Kurz darauf trifft eine Neurologin ein. Dass sie Neurologin ist, vermute ich allerdings nur, weil uns eine solche angekündigt wurde. Denn die junge Frau stellt sich nicht vor, weder mit Namen, noch mit ihrem „Dienstgrad“. Auch für „Guten Tag“ reicht es nicht. Sie geht direkt in medias res. „Was ist passiert? Was hat sie denn?“ Diese Fragen brüllt sie raus in einem Tonfall, der jedem Feldwebel zur Ehre gereichen würde. Nebenher blättert sie in irgendwelchen Unterlagen. Bisher hat sie noch keinen Blick auf die Patientin geworfen. „Sie“ ist meine 88jährige Mutter, die halb wach, halb vor sich hindämmernd auf dem Bett liegt. Woher soll ich wissen, was passiert ist, woher soll ich wissen, was sie hat? Warum werden diese Fragen in einem aggressiven, ruppigen Kommandoton gestellt? „Sind die Bewegungen eingeschränkter als vorher? Das müssen Sie doch wissen!“ bollert die Ärztin mich an. Ich betrachte meine Mutter, die daliegt wie ein Häufchen Elend, die nicht sprechen kann und die voller Ängste ist, weil sie nicht weiß, was mit ihr los ist. Und ich betrachte die Neurologin, die mal angetreten ist, um Menschen zu heilen. Momentan richtet sie nur Schaden an. Sie versprüht eine Atmosphäre von nur noch notdürftig im Zaum gehaltener Aggressivität und von unterschwelligen Vorwürfen. Sie gibt uns deutlich zu verstehen, dass wir eine Zumutung sind. Und nicht nur sie. Auf der Suche nach einer Bettpfanne und einem Pflege-Mitarbeiter, der Helga helfen kann, bekomme ich im Schwesternzimmer zu hören: „Dafür sind wir doch nicht zuständig. Fragen Sie jemanden auf dem Gang. Da laufen genug Leute rum. Wir haben jetzt Pause“. Auch diese Auskunft wird im Kasernenhofton erteilt. Das scheint hier der herrschende Umgangston zu sein. Eine ganz junge Pflegekraft erbarmt sich meiner und eilt zur Hilfe. Sie ist ein Lichtblick mit ihrer freundlichen Art.

Die Untersuchung, die die Neurologin meiner Mutter angedeihen lässt, ist ähnlich grob wie ihre Sprache. Helga zuckt ein paar Mal vor Schmerz zusammen. Sie kann auch die Fragen der Ärztin nicht einordnen, weil die so schnell und ungeduldig hintereinander kommen. Der ausgeprägte polnische Akzent macht es auch nicht gerade leichter. Helga weiß nicht mehr, wie sie reagieren soll. Wenn sie versucht, etwas zu sagen, dauert es zu lange und ist nicht verständlich. Sie fängt an zu weinen. Die Ärztin ist fertig mit ihrem neurologischen Hämmerchen. Sie hat nicht mal das Mitgefühl, meiner Mutter die Papierdecke zurückzugeben. Diesen hauchdünnen Fetzen, der einem ein Minimum an Würde zurückgibt, wenn man als erwachsener Mensch daliegt, nur mit einer Art Windelhose und einem Unterhemd bekleidet. Die Ärztin blättert längst wieder in irgendwelchen Unterlagen.

Nun kommt es, wie es kommen muss. Das unvermeidliche CT wird angeordnet.
Ich: „Wofür brauchen wir das CT?“
Ärztin: „Das ist doch klar. Für die Diagnose.“
„Und dann?“
„Wie, und dann?“
„Wenn Sie eine Diagnose haben, was ändert es? Ich meine, gibt es eine Therapie?“
„Wir müssen wissen, ob es eventuell ein Schlaganfall war oder ob es womöglich eine Hirnblutung gibt.“
„Wie würden Sie denn weiterbehandeln in dem einen oder anderen Fall?“
„Beim Schlaganfall könnte man nichts mehr ändern. Bei einer Hirnblutung würde Ihre Mutter einem Neurochirurgen vorgestellt.“
„Und dann?“
Ich merke, dass die Ärztin am Ende ihrer Geduld ist. Fragen sind nicht eingeplant und anscheinend auch nicht gern gesehen.
„Bei einer Hirnblutung könnten wir behandeln. Zum Beispiel mit einer Kopf-OP.“
„Das ist nicht Ihr Ernst. Meine Mutter wird übernächste Woche 89 Jahre alt und sie ist in keinem guten Allgemeinzustand.“
An dieser Stelle lenkt die Ärztin etwas ein und meint: „Da müsste man dann tatsächlich überlegen, ob man ihr eine solche OP noch zumuten kann.“
„Ich fasse das jetzt mal zusammen. Bei einem Schlaganfall können Sie nichts mehr machen und bei einer eventuellen Hirnblutung wäre die mögliche Behandlung viel zu risikoreich. Also welchem Zweck dient dann die Untersuchung?“
„Ein CT des Kopfes müssen wir machen. Das machen wir immer so.“

Während dieses fruchtbaren Dialogs ertönt unaufhörlich ein Warnsignal aus dem kleinen Apparat, in dem Vitalfunktionen gemessen und ausgewertet werden. Es ist ein greller, nicht zu ertragender Ton, auf den aber niemand reagiert. Ich frage: „Kann man das nicht abstellen?“ und erhalte die Antwort: „Was denn?“ Die Ärztin nimmt diese als Warnsignale gedachten schrillen Töne überhaupt nicht mehr wahr. Widerwillig schaltet sie nun den Ton ab, nicht ohne mich zu belehren, dass das nichts nütze, weil das „gleich sowieso wieder losgeht“. Was sich denn auch bewahrheitet. Es scheint, als habe sich die Technik verselbständigt. Es geht nur noch darum, den Patienten an möglichst viele Kontrollgeräte anzuschließen und die daraus resultierenden Daten irgendwo zu dokumentieren. Wie sich der Patient – zu dessen Wohl all dies angeblich passiert – dabei fühlt, ist nicht von Belang. Die Dauerblutdruckmessmanschette ist viel zu stramm und zu groß für Helgas Arm. Beim Bewegen schneidet sie ihr in den Unterarm. Dort sind schon tiefe rote Abdrücke zu erkennen. Das tut ihr weh, so dass sie diesen Arm so wenig nutzt, wie es eben geht. Ausgerechnet dieser Arm soll aber Aufschluss über mögliche Bewegungseinschränkungen geben. Es ist alles grotesk.

Die Neurologin starrt mich fassungslos an. Sie kann nicht glauben, dass ich die Notwendigkeit der von ihr angeordneten Untersuchung anzweifle. Und ich kann kaum glauben, mit welchem Mangel an sozialen Kompetenzen man auf kranke Menschen und besorgte Angehörige losgelassen wird. Die Ärztin hat während der gesamten Zeit nicht ein einziges freundliches, mitfühlendes und nur im Ansatz wertschätzendes Wort für Helga gehabt. Für mich auch nicht. Hier bin ich als Patient kein fühlendes Lebewesen, sondern eine Art Maschine, bei der man alle Funktionen so engmaschig wie möglich überprüft. Hier kann man niemanden lassen, der auf Hilfe angewiesen ist. Bei dieser Art Behandlung geht man psychisch kaputt. Das kann die Seele nicht ertragen.

Die Entlassungspapiere werden widerwillig ausgestellt und nach meiner Unterschrift macht sich die Neurologin grußlos vom Acker. Ich befreie Helga von dem Blutdruckmessgerät und helfe ihr, einen Pullover und eine Jogginghose überzustreifen. Dann organisiere ich irgendwo einen Pappbecher, mit dem ich etwas Wasser am Spülstein hole. Auch etwas, was wir in den vergangenen drei Stunden nicht bekamen.

Die Sanitäter, die Helga zum Heim zurückbringen, treffen sehr bald ein und sind freundlich – welch eine Wohltat nach den Erlebnissen, die hinter uns liegen. Als es losgeht, gibt das Überwachungsgerät mit einem gellenden Signal noch einmal sein Bestes. Bis zum Schluss hat nicht ein einziger der Krankenhausmitarbeiter auch nur einen kurzen Blick darauf geworfen.

 

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