Wir warten aufs Klettergerüst

Wir leben nicht in postfaktischen, sondern postdemokratischen Zeiten. Das erzählen wir hier immer wieder. Nachdemokratisch und völlig überreguliert existiert die Bundesrepublik in ihrem siebten Jahrzehnt. Es gibt gewachsene Strukturen, die nur noch mit „Dschungel“ treffend zu beschreiben sind. Eins kam zum anderen. Und so dauert es nicht selten zwei Jahre, bis ein Klettergerüst beschafft oder erneuert ist. In den Ruhr-Nachrichten wird am 9. Februar 2017 ein solcher Fall ausführlich geschildert. Diesen Artikel wollen wir zum Anlass nehmen, Ihnen unsere vielfältige Erfahrung anhand eines Beispiels näher zu bringen. Und glauben Sie bitte nicht, es handle sich um einen Einzelfall!

„Tiefbauamt sägt Spielgerät ab, doch Kinder müssen fast zwei Jahre ohne Ersatz auskommen

„Da fährt ein orangefarbenes Auto vor und sägt das Klettergerüst ab und die Kinder gucken aus dem Fenster und weinen“, sagte Andreas Weber. Der Vater und mehr als ein Dutzend andere Eltern der Fabido-Kita am Käthe-Schaub-Weg waren am Dienstag zur Sitzung der Bezirksvertretung (BV) Lütgendortmund ins Haus der sozialen Dienste gekommen. Bei der Einwohnerfragestunde machten sie ihrem Ärger Luft.

„Es ist ein Unding, dass ein zertifizierter Bewegungskindergarten ohne Klettergerüst dasteht“, sagte Manfred Klein. „Ich bin sehr verwundert und auch ärgerlich, dass erst eins abgerissen wird und es dann kein neues Klettergerüst gibt. Wenn ich so arbeiten würde, wäre ich meinen Job los“, sagte Andreas Weber. Dabei ist das Geld da: Finanziert werden soll das Klettergerüst durch Restgelder aus dem Vorjahreshaushalt. Doch beschaffen lässt es sich nicht so leicht. „Die erste Auskunft der Verwaltung lautete: Das dauert 50 Wochen!“, sagte SPD-Fraktionssprecher Andreas Lieven. „Da waren wir doch sehr erschrocken.“ Deshalb wurden Heiko Just vom Tiefbauamt und Jürgen Skaliks von Fabido eingeladen.“

Dortmund ist in zwölf Stadtbezirke gegliedert. Jeder Bezirk hat sein eigenes kleines Parlament, die Bezirksvertretung. Diese wird entsprechend des Kommunalwahlergebnisses mit ehrenamtlichen Parteienvertretern besetzt. Die Bezirksvertretung wählt den Bezirksbürgermeister. Diesen stellt in Dortmund in der Regel die SPD. Die BV kann eigenständig einen gewissen Geldbetrag ausgeben, der ihr vom Stadtrat zugewiesen wird. Jede BV-Sitzung bietet eine Bürgersprechstunde. So haben wir erlebt, wie nah diese Treffen an die Belange der Bürger kommen. Der vorliegende Fall spielt in Lütgendortmund im Westen der Stadt. Am Geld scheitert es nicht. Am politischen Willen auch nicht.

„Die Aufträge für mehr als 500 Schulen, Kindergärten und öffentliche Spielplätze liefen beim Tiefbauamt zusammen, sagte Jürgen Skaliks: „So lange wir dieses Nadelöhr nicht vergrößern, bleibt es bei der Dauer.“

Soll das heißen, das Tiefbauamt hat zu wenige Mitarbeiter für diese Anliegen? Oder ist die Arbeitsweise nicht optimal? Natürlich gibt es in einer Stadt, die so stolz auf ihre mehr als 600.000 Einwohner ist, viele Kindergärten. Diese Zahl von 500 hat hier keine Aussagekraft zum Thema Bearbeitungsdauer.

„Den gesamten Prozess vom Antrag bis zum Aufbau erklärte Heiko Just den Anwesenden. Erst müsse bei Gas-, Wasser-, Strom-, Telefon- und Fernwärmeunternehmen geklärt werden, ob sich im Boden Leitungen befinden.“

Der gesamte Zeitungsbericht sagt nicht, wie tief für so ein Klettergerüst gegraben werden muss. Insofern können wir nicht beurteilen, wie sinnvoll diese Abfrage ist. Nehmen wir mal an, sie hat Sinn. Dann sollte dies bei eingeschliffener Arbeitsweise nicht länger als eine Woche dauern. Das Tiefbauamt benennt die Fläche und schickt die Anfrage per Mail an die Versorgungsunternehmen. Dort wird im EDV-System nachgeschaut und geantwortet. Keine große Sache.

„Dann würden Bergbaubelastungen und Kampfmittel abgefragt. Weil 2008 neue Luftaufnahmen von abgeworfenen Bomben aufgetaucht waren, müssen Auswertungen aus den Jahren davor wiederholt werden.

„Diese Abfrage bei der Bezirksregierung dauert zurzeit zwischen 20 und 24 Wochen“, sagte Heiko Just. Kopfschütteln bei den Eltern. Und sollten Verdachtspunkte auftauchen, könne es noch einmal anderthalb Jahre dauern, bis gebohrt werde.

Hier fällt uns nur noch wenig ein. Warum dauert diese Abfrage fast ein halbes Jahr? Wissen die in Arnsberg noch immer nicht, wo Bomben liegen könnten? Wüssten sie das, wäre es die einfache Frage, ob die Fläche fürs Klettergerüst dazu gehört. Wieder maximal eine Woche. Was im Verdachtsfall geschieht und bis zum Bohren eineinhalb Jahre dauert, entzieht sich unserer Vorstellungskraft.

„Falls nicht, würde das Tiefbauamt anschließend Fallschutzflächen ausmessen und Ausschreibungen vorbereiten. Auch da gebe es rechtliche Vorgaben. „Wir können nicht einfach zu einer Firma gehen und sagen: Bau uns ein Spielgerät“, sagte Heiko Just. Die öffentlichen Ausschreibungen dauerten drei Monate. Vom Auftrag bis zur Lieferung vergingen noch einmal bis zu zwölf Wochen. „Ich kann nur um Verständnis werben“, sagte Heiko Just, „ich bin selber Vater.“

Dass die Ausschreibung für ein Klettergerüst drei Monate laufen muss wie bei großen Vorhaben, bezweifeln wir. Maximal vier Wochen sollten reichen.

„Die Erzieher_innen täten ihr leid, sagte eine Mutter. Die müssen jetzt fast 100 Kinder beschäftigen und haben nur diese Sandfläche und zwei Schaukeln. Auf den Alltag der Kinder wirke sich das fehlende Klettergerüst nur minimal aus, sagte hingegen der stellvertretende Einrichtungsleiter Mark Bieniek auf Anfrage unserer Zeitung. „Als es weg war, haben wir in Bewegungsmaterialien wie eine Slackline investiert, um den Bewegungsdrang weiter fördern zu können.“ Außerdem gebe es Waldtage, Taekwondounterricht und Spaziergänge zu anderen Spielplätzen in der Nähe. Den Ärger der Eltern könne er verstehen, es ginge allerdings auch um die Sicherheit der Kinder.“

So gesehen könnten wir vielleicht ganz aufs Gerüst verzichten? Wobei wir schon fragen möchten, ob Kurse das freie Spiel ersetzen können? Klar wird hier, der Mitarbeiter trägt einen Maulkorb. Fabido arbeitet eng mit der Stadtverwaltung zusammen und wird sich hüten, allzu laute Kritik zu üben.

„Insgesamt zu langsam

Die Verzweiflung stand den Eltern am Dienstagabend ins Gesicht geschrieben. Der Fabido-Vertreter versuchte zu beruhigen: „Wir haben gemerkt, dass wir insgesamt zu langsam sind“, sagte Jürgen Skaliks. „Wir überlegen, eine Bestandsaufnahme zu machen, welche Gelände schon nach 2008 auf Kampfmittel untersucht wurden und welche nicht. Dann könnten schon Gutachten angefordert werden.“ Bislang seien die Aufträge für Spielgeräte außerdem zweimal im Jahr gesammelt ans Tiefbauamt übergeben worden. Das solle jetzt unmittelbar nach dem Beschluss der Bezirksvertretungen geschehen. „Das ist schon eine Prozessverbesserung“, sagte Jürgen Skaliks.

Oh tatsächlich! Und da sind sie ohne KPMG drauf gekommen? Kam ein BV-Beschluss zu spät, lag er also fünf Monate bei Fabido rum. Kommt ein ganzer Schwung Aufträge ins Tiefbauamt, dauert es eine Weile, bis der letzte überhaupt angefasst werden kann. Gnadenlose Erkenntnis, Herr Skaliks!

„Vater Andreas Weber stand auf und sprach wahrscheinlich vielen Anwesenden aus der Seele: „Ich bin entsetzt, dass Sie jetzt erst vorausschauend planen wollen.“

Zum Abschluss hatte Heiko Brankamp noch einen Rat für die aufgebrachten Eltern: „Dann gehen Sie mit den Kindern mal woanders hin.““

Herr Brankamp ist der Bezirksbürgermeister. Natürlich ein Sozi. Dass er den Saal nach dieser Äußerung unverletzt verlassen konnte, ist nur der Friedensliebe der anwesenden Bürger zuzuschreiben. Unverfrorener geht es kaum.

Autorin des RN-Artikels>: Sarah Bornemann

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