Die Emma – 40 Jahre und kein Ende?

Im Januar 1977, also vor 40 Jahren startete „die Emma“ mit einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren. Gründerin Alice Schwarzer ist auch heute noch Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeitschrift. Dass Emma ihre Verdienste hat, ist unstrittig. Sie wurde schnell das Sprachrohr für alle Frauen, die sich mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Bürger zweiter Klasse nicht abfinden wollten. Bürger zweiter Klasse klingt in den Ohren mancher Leser vielleicht etwas übertrieben. Es wird ja immer gern so getan, als wenn wir in unserem Land die Gleichberechtigung schon seit Urzeiten vertreten. Ja, als wenn wir sie sozusagen erfunden hätten. Deshalb hier ein paar Fakten über die rechtliche Stellung der Frau in der BRD.

  • Eigenes Konto:
    Bis 1957 durften Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes kein eigenes Konto eröffnen.
  • Erwerbstätigkeit ohne Zustimmung des Ehemannes:
    Am 14. Juni 1976 wurde das sog. Paritätische Ehemodell mit § 1356 BGB verkündet. Am 1. Juli 1977 trat es endlich in Kraft. Es lautet: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. […] Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein.“ Bis dahin galt nämlich, Frau konnte erwerbstätig sein „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war.“ In der Praxis sah es so aus, dass der Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Gattin ohne ihre Zustimmung fristlos kündigen durfte.
  • Vergewaltigung in der Ehe:
    Im Juli 1997 trat der neugefasste § 177 Strafgesetzbuch in Kraft, wonach Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt wurde. (Gegenstimmen kamen u.a. von Seehofer, Waigel, Merz, Blüm, Erika Steinbach). Man muss es sich vorstellen, erst seit gerade mal 19 Jahren ist die Vergewaltigung der eigenen Ehefrau ein Straftatbestand und nicht länger eine etwas ruppige Aufforderung zur „Ausübung ehelicher Pflichten“.

Diese drei Beispiele zeigen, dass es lange Zeit nicht weit her war mit den bürgerlichen Rechten oder den Menschenrechten der verheirateten Frau in Deutschland.

Kommen wir zurück zur Emma. Sie erblickte also das Licht der Welt nur wenige Monate, bevor verheiratete Frauen endlich selbst über ihre Erwerbstätigkeit entscheiden konnten. Emma stieß in ein Vakuum. Die Frauenzeitschriften der siebziger Jahre sahen nicht anders aus als die in den 50ern. Sie beschäftigten sich mit Kochrezepten, Mode, Schönheitstipps, Diäten, Ratschlägen für eine gute Partnerschaft, Kindererziehung und ein gemütliches Heim.

Emma dagegen griff die tatsächlichen Probleme von Frauen auf: physische, psychische und sexuelle Gewalterfahrungen, Abtreibungsrecht, Genitalverstümmelung, Diskriminierung, Missbrauch, materielle Abhängigkeit und die allgegenwärtige Ungerechtigkeit. All diese Dinge waren im Nachkriegsdeutschland Tabuthemen. Emma schaffte es, kontroverse Diskussionen darüber in der Gesellschaft zu entfachen. Das ist ein ganz großes Verdienst. Denn die öffentlichen Debatten waren dringend notwendig, um die Politik zum Handeln zu bewegen.

Nun gut, das alles ist Vergangenheit, sagen manche. Wie sieht es denn im Jahr 2017 aus? Brauchen wir die Emma heute noch?

Mehrere Gründe sprechen dafür:

Aus gegebenem Anlass schaute ich mich gestern im Zeitungskiosk am Bahnhof um. Dort blätterte ich in der Brigitte, Elle, Lisa, Freundin, Frau im Spiegel und wie diese Machwerke alle heißen. Abgesehen von einer dem Zeitgeist angepassten Sprache und einem modifizierten Layout werden tatsächlich immer noch dieselben Themen transportiert. Es geht um Tipps für die gute Figur, für gesundes Essen, für Reisen, für ein gemütliches Heim, für gute Partnerschaft usw. usw. Man könnte meinen, die letzten 40 Jahre seien spurlos am Blätterwald für die Frau vorbeigegangen. Also die Emma wird gebraucht und sei es nur als Gegenpol zu den übrigen Frauenzeitschriften.

Ein weiterer Grund für Emma ist, dass alle anderen Zeitungen und Zeitschriften die Meinung der Herrschenden widerspiegeln. Und die Herrschenden sind eben Männer. Dass wir in unserem Land eine Frau als Bundeskanzlerin haben, ist die Ausnahme und kein Zeichen wirklicher Gleichberechtigung. Ganz im Gegenteil, diese Tatsache dient eher zur Vernebelung. Eine Frau darf heute mitspielen bei den Machtspielen der Männer. Das wird ihr dann als Gleichberechtigung untergejubelt. Aber die Spielregeln sind nicht von ihr gemacht. Sie muss sich nach den hergebrachten, von Männern aufgestellten Regeln richten. Sonst hat sie in diesem System keine Chance.

Der dritte Grund für die Emma ist vielleicht der wichtigste. Völlig unabhängig davon, ob ich mit den einzelnen Artikeln einverstanden bin oder nicht, fordert Emma auf, mich mit meiner Identität als Frau auseinander zu setzen, über meine Stellung in der Gesellschaft nachzudenken. Daraus ergibt sich das Nachdenken über die Gesellschaft als Ganzes. Ich komme nicht umhin, mir Gedanken darüber zu machen, wie gerecht oder ungerecht es zugeht in unserem Land. An welchen Stellen es uns wirklich gut geht oder wo es ganz fürchterlich klemmt. Welch andere Zeitschrift hat eine solche Wirkung?

Wenn ich mir die anfangs aufgeführten Meilensteine in der Gleichberechtigungsfrage anschaue (1957, 1977 und 1997), könnte 2017 – also nach wieder einmal 20 Jahren – erneut ein großer Wurf bevorstehen. Das sagt zumindest die Statistik. Was würden wir Frauen uns denn wünschen? Wie wäre es mit gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit? Frauen verdienen in unserem Land durchschnittlich 21% weniger als Männer: Neudeutsch nennt man das Gender Pay Gap, was die Sache nicht besser macht. Wäre das nicht eine Forderung, für die sich alle Frauen im Parlament und in sonstigen einflussreichen Positionen stark machen könnten? Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich weder Frau Merkel, noch Frau von der Leyen oder gar Frau Göring-Eckardt für diese himmelschreiende Ungerechtigkeit interessieren.

Noch ein letztes, aber doch sehr schönes Argument für die Emma. Sie hatte von Anfang an die wunderbare Rubrik „Pascha des Monats“. Mit diesem Titel werden besonders selbstherrliche, aufgeblasene Exemplare geehrt. Ich hätte da einen Vorschlag für den Januar. Nein, nein, es ist nicht Donald Trump! Den Titel würde ich gern an Sigmar Gabriel vergeben. Es ist beispielhaft unverfroren, wie er in einer Art Handstreich völlig eigenmächtig über seine Partei und über Ministerposten verfügte, ohne sich noch die Mühe zu machen, wenigstens den Schein demokratischen Handelns zu wahren.

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