Die Sendung mit der Maus – heute: Milch, die wir dreimal bezahlen

Hier ist die Sendung mit der Maus.

Liebe Kinder, heute hört ihr die Geschichte von der Milch, für die wir doppelt und dreifach bezahlen.

Dies ist Hubertus Horstkötter. Er wohnt mit seiner Frau Waltraud und seinen beiden Kindern Jasmine und Jerome auf seinem Bauernhof im Münsterland. Hubertus geht es gut. Er ist ein sogenannter Milchbauer. Er hält sich zehn Kühe und verkauft deren Milch. Die Kühe von Hubertus dürfen sogar manchmal auf eine grüne Wiese. Zur Abwechslung, damit sie nicht immer nur im Stall stehen. Waltraud baut nebenbei noch Biogemüse an. Die beiden Kinder helfen auf dem Hof mit. Sie sind nicht reich, doch alle haben genug zum Leben.

An einem Wochenende fährt Hubertus nach Warendorf zu einem Kongress. Da treffen sich viele Milchbauern aus der Region. Es wird zünftig getafelt und getrunken. Am Sonntagmorgen hält der Chef des Münsterländer Bauernverbandes einen Vortrag. Der macht unseren Hubertus ganz schön nachdenklich. Als er abends zu Hause ist, erzählt er Waltraud davon: „Weißt Du, der Dr. Kalbsbein vom Bauernverband hat uns heute was Spannendes erzählt. Wir könnten derzeit billige Kredite kriegen, um unseren Hof zu modernisieren. Wir bauen einen modernen Stall mit Computersteuerung der Fütterung und des Melkens und kaufen uns 40 zusätzliche Kühe. Die bleiben dann immer im Stall und kriegen Superkraftfutter. Dann geben sie 40 % mehr Milch als jetzt. Der ganze Stall läuft fast vollautomatisch. Natürlich müssen wir das alles am PC überwachen. Wir produzieren dann nicht mehr nur für den deutschen Markt, sondern exportieren weltweit.“ Waltraud hört sich alles in Ruhe an und nickt: „Darüber haben wir neulich bei den Landfrauen auch gesprochen. Das hört sich gut an. Wir werden ja auch nicht jünger. Es wäre schön, wenn die Arbeit leichter wird. Unser Jeyjey haben auch keine Lust mehr, so viel zu helfen.“ So wird die Sache beschlossen und der Horstkötter-Hof entsprechend modernisiert. Eine Million Euro kriegt Hubertus dafür von der Bank als Kredit.

Als alles fertig ist, produziert Hubertus mit seinen 50 Kühen jetzt viel mehr Milch als vorher. Das Dumme ist, er war ja nicht allein in Warendorf beim Kongress. Viele Bauern in der Region haben ihre Höfe ausgebaut. So kriegen sie von der Molkerei in der Kreisstadt jetzt viel weniger Geld pro Liter Milch. Weil das ist so: Wenn die Molkerei mehr Milch angeboten bekommt, als sie braucht, bietet sie Hubertus einen geringeren Preis pro Liter. Wenn der dann seine Milch nicht an die Molkerei verkaufen will, geh diese eben zu einem anderen Bauern, der ihr die Milch so billig verkauft. Der Hubertus bleibt auf seiner Milch sitzen und verdient überhaupt nichts. Er braucht aber Geld, um seinen Kredit bei der Bank abzubezahlen. Deshalb verkauft er seine Milch dann doch zum geringeren Preis an die Molkerei. Am Sonntagabend sitzt er wieder mit Waltraud zusammen: „Lieber Hubertus, wir produzieren jetzt soviel Milch und haben am Ende genauso viel Geld zum Leben wie vorher.“ „Liebe Waltraud, Du weißt doch, das liegt daran, dass wir an einem Liter Milch jetzt viel weniger verdienen. Weil die Milch so billig verkauft wird“, entgegnet Hubertus. Als die Eltern die Köpfe senken, ruft Jasmine dazwischen: „Ja genau, und Schulden haben wir bis zum Hals. Wie soll das nur weitergehen! Am Ende verlieren wir den Hof.“

Zum Glück gibt es noch den Bauernverband. Das ist Dr. Konrad Kalbsbein vom Bauernverband. Der kennt den Minister für Landwirtschaft. Beide verstehen sich blendend. Auch deshalb, weil der Bauernverband an die Partei des Ministers immer üppige Spenden überweist. Und weil die Tochter des Ministers auf dem Bauernhof von Dr. Kalbsbein kostenlos ihr Pferd unterstellen darf. Und weil die Frau von Dr. Kalbsbein, Kerstin, eine Cousine des Ministers ist. Beim Spaziergang nach einem opulenten Mahl erklärt Dr. Kalbsbein dem Minister die Misere seiner Bauern. Die müssen die Milch so billig verkaufen, weil sie zu viel davon produzieren. Gleichzeitig haben sie hohe Schulden. Viele Bauern machen bald Bankrott. Das versteht der Minister und findet, dass dies so nicht geht. Deshalb bringt er die Regierung dazu, den Bauern zu helfen. Jetzt bekommen die Bauern Geld vom Staat, um ihre Schulden bei den Banken zu begleichen. Der Staat hat sein Geld von uns, den Bürgern. Wir geben ihm das in Form von Steuern. Die Regierung gibt nun den Bauern also unser Geld, weil die sich zu hoch verschuldet haben. Jetzt könntet Ihr sagen, „da haben die Bauern Pech gehabt. Sie haben sich verspekuliert. Niemand hat sie gezwungen, große Ställe zu bauen und so viel Milch zu produzieren. Außerdem werden die Kühe dort in der Massentierhaltung gequält.“ Das ist völlig richtig. Aber Ihr dürft nicht über Euer Geld entscheiden. Das macht der Minister. Und der versteht sich – wie gesagt – blendend mit dem Chef vom Bauernverband.

Viele unserer Steuereuros gehen also erst zu den Bauern und von denen zu den Banken. Diese Euros sind weg! Die viele Milch ist aber noch da. Dafür fand Kerstin Kalbsbein die Lösung: „Wir machen die Milch zu Milchpulver und verkaufen das billig in Afrika. Das tarnen wir dann als wertvollen Export.“ So wird’s gemacht. Dabei verdienen die Bauern und die Molkereien und die Leute, die das Milchpulver nach Afrika liefern. Der Minister tut auch noch etwas Steuergeld dazu. Weil das ja wertvolle Milch für Afrika ist und den Menschen dort zugute kommt.

Das ist Bambala Bolombo. Bambala ist Milchbauer. Sein Hof ist noch kleiner als der von Hubertus vor der Modernisierung. Bambala hat nur zwei Kühe und ein paar Hühner. Weil er für seine Frau und die drei Kinder nicht so viel Geld braucht wie Hubertus in Deutschland, reicht ihm sein kleiner Hof in Afrika. Seine Milch verkauft Bambala auf dem Markt im Dorf. Eines Tages gibt es dort einen neuen Händler. Der verkauft Milch aus Europa. Unter anderem die von Hubertus. Diese Milch ist billiger als die von Bambala. Der muss nun mit dem Preis runtergehen, damit er seine Milch noch verkaufen kann. Am nächsten Tag macht der Händler seine Milch aus Europa noch billiger. Das kann er, weil er sie zu einem Spottpreis gekriegt hat. Das geht nur, weil wir Bürger die europäische Milch mit unseren Steuern mitfinanziert haben. Wenn Bambala jetzt wieder mit dem Preis runtergeht, kann er seine Familie nicht mehr ernähren. Er verkauft also immer weniger Milch, weil sie teurer ist als die vom Händler. Irgendwann muss Bambala seine Kühe verkaufen, um noch Geld für Lebensmittel und die Schule der Kinder zu haben. In Afrika gibt der Staat den Kindern nämlich nicht so viele Bücher und Hefte wie in Deutschland. Dann muss Bambala auch seine Hühner verkaufen. Inzwischen geht seine Frau beim europäischen Händler putzen. Dafür bekommt sie auch nicht genug. Bald ist die Bambala-Familie arm und hat auch keinen Hof mehr. Sie leben in einem Lager zusammen mit ganz vielen anderen Afrikanern.

Eines Tages kommt ein Minister aus Deutschland zu Besuch. Nicht der für Landwirtschaft, den wir schon kennen. Sondern sein Kollege. Der ist für Entwicklungshilfe zuständig. Er will sich also darum kümmern, dass die Menschen in armen Ländern die Chance haben, ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen. Die vielen armen ehemaligen Bauern mit ihren Familien rühren den Minister sehr. Er sagt seinem Dolmetscher, er soll die mal fragen, warum sie denn ihre Höfe aufgegeben haben. Das tut dieser und erklärt es dann dem Minister auf Deutsch. Der nickt und sagt: „Ja stimmt, Diesem Milchbeschluss habe ich im Kabinett zugestimmt. Das ist freie Marktwirtschaft.“ Dann verspricht der Minister für Entwicklungshilfe, dass er den armen Ex-Bauern helfen wird. Die sollen alle umgeschult werden. Zu Werbefach- oder Tourismuskaufleuten. Mit Geld aus Deutschland. Der Dolmetscher macht gute Miene zum bösen Spiel. Denn er weiß genau, dass das viele Geld nicht helfen wird. Die Ex-Bauern möchten nämlich gar nicht Werbefachleute oder Tourismuskaufleute werden. Das können sie auch gar nicht. Außerdem braucht niemand in Afrika Menschen mit diesen Berufen.

Als der Minister für Entwicklungshilfe nach Hause kommt, erzählt er der Regierung von seinem Plan. Der klingt so toll und wird angenommen. Jetzt nimmt der Minister unsere Steuereuros und gibt sie den afrikanischen Regierungen, damit diese damit die Bauern umschulen. Die lachen sich ins Fäustchen, weil sie wissen, dass niemand Kaufleute oder Werbung braucht. Deshalb behalten sie das Geld selber und kaufen sich dafür schöne Sachen in Europa. So kommen unsere Euros nach Europa zurück und fließen in die Taschen von Autohändlern und Juwelieren. Die Ex-Bauern und ihre Familien haben nichts davon.

Hubertus geht es dank unserer Steuereuros wieder gut. Gleich zweimal hat er Geld von uns bekommen. Einmal als direkte Hilfe und dann als Preis für das überflüssige Milchpulver, das wir nach Afrika exportiert haben. Zum dritten Mal dürfen wir zahlen, als die Entwicklungshilfe in die Taschen der afrikanischen Regierungen fließt. Und das alles nur, weil Milchviehhalter wie Hubertus nicht genug hatten und immer mehr wollten. Und weil die Chefs vom Bauernverband so gut mit der Regierung befreundet sind. Wenn wir selber Milch trinken wollen, müssen wir diese im Supermarkt natürlich nochmal bezahlen. Verlierer bei der Geschichte sind aber nicht nur wir Bürger, die die Steuern zahlen. Verlierer sind die Kühe, die jetzt unter Hochleistungsdruck als Milchmaschinen funktionieren müssen. Verlierer sind auch die afrikanischen Bauern und ihre Familien, die wegen der europäischen Art der freien Marktwirtschaft ihre Waren nicht mehr verkaufen konnten und jetzt ihr Dasein arm in Lagern fristen.

Ja liebe Kinder. Dies ist doch ein seltsames System, in dem bestimmte Leute so gut mit der Regierung befreundet sind, dass die diesen Leuten unser Geld gibt. Auch wenn diese Leute den größten Mist bauen. Und die Krönung ist, dass unsere Regierungen dieses System so toll finden, dass sie es anderen Ländern mit Krieg aufzwingen wollen.

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