Männer-WG – Teil 13

Als Ülle in die Küche kommt, sitzt Majo am Küchentisch. Vor ihm seine neue BVB-Kakaotasse mit integriertem Strohhalm. Lustlos rührt er mit seinem Twicks im Getränk herum. „Ey Alter, was geht“, begrüßt Ülle seinen Freund. „Ey krasse Schmerzen überall. Ich kann mich kaum bewegen. Dieses Trainingslager da in Marbella war gar nicht gut“, seufzt Majo in seinen Kakao hinein. „Ich probiere heute mal so einen Rüdesheimer Kaffee. Die Taste habe ich noch nie benutzt“, sagt Ülle und stellt seine grüne Tasse mit der Nr. 17 bereit. Als er drückt, hören beide drei schrille Töne. Eine rote Lampe leuchtet auf. Auf dem Display steht: „Bitte füllen Sie Brandwein in den Sonderbehälter zwei ein!“ „Ey Majo, hast Du Brandwein oder sowas?“, fragt Ülle. „Leider nicht. Nur Katherina-Sophies Nagellack-Entferner. Da ist auch Alkohol drin.“ „Ey Alter, stimmt. Nevada hat auch sowas irgendwo.“ Es beginnt eine große Suche. Zuerst in den eigenen Schlafzimmern, dann in denen der Damen. Im Zweitbadezimmer kommt Ülle ein ganzer Schwung Fläschchen entgegen, als er den Schrank überm Waschbecken öffnet. Er lässt den Segen im Waschbecken liegen und fischt nur die gesuchte Flasche heraus. Als er in die Küche zurückkehrt, steht Reusi am Thermomix und füllt wie üblich seinen Pokal mit drei Tassen Kakao. „Ey Alter, was geht?“, murmelt Reusi die übliche Begrüßungsformel. „Ey krass mies. Aber ich will heute mal Rüdesheimer Kaffee trinken. Und dazu muss ich Alkohol einfüllen.“ „Und Du meinst, diese kleine Flasche reicht. Was ist das denn überhaupt?“, entgegnet Reusi und schüttelt heftig den Pokal. Dabei drückt er fest auf den Deckel: „Der schließt nicht mehr richtig, seit Nevada ihn mal benutzt hat“, erläutert Reusi. Tatsächlich, einige Spritzer landen trotz großer Mühe auf den hübschen Morgenmänteln in schwarzgelb. Da stürmt Majo in die Küche: „Ich hab was gefunden. Bei meiner Mama im Gästezimmer. Da steht Raki drauf und es riecht ganz doll nach Alkohol.“ Reusi wischt Ülle Kakaospritzer aus dem Gesicht und meint: „Das schmeckt bestimmt besser. Außerdem ist da mehr drin.“ Ülle ist überzeugt. Den Nagellack wirft er zur Fanpost in die Ecke. Soll doch der Manager oder die neue Putzfrau Hülya … Majo, der Finder des Raki, darf Sondertank Nr. 2 persönlich füllen. Die rote Lampe und die Leuchtschrift erlöschen. Stattdessen blinkt eine gelbe Leuchte auf. „Bitte füllen Sie Sahne in den Sonderbehälter Nr. 4.“ „Das blöde Ding ist ja noch nicht mal richtig vorbereitet. Was soll der Mist?“, schimpft Ülle. „Bleib locker, ey Alter“, meint Reusi und kratzt sich am Oberschenkel innen. „Ey da tuts heute am meisten weh. Deshalb habe ich das Pflaster mal dorthin geklebt“, erläutert er ungefragt. „Wo ist denn mein Pflaster?“, fragt Majo. „Im Badezimmerschrank unten. Das weißt Du doch“, erwidert Reusi. Inzwischen erforscht Ülle den amerikanischen Riesenkühlschrank. Hohl klingt seine Stimme, als er ruft“ „Ey Majo, bring mir eins mit!“ Triumphierend taucht er mit H-Sahne aus dem Kühlschrank auf. Die Tür gleitet automatisch ins Schloss, als der Sensor freie Bahn analysiert. Ein Zipfel des schönen BVB-Morgenmantels hängt jedoch noch im Gemüsefach. Ülle ist heute wirklich kein Ausbund an Gelassenheit. Er zerrt am Zipfel und kriegt ihn nicht raus. Wütend zieht er den Mantel einfach aus und schimpft: „Der von Chelsea war sowieso besser.“ Dann füllt er sorgfältig die flüssige Sahne in Tank Nr. 4. Das gelbe Licht erlischt und der Thermomix beginnt endlich zu brummen. „Wohin soll es denn heute?“, fragt Majo und kommt auf Ülle zu. Der starrt erwartungsfroh auf das Wundergerät. Weil Majo keine Antwort kriegt, landet das Pflaster in Ülles Nacken. „Oh Mann, mir tut heute alles weh“, stöhnt Reusi und lässt sich am Tisch nieder. „Hast Du in der Zeitung gelesen, was der Trainer sagt?“, fragt Majo. „Ich les doch keine Zeitung mehr, weil die immer so gemein sind“, antwortet Reusi, „Was hat der Trainer denn gesagt?“ „Ach Alter, der ist völlig ratlos. Weil wir dauernd krank sind oder sowas. Also nicht nur wir. Der Guro auch oder der Sozialis aus Griechenland.“ „Sokratis“, verbessert Ülle gewohnheitsmäßig. „Ja Alter, aber wir können doch gar nichts dafür. Mir tut heute Morgen schon wieder die ganze Rechte Seite weh. Und keiner sagt mir, warum. Ich bin doch erst 27 oder so. Ist das normal?“ Reusi klingt wirklich etwas verzweifelt. „Ey krass, so alt bist Du schon“, entfährt es Majo, „willst Du etwa aufhören?“ „Manchmal denke ich dran. Auch mit Madelleine habe ich schon drüber gesprochen. Die hat bloß gesagt, das wäre meine Sache.“ „Tolle Hilfe, die Frau!“, entwischt Ülle etwas von seiner Abneigung. „Du musst gerade was sagen mit Deiner Nevada“, blafft Reusi sofort. „Mama hat gesagt, ich soll nicht aufhören. Wir hätten noch nicht genug in Liechtenstein. Was meint sie wohl damit?“, erzählt Majo. „Naja, ey Alter, ähm, natürlich Kohle meint sie“, stottert Reusi. „Und wieso Liechtenstein. Was ist das überhaupt – eine Bank oder was?“, fragt Majo. „Ey Alter, Erdkunde fünf oder was“, höhnt Ülle sanft. Inzwischen thront er vor seinem wunderbar duftenden Rüdesheimer Kaffee am Tisch, „Liechtenstein ist natürlich ein Land, wo man Geld bunkert. Hab ich auch schon gemacht“, erklärt er seinem Freund, der an seinem zweiten Twicks kaut. „Ach so. Aber Alter, ich meine Ülle, ich war doch bei den Bayern. Hab ich da nicht genug gekriegt?“ „Ey klar doch. Aber Deine Mama denkt wohl an ihre Rente oder so“, meint Reusi und wendet sich dem Klügsten des Trios zu: „Ey Ülle, was meinst Du zum Aufhören?“ „Du hast Sahne unter der Nase“, fährt Majo dazwischen. „Ach ich weiß nicht“, überlegt der Freund und wischt sich die Oberlippe ab, „ich bin ja etwas jünger. Wir verdienen hier doch gutes Geld. Außerdem sind hier doch so viele dauernd verletzt. Da fallen wir doch kaum auf. Wollt Ihr nicht mehr mit mir wohnen?“ Der Kaffee macht Ülle irgendwie melancholisch. „Eine Familie gründen mit Madelleine oder was?“, versucht Majo, die Stimmung zu heben. „Ey sei bloß still. Ein Baby will Madelleine frühestens in zwei Jahren. Das passt nicht in ihre Karriereplanung. Hat ihr Manager gesagt. Und der Guru in der Schweiz auch. Die beiden hatten da eine Nachtsitzung.“ „Ey krass, hat die auch unseren Manager vom Verein oder was?“, fragt Majo. „Ach Quatsch. Die hat ihren eigenen und jetzt noch diesen Guru“, erklärt Reusi, „bei dem ist sie gerade in der Schweiz und bereitet sich auf eine Rolle im Film vor.“ „Will sie jetzt Schauspielerin werden oder was?“, fragt Ülle. „Nee, mehr so eine Dokumentation über ihren Vater und ihren Onkel. Ihr wisst ja, die waren in diesem Milieu tätig oder wie man das höflich nennt“, erklärt Reusi. Als wenig später Mama Götze zum morgendlichen Besuch erscheint, findet sie ihre drei Jungs sehr nachdenklich vor. „Ach was aufhören! Warum denn? Es geht uns doch allen gut hier, oder nicht?“, ist sie recht erschrocken über die Gedanken der drei Jungs. „Ach Mama, das sagst Du so. In Spanien, das war echt Mist. Dauernd Training, immer diesen blöden Trainer im Nacken. Spaß war das nicht“, erklärt ihr Sohn. „Lieber Mario, die halbe Zeit warst Du verletzt im Hotel. Stundenlang habt Ihr da Tippkick gespielt, Marco und Du“, sagt Mama Götze. „Und Du warst bei einer Party nach der anderen“, entgegnet ihr Sohn. „Na und. Ich muss Kontakte knüpfen und pflegen. Eben weil Du nur noch ein paar Jahre durchhältst. Wir wollen ja nach Deiner Karriere nicht anders leben als jetzt, oder?“ „Jaja, ich weiß, Liechtenstein und so.“ Ülle hat der Kaffee geschmeckt und ihn gewärmt. Sein Mantel hängt ja noch am Kühlschrank. Beim zweiten Versuch leuchtet nichts auf. Die Tanks sind noch gut gefüllt. Mama Götze hat schon ihr Smartphone in der Hand und den Trainer an der Strippe. Sie meldet die drei Fußballprofis für heute vom Training ab. Majo und Reusi sitzen bereits nebenan im Wohnzimmer am Tippkick. Ülle kommt mit seinem zweiten Rüdesheimer Kaffee hinterher. „Seht Ihr, so ist es schön. Viel besser als bei null Grad auf dem Platz rumzurennen“, sagt Mama Götze und ist vorerst beruhigt. Das Karriereende ihres Sohnes hat wohl noch ein paar Jahre Zeit.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Drei brave Fußballjungs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s