Ich will doch nur meinen Freund Günther besuchen

31. Dezember 2017, 13.30 Uhr

Wir befinden uns am niederländisch-deutschen Grenzübergang in der Nähe von Roermond. Nach dem Schengener Abkommen wurden die Schlagbäume und Grenzsoldaten hier nicht mehr gebraucht und abgeschafft. Über ihr weiteres Schicksal ist uns nichts bekannt. Lediglich eine kleine Wechselstube blieb eine Zeitlang in Betrieb, in der man die farbenfrohen holländischen Gulden in Deutsche Mark (oder umgekehrt) umtauschen konnte. Nach der Einführung des Euro war auch das nicht mehr nötig und fortan bestand der Grenzübergang aus einem überschaubaren Parkplatz mit einer Toilette und Sitzbänken für eine kleine Rast. Fuhr der Reisende weiter, merkte er nur an den Straßenschildern, dass er inzwischen im Nachbarland angekommen war.

Heute Mittag taucht Vincent aus Terborg hier auf. Er ist auf dem Weg nach Dortmund zu seinem guten Freund Günther, um mit ihm den Jahreswechsel zu feiern. Seit die beiden sich vor fast 20 Jahren an einem Glühweinstand unter dem größten Weihnachtsbaum der Welt kennen lernten, verbindet sie eine echte Männerfreundschaft. In Gedanken geht Vincent gerade seine Vorräte an Feuerwerkskörpern durch. Ob er genug besorgt hat? Die beiden Freunde lieben die Silvester-Knallerei und freuen sich jedes Jahr darauf wie die Kinder. Aber Günther hat sicher auch vorgesorgt, denkt er gerade, als ihm buchstäblich in letzter Sekunde ein rotes Ampellicht vor einer Schranke auffällt. Hart tritt er auf die Bremse. Ungläubig schaut er nach vorn. Eine Ampel? Eine Schranke? Hier im Nirgendwo? Das gab es doch noch nie…

Und nun bemerkt er ein Häuschen auf dem Parkplatz. Das ist auch neu. Hat hier vielleicht jemand eine Pommes-Bude aufgebaut in der Hoffnung auf einen kleinen Umsatz am letzten Tag des Jahres? Hm, die Bude ist schwarz-rot-gold angestrichen und auf dem Dach flattern ein paar blau-weiße Wimpel träge vor sich hin. Vincent reibt sich verwundert die Augen.

Ein Mann in Uniform tritt an seinen Wagen. „Guten Tag. Sie verlassen gerade die Niederlande und betreten die Bundesrepublik Deutschland“. Vincent nickt verwirrt und mustert sein Gegenüber etwas genauer. Der Mann trägt eine Art Tarnuniform in schwarz-rot-gold. Darüber ist eine Schärpe drapiert, auf der sich eine graue vierspurige Straße schlängelt. Dazu hat der Typ ein Cappy auf dem Kopf, auf dessen Schild in Großbuchstaben das Wort „MAUT“ prangt. „Ich bin der Mautbeauftragte für diesen Streckenabschnitt“, leiert der Uniformierte herunter. „Wohin wollen Sie und wie lange wollen Sie in der BRD bleiben?“ Vincent glaubt, nicht richtig zu hören. Ähnliche Fragen kennt er aus längst vergangenen Zeiten bei der Einreise in die DDR. „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, brummt er verärgert. „Aber bitte, ich will doch nur meinen alten Freund Günther in Dortmund besuchen“.
„Wie Sie sicher aus den Medien erfahren haben, ist die Benutzung der deutschen Straßen ab morgen kostenpflichtig. Sie müssen eine Vignette kaufen. Sie können wählen: es gibt die Tagesvignette, die Dreitagesvignette, die für ein Vierteljahr oder für ein ganzes Jahr. Immer abhängig von der Treibstoffart, vom Hubraum und von der Schadstoffklasse Ihres Pkw“.
Vincent ist nun völlig durcheinander. „Ja, was ist denn dann die günstigste Variante für mich?“ fragt er ratlos. „Das müssen Sie schon selbst entscheiden. Haben Sie sich denn im Vorfeld nicht informiert?“ Die Uniform schüttelt den Kopf mitsamt Maut-Cappy. Typisch, diese Holländer. Einfach ins Auto setzen und losfahren. Und natürlich immer den Wohnwagen hintendran. Er drückt Vincent einen Flyer in die Hand. „Hier steht alles drin. Suchen Sie sich was aus. Ach ja, Ihr Wohnwagen kostet extra. Der nimmt schließlich viel Platz ein auf deutschen Straßen.“   Vincent dreht den 6-seitigen Flyer mit dem vielen Kleingedruckten hin und her. „Den Wohnwagen habe ich doch nur mit, weil die Anhängerkupplung eingefroren war. Ich habe ihn nicht abgekriegt“, murmelt er. Aber der Uniformierte hört ihn gar nicht, denn er ist mit den Autofahrern beschäftigt, die sich inzwischen hinter Vincents Gefährt angestaut haben.

Natürlich hat Vincent in den vergangenen Monaten etwas von der Maut in Deutschland gehört und auch, dass die niederländische Regierung beim europäischen Gerichtshof dagegen klagen will. Aber bei dem vielen dummen Zeug, das Politiker auf beiden Seiten der Grenze so von sich geben, hat er diese Meldungen nicht besonders ernst genommen. Aufgebracht dreht er immer noch den „Maut-Flyer“ in den Händen. „Modern struikroverij”, ruft er erbost. Glücklicherweise fällt ihm der deutsche Begriff der modernen Wegelagerei nicht ein und so entgeht er einer möglichen Beleidigungs-Klage.

In diesem Moment ruft Günther an. Vincent erkennt es sofort, denn der Klingelton „Leuchte auf mein Stern, Borussia“, ist für seinen Dortmunder Freund reserviert. „Hörmal Vincent, bist du schon in Deutschland?“ „Nee, nee, noch an der Grenze. Ich schlage mich hier mit einem so genannten Mautbeauftragten rum!“ „Das trifft sich gut“, schreit Günther aufgeregt. „Auf gar keinen Fall bezahlen! Gerade hörte ich eine Meldung in den Nachrichten, dass die Klage deiner Regierung Erfolg hatte und die Einführung der Maut in Deutschland bis auf weiteres verschoben wird. Erstmal ist die Maut wieder vom Tisch. Weiter gute Fahrt. Ich stell schon mal zwei Bier kalt. Haha, oder auch zwei mehr!“

Vincent steckt nachdenklich sein Handy wieder in die Jackentasche. Eigentlich hat er nichts übrig für seine Regierung und für „die in Brüssel“ schon gar nichts. Aber in diesem Fall muss er mal sagen: Gute Arbeit, Leute!

Lachend läuft er an der Autoschlange entlang, die sich hinter seinem Fahrzeug gebildet hat. „Nicht bezahlen, nicht bezahlen! Auf gar keinen Fall – die Maut ist gekippt!“
Dann springt er hinters Steuer und fährt mitsamt seinem Wohnwagen in Richtung Dortmund, wo das kalte Bier schon auf ihn wartet. Der Mautbeauftragte schaut ihm völlig entgeistert hinterher.

 

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Eine Antwort zu Ich will doch nur meinen Freund Günther besuchen

  1. Anonymous schreibt:

    Um den armen Maut-Beauftragten tut es mir ein bisschen leid… nun war er doch endlich auch mal wer!!!

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