Männer-WG – Teil 11

Als Ülle in die Küche kommt, muss er Reusi erstmal suchen. Der sitzt in der Ecke inmitten eines Berges Fanpost. Reusi grummelt vor sich hin. „Ey Alter, was geht?“, begrüßt ihn Ülle. Reusi wirft einen Packen Briefe in die Luft und lässt sie auf sich herabregnen: „Ey Alter, guck Dir das hier an! Alle finden uns krass gut. Nur der blöde Trainer nicht“, schimpft er. „Ey Reusi, bleib mal geschmeidig. Das hat der doch bestimmt nicht so gemeint“, beschwichtigt der Freund. „Außerdem hätte es Elfmeter geben müssen. Der hat mich voll gehalten da, dieser … dieser … ach was weiß ich, wie der heißt.“ „Soll ich Dir Deinen Kakao machen oder willst Du heute was Stärkeres?“ „Ey Alter, tu mal was von dem Rum rein, den Madelleine aus Kuba geschickt hat. Die tritt da bei so einer Trauerfeier auf“, flüstert Reusi und wirft ein paar Umschläge an die Wand. „Hat die da Verwandte in Kuba?“, will Ülle wissen. „Nein, ihre PR-Firma hat da einen Vertrag. Irgendein alter Knacker ist gestorben. Der war berühmt. Jedenfalls für diese Kubas“, erklärt Reusi und erhebt sich. Mit seinem teuren Fuß schiebt er die Umschläge wieder auf einen Haufen. „Soll sich der blöde Manager drum kümmern“, murmelt er. „Ey Alter, was geht?“, begrüßt Ülle nun auch den zweiten Freund. „Ey voll fett mies. Machst Du mir auch einen Kakao?“ fragt Majo mit hängenden Schultern. „Welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?“, fragt Reusi seinen Freund. „Ey meine Mama hat angerufen.“ „Na und?“ „Ich hab ihr das vom Trainer erzählt. Jetzt will sie ihn anrufen.“ „Oh bitte, ey das gibt noch mehr Ärger“, stöhnt Reusi und lässt sich auf der Eckbank aus rostfreiem Stahl nieder, die am Küchenboden verschraubt ist. Ülle gibt derweil reichlich Zucker in die Kakaobecher. Da klingelt Majos Smartphone. „Mein Freund, der Baum – ist tot“, schallt es durch die große Küche. „Oh mein Gott, der Trainer“, stöhnt Majo und sagt zum Telefon: „Ey Trainer, was geht?“ – „Was! Wir haben frei vom Waldlauf, cool!“ – „Wir sollen uns schick anziehen?“ – „Ja, alles klar Trainer.“ Majo legt auf und sinkt auf seinen Lieblingsstuhl, der aus abwaschbarem Holzimitat besteht. Sie sind lernfähig, die Eltern unserer drei Helden. „Wir sollen uns anziehen. Mama kommt gleich vorbei“, verkündet Majo mit Grabesstimme. Die Jungs sitzen noch im Schlafanzug am Küchentisch. Der hat jetzt eine hübsche Glasplatte – Panzerglas natürlich. Majo hat nur noch ein Kitkat in seiner Schublade. Wie einst Sankt Martin bricht er es durch und reicht den einen Riegel seinem Freund Reusi. „Rühr kräftig um, Du wirst es brauchen“, sagt er unheildrohend. „Was ist denn?“, drängelt Ülle. „Ich sag es doch, meine Mama kommt gleich.“ „Na und, die kommt doch immer“, bleibt Ülle entspannt. „Ja, die kommt immer“, wiederholt Reusi. „Diesmal nimmt sie uns mit“, sagt Majo und rührt. „Ey Alter, was ist denn jetzt?“, wird Reusi ungeduldig. „Sie nimmt uns mit ins Hochamt. Deshalb haben wir keinen Waldlauf wie die anderen“, verkündet Majo endlich. Vor Schreck lässt Ülle seine Tasse fallen. Sie zerbricht jedoch nicht. Unzerstörbares Hartplastik. Aus der Ecke saust ein kleiner Roboter heran. „Kein Problem, das ist gleich erledigt“, säuselt er etwas mechanisch. „Hat mein Papa besorgt“, erklärt Reusi, „neueste Erfindung aus Japan.“ Ruckzuck ist der Kaffeesee aufgesogen und der Boden gewischt. Nur die Tasse muss Ülle selber aufheben. „Ey krass. Die tun ja so, als würden wir dauernd alles kaputtmachen“, entrüstet sich Majo. „Ey was ist denn ein Hochamt?“, will Reusi wissen. „ungefähr so schlimm wie drei Weisheitszähne ziehen,“ erklärt Ülle. „Au Backe, wir müssen abhauen“, meint Reusi. „Und ich hab noch gar kein Pflaster“, jammert Majo. „Wir kommen jetzt nicht mehr weg. Also müssen wir uns irgendwo verstecken“, überlegt Ülle. „Aber wo denn? Den Keller haben sie zugeschlossen und lassen uns nur noch unter Aufsicht runter.“ Reusis Stimme bebt vor Entrüstung und Ratlosigkeit. „Dann eben in den Garten hinter die Pokemon-Hecke“, schlägt Majo vor. „Ey Alter, spinnst Du! Ist arschkalt heute“, schimpft Reusi. „Bleibt uns nur die Flucht nach vorn“, meint Ülle. „Geht auch nicht. Guck mal. Mama parkt direkt vor dem Tor und blockiert den Fluchtweg“, deutet Majo auf den Überwachungsbildschirm fürs Gartentor. „Dann über die Mauer“, springt Ülle auf. „Ey Alter, das kann ich noch nicht mit meinem Schambein. Das hält nur notdürftig“, hält Reusi Ülle am Ärmel fest. „Dachboden!“, kommandiert Ülle. Die drei stürmen in den ersten Stock. Ganz hinten im Flur ist eine Luke in der Decke. „Wie geht die denn auf?“, fragt Majo. Reusi, der Hausbesitzer, weiß Bescheid. Er stellt sich unter die Luke und singt: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Die Luke schwingt auf und eine Strickleiter senkt sich hinab. „Hab ich mir selber ausgedacht“, verkündet Reusi stolz und erklimmt die Sprossen. Sein Schambein knackt verdächtig. Unten hören sie bereits Mama Götze in der Eingangshalle. „Was sollen denn die ganzen Schläuche hier?“, fragt Ülle überrascht. „Ich glaube, die gehören zur Solaranlage“, meint Reusi, „Vorsicht, ich glaube, da ist heißes Wasser drin.“ „Ey Alter, ich hab mich fett verbrannt“, stöhnt Majo bereits. Zum Glück muss Reusi nicht nochmal singen. Mit einem Knopf zieht er die Leiter ein und schließt die Luke. „Jetzt aber mucksmäuschenstill sein“, kommandiert Ülle flüsternd. Inzwischen hören sie Mama Götze ihre Namen rufen. Nach wenigen Minuten wird es still im Haus. „Meinst Du, sie ist wieder weg?“, flüstert Majo, „ich bin hier krass eingeklemmt.“ Da erklingt von unten eine glockenhelle Stimme: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Noch ehe die Luke ganz geöffnet ist, purzeln unsere drei eingepferchten Helden auch schon heraus. „Na Ihr Lieben, da seid Ihr ja. Und noch gar nicht umgezogen. Jetzt aber hopphopp“, säuselt Mama Götze und hilft den Jungs, ihre Glieder zu entknoten.

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