Zauberball

Guten Tag, liebe Leser_innen. Ich möchte mich Ihnen kurz vorstellen. Denn ich bin hier ein Gastautor. Mein Name ist Ball. Bälle gibt es viele, werden Sie sagen. Das stimmt. Wir Bälle sind gesellige Wesen und so heißt bei uns jeder Ball. Unser Gemeinschaftssinn kommt unter anderem daher, dass wir alle von einem großen Ball abstammen. Die Erde ist schließlich auch nichts anderes als ein Ball, der durchs All kullert. Genau wie wir saust die Erde herum und dreht sich auch noch um sich selbst. Und genau das machen wir alle gern. Ich selber bin gelb und ungefähr so groß wie meine Freunde vom Tennisspiel. Anders als die meisten meiner Freunde habe ich eine Stimme für die Menschen. Gewöhnlich unterhalten wir Bälle uns lautlos miteinander. Oder durch unsere Kunststückchen. Wenn wir Tennis spielen, hüpfen wir zum Beispiel manchmal auf der Netzkante herum und plumpsen dann in das eine oder andere Feld. Die Menschen glauben, dass hinge vom Zufall ab. Sie wissen eben noch sehr wenig von ihrer Umwelt, diese Zweibeiner. Übrigens glauben sie, dass sie mit uns spielen. In Wahrheit ist es natürlich umgekehrt. Oder glauben Sie im Ernst, es hinge vom Schlag des Menschen ab, ob wir 20 Meter weiter auf der Linie oder zwei Zentimeter dahinter landen? Aber ich schweife ab. Tennis ist nicht unser Thema heute. Vielmehr geht es um einen Besuch, den meine drei Freunde und ich vor wenigen Tagen machten. Wir wohnen seit neuestem in einem wunderschönen grünen Beutel, der extra für uns gemacht ist. Weil in dem Beutel auch die anderen Utensilien fürs Tischballspiel untergebracht sind, reisten wir im Beutel alle auf einen Hügel zur Uni. Dort spielen die Menschen vereinsmäßig Tischball oder Showdown. Wir wollen künftig bei der englischen Bezeichnung bleiben, weil sie das Treiben der Menschen so gut beschreibt. Wir vier sind nämlich sehr froh, dass wir bei diesem Besuch in unserem Beutel bleiben durften und nicht auf die Platte mussten. Die ist nicht so hübsch wie unsere hier im Hof. Statt grüngelb ist sie braun-durchsichtig. Auch ist diese Platte etwas glatter, so dass wir darauf niemals so schön tanzen könnten. Dort in der Uni wohnen viele unserer Artgenossen. Die haben uns erklärt, was sie da mit den Menschen spielen. Diese Bälle dort sind besonders menschenfreundlich. Denn sie lassen sich permanent mit Holzschlägern verdreschen. Dabei müssen sie sich streng an vorgegebene Bahnen halten. Die Menschen haben die Banden ihrer Showdownplatte mit imaginären Zahlen versehen. Diese Zahlen bezeichnen bestimmte Punkte, die der Ball treffen soll. Und zwar von einem bestimmten Punkt aus. So quetschen die Menschen dort unseren Freund Ball erstmal heftig an die Bande. Dann rollen sie ihn mit dem Schläger auf einen bestimmten Punkt und hauen drauf. Der Ball soll jetzt mit höchster Geschwindigkeit eine Zahl an der Bande treffen und dann ins Netz zischen. Wenn das klappt, freuen sich die Menschen. Unseren Freunden macht das wenig Spaß. Übrigens lachen auch die Menschen hier selten. Irgendwie ist Showdown eine furchtbar ernste Sache. Der Ball hat bei dieser Behandlung gar keine Möglichkeit, zu spielen. Der Mensch agiert wie ein Roboter am Fließband immer gleich. Unser Freund zischt über die Platte und knallt an die Bande. Er hat gar keine Chance, zu hüpfen oder sich um sich selber zu drehen. Echt langweilig. Auch seine Stimme für die Menschen kann er nicht erklingen lassen. Kein leises Sirren, wie wir es oft machen. Kein Rascheln, kein schweigendes Rollen. Menschen, die uns zuhören, kriegen mit, wie viele verschiedene Laute wir extra für sie abgeben. Bei uns hier im Hof ist das anders. Die Menschen hier spielen mit gummierten Schlägern. Sie hauen auch überhaupt nicht feste drauf. Vielmehr möchten sie, dass wir uns frei bewegen. Am meisten freuen sie sich, wenn wir hüpfen oder ohne Unterlass hin und her rollen. Neulich war uns sehr kalt und einer von uns hüpfte von der Platte und rollte bis vor die Haustür. Der Mensch hat das Zeichen zwar verstanden, wollte aber noch weiterspielen. Wir taten ihm den Gefallen. Uns vieren macht das Spiel sehr viel Freude. Deshalb nennen wir es Zauberball. Weil es uns so viele Möglichkeiten der Bewegung gibt. Und wir Bälle bewegen uns sehr gern. So haben wir viel Freude. Unsere Artgenossen da in der Uni nicht. Ihnen tut es weh, wie grob und einfallslos sie behandelt werden. Wir haben da zwei Möglichkeiten besprochen, wie die Menschen das Spiel ändern müssten. Wenn sie den Ball nicht mehr anhalten und an die Bande pressen dürften, könnten sie nicht mehr so einfach drauf dreschen. Müssen sie den Ball direkt im Rollen spielen, wird es ein ganz anderes Spiel. Eine andere Variante wäre, sie zählen die Ballwechsel in einer bestimmten Zeit. Die Menschen brauchen ja immer Zahlen, um Spaß zu haben. Das versteht niemand von uns Bällen, aber so ist es eben. Bei beiden Varianten hätten unsere Kameraden viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Ihre Extrastimme könnte wieder gehört werden. Sie sind 18 Wesen unserer Art dort an der Uni. Gemeinsam werden sie jetzt versuchen, unsere Ideen telepathisch den Menschen einzuflößen. Vielleicht gelingt es ihnen. Für die Menschen wäre es gut. Sie würden viel mehr Freude haben, wenn sie statt Showdown lieber Zauberball spielten.

 

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