Männer-WG – Teil 10

Reusi sitzt am Küchentisch und hält ein kleines Heft in der Hand. Mit dem Finger fährt er die Zeilen entlang. „Ey Alter, was geht?“, fragt Ülle und kommt fröhlich pfeifend zur Tür herein. „Ey krass Alter. Ich lese gerade die Anleitung für unsere Thermopilze im Garten. Was die alles können!“ Reusi trinkt seinen Kakao heute mit Strohhalm. Von oben versucht er immer wieder, Zucker durch die Röhre rieseln zu lassen. Erwartungsgemäß sind der Tisch und der Vorzeigefußballer weiß gesprenkelt. Als Ülle dann auch am Tisch sitzt und seinen Milchkaffee umrührt, schlurft Majo zur Tür herein. Seine Mundwinkel hängen unten. „Hey Majo, was geht?“, begrüßt ihn Ülle freundlich. „Boah Mann ey, ich bin fett fertig. Diese Reise hat mich geschafft.“ „Komm setz Dich. Ich mache Dir Deinen Kakao“, erhebt sich Reusi. Von seinem Schoß rieselt eine Menge Zucker zu Boden. Majo wankt zum Tisch und setzt sich. Sein weises Haupt stützt er in beide Hände: „Ey diese Nationalmannschaft, voll krass“, murmelt er. „Wieso?“, fragt Reusi mitfühlend. „Ey Alter, erst spielen wir gegen eine Mannschaft, die kein Mensch kennt. Dann müssen wir uns Rom angucken und den Heiligen Stuhl. Und dann spielen wir gegen die blöden Italiener auch noch 0:0. Und wisst Ihr, wann Aufstehen war?“ „Sieben Uhr, wie immer beim Jogi“, meint Reusi. „Du warst schon lange nicht mehr da. Sechs Uhr ist jetzt angesagt“, stöhnt Majo. „Warum das denn?“, will Ülle wissen, der die Einladung zur Italienreise gerade so wegen Verletzung absagen konnte. Er hatte da einen Deal mit seinem Physio gemacht. Der Fünfte mittlerweile. „Weil wir nicht Europameister geworden sind, gibt es jetzt Taktikbesprechungen auf Schwäbisch vorm Frühstück“, erzählt Majo. „Ey fett früh! Gut, dass ich bis Weihnachten krank geschrieben bin“, jubelt Reusi. „Wir sind da nämlich besonders aufnahmefähig, meint der Trainer“, erklärt Majo weiter. „Und, was hast Du gelernt?“, will Ülle wissen. „Dass der Müller gleichzeitig dösen und so tun kann, als höre er zu.“ „Und wieso habt Ihr Euch einen Stuhl angeguckt?“, ist Reusi neugierig. „Ich weiß nicht. Da saß so ein Fan aus Argentinien drauf. Dem durfte ich aber nicht sagen, dass ich denen einen reingeschossen habe im Endspiel“, sagt Majo stolz auf sein Meisterstück. „Das war doch der Papst, oder? Hab ich im Fernsehen gesehen“, erklärt Ülle den Freunden. „Ja genau, Franziska oder Francoise oder wie der heißt. Ey Alter, das war voll öde da.“ Majo hat bereits ein Snickers verspeist und holt jetzt ein Duplo zum Umrühren hervor: „Ey und Pflaster hatten die da auch nicht. Reusi, hast Du noch eins für mich?“ „Aber klar.“ Der Freund steht auf und geht ins Bad. „Ey und warum hast Du kein Tor geschossen gegen San Marino?“, will Ülle wissen. „Waren das die, gegen die wir im Regen gespielt haben?“, fragt Majo. „Ja genau.“ „Ach ich weiß nicht. Ich musste immer daran denken, wie gut Ihr es habt. Und außerdem hat dieser Neue das ja gemacht.“ „Du meinst Gnabry?“ „Ja, der so blöd war, zu den Absteigern von Bremen zu gehen.“ Reusi kommt zurück und klebt Majo das Pflaster in den Nacken: „Gleich geht es Dir besser.“ „Ey und in Rom ein Pokestop nach dem anderen. Aber dauernd mussten wir uns irgendwas angucken. Da hab ich fast nichts gefangen.“ „Mensch Majo, bald spielen wir doch gegen Deine Bayern“, will Ülle ihn aufmuntern. Doch das hilft auch nicht. Majo greift zum Twix. „Wollen wir nicht draußen weiter frühstücken?“, fragt Reusi. „Spinnst Du, Alter! Ist doch viel zu kalt“, meint Ülle. „Das ist es ja. Unter unseren neuen Thermopilzen ist es warm wie im Frühling. Steht hier.“ Reusi wedelt mit dem Heftchen, in dem er so aufmerksam gelesen hatte. „Mach Du mal. Ich bleibe lieber hier“, ist Ülle vorsichtig. Majo bläst vorläufig noch Trübsal. Das Pflaster wirkt noch nicht. „Ey weißt Du schon. Der Auba kommt erst Freitag vom Länderspiel zurück. Gegen Bayern wird ihn der Trainer aber bestimmt nicht auf die Tribüne setzen“, möchte Ülle ein Gespräch anknüpfen. „Und ich kann dann wieder auf der Bank frieren“, ist Majo so nicht aufzumuntern. Da hören sie von draußen einen Schrei. Beide stürmen auf die Terrasse. Reusi sitzt am Tisch und windet sich. Er ist jedoch eingeklemmt unter einem der neuen Thermopilze. Neben ihm, aber unerreichbar, liegt die Fernbedienung. Es qualmt ein wenig und riecht nach verbrannten Haaren. Ülle erfasst die Lage und springt zur Fernbedienung. Währenddessen versucht Majo, seinen Freund unterm Pilz hervor zu zerren. Ülle studiert die winzig kleine Beschriftung und findet endlich die Exit-Taste. Blitzschnell fährt der Pilz in seine Ausgangslage in 2,50 m Höhe zurück. Reusi greift sich an den Kopf und verbrennt sich auch noch die Finger am kohlenden Haarschopf. Majo ist geistesgegenwärtig. Stark wie er von den vielen Kakaolöffeln ist, wirft er Reusi samt Stuhl in den Pool. In der Zwischenzeit muss Ülle die freundliche Dame vom ASB beruhigen. Natürlich hat auch jeder Thermopilz einen Bildschirm, der sich im Notfall ausklappt. „Das war nur ein Test. Tut uns leid“, beschwichtigt er Frau Hilfekötter, die schon den Notarzt schicken will. Reusi liegt auf dem wohltemperierten Wasser und kühlt seinen Schopf. „Ey Alter, was geht?“, fragt Majo mitfühlend. „Ey krass, alle Haare verkohlt! Ich wollte den doch nur ein wenig runterfahren, damit es wärmer wird“, erklärt Reusi, „und dann hat sich die Taste verklemmt oder sowas.“ Als Reusi sich aufrichtet, müssen die Freunde herzhaft lachen. Reusi hat den Großteil seines Haupthaares verloren. „Ey Alter, komm, wir rufen den alten Trainer an. Der kennt sich aus mit Haaren“, schlägt Ülle vor. Inzwischen ist Mama Götze zu ihrem morgendlichen Besuch eingetroffen. Sie erwartet schon gar nichts anderes mehr als eine kleine oder größere Katastrophe. Deshalb überblickt sie die Szene schnell, fragt erst gar nicht, wie Reusi in den Pool gekommen ist, sondern sagt ganz ruhig: „Mein lieber Marco. Du kannst meinen heutigen Termin beim Friseur haben. Der ist klasse und kann Dich bestimmt halbwegs wieder herrichten.“

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