Der 9. November

Den nachfolgenden Artikel zum 9. November veröffentlichte ich schon im letzten Jahr. Ich möchte ihn zum heutigen Jahrestag noch einmal einsetzen für die Leser, die ihn noch nicht kennen. Denn er ist immer noch aktuell und liegt mir besonders am Herzen.

Der 9. November. Ich weiß, dass dieser Tag für viele Menschen im Westen nichts Besonderes ist. Wenn man keine Kontakte in die DDR hatte, ist das durchaus verständlich. Für euch, liebe Wessis, versuche ich zu beschreiben, wie sich dieser Tag auf eine Familie wie die meine auswirkte.

1974 zog ich von West nach Ost – zu Matthias, der Liebe wegen. Wie wir uns überhaupt kennenlernten, ist eine Geschichte für sich.

Also ganz von Anfang an:
1955 erholten sich meine Eltern in Thüringen von der Maloche auf der Kokerei Hansa und der guten Luft in Dortmund-Huckarde. In dem kleinen Kurort Friedrichroda lernten sie ein junges Paar aus Böhlen bei Leipzig kennen. Beide Männer hießen Herbert und drehten sich gleichzeitig um, als einer von ihnen gerufen wurde. So begann das alles.
Die vier waren sich ausgesprochen sympathisch. Man saß zusammen, diskutierte, spielte Karten, wanderte und man versuchte nach dem Urlaub in Kontakt zu bleiben. Bis zum Mauerbau funktionierte das so einigermaßen. Es gab Besuche in Böhlen und in Huckarde und viele Briefe. Nach 1961 blieben nur noch die Briefe. Besuche von Nicht-Verwandten in der DDR waren nicht möglich.
Erst 1972 änderte sich das infolge der Ostpolitik von Willy Brandt. Nun konnten auch Nicht-Verwandte ihre Freunde in der DDR besuchen. Mein Vater war inzwischen gestorben. So machten meine Mutter und ich uns 1973 allein auf den Weg zu den „Leuten aus Böhlen“, von denen ich schon so viel gehört hatte. Hier lernte ich auch den ältesten Sohn Matthias kennen. Dann ging alles sehr schnell. Wir verliebten uns und wollten zusammen leben. Wie das in einem geteilten Deutschland? Hatten wir überhaupt eine Chance? Ja, wir hatten eine. Ich zog 1974 in die DDR, wurde DDR-Bürgerin mit allen Rechten und Pflichten. Sprich, ich konnte auch nicht mehr in meine alte Heimat Dortmund reisen. Treffen mit meinen Freunden und meiner Mutter liefen nur in Richtung West nach Ost.
Auch diese sehr einseitigen Besuche wurden zunehmend schwierig, nachdem Matthias 1979 wegen staatsfeindlicher Hetzt zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Die notwendigen Besuchsanträge für die Einreisen in die DDR wurden oft abgelehnt. Mal klappte es, mal nicht. Ich konnte nie sicher sein, ob ein Besuch letztendlich genehmigt würde oder ob man meine Freundin nicht doch an der Grenze in Oebisfelde aus dem Zug komplimentieren würde.
1980 wurde Matthias freigekauft, in den Westen abgeschoben und drei Monate später durften unser Sohn Marcel und ich folgen. Nun waren wir also in Dortmund glücklich vereint. Wir genossen Reisefreiheit und konnten überall hin. Naja, nicht ganz, die DDR blieb uns verschlossen. Ehemalige DDR-Bürger, die sich der staatsfeindlichen Hetze schuldig gemacht hatten, wollte man nicht wieder reinlassen. Auch nicht besuchsweise. Matthias hatte in Böhlen noch eine Oma, Eltern, einen Bruder. Seine Oma und seinen Vater hat er nie wiedergesehen. Die beiden starben vor 1989.
Das sind nur die Fakten. Was sich an menschlichem Leid und Trauer dahinter verbarg, mag sich jeder selbst ausmalen.

In diesen Hintergrund platzte am 9. November 1989 die Nachricht, dass die Mauer geöffnet sei. Auch nach so vielen Jahren fühle ich noch ganz deutlich, wie es mir ging. Unglauben, Fassungslosigkeit und überschäumende Freude wechselten sich ab. Richtig begreifen konnten wir das alles erst, als meine Schwiegermutter ein paar Wochen später in unserer Wohnung in Dortmund stand und zum ersten Mal ihre inzwischen sieben Jahre alte Enkelin Carmen in den Arm nehmen konnte.

All diese Gedanken kommen an jedem 9. November wieder hoch. Deshalb ist der Tag für mich ein ganz besonderer und ich sitze wieder mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher und schaue mir die alten Bilder an von Menschen, die auf der Mauer tanzen.

Vielleicht könnt ihr das nun besser verstehen, liebe Wessis. So hautnah kann sich die große Politik auf eine kleine Familie auswirken.

PS: die kleine Carmen ist natürlich inzwischen groß und – wie das Leben so spielt – auch der Liebe wegen in den Osten gezogen. Dort hat sie in diesem Jahr in Erfurt meine Enkelin Hannah zur Welt gebracht. Wenn ich Hannah im Arm halte, muss ich manchmal an meine Schwiegermutter denken, die das so nicht erleben durfte.
Und dann fällt mir wieder der 9. November ein!

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