Männer-WG – Teil 9

Diesmal ist es schon recht spät in der Küche unserer drei Helden. Draußen wabern noch Nebel durch einen kühlen Herbstmorgen. Majo ist der erste, den wir heute am Küchentisch finden. Mit einem Snickers rührt er in seinem doppelten Kakao herum. Ein beschriebenes Blatt Papier liegt vor ihm „Ey Alter, was geht?“, begrüßt Ülle seinen Freund. „Au Mann, voll krass anstrengend“, murmelt Majo. „Stimmt, ey um halb zehn schon den Fernwecker klingeln lassen. Krass früh dran, unser Trainer.“ „Der spinnt wohl.“ Vor Schreck über diese Majestätsbeleidigung drückt Ülle die Turbotaste und sein Kaffee spritzt, noch ehe er seinen grünen Becher mit der Nr. 17 darunter stellen kann. Immerhin die Hälfte landet in der EM-Erinnerung. „Mann sag das bloß niemals laut! Du hast ja gesehen, was mit dem Auba passiert ist.“ „Die ganze Zeit auf der Tribüne. Voll fett kalt da oben“, grinst Majo. „Weißt Du, warum der Trainer den verbannt hat?“, fragt Ülle neugierig. Er war nämlich gerade beim Manager, als das mit Aubameyang passiert ist. „Ach, so genau hab ich das nicht mitgekriegt. Da war nämlich grade ein Pokemon im Trainerspint. Ich glaube, der Auba hat gesagt, die Tochter vom Trainer hätte am Wochenende so richtig abgetanzt im Nobelschuppen, wo der immer hingeht.“ „Nevada hat gesagt, tucheln wäre jetzt schon so ein Wort für scharf anbaggern oder so. Voll cool, die Kleine. Sagt Nevada.“ „Aha Nevada, habt Ihr immer noch nicht Schluss?“, fragt Majo. „Hab ich Dir doch schon tausendmal erklärt. Ich simse oder telefoniere ab und zu mit ihr. Damit ich ihr nicht so wehtue.“ „Hm – vorgestern beim Training hab ich Dich gesehen. Und die Kameras auch. Soll ich’s Dir zeigen?“ „Du hast den neuen Zugangscode zu unseren Trainingskameras?“, beugt sich Ülle über den Tisch. „Kann sein. Aber als der Auba das dem Trainer gesagt hat, naja Deutsch kann der ja immer noch nicht, also gezeigt hat, da ist der voll krass rumgetickt.“ „Ich hab die mal in Facebook auf Partyfotos gesehen. Reichlich frühreif, die Kleine.“ „Vielleicht ist der Trainer deshalb so streng und weckt uns schon so früh.“ Majo und Ülle waren erst weit nach Mitternacht nach Hause gekommen. „Ey obwohl wir gewonnen haben, erzählt der uns eine Stunde was. Der Guro oder wie der heißt war schon eingepennt.“ Majo rührt im Kakao und beißt kräftig zu. „Ey seit wann nimmst Du denn solche dicken Löffel?“, fragt Ülle lauernd. „Ich hab voll durchgespielt, echt fett anstrengend. Und dieser eine Spanier hat mich dauernd geschupst“, beklagt sich Majo. „Lissabon sind Portugiesen“, doziert Ülle, „Das hab ich Dir doch gesagt.“ „Ja, aber das war ein Spanier. Ich hab ihn gefragt.“ „Konnte der Deutsch?“, ist Ülle erstaunt. „Sein Vater ist was Hohes bei Mercedes. Da haben sie drei Jahre in Stuttgart gewohnt.“
Es klingelt an der Tür. Das heißt, es erklingt die alte Hymne: „Wach auf, mein Stern Borussia!“ „Wo ist eigentlich Reusi?“, fragt Ülle und wischt seinen Kaffeesee auf. Die nächste Tasse gibt es ohne Turbotaste. „Im Keller“, murmelt Majo und schlurft zur Tür. Durch den Kameraspion sieht er einen jungen Mann mit Tüte. „Ey Alter, was geht?“, fragt Majo gewohnheitsmäßig. „Guten Tag, mein Name ist Gotthilf. Ich komme von der Apotheke Knabentod und habe eine Lieferung für einen Marco Reus.“ „Oh kommen Sie rein. Wir warten schon auf Sie!“, jubelt Majo und saust zur Kellertreppe. Dort hatte Mama Götze ein Törchen anbringen lassen, damit die Teuren Jungs nicht stürzen. Schließlich hängt ihr Saus und Braus-Leben von Sohnemanns Karriere ab. So knallt der teure Sohn mit dem Knie gegen Holz und hängt obenrum in einem weichen Gurt: „Ey Reusi, Dein Päckchen ist da!“ Schnell verschwindet Majo in der Küche, wo sich auch Ülle sehr still verhält. Mit diesen merkwürdigen Lieferungen wollen beide nichts zu tun haben. Herr Gotthilf steht schon verloren in der großen Eingangshalle, als Reusi die Treppe hochkeucht: „Ey Alter, was geht?“, fragt auch er. „Lieber Herr Reus, das Übliche bitte.“ Reusi muss erst zurück in den Keller und den Schlüssel holen. Er hat das Törchen abgesperrt, weil er im Keller Geheimtraining macht. Dann verschwindet er mit Herrn Gotthilf in seinem Zimmer. Dort bekommt Reusi eine Tüte und der Bote einen Umschlag. In der Küche drängeln sich Ülle und Majo um den Türspion. Als die Haustür ins Schloss fällt und sie den Boten draußen das Geld zählen sehen, stürzen sie in Reusis Privatgemach: „Ey Alter, neue Pflaster?“, fragen sie wie aus einem Mund. „Ey klar Mann Alter. Dr. Knackfuß hat kein bisschen gezuckt. Wir haben einfach Schein gegen Rezept getauscht.“ Alle entblößen geübt und elegant des anderen Hinterteil und klatschen schwungvoll jeweils ein Pflaster darauf. „Ey krass Alter, ich hab zwar keine Schmerzen mehr. Aber mit diesem Pflaster bin ich davor sicher“, grinst Reusi. „Ich tu sie mal in den Apothekenschrank. Falls Mama kontrolliert“, sagt Majo und zieht den kratzigen BVB-Morgenmantel eng um sich. „Was hast Du eigentlich da unten gemacht?“, fragt Ülle den findigen Freund. „Geheimtraining.“ „Wieso?“ „Ich hab Euch gestern spielen sehen.“ „Ja und?“ „Falls ich mal wiederkommme, will ich es besser können“, flüstert Reusi. „Alter Angeber, ey fett arrogant oder was.“ Bei Ülle wirken die Pflaster manchmal sehr anregend. Als sie in die Küche kommen, sitzt Majo wieder am Tisch und grübelt über seinem Blatt Papier. „Ey Fanpost oder was?“, fragt Reusi und steuert auf den Thermomix zu. „Nein, vom Manager. Ich soll doch heute ein Interview geben“, antwortet Majo trübsinnig. „Hat er Dir was aufgeschrieben?“, fragt Reusi und drückt auf Kakao. „Ja. Ich bin nicht der alte Götze, sondern ein neuer Mario. Ich kenne hier die Strukturen und die Stadt. Ich bin hier groß geworden. Unser Trainer ist ganz toll. Viel besser als dieser Pepe von Bayern.“ „Das sollst Du bestimmt nicht sagen“, fährt Ülle dazwischen. „Das steht hier nicht. Aber wenn unser Trainer toll ist, ist er doch besser als dieser Pepe“, widerspricht Majo. „Ja, aber sag bloß das, was da steht, okay?“, meint Ülle besänftigend. „Was meint der Manager denn mit Strukturen?“, fragt Majo und schlürft die letzten Tropfen Kakao aus seiner Tasse. „Hab ich auch nicht kapiert. Sollte ich auch mal sagen“, mischt sich Reusi ein. „Ey schlauer Ülle, was meint der Manager?“ „Welcher Manager überhaupt? Der von Reusi oder Deiner?“, fragt Ülle. „Nein, der doch nicht. Der für alle. Den alle Susi nennen.“ „Der hat das geschrieben?“, setzt Ülle nach. „Du bist aber kleinlich, Alter. Er hat es diktiert und Siri hat es geschrieben. Alles klar?“ Majo ist doch etwas genervt. Wie gesagt, bei Ülle wirken die Pflaster manchmal anders. „Sagst Du uns jetzt, was der Manager meint?“, setzt Reusi nach und schlurft mit seinem Kakao zum Tisch, „Ey Majo, hast Du für mich noch so einen Löffel zum umrühren?“ Etwas verlegen zieht Majo eine Kiste mit Schokoriegeln unterm Tisch hervor und reicht Reusi sein geliebtes Kinder-Country. „Da sind sogar zwei Riegel drin, wenn Du das in der Mitte durchbrichst“, erklärt er überflüssigerweise. Ülle will sein Wissen jetzt nicht mehr für sich behalten: „Also Strukturen heißt, Du weißt, wer der Trainer ist, wo das Stadion ist, welche Farben wir haben und wo im Stadion das Klo ist.“ „Ach so, aber das wusste ich in München im dritten Jahr auch“, erklärt Majo stolz. „Ach sag das einfach und fertig. Dann freut sich der Manager. Der hat es ja sonst nicht leicht.“ „Wieso, hat der auch eine Tochter?“ „Sag mal Reusi was hast Du denn eben trainiert da unten?“, wechselt Majo das Thema und verstaut seine Riegel wieder unterm Tisch. Seine Mama muss die nicht unbedingt finden. „Eckbälle“, antwortet Reusi. „Ey krass – und das geht im Keller?“, ist Majo baff. „Ja klar, das ist wie eine Driving Ranch für Golfer. Da können wir alles nachahmen“, erklärt Reusi. Er verspeist sein Frühstück und die drei Helden eilen die Treppe hinab in den Keller. Ülle meint skeptisch: „Den Schaumstoffball hier nehme ich nicht. Der ist ja was für Madelleine.“ „Aber der hat alle Sensoren“, entgegnet Reusi. „Genau, und damit überwacht der Trainer alles“, schlaumeiert Ülle. „Ich hab noch den Ball zum Abschied von Bayern. Sind alle Unterschriften drauf“, freut sich Majo und eilt nach oben. Zuerst kommt der Lederball und dann Majo die Treppe runter. Die drei Freunde üben Ecken, Freistöße und Kopfbälle. Nach einer Viertelstunde schwebt Mama Götze die Treppe hinab: „Aber Jungens, was macht Ihr denn hier?“ „Ey Mama, was geht?“, fragt der brave Sohn. „Vorsicht!“, schreit Ülle. Der Ball saust haarscharf an der frisch frisierten Spielermutter vorbei. „Ihr habt ja alles kaputtgeschossen. Die Kameras und Sensoren. Alles in Scherben. Warum nehmt Ihr denn nicht den Schaumstoffball“, ist Mama Götze völlig fassungslos. „Ach Mama, damit überwacht uns der Trainer“, ist Majo stolz, dass sie das gemerkt haben. „Aber Mario, was redest Du da? Hast Du schon wieder Deine Tabletten vergessen?“, fragt die Mutter ganz besorgt. „Was für Tabletten?“, wird Reusi aufmerksam. Er fürchtet Enttarnung seiner Pflastergeschäfte. „Ob der Majo heimlich noch was nimmt?“ Das fragt sich Ülle. „Ach Mama, alles cool hier“, beschwichtigt Majo und schießt volley eine Leuchtröhre entzwei. Die Scherben rieseln auf die Mutter herab. „Aber mein lieber Mario, ich wollte Dich zum Interview abholen“, klagt diese. „Ey krass, dann können wir weitermachen!“, jubelt Reusi. „Mein lieber Marco, diese Shooting Lounge hat Dir Dein Vater teuer einrichten lassen. Und Du machst alles kaputt“, schimpft Mama Götze, „jetzt aber alle hoch. Gleich kommt für Dich der Physio, lieber André. Und wir müssen zum Fernsehen.“ Aus der Handtasche fischt Mama Götze einen Kamm und entfernt die Splitter aus ihrem Haar. Mit der freien Hand greift sie sich ihren Sohn und steigt entschlossen ans Tageslicht.

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