Im Zauberwald

Am seidenen Faden hing die Reise in die Eifel. Seit langem hatten wir sie im Kopf. Im Oktober setzten wir sie etwas spontan ins Werk. Am Morgen des Samstags ging es mir nicht gut. Das war nicht überraschend. Vor solchen Reisen kommt die Angst davor, ob der Körper mitspielt. Und zur Bestätigung zeigt er dann Schwächen. Gewöhnlich geht es mir durch das Zauberballspiel besser. An der frischen Luft und mit etwas Bewegung kehrt Frische in mich ein. Diesmal nicht! Nach wenigen Vierern beendete ich das Spiel. Kalter Schweiß trotz kalter Luft. Immer ein Zeichen für Schwäche. Um neun lag ich auf dem Bett und sagte mir, wenn es um zehn Uhr nicht besser ist, rufst Du Susanne an. So lag ich ganz still da und hörte Radio. Ganz langsam fühlte ich mich wohler. Kurz vor zehn kam etwas Hunger auf. Ich bewegte mich zu den Süßigkeiten. Es ging mir besser. Der Kreislauf war etwas in Schwung gekommen. Statt der Absage bei Susanne schrieb ich einen Brief an die CSU-Wähler. Sie kennen ihn. Mit meinem geliebten Rucksack, der ungefähr zwanzig Jahre alt ist, ging ich zur Bahn und traf Susanne pünktlich am Stadtgarten. Ehrlich, wie wir miteinander sind, erzählte ich ihr von der knappen Entscheidung für die Reise. Im Reisezentrum der Bahn war es voll. Dank dieses genialen Behindertenschalters kamen wir jedoch rasch an die Reihe und bekamen eine Karte für Bonn und zurück. Unsere Stimmung war gut. Mit susanninischer Planung hast Du immer etwas Zeit, die Sonne auf dem Bahnsteig und die ersten Sandwiches zu genießen. Zum Genuss gehörten auch grölende Männer mit Bierflasche. Die fuhren nicht zum Fußball, sondern mit einem Sonderzug zum Bremer Freimarkt. Na dann prost rollten sie Richtung Norden.

Die gute Stimmung wurde kurzzeitig von einer kompetenten Bahn-Mitarbeiterin auf die Probe gestellt. Wir stiegen am Ende des ICE ein. Dort befanden sich aber – anders als auf der Wagenstandsanzeige vorgesehen –  die Wagen der ersten Klasse. Auf unsere Frage nach den Zweite-Klasse-Waggons zeigte die Dame zunächst lediglich mit dem Daumen in Fahrtrichtung und raffte sich einen Moment später tatsächlich noch zu der Bemerkung auf „Geänderte Wagenreihung. Stand doch draußen“. Nach diesem überaus freundlichen Hinweis wanderten wir durch den halben Zug, bis wir endlich die Abteile der zweiten Klasse erreichten. Überflüssig zu erwähnen, dass etliche Reisende sich von der anderen Seite auf der Suche nach ihren Plätzen in Bewegung gesetzt hatten. Das sich aneinander Vorbeiquetschen in den engen Gängen mit Koffern, Rucksäcken und sonstigem Gepäck war Millimeter-Arbeit. Aber Bahn-Reisende sind allerhand gewöhnt und in der Regel geduldige Schafe. Wir fanden denn auch freie Plätze und packten erstmal den Kaffee und die Tomaten aus. Die Fahrt hatte begonnen und führte uns über Hagen, Wuppertal, Solingen und Köln bis Bonn. Sowohl in Solingen als auch in Wuppertal war hinter Riesenbaustellen von den eigentlichen Bahnhöfen nichts mehr zu erkennen. Am Bonner Bahnhof wurden natürlich die schönen Erinnerungen an unseren Besuch des Beethoven-Hauses wieder wach. Die Dreiviertelstunde Umsteigezeit verkürzten wir uns mit einer Curry-Wurst und Ülle-Cola-Flasche mit der Nr. 17 in der Sonne vor dem griechischen „Pick-In-Restaurant“. Pünktlich um 15 Uhr ging es mit der S23 los nach Bad Münstereifel. Es wurde bald ländlich. Wir hielten an kleinen Stationen mit so wohl klingenden Namen wie Alter-Impekoven, Alter-Witterschlick, Rheinbach-Römerkanal, Swisttal-Odendorf oder Euskirchen-Zuckerfabrik.

Euskirchen muss hier was Größeres sein, denn die Bahn hielt etwa eine Viertelstunde. Irgendwo nach der Zuckerfabrik wurde es eingleisig. In Bad Münstereifel ist für die Bahn die Welt zu Ende.

Zum ersten Mal erlebte ich einen Zug, der nur hält, wenn jemand den Knopf drückt. Bei uns in Dortmund machen das die U-Bahnen oberirdisch auch so. Unsere türkisch-stämmigen Mitbürger kennen den Servicegedanken noch und so wartete das Senad-Taxi auf uns. Kurvig ging es tiefer in die Eifel. Vorbei an unserem Zauberwald fuhren wir nach Wershofen. Dort hatte Susanne im Gasthof Pfahl Zimmer bestellt. Im Gastraum fanden wir die Wirtin und waren gleich mitten drin in nachmittäglich gastfreundlicher Stimmung. Irgendein Clübchen beendete gerade ein wichtiges Treffen. Zwei Zimmer nebeneinander wurden extra für mich organisiert, weil ich ja nicht so gut laufen kann. Vielleicht auch, weil Susanne sich ja um mich kümmern können muss. Egal, es war gut so. Denn wir fühlten uns sehr zu Hause und hatten den plätschernden Brunnen gleich vor unseren Balkons.img_5406Aber nun zum Landgasthof. Wir hatten uns im Vorfeld lustig gemacht über Speisekarten wie man sie auf dem Land eben findet. Also rheinischer Sauerbraten, Schnitzel, Hirsch mit Rotkohl und Klößen usw. Wir wurden eines Besseren belehrt. Sicher, all diese Gerichte konnte man bestellen, dazu aber noch vieles andere, was durchaus nicht nach „Landküche“ aussah. Trotzdem wählte ich aus Neugier die Eifeler Knudeln mit Kürbis-Lauch-Gemüse und war begeistert. Thorstens Forelle ließ auch keine Wünsche offen. Dazu eine sehr freundliche Bedienung und mein gesundes stilles Heilwasser nicht zu vergessen. Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen.

Nach diesem opulenten Mahl sanken wir ins Bett. Die Nacht war länger als sonst, denn wir hatten noch die ebenso sinnlose wie unvermeidliche Umstellung von Sommerzeit auf Winterzeit im Angebot. Dementsprechend früh waren wir beiden Morgenmenschen wach und mussten uns irgendwie die Zeit bis zum Frühstück vertreiben. Doch der Gesprächsstoff geht uns ja selten aus und Thorsten hatte auch seine Hörspielsammlung mitgenommen.

Das Frühstück war ausgezeichnet. Wir konnten zwar nicht richtig zuschlagen mit unseren vom Vorabend noch gefüllten Bäuchen, aber ein Brötchen und ein heißer Kaffee bildeten eine gute Unterlage für den Zauberwald-Besuch. Pünktlich um 8.30 Uhr stand der Senad-Fahrer mit seinem Taxi vor der Tür. Auch ein Thorsten, wie sich herausstellte. Er brachte uns bis zum Parkplatz des Ruheforstes. Noch ein paar Worte zum Wetter. Man kann es am treffendsten bezeichnen mit: wir hätten es nicht besser bestellen können. Nach einer sternklaren Nacht freuten wir uns über einen wunderbar sonnigen Herbsttag mit frischer Luft, blauem Himmel und vereinzelten Nebelschwaden zwischen den Hügeln der Eifel.

Vom Gepäck beschwert wollten wir nicht in den Urwald. Am Wegesrand lud eine Bank unsere Rucksäcke zum Verweilen ein.img_5408Es war ein gehöriges Stück durch normale Bäume. Später stellten wir fest, dass Besucher mit dem Auto bis zum Waldesrand fahren. Sie kannten eben den Weg. Ein hölzernes Plock-plock machte mich aufmerksam. Susanne ahnte einen Specht. Ich glaubte eher an den Gruß eines Baumes. Denn sonst wäre es ein Zeitlupenspecht gewesen. Bald hielt es mich nicht mehr auf dem Weg. Ich wollte den alten neuen Freunden nahe sein. Der Waldboden fühlte sich an wie ein dicker Teppich. So weich, dass sich der Mensch bei trockener Witterung darauf betten kann. Nur wenige Vögel pfiffen in der Stille. Es war kühl und klar. Diese alten Wesen strahlen Ruhe und gleichzeitig Leben aus. Sie nehmen sich die Zeit, einfach da zu sein. Wir auch. Ein paar Mal blieben wir ganz ruhig stehen oder in der Hocke sitzen, um keine Geräusche zu machen und die Stimmung auf uns wirken zu lassen. Es war so still, dass wir Wassertröpfchen hören konnten, wie sie von den Blättern zu Boden fielen.

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Diesen Besuch an einem Herbsttag zu machen, hatte seinen besonderen Reiz. Die Bäume waren – genau wie von Peter Wohlleben beschrieben – sehr unterschiedlich weit gekommen in ihren Wintervorbereitungen. Manche (also die Ängstlichen) standen schon ziemlich kahl da, andere (die Mutigeren) waren fast noch voll belaubt. Die noch an den Ästen verbliebenen Blätter trugen Farben in allen erdenklichen Grün-, Gelb-, Braun- und Rotschattierungen. Die schon am Boden liegenden Blätter bildeten einen dichten rotbraunen Teppich, zu dem das satte Moosgrün auf den oberirdischen Baumwurzeln wunderschön kontrastierte.

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Wenn ein Sonnenstrahl den Weg durch die mächtigen Baumkronen fand, wirkte der Wald märchenhaft, wie verzaubert. Wir hatten ja für uns immer vom „Zauberwald“ gesprochen. Es zeigte sich nun, dass dies genau das richtige Wort für den Hümmeler Ruheforst war. Neben Ruhe und Leben strahlen diese Bäume tiefen Frieden aus.

Einen Frieden, den Du mit nach Hause nehmen und Dich daran erinnern kannst. Diese Buchen sind Lebewesen, die einfach da sind und ihre Gemeinschaft leben. Was uns Peter Wohlleben in seinem wunderbaren Buch beschreibt, erlebten wir dort. Glücklich fanden wir den Weg zurück und unser Gepäck auf der Bank wartend. Das Taxi brachte uns zum sonnenüberfluteten Hauptbahnhof von Bad Münstereifel. In Bonn hatten wir großzügige Umsteigezeit, die wir wieder sonnend verbrachten. Kölner Fans wurden schnell von einem RE abtransportiert. Es geschah nicht mehr viel. Ich war auch etwas müde. Aber vor allem waren wir beide von Frieden und Glück erfüllt.

Hier noch der Hinweis auf das Buch von Peter Wohlleben, das uns so begeisterte und damit zu diesem Ausflug veranlasste:

Titel: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt
Autor: Peter Wohlleben
Verlag: Ludwig, 2015
ISBN: 3641114004, 9783641114008
Länge: 224 Seiten

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