Wie der Blinde sein Abenteuer besteht – Kapitel 16

Wolken ziehen über einen herbstlich graublauen Himmel. Ab und zu lugt die Sonne durch ein blaues Loch. Von dort oben sehen die Wolken eine recht einsame Landschaft. Viel Wald, eine Autobahn und eine kleine Straße. Am Rand dieser kleinen Straße läuft einer dieser wuseligen Zweibeiner, die zu Hauf den Planeten bevölkern. Dieser Mann hält etwas Seltsames in der Hand. Damit wedelt er immer hin und her. Es gibt schon allerhand zu sehen für so eine Wolke. Für unseren Protagonisten nicht. Der ist blind. Im Gegensatz zur Wolke lässt sich unser blinder Mann aber nicht mit dem Wind treiben. Vielmehr ist er fest entschlossen. Diesmal will er seinen Vater nicht um Hilfe rufen. An diesem Tag, es ist der 11. Oktober, will er selbständig nach Hause kommen. Genau wie damals an der Müritz kennt sich Manfred hier in der Hühnerheide überhaupt nicht aus. Mit seiner NaviApp aber hat er rausgekriegt, dass diese kleine Straße auf eine größere mündet. Manfred ist sehr konzentriert. Viel Stocktraining hat er mit Rotraud ja auch noch nicht gemacht. Zum Glück fahren auf dieser kleinen Straße am frühen Nachmittag keine Autos. Manfred kommt gut voran. Durch die Spaziergänge mit Pfiffi ist er gut zu Fuß. Längere Märsche machen ihm nichts aus. Auch die regelmäßigen Hochämter brachten Kondition, als Manfred sie noch besuchte. Es beginnt zu nieseln. Er hat den Regen ganz gern. Der bringt ihm einen Gruß vom Himmel, den er sonst nicht sehen kann. Seine Mutter flüchtete mit ihm bei Regen immer schnell ins Haus. „Weil der Junge sich so leicht erkältet“, hat sie immer gesagt. Als Manfred daran denkt, wird ihm wohl ums Herz. Jetzt ist er frei und kann allein gehen und bestimmen, wohin. Jedenfalls so ungefähr. Und es ist niemand da, der an ihm zerrt und ihm sagt, was gut für ihn ist. Doch da sind auch die Ängste. „Du bist ganz allein hier in der Fremde“, flüstern sie ihm zu, „Sabine wird nicht wiederkommen. Womöglich musst Du hier übernachten.“ Ja, es ist schon ein Abenteuer, in dem sich Manfred hier völlig unversehens wiederfindet. Doch er schreitet tapfer aus. Erstmal will er zu dieser Straße, wo andere Menschen sind. In der Ferne kann er die Autos bereits hören.

„Stellen Sie mal den Motor ab und zeigen Sie bitte Ihren Führerschein“, sagt ein Streifenbeamter. Sabine wischt sich die Tränen aus den Augen und lugt verstohlen nach links. Ihren Flachmann hat sie gut verborgen. Okay, nun kramt sie in ihrer Handtasche herum. Ein Labello und Taschentücher landen im Fußraum. Sabine sucht mit fliegenden Fingern. Endlich die Fahrzeugpapiere und der Führerschein: „Bitte sehr, Herr Wachtmeister.“ Der nimmt die Papiere entgegen und prüft sie. Währenddessen fragt sein Kollege: „Haben Sie eventuell was getrunken?“ „Aber nein, Herr Wachtmeister. Wenn ich fahre, trinke ich nie“, entgegnet Sabine mit ihrer Mädchen-Unschuld-Stimme. „Steigen Sie bitte mal aus“, sagt der Mann in Uniform. Jetzt kriegt Sabine doch weiche Knie. Vorsichtig, um nicht zu zittern, steigt sie aus. „Sie riechen ein wenig nach Alkohol. Wir wollen das lieber mal prüfen“, sagt der Polizist und holt das berühmte Röhrchen aus seinem Wagen. Wie wir erwarten dürfen, geht der Test nicht gut aus. Sabines Hilfsflachmann im Auto war gut gefüllt, als sie in der Hühnerheide losfuhr. Inzwischen hatte sie schon Ausschau nach einem Kiosk gehalten, um für Nachschub zu sorgen. „War wohl doch ein bisschen mehr als nichts“, sagt der Beamte, „wir müssen das Auto still legen und Sie mit zur Wache nehmen. Dort wird Ihnen Blut abgenommen. Die Fahrerlaubnis ziehen wir vorläufig ein.“

Manfred erreicht die große Straße. Sehr zügig fahren hier die Autos vorüber. Ein wenig wackeln ihm schon die Knie. Deshalb schlägt er sich – bildlich gesprochen – in die Büsche. Quasi auf dem Grünstreifen tastet er sich an die rasenden Autos heran. Rechts herum biegt Manfred Schrittchen für Schrittchen um die Kurve. Er hat keine rechte Vorstellung, wie es jetzt weitergehen soll. Immerhin sind hier Menschen. Auch wenn sie mit gut 50 Sachen an ihm vorbeirauschen. Nach wenigen Metern bleibt Manfred stehen. Irgendwas ist komisch. Er tastet umher. Ein Auto bremst, als er den Stock zu weit auf die Straße schwenkt. Es fährt aber weiter. „Der Grünstreifen geht hier irgendwie nicht weiter“, denkt unser Neupendler am weißen Stock. Weiter rechts ist noch Wiese. Und dann … wieder boing! Das kennt Manfred bereits vom Vortag. Ein Busfahrplan rammt ihm seine Metallfassung gegen die Schulter. Mit der freien Hand tastet Manfred das Hindernis ab. Hier fühlt er sich sicher. „Soll ich mit dem Bus in die Stadt fahren?“, denkt er sich, „und kommt hier samstags überhaupt einer?“ Geld braucht Manfred für den Bus nicht. Zum Glück, denn er hat keines eingesteckt. Nur seinen Schwerbehindertenausweis hat er immer in der Tasche. Um jetzt den Busfahrplan von Oberhausen aufzurufen, ist er zu nervös. Auch weiß Manfred gar nicht, an welcher Haltestelle er ist. Schon nach wenigen Minuten hält ein Fahrzeug vor seinen Füßen. „Für einen Bus hört sich das aber zu klein an“, denkt Manfred. „Junger Mann, kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Vorsichtig tastet sich Manfred auf die freundliche Stimme zu: „Ja vielleicht – ich weiß nicht.“ „Warten Sie auf den Bus? Der kommt erst wieder in 45 Minuten“, sagt eine Frau aus ihrem Pkw heraus. Sabine ist es nicht. „Nein, eigentlich warte ich nicht auf … ach das ist kompliziert, wissen Sie.“ „Wo wollen Sie denn hin?“ „Zum Oberhausener Hauptbahnhof wäre toll.“ „Wenn Sie wollen, können Sie erstmal einsteigen. Hier drin ist es trocken.“ Inzwischen ist Manfred an der Wagentür angekommen und öffnet sie. „Wissen Sie, es ist mir etwas peinlich“, sagt er und setzt sich, „ich war mit meiner Frau dort in der Hühnerheide.“ Vage deutet Manfred in die Richtung, aus der er gekommen ist. „Und dann hatten wir Streit und sie ist abgehauen.“ Nach einer ungläubigen Pause fragt die Frau: „Und hat Sie hier allein gelassen? Kennen Sie sich denn hier aus?“ „Nein, überhaupt nicht. Wir haben heute einen Ausflug gemacht.“ „Ich will sowieso in die Innenstadt zum Einkaufen. Wenn Sie wollen, bringe ich Sie zum Bahnhof“, bietet die Frau an. „Oh das wäre aber sehr nett von Ihnen.“ Manfred erlebt alles wie durch eine Watteschicht. Ganz bei sich ist er nicht. „Mein Name ist Silke. Silke Rettmich.“ „Manfred Borkenstock.“ Sie schütteln sich die Hand. Diese warme Frauenhand flößt Vertrauen ein. Auf der Fahrt zum Bahnhof erzählt Manfred langsam seine Geschichte. Als Silke sich über Sabine aufregen will, beschwichtigt er. „Wissen Sie, mit unserer Ehe steht es nicht zum Besten. Sabine ist im Moment nicht in Normalverfassung“, sagt Manfred. Ein bisschen erzählt er von seinen Versuchen, selbständig zu werden. „Das wird dann vielleicht auch Zeit für Sie“, meint Silke, „freut sich Ihre Frau denn nicht darüber?“ Das sind so Fragen, auf die Manfred selbst keine Antwort hat. „Ich würde es mir wünschen, aber so ganz sicher bin ich mir nicht“, sagt er dazu. „Kommen Sie denn am Bahnhof allein zurecht?“, fragt Silke nach einer Weile, „ich kann da nirgends parken.“ „Irgendwie wird es gehen. Vielleicht ist jemand da, der mir hilft“, sagt Manfred tapfer. „Da vorn stehen zwei Polizisten. Die sehen aus, als hätten sie gerade Pause. Die frag ich mal“, sagt Silke und hält bald darauf an, „Hallo Sie, ich habe hier einen blinden Passagier, der zum Zug möchte. Können Sie ihm wohl helfen?“ Etwas mürrisch blickt einer der Beamten von seinem Smartphone auf: „Ja bitte, können Sie das denn nicht selber machen?“ „Nein, ich kann hier nirgends parken. Der Mann ist per Anhalter eingestiegen.“ Etwas verständnislos schaut der Polizist schon drein. Langsam dringt die Information unter seine Dienstmütze vor. „Aha“, ist alles, was ihm vorläufig einfällt. „Herr Polizist, mein Name ist Borkenstock. Ich bin hier sozusagen gestrandet und möchte nach Hause“, mischt sich Manfred ein. „Aha“, sagt nun auch der andere, der gerade ein letztes Stück Bratwurst verschluckt, „Wie sagten Sie, Borkenstock?“ „Ja, Manfred Borkenstock, wieso?“ „Kommt mir irgendwie bekannt vor. Na dann steigen Sie mal aus“, kommt langsam Leben in die beiden jungen Männer. Zu zweit schaffen sie es dann tatsächlich, auf dem Fahrplan den nächsten Regionalzug rauszusuchen und Manfred aufs richtige Gleis zu bringen. Länger dürfen sie ihren Streifenwagen nicht im Stich lassen. Vorschrift. Von Silke Rettmich hatte sich Manfred zuvor herzlich dankend verabschiedet. Jetzt steht er etwas verlassen auf dem Bahnsteig. Eigentlich traut er sich keinen Zentimeter vor oder zurück. Überall wähnt er den Abgrund der Gleise. Ganz behutsam tastet Manfred mit dem Stock umher. „Ey Kumpel, Du bist aber auch ’ne arme Sau“, hört Manfred eine etwas lallende Stimme. Ihm fällt nichts dazu ein. „Reden kannste doch, oder?“, setzt der Mann nach. „Ja, kann ich“, flüstert Manfred. Da dröhnt aber schon die Lautsprecheransage dazwischen. Bald darauf hält der Regionalexpress quietschend. Die Akustik ist miserabel. Manfred weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Er nimmt allen Mut zusammen und fragt sozusagen in die Luft: „Könnte mir bitte jemand helfen?“ Keine Antwort, nichts. Manfred wird etwas panisch: „Bitte! Ich möchte in den Regionalexpress.“ Jetzt wäre ihm sogar die Hilfe des Betrunkenen recht. Unbeholfen macht Manfred einige kleine Schritte. Undeutlich nimmt er um sich herum Gewusel wahr. Jemand rempelt ihn ein wenig. „Vorsicht!“, ruft da eine sächsische Stimme. Erst da nutzt Manfred wieder seinen Stock und spürt, dass es vor ihm abwärts geht. Eine helfende Hand greift nach seinem freien Arm: „Wollen Sie in den Zug nach Gelsenkirchen?“ „Ja.“ „Ich auch. Kommen Sie. Die Tür ist weiter rechts.“ Der Passant, ein älterer Mann, schiebt Manfred vor sich her. Er macht es ungefähr so wie Gertrude. So fällt es Manfred sehr schwer, die zwei Stufen in den Waggon zu erklimmen. Den Schmerz am Schienbein verbeißt er tapfer. Als Manfred endlich sitzt, klopft sein Herz wie rasend. Die Fahrt bis in die Heimatstadt verbringt er in Anspannung. Denn zu Hause ist er noch lange nicht.

„Frau Borkenstock, wie geht es Ihnen? Möchten Sie vielleicht noch etwas bei uns bleiben?“, fragt die freundliche Polizistin. In der Tat bietet Sabine keinen guten Anblick. Sie hat fast die ganze Zeit geweint. Ihre Hände zittern. Ein dickes Pflaster ziert ihre Ellenbeuge. Drei Versuche hatte dieser Doktor, falls es überhaupt einer war, gebraucht. „Ach, ich komme schon klar“, flüstert Sabine. „Hier haben Sie Ihren Ausweis zurück. Die Fahrerlaubnis müssen wir behalten. Ihren Wagen haben die Kollegen geparkt. Sie bekommen dann Post vom Staatsanwalt“, erklärt die Beamtin. Sabine nickt und drückt der Polizistin zum Abschied die Hand. Dabei fällt ihr ein, dass sie ja nicht nicken soll. Aber Manfred ist ja nicht da. Manfred? Den hatte sie vor lauter Selbstmitleid ganz vergessen. Was der wohl macht? „Wahrscheinlich hat er Karl-Heinz um Hilfe gerufen und jetzt reden die beiden schon über mich“, denkt Sabine. Ein Passant erklärt ihr den Weg zum Bahnhof.

„Liebe gute Gertrude, ich freue mich ja so, dass Sie mich eingeladen haben“, sagt Pfarrer Seelighaus und betritt die Borkenstock-Wohnung, „Ach und die liebe Frau Borgstein-Waldschmidt ist auch schon da.“ „Kommen Sie nur herein, lieber Pfarrer Seelighaus. „Gott segne Sie“, singsangt die fromme Ex-Lehrerin und fährt fort: „Es tut uns so leid, lieber Pfarrer. Aber der junge Mann ist leider nicht im Hause. Er ist mit seiner Gattin fortgefahren.“ „Oh wie schade. Aber der Herr wird wissen, was er geschehen lässt“, verbeißt sich der Pfarrer einen Fluch. „Kommen Sie, lieber Pfarrer, ich habe guten Bohnenkaffee für Sie“, singsangt jetzt auch Gertrude und zieht den Mann in die Küche. „Wir haben alles für ein gemeinsames Gebet vorbereitet“, erklärt die Ex-Lehrerin und schiebt dem Gast den Stuhl in die Kniekehle. „Mein Mann ist leider auch nicht da. Der muss sich um Manfreds Hund kümmern“, erklärt Gertrude und schenkt Kaffee ein. „So sind wir unter uns, die wir die ganze Wahrheit kennen. Doch wer außer Gott kennt schon die ganze Wahrheit?“, sagt Herr Seelighaus. So frömmeln sie eine Weile vor sich hin. Bis sich Gertrude erhebt und meint: „Ich bereite mal das Gebetszimmer vor.“ Sie entschwindet ins Schlafzimmer, wo ja manch ein Heiliger an der Wand hängt. Sie legt Kissen bereit. Herr Seelighaus muss nicht wie Karl-Heinz auf dem nackten Boden knien. Für sich stellt Gertrude einen Stuhl bereit. Die Vorhänge zieht sie zu und zündet eine Menge Kerzen an. Draußen ist heller Nachmittag. Die Nachbarin hat ein Weihrauchfässchen mitgebracht. Das schwenkt Gertrude in gläubigem Eifer. In der Küche werden der tuschelnde Pfarrer und sein Schäfchen erst von lautem Geklingel und dann von Gertrudes Schrei aufgeschreckt. Beide eilen ins Schlafzimmer. Frau Borgstein-Waldschmidt bekommt einen Hustenanfall und tränende Augen. Der Pfarrer ist daran gewöhnt. Im Zimmer herrscht Nebel. Das Weihrauchfässchen liegt vorm Bett, Gertrude darauf. Vor Schreck machte sie einen Schritt rückwärts und landete auf der geblümten Tagesdecke. Das laute Klingeln zerrt an den Nerven. „Das sind die neuen Rauchmelder“, keucht Frau Borgstein-Waldschmidt zwischen ihren Hustern hervor. „Und wie können wir den abstellen?“, übertönt der Gottesmann mühelos das Getöse. „Keine Ahnung, am besten rufen wir die Feuerwehr!“, antwortet das Schäfchen. Doch da dringt ein zweites Klingeln an ihr Ohr. Eilig verlässt sie das vernebelte Zimmer und läuft zur Wohnungstür. Dort steht Carlo, der Retter: „Brennt es wirklich bei Ihnen?“ „Aber nein. Sie schickt der Himmel. Das ist der neue Rauchmelder, den wir alle gekriegt haben.“ „Das haben wir gleich“, ruft Carlo und betritt das Schlafzimmer. Viel sieht er nicht. An der Zimmerdecke erspäht er den Übeltäter. Carlo schnappt sich einen Stuhl. Die darauf drapierten Heiligenfiguren landen neben Gertrude auf der Tagesdecke. Ruckzuck steht Carlo auf dem Stuhl und dreht den Rauchmelder ab. „Das geht ganz leicht. Ich habe bei mir alle in die Küchenschublade verbannt“, erklärt er, „Soll ich Ihre auch abschrauben?“ „Aber nein, das dürfen wir nicht“, hustet Frau Borgstein-Waldschmidt. „Vielleicht lassen Sie mal frische Luft rein“, schlägt Carlo vor. „Lieber Herr Gerstenbinder-Lüdke, vielen Dank“, erhebt sich Gertrude, „wir wollen jetzt beten. Vielleicht möchten Sie bleiben?“ Ein wirksameres Signal kann es für Carlo kaum geben, schnellstens die Szene wieder zu verlassen: „Oh vielen Dank für das Angebot. Ich bin nicht so fromm“, verabschiedet sich der Nachbar. Im Treppenhaus trifft er noch Herrn Nörgelmann, der den Lärm bis in den zweiten Stock gehört hat. Beruhigt stiefelt der in seinen BVB-Pantoffeln die Treppe wieder hoch zu seiner Sky-Liveübertragung der 2. Liga und seinem zwei Quadratmeter großen Flachbildschirm.

Zum Glück funktioniert die Ansage im Zug. Als Manfred seine Heimatstadt angesagt wird, steht er vorsichtig auf. Bestimmt zwanzigmal hat er sich den Weg zur Tür ausgemalt, um ja keinen Fehler zu machen. Seinen Stock schiebt er vor sich her. Als der Zug über eine Weiche rumpelt, sitzt Manfred halb auf dem Schoß eines Teenies. Weil der Stöpsel im Ohr hat und auf sein Smartphone starrt, kriegt er Manfreds entschuldigendes Gemurmel gar nicht mit. Wieder sind helfende Hände da, die ihn wortlos vor sich herschieben. „Vorsicht“, sagt jemand zum wiederholten Male. Heil kommt Manfred die sechs Stufen zum Ausstieg hinunter. Diesmal in der altbewährten Zwei-Hände-Festhalt-Technik. Zu Heldentaten ist unser Protagonist nicht mehr imstande. Trotzdem Manfred mit den Nerven fast am Ende ist, muss er doch schmunzeln, als ihm der Ausstieg in Düsseldorf einfällt. Damals befand er sich im Schlepptau von Rosa Luxemburg und ihren lustigen Freundinnen. Endlich hält der Zug. Wieder sind helfende Hände zur Stelle. Manfred steht auf dem Bahnsteig und wird von hastenden Menschen hin und her geschupst. Hören kann er nichts, denn die Ansage der Umsteigemöglichkeiten dröhnt ihm ins Ohr. Nach fünf Minuten ist sein Zug weitergefahren und es wird ruhiger. Manfred muss noch dreimal fragen, bis er endlich im Taxi sitzt. Er gibt dem Fahrer seine Adresse und schweigt. Im Radio erzählt eine Plapperstimme etwas von „Staus im Sektor“. Als dann so etwas wie Musik folgt, erklärt Manfred dem Fahrer, dass er kein Geld dabei habe, ein Nachbar ihm aber sicher aushelfen werde. Wieviel der Fahrer versteht, weiß Manfred nicht. „Alles klar“, bekommt er zur Antwort, als das Smartphone des Fahrers klingelt und ein wichtiges Gespräch in einer irgendwie arabisch klingenden Sprache folgt. Zum Glück sind die Familienprobleme daheim in Marokko nicht so schwerwiegend und das Gespräch ist bei der Ankunft in der kleinen Straße, die zum Park führt, beendet. Zwischendurch hatte der Fahrer irgendwie noch sein Navi bedient. „Wenn Sie mich zur Tür begleiten, besorge ich Ihnen das Geld“, sagt Manfred. „Machen wir“, bekommt er zur Antwort. Beide steigen aus und Manfred sucht nach seinem Hausschlüssel. Dann klingelt er bei Carlo. Zum Glück ist der immer noch zu Hause. „Manfred, was ist denn?“, erkennt Carlo sofort, dass Manfred nicht in Bestform ist. Schnell ist der Fahrer bezahlt und Carlo bringt Manfred nach oben außer Reichweite seiner Mutter, die er im Gebet mit Pfarrer und Nachbarin weiß. Die Inbrunst der dreifaltigen Frömmigkeit durchdringt alle Wände. Oben wartet Carlo geduldig, bis Manfred Jacke und Schuhe ausgezogen hat. „Komm setz ich erstmal auf Dein Bett“, sagt er mitfühlend, „wo ist denn Deine Frau geblieben?“ Manfred sinkt auf seine Spezialmatratze und beginnt zu schluchzen. Während sich die Anspannung der letzten Stunden langsam löst, erzählt er Carlo die ganze Geschichte von der Hühnerhheide an. „Möchtest Du vielleicht was trinken?“, fragt Carlo, als Manfred zu Ende ist. „Oh ja gern, ein heißer Kaffee wäre schön.“ Carlo geht hinüber in die chaotische Küche. Manfred sucht derweil nach seinem Smartphone und findet es in seiner Jacke. Karl-Heinz sitzt bei Theo und guckt Fußball. „Ich komme sofort rüber“, sagt er und legt auf. Wenige Minuten später ist er mit Pfiffi zur Stelle. Ganz fest drückt Manfred erst den Vater und dann den Hund. Carlo hat in der Zwischenzeit den Frühstückstisch abgeräumt und noch ein paar saubere Tassen gefunden. Noch einmal erzählt Manfred seine Geschichte. „Ich will heute gar nicht nach Hause“, sagt Karl-Heinz, „den Weihrauch riechst Du ja im gesamten Treppenhaus.“ „Vielleicht könnten Sie zu Ihrem Freund gegenüber gehen?“, schlägt Carlo vor. „Ich denke, das wäre gut. Wollen Sie nicht mitkommen?“, fragt Karl-Heinz. „Nein, ich finde Fußball doof. Und diese schwarzgelbe Gläubigkeit hier erst recht“, erklärt Carlo und lehnt dankend ab. Aus Gertrudes Wohnung dringt jetzt frommer Gesang. Laut und etwas schief. Aber gottgefällig. Die Männer entkommen ungesehen.

Sabine hat sich inzwischen zum Oberhausener Hauptbahnhof durchgefragt. Zufällig oder nicht – sie steht ungefähr auf demselben Fleck wie Manfred einige Zeit vorher. Anders als Manfred hat Sabine Geld dabei und so konnte sie sich Reiseproviant besorgen. Verstohlen nimmt sie erstmal einen großen Schluck. Von schräg hinten fragt jemand: „Hey Lady, hast Du mal einen kleinen Schluck für einen Kumpel?“ Sabine erschrickt und dreht sich um. Da hockt ein abgerissener Typ auf der Bank und schaut sie fragend an. „Was meinen Sie?“, fragt Sabine. „Na eben einen kleinen Schluck aus Ihrer fast vollen Flasche. Komm Lady, sei nett“, entgegnet der Mann vertraulich. „Mein Herr, ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Sabine ist es sichtlich peinlich, dass sie dieser Mann so vertraulich anspricht. Als seien sie irgendwie miteinander bekannt. „Na gut, haste vielleicht einen Euro für ne Fahrkarte?“, fragt der Mann. „Warum duzen Sie mich eigentlich?“, entgegnet Sabine und kramt in ihrer Handtasche. Dabei rutscht die frische Neuerwerbung heraus. Geschickt fängt der Mann die Flasche, ehe sie am Boden zerschellt. „Wäre doch zu schade“, sagt er und dreht den Verschluss auf. Sabine zieht einen Fünfer aus der Geldbörse und setzt sich neben den Typen. Ihr ist jetzt alles egal. „Lass mir noch was drin“, sagt sie und stößt den Typen in die Rippen, der ihre Flasche angesetzt hat. „Doch gar nicht so widerborstig“, sagt der und wischt sich genießerisch über den Mund. Sabine nimmt jetzt ganz öffentlich einen tiefen Schluck. Als der Regionalexpress einrollt, ist die Flasche halb geleert. An so etwas wie eine Fahrkarte denkt keiner der beiden, als sie gemeinsam einsteigen. Der Typ, er heißt übrigens Günter, hat eine Bude in Herne. Als er dort aussteigt, ist Sabines Flasche fast leer. „Zu Hause ist noch was“, sagt Günter. Sabine geht mit ihm. Das Klingeln ihres Smartphones einige Zeit später kann sie schon gar nicht mehr wahrnehmen. Das ist ein Anruf von Karl-Heinz, der sich langsam fragt, wo denn Manfreds Gattin abgeblieben ist. Theo, Manfred und Karl-Heinz haben bei der Sportschau gut gegessen und ein Bierchen getrunken. Gegen acht Uhr verabschieden sie sich. „Ich schiebe Gertrude einen Zettel durch die Tür, dass ich heute bei Dir bleibe“, sagt Karl-Heinz. Dass dies gelingt, wird aufmerksame Leser wundern. Warum ist Gertrude nicht auf Posten? Sie bekommt doch sonst alles mit, was sich vor ihrem Haus abspielt? Im Treppenhaus riecht es kaum mehr nach Weihrauch. Vater, Sohn und Hund kommen ungesehen in den ersten Stock. Aus Frau Borgstein-Waldschmidts Wohnung hören sie Florian Silbereisen fröhlich Andrea Berg ankündigen. Die Lehrerin ist zu Hause. Pfiffi verabschiedet sich sofort in sein Körbchen. Er ist müde. Manfred auch. Bald kuschelt er sich auf seine Matratze. Die hatte er Kal-Heinz angeboten, doch der deutete auf seine Knie und meinte: „Da komme ich morgen früh nicht hoch. Ich nehme lieber Sabines Sofa.“ Es dauert, bis Manfred einschläft. Zu viel geht ihm durch den Kopf. Manchmal auch die Frage, wo Sabine geblieben ist. Aber vor allem all das Neue, das er heute geschafft hat.

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