Spring doch! – Nachbetrachtung

Und da haben wir es wieder. Es wird verharmlost, vertuscht, verdreht, beschwichtigt. Die Zeugin wird als unglaubwürdig dargestellt und – wie überraschend – die thüringische Polizei hat nichts gehört. Die Eile, mit der die unsägliche Begebenheit in Schmölln heruntergespielt wird, ist mindestens so ekelhaft wie der Vorfall selbst.

Zunächst erfahre ich heute in den Medien, dass es überhaupt keine Aufforderungen zum Springen gegeben haben soll. Die Zeugin sei unglaubwürdig und habe zudem ganz viele Konjunktive genutzt bei der Befragung.

Etwas später erklärt Ministerpräsident Ramelow, dass es die „Spring doch“-Rufe zwar doch gegeben habe, aber die seien anders gemeint gewesen. Die Rufe hätten sich auf den Zeitpunkt bezogen, als die Feuerwehr längst mit dem Sprungtuch vor Ort war, erklärte er. Daraus ergebe sich eine andere Logik. Außerdem beklagt er die reflexartige Schuldzuweisung an die Ostländer. Das sei »bitter«, denn die Flüchtlingsarbeit im Freistaat sei sehr vorbildlich, sagte Ramelow am Montag gegenüber dem Deutschlandfunk: »Fremdenfeindlichkeit ist kein ostdeutsches Problem, sondern ein weit in Europa verbreitetes Problem“. Soweit Herr Ramelow.

Was kann man an einer Aufforderung „Spring doch“ bitte falsch verstehen? Glauben wir die Version von Herrn Ramelow und nehmen wir mal an, der rufende Nachbar wollte gar nicht unbedingt, dass der Junge in den Tod springt. Warum hat er dann so etwas gerufen? Dann kann sein Motiv doch nur gewesen sein, dass er einen Sturz aus dem 5. Stock ins Sprungtuch der Feuerwehr filmen und damit im Netz kurzweilige Berühmtheit erlangen wollte. Wird die Sache denn dadurch besser? Wenn er um das Leben des Jungen besorgt gewesen wäre, hätte der Nachbar doch rufen müssen: „Geh zurück ins Zimmer. Da sind Menschen, die dir helfen.“

Dass Herr Ramelow anschließend die „reflexartigen Schuldzuweisen“ an die ostdeutschen Länder beklagt, ist der pure Zynismus. Der fremdenfeindliche Ruf, der den Bewohnern von Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern vorauseilt, ist durch zahlreiche rassistische Akte von ihnen selbst hart erarbeitet worden. Gerade weil das so ist, täte Herr Ramelow gut daran, nicht in das Beschwichtigungshorn zu tuten. Das ist nämlich genau das, was seit Jahren passiert. Deshalb wird es ja immer schlimmer.

Und ja, natürlich gibt es Fremdenfeindlichkeit in ganz Europa. Aber auch das ist eine Tatsache, die nichts verbessert. Damit soll doch das Elend nur relativiert werden. Oder welche Schlussfolgerung können wir aus der Argumentation ziehen? Doch nur die, dass Rassismus in Thüringen unter diesen Umständen gar nicht so schlimm ist?

Vielleicht darf oder mag es ein Ministerpräsident über sein Land nicht sagen. Aber ich kann das tun, denn ich kenne diese kleinen Kaffs in Sachsen und Thüringen sehr gut aus der Zeit, als ich dort lebte und auch aus späteren langen Besuchen. Es herrscht in diesen Gegenden eine äußerst fremdenfeindliche Grundhaltung. Das ist Fakt und da gibt es nichts zu beschönigen. Das war schon zu DDR-Zeiten so und ist heute nicht anders. Nur hat man heute die Plattform, um sich auszutoben. Den Nährboden dafür haben unsere Regierenden mit ihrer permanenten Hetze selbst geliefert.

Quellen:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/schmoelln-suizid-bodo-ramelow-zweifelt-berichte-ueber-aufforderungen-an-a-1117975.html

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1029797.bodo-ramelow-sieht-vorverurteilung-nach-suizid-in-schmoelln.html

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