Spring doch!

So etwas möchte man nicht lesen und schon gar nicht glauben. Ein jugendlicher Somalier  ist nach einer wahren Flucht-Odyssee im beschaulichen Thüringen gelandet. Er lebt in einer betreuten Wohngruppe im kleinen Städtchen Schmölln, im Altenburger Land. Schmölln hat ca. 11.000 Einwohner und wirkt auf den ersten Blick idyllisch.

Man kennt anscheinend das genaue Alter dieses Jungen nicht. So zwischen 15 und 17 Jahre alt ist er wohl. Auf jeden Fall wurde er durch furchtbare Erlebnisse schwer traumatisiert und befindet sich in psychiatrischer Behandlung. Gestern ist er so verstört, dass er im 5. Stock eines Hochhauses aufs Fensterbrett klettert und damit droht, hinunter zu springen. Während Betreuer versuchen, ihn davon abzuhalten, sollen Anwohner von den benachbarten Balkonen das Geschehen mit Handys gefilmt haben. Es sollen Rufe laut geworden sein wie „Spring doch!“

Der Junge springt und erliegt kurz darauf seinen Verletzungen.

Wirklich glauben konnte ich diesen Vorfall nach dem ersten Lesen im Neuen Deutschland immer noch nicht. Deshalb forschte ich in den online-Medien und fand entsprechende Informationen beispielsweise auch in der Tagesschau, in der Süddeutschen Zeitung, im MDR und in der LVZ.

Kann man sich das vorstellen? Ein zutiefst verzweifelter Mensch sieht kaum noch einen anderen Ausweg als den Sprung aus dem 5. Stock und wird dabei von Gaffern mit filmbereiten Smartphones in den Händen angefeuert.

Was ist los mit diesen Leuten? Kennen sie noch Eigenschaften wie Empathie und Mitgefühl? Oder sind sie so weit weg von jeglichem Gefühl, dass sie in allem, was passiert, nur noch ein „Event“ sehen, das es zu filmen und anschließend ins Netz zu stellen gilt? Vielleicht sind sie auch der Meinung – ich sag es bewußt provokant – nur ein toter Flüchtling ist ein guter Flüchtling?

Und was ist los mit unseren Medien, die über dieses unmenschliche Verhalten nur zum Teil und sehr verhalten informieren? Der Deutschlandfunk und die taz fanden diese Begebenheit bisher nicht berichtenswert. In der stündlichen Nachrichtensendung des DLF wurde mir als erstes erzählt, dass Rebecca Harms enttäuscht ist über die Haltung gegenüber der EU. Nun ja, das kann man natürlich auch für die wichtigste Botschaft des Tages halten.

Und was ist los mit einer Gemeinschaft, in der solch niedrige Instinkte ausgelebt werden können? Mir machen die Geschehnisse wie in Schmölln viel mehr Angst als die mutmaßlichen IS-Terroristen, die neuerdings hinter jeder Ecke lauern sollen. Anscheinend haben wir (wieder) ein gesellschaftliches Klima, in dem man sich ganz offen auf menschenverachtende und rassistische Weise auszutoben traut.

Das ist eine Entwicklung, die uns allen Angst machen muss. Die uns alle bedroht. Denn wir alle sind auf Mitgefühl und Solidarität angewiesen. Neuerdings ist Deutschland wieder groß darin, nebulöse und nie definierte, Werte in allen möglichen fernen Ländern zu verteidigen. Stattdessen sollten wir uns dringend um die Frage kümmern, nach welchen Werten wir hier bei uns zuhause leben wollen.

Quelle:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1029664.schmoelln-anwohner-feuern-suizid-eines-gefluechteten-an.html

 

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