Männer-WG – Teil 8

Als Majo an diesem Morgen in die Küche kommt, sitzt Reusi mit traurigem Gesicht am Küchentisch. Er hält einen Bogen Papier in der Hand. „Ey Reusi, was geht?“, begrüßt ihn der Kumpel wie stets. „Ey krass ungut, Alter“, entgegnet Reusi. „Ist das der Beipackzettel von unseren Pflastern oder was?“, fragt Majo neugierig. „Ach Quatsch, das ist ein Brief. Das siehst du doch da oben an der Marke, Du Horst. Den hat jemand durch die Mauer geworfen.“ „Ja und, wieder Deine Sandra oder ’ne Neue?“ „Keine überhaupt. So ein Fanclub schreibt an uns.“ „Boa hey krass ey, ein ganzer Club nur für uns?“ Majo ist ganz begeistert und dreht ein paar Pirouetten. Dabei jongliert er einen Schaumstoffball auf dem freien Fuß. „Ey krass Alter, zeig mal, wie Du das machst“, schlurft Ülle in die Küche und starrt den sich drehenden Majo an. „Das ist für meine zweite Karriere im Zirkus, hat Papa gesagt“, erklärt Majo stolz. „ja Und warum machst Du das nicht auf dem Feld?“, fragt Ülle ehrlich erstaunt über des Freundes Künste. „Papa hat gesagt, der Gegner wäre dann dü… ähm … duplo… ähm dupliziert oder sowas.“ „Düpiert meinst Du wahrscheinlich.“ „Ja genau, was ist das eigentlich?“ „Ey Alter, der Gegner ärgert sich halt dann über Dich.“ „Ja, aber das soll er doch?“, ist Majo verblüfft. „Ja aber zu sehr.“ „Was zu sehr?“ „Na eben zu sehr ärgern. Und das ist unsportlich. Das sind eben diese komischen ungeschriebenen Gesetze des Fußballs. Alles klar?“ „Aha“, macht Majo völlig verständnislos. Keiner kümmert sich mehr um Reusi. Majo pirouettiert derweil zum Thermomix und schießt Reusi dann den Ball spielerisch an den Hinterkopf. „Ey Alter, spinnst Du oder was?“, ist Reusi wütend, weil er sich so erschrocken hat. Reusi ist nämlich ganz in Gedanken vertieft. „Ist doch bloß Schaumstoff. Der tut nicht weh“, sagt Majo harmlos und tippt sich einen doppelten Kakao ein. Mittlerweile beherrscht er den Thermomix im Schlaf. Zumindest die Kakaofunktionen. Über Majos Kaffee schimpft Ülle immer noch. Deshalb schlurft der Freund selbst zur Tat und fragt: „Wie war es eigentlich in Lissabon?“ Majo nippt vorsichtig an seinem heißen Getränk: „Ach die Spanier waren ganz nett. Außerdem haben die uns ja gewinnen lassen.“ „Das waren Portugiesen“, schlaumeiert Ülle. „Ach deshalb haben die komisch geguckt, wenn ich immer Grazie zu denen gesagt habe“, meint Majo dazu. „Ey Alter, könnt Ihr jetzt mal fragen, was ich hier lese?“, braust Reusi auf. „Wieso? Einen Brief von Madelleine oder von Sandra. Ist doch egal“, sagt Majo und rührt mit einem Twix light in seinem Kakao. „Für die schlanke Linie, sagt Mama immer“, erklärt er und wedelt mit dem Schokoriegel. Die blauweiße Tischdecke erhält hübsche Sprenkel. „Ey Alter, hast Du Amnestie oder was! Da schreibt ein Fanclub!“ Reusi wird etwas wütend. Auch, weil er keinen Kakao gekriegt hat. Mühsam erhebt sich der Hausherr. „Immer noch das Schambein?“, fragt Ülle mitfühlend. „Nein, die linken Rippen.“ „Wieso nur die linken?“ „Weil da saß Madelleine neben mir im Kino. Und damit ich nicht immer einpenne …“ „Aha, und was war das für ein Film?“ „Titanic im finnischen Original. Madelleine liebt diesen Film und geht einfach in jeden.“ „Wo ist sie eigentlich? Wollte sie nicht mitkommen?“, beteiligt sich Majo auch mal wieder. „Sie lackiert sich die Nägel. Unter der Lupe. Ich glaube, auf den Zeigefinger soll der Fernsehturm oder sowas. Ist das hier das Wahrzeichen?“ „Du bist doch hier der Eingeborene, ich bin nur der Neue von Bayern“, triumphiert Majo. „Und warum hat mir der Neue von Bayern keinen Kakao gemacht?“, fragt Reusi vom Thermomix her. „Frag mal den Rodel!“, lacht sich Majo über den eigenen Witz kaputt. Reusi verzieht das Gesicht. Ülle greift zum Blatt Papier. „Oh Mann, die teilen uns mit, dass sie nicht mehr gegen rechte Gewalt eintreten“, sagt er betroffen. „Sag ich doch“, bekräftigt Reusi. „Was für eine rechte Gewalt denn?“, fragt Majo unschuldig. „Na auf der Süd“, entgegnet Reusi und setzt sich mühsam. „Hilft denn das Pflaster heute nicht?“, erkundigt sich Majo vorsichtig. „Doch doch, sonst könnte ich mich gar nicht bewegen. Bin nämlich noch die Rolltreppe runtergesegelt. Weil die nicht rollte. Aber zum Glück bin ich auf Madelleine gefallen.“ „Und die hat nix?“ „Nein, aber die ist auch kein Fußballprofi, sondern Model.“ „Ach und die sind zäher als wir. Wusste ich gar nicht.“ Majo schlürft geräuschvoll den heißen Kakao. „Die bitten uns um Unterstützung“, fährt Ülle dazwischen. „Ja, weiß ich. Aber was sollen wir machen?“ „Vielleicht den Trainer anrufen“, meint Majo. „Nein, der hat zu viele Verletzungssorgen“, sagt Ülle. „Ach Quatsch, der hat Sorgen mit seiner jüngsten Tochter. Die nimmt nämlich irgendwas“, erzählt Majo den neuesten Klatsch vom Auswärtstrip. „Dann eben den Manager“, schlägt Reusi vor. „Ey Majo, willst Du das mal machen?“ „Ey klar, aber Ihr müsst mir erstmal erklären, was die Fans überhaupt wollen.“ „Ja weißt Du, auf der Süd gibt es so Nazis. Und gegen die sind diese Fans“, erklärt Ülle langsam. „Nazis hatten wir in der Schule mal“, leuchtet es in Majos Augen auf. „Genau, und dies hier sind Neonazis“, erhöht Ülle vorsichtig den Informationsgehalt. „Waren die nicht für diesen Hitler?“, fragt Majo weiter. „Ja genau, und dieser Fanclub ist gegen die neuen Nazis.“ „Und warum?“, fragt Majo. „Ja weil die böse sind und dauernd Feuerwerk zünden.“ „Ich finde Feuerwerk schön“, erklärt Majo. „Aber doch nicht im Stadion!“, wird Ülle ungeduldig. „Ach im Stadion auch. Nur krieg ich davon so wenig mit, weil ich immer auf den Trainer achten muss“, erzählt Majo. „Du sollst auf den Ball gucken“, empört sich Reusi. „Auf der Bank auch?“, ist Majo überrascht. „Rufst Du nun an oder nicht?“, braust Ülle auf. „Ey Alter, komm runter, na klar“. Majo zückt eines seiner Smartphones: „Ey hallo Manager, was geht?“, fragt er in den Hörer. „Ja Manager, also, wir haben da so einen Brief gekriegt.“ – „Wie, der Rodel hat auch schon angerufen?“ – „Ja wollen wir denn nichts machen gegen diese Nazis?“ – „Auf der Homepage veröffentlicht. Einen Aufruf. Aha. Was soll ich?“ – „An meine Diät halten, mach ich doch, Manager.“ Majo wedelt mit dem halb abgebissenen Twix light vor der Linse des Gerätes herum. Braune Kakaotropfen bedecken die Kamera. Majo legt auf. „Und was sagt er?“, will Ülle wissen. „Irgendwas von sehr symbolisch oder so. Wegen braun. Was meint er wohl?“ „Ach nix, werfen wir den Brief einfach weg. Ich habe jetzt meine Physiostunde“, sagt Ülle und steht auf. „Ich geh mal gucken, wie weit Madelleine mit dem Fernsehturm ist“, sagt Reusi und erhebt sich mühsam. „Keiner hat Zeit. Keiner erklärt mir hier was richtig. Der Manager ist auch gemein zu mir“, seufzt Majo versonnen. Während er vor sich hin träumt, erschüttert ein Schrei das stille Haus. Wie ein geölter Blitz ist Majo auf den Beinen und stürmt zum Flur. Dabei trifft er den Schaumstoffball mit Vollspann. Diesmal erwischt der Reusis Freundin Madelleine, die mit erhobenen Händen durch den Flur läuft. Ihre Nägel sind noch nicht trocken. Gleichzeitig stürzen Majo und Reusi in Ülles Zimmer. Der Freund liegt auf einer Therapieliege. Der Physio krümmt sich vor Schmerz in der Ecke. „Ey Alter, was geht?“, geht Majo auf ihn zu. „Wieder einer“, ist alles, was Reusi einfällt. Gekonnt tritt er gegen Ülles Liege, sodass sich diese zehn Zentimeter in die Luft erhebt. Sofort klappt am Fußende ein Bildschirm hoch: „Oh Herr Schürle, was kann ich für Sie tun?“, fragt die freundliche Stimme der Mitarbeiterin vom ASB. „Oh Entschuldigung. Aber vielleicht holen Sie Ihren Mitarbeiter ab.“ „Was ist denn passiert?“, fragt die Dame teilnahmsvoll. „Ach ähm ja, der hatte einen Unfall“, stammelt Ülle. „Schon wieder einer“, entfährt es der Dame höchst unprofessionell, „oh entschuldigen Sie bitte, wir schicken sofort jemanden ins Haus. Nur fünf Minuten.“ Der Bildschirm erlischt und klappt automatisch ein. Da betritt Mama Götze die Szene: „Mein lieber Marco, fang mal Deine halbnackte Freundin ein. Die läuft im Garten herum und brüllt irgendwas von Irrenhaus. Und Du mein lieber Junge, was hast Du mit dem Therapeuten vom lieben André gemacht?“ „Das war Ülle“, verteidigt sich Majo sofort. „Er hat mich komisch am Oberschenkel berührt. Da hab ich ihn weggetreten“, erklärt Ülle. „Schon der Dritte in einer Woche, So schlimm verletzt kannst Du ja gar nicht sein“, erklärt Mama Götze. „Sag das bloß nicht dem Trainer, meint ihr Sohn vom Fenster her, „da kommt gerade der ASB. Oh weia! Die sammeln erstmal Reusi und Madelleine ein. Die beiden ringen nämlich noch auf der Wiese miteinander. Madelleine hält immer noch die Hände in die Luft. Ich glaube, die Sanis halten die beiden für bekloppt und nehmen sie mit“. Mama Götze stürzt aus der Tür und schreit: „Halt, das sind die Falschen!“

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