Makula im ÖPNV

Hat Ihr Mann auch Makula?

Hier mal wieder ein berichtenswertes Erlebnis aus der Straßenbahn. Heute auf der Fahrt von Eving nach Hombruch. Thorsten und ich sitzen nebeneinander in der U42 und reden über die Dezember-Veranstaltung in der Kommende zum Thema gemeinnützige Stiftungen. An der Möllerbrücke werden die beiden uns gegenüber liegenden Plätze besetzt von einem Paar um die Sechzig. Die beiden lassen sich mit ihren diversen Taschen umständlich nieder. Dann fällt ihr Blick auf uns.

Und nun stößt sie ihn mit dem Ellbogen in die Seite.

Sie (laut und auf Thorsten zeigend): „Guck doch mal, Siggi, der Mann hat einen Stock.“

Er: „Hm“

Sie: „Der sieht ja noch weniger als ich. Der ist ganz blind“

Er: „Hm“

Ich habe unser Gespräch inzwischen unterbrochen, weil ich einfach nicht glauben kann, was ich da mit meinen eigenen Ohren höre. Aber ehe wir uns zu einer Reaktion aufraffen, geht es weiter.

Sie (so allgemein in die Runde): Ich habe nämlich nur noch 30 % wegen Makula. Nicht wahr, Siggi?“

Er: „Hm“

Sie (dann an mich gewandt): „Hat Ihr Mann auch Makula?“

Thorsten, der endlich auch was merkt: „Nein, Makula hat er nicht.“

Ich: „Nein. Und er kann sprechen.“

Die beiden gucken ein wenig verdutzt. Sie können diese Antwort nicht einordnen und sind anscheinend zu dämlich, um die Ironie darin zu erkennen. Wahrscheinlich hatte man auf einen regen Austausch zum Thema „Makula“, Sehrest und Blindsein gehofft. Natürlich mit mir, denn der arme Blinde wird als Gesprächspartner gar nicht in Erwägung gezogen.

Thorsten bleibt erstaunlich gelassen. Natürlich hat er so etwas schon öfter erlebt. Ich hatte wohl von solchen Reaktionen gehört, live erlebe ich eine derartige Unverschämtheit zum ersten Mal. Kann man sich ein dickes Fell wachsen lassen, um mit einer solchen Missachtung klarzukommen? Glaube ich nicht. Vielleicht gibt es Tage, an denen es halbwegs gelingt, darüber hinwegzuhören; aber sicher nicht immer. Manchmal muss man doch vor Wut und Frustration die Wände hochgehen in solchen Situationen.

Wie geht man mit solchen Verhaltensweisen um, die allenfalls zu einem Kindergartenkind passen, aber für einen erwachsenen Menschen absolut indiskutabel und asozial sind? Soll man diskutieren? Laut werden? Erklären? Sarkastisch werden? Das ganze überhören?

Ich weiß es nicht. Es gibt bestimmt auch kein Patentrezept. Heute Abend tendiere ich zu der unpazifistischen Ansicht, dass es angemessen wäre, der dummen Gans beim Aufstehen und Aussteigen den Stock zwischen die Füße zu halten oder in die Rippen zu stoßen. So ganz aus Versehen natürlich.

 

Ein dickes Fell dagegen gibt es meiner Ansicht nach nicht. Der Mensch ist jeden Tag anders gestimmt. Gestern war ich friedlicher Laune und so regte mich diese arme Frau nicht auf. An anderen Tagen kann das sehr viel verletzender wirken. Gewöhnung hingegen gibt es. Meine verstorbene Frau lebte in einem großen Haus mit betreutem Wohnen. Die 70 Parteien waren größtenteils Ü70. Im Treppenhaus, im Fahrstuhl, im Flur – überall traf ich natürlich beim Kommen und Gehen auf diese alten Herrschaften. Sie waren alle freundlich und hilfsbereit. Was aber mitschwang oder offen zutage trat war, dass ich ja noch sehr viel schlimmer dran bin als sie selbst. Oft ging es ums Treppelaufen, das mir eigentlich niemand zutraute. Eine Zeit lang nervte mich das kolossal und ich hatte Widerwillen gegen dieses Haus und seine Leute. Mehr und mehr trat Gewöhnung ein. Gerade alte Menschen scheinen regelrecht auf der Suche nach anderen zu sein, denen es noch schlechter geht.

Diese Dame gestern in der Bahn war schon ein schwerer Fall. Meiner Ansicht nach hat Reden und Erklären keinen Sinn. Die Zeit ist zu knapp. Außerdem musst Du nicht auf jede Blödheit freundlich reagieren. Eher hilft der Holzhammer, der eine Portion Schlagfertigkeit voraussetzt. Das hilft vor allem uns selber, den blitzartig entstehenden Dampf gleich wieder abzulassen.

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