Stuttgart 25

Wer regt sich eigentlich noch auf, wenn Großprojekte vielfach teurer werden? Ja genau, fast niemand eigentlich. Ein wenig hänge ich persönlich an dem Projekt in Stuttgart. Deshalb greife ich die Meldungen dieser Woche überhaupt auf. Ich verfolgte seinerzeit die Schlichtungsverhandlung ums Bahnhofsumbauvorhaben. Geleitet von Heiner Geißler wurden sie in Phönix live übertragen. Es waren zum Teil hitzig, zum Teil sehr sachkundig geführte Diskussionen. Für die DB führte Volker Kefer das Wort. Der Bahnvorstand, der im September seinen Hut nehmen musste. Ein besonnener Mann mit viel Wissen. Tanja Gönner vertrat die Landesregierung Baden-Württemberg. Die Christdemokratin hat Haare auf den Zähnen und kann einem Schauer über den Rücken jagen mit ihrem Biss und ihrer Kälte. Stärkster Bahnhofsgegner war Boris Palmer. Der Grüne war und ist Oberbürgermeister von Tübingen. So verbrachte ich Stunden mit dem Für und Wider. Trotz aller guten Argumente konnten mich die Befürworter nicht überzeugen. Ich hatte aber die Hoffnung, solche öffentlich geführten Gespräche könnten Schule machen. Die Hoffnung trog. Unions- und FDP-Politiker zeterten damals, ob man denn in Deutschland kein Großprojekt mehr durchziehen könne? Die Welt würde über uns lachen. Oh ja, das tut sie. Vor allem über den BER. Demnächst womöglich auch wegen Stuttgart 21. Sie kennen den Fortgang der Geschichte. Die Blassen waren große Gegner des Projektes. Durch Fukushima wurden sie in Stuttgart an die Macht gespült. Nun waren die Blassen plötzlich irgendwie an Zusagen der Vorgänger-Regierung gebunden. Sie wanden sich aus der Falle, indem sie das gesamte Volk in BW abstimmen ließen. Nicht nur die Stuttgarter, die der Bahnhof samt Umbau hauptsächlich betrifft. Wie Kretschmann gehofft hatte, stimmten die Schwaben und Badener für den neuen Bahnhof. Formell waren die Blassen damit aus dem Schneider.

Nun bauen sie dort seit Jahren vor sich hin. Unter dem alten Bahnhof soll ein neuer entstehen. Und zwar um 90 Grad gedreht. Statt wie bisher ein Sack- soll Stuttgart ein Durchgangsbahnhof werden. Wie wir uns vorstellen können, müssen für eine Bahnhofsdrehung auch neue Zubringergleise gelegt werden. Alles eine Riesenaufgabe. Technisch machbar. Für Ingenieure sicher ganz spannend. Aber nötig? Klar, ein Durchgangsbahnhof spart Zeit. Leider bringt das gerade für die ICE nicht so viel. Weil die weitere Strecke nach wie vor kurvig über die Schwäbische Alb nach Ulm führt. Dort kann nicht schnell gefahren werden. Nun gut, vielleicht, eines Tages, wer weiß? Die vielen alten Gleise durchziehen die Stadt wie eine Schneise. Diese Schneise dient der Belüftung. Ja, es klingt etwas merkwürdig. Aber alle, die sich einmal mit Stadtklima beschäftigt haben, wissen, wie sensibel das sein kann. Stuttgart liegt in einer Mulde. Der Luftaustausch ist schlecht. Schon in diesem Jahr gab es den Aufruf, das Auto stehen zu lassen. Smog ist wieder da. Die Befürworter des neuen Bahnhofs sehen im alten Gleisbett prima vermarktbare Baufläche mitten in der Stadt. Wird die Schneise zugebaut, ist es aus mit der Belüftung.

Die Bahn zahlt Anwohnern der Baustelle freiwillig Hotelzimmer, weil der Baulärm unerträglich ist. Wir reden hier von Monaten und Jahren. Natürlich ist das nur eine Behelfslösung. Wer das Pech hat, dort zu wohnen, dem bleibt wohl nur die Flucht in den Umzug. Und um auf unsere Ausgangsfrage zu kommen, wer regt sich noch über die Kostensteigerung auf? Ursprünglich waren mal 2,6 Milliarden angesetzt. Offiziell erwartet die Bahn aktuell 6,5 Milliarden Euro. Das ließen sie sich jüngst von KPMG bestätigen. Diese nette Firma war uns neulich im Zusammenhang mit dem Verkauf des Flughafens Hahn begegnet. Kritiker beziffern die voraussichtlichen Kosten auf bis zu 9,5 Milliarden Euro. KPMG selbst hält es für möglich, dass der Termin zur Fertigstellung 2021 nicht zu halten ist. Deshalb haben wir unsere Überschrift schon mal angepasst. Wer lacht da jetzt noch über wen, liebe Unionierten? Hatten die bösen „Wutbürger“ am Ende doch Recht? Oder lacht gar niemand mehr? Noch haben wir von Stuttgarts neuem Bahnhof nicht den gleichen Eindruck wie vom Berliner Flughafen. Nämlich, dass er niemals fertig wird. Das liegt aber vielleicht nur daran, dass sie in Berlin schon weiter sind. Im Südwesten könnte es genauso enden. Währenddessen rotten viele andere große und kleine Bahnhöfe vor sich hin. Von Barrierefreiheit ganz zu schweigen.

 

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