Wie der Blinde so seiner Frau begegnet – Kapitel 15

„Manfred, Du weißt ja, dass wir übermorgen unseren Liebesausflug haben?“, fragt Sabine ihren Gatten, der schon Hut und Mantel trägt und die Wohnung verlassen will. „Lass uns das Samstag machen. Da habe ich mehr Zeit“, sagt Manfred und streichelt Pfiffi zum Abschied. „Aber das ist gar nicht unser jährlicher Lieblingsausflugstag“, widerspricht Sabine. „Aber für Freitag bin ich schon verabredet“, meint Manfred etwas schuldbewusst. „Sag bloß, Du triffst Dich an unserem Tag mit dieser Rosa“, schwillt Sabine die Zornesader. „Nein nein, Petra und Volker haben mich eingeladen. Sie machen da so ein neues Spiel für Blinde. Das will ich mir mal ansehen“, beschwichtigt Manfred und ist froh, dass er nicht lügen muss. „Und die spielen nur diesen Freitag?“, ist Sabine noch nicht besänftigt. „Außerdem muss ich doch arbeiten. Die machen bei uns Inventur. Und jetzt suchen sie ein paar Rasenmäher und Kantenschneider und Laubbläser und was weiß ich noch. Vor lauter Subunternehmern blickt da keiner mehr durch. Der Hexler hat die Wartungsverträge in seinem Schrank eingeschlossen und ist auf Fortbildung. Den Schrank kriegt nicht mal der Amtsleiter auf“, erklärt Manfred seiner Gattin. Die hat leise ein Schlückchen genommen. Vor Manfreds toten Augen. Aber auch vor seinen wachen Ohren. „Also das gibt es doch nicht. Hat denn keiner einen Ersatzschlüssel oder sowas? Was seid Ihr denn für ein Saftladen?“, braust Sabine wieder auf. „Ein ganz normales städtisches Amt. Die sind alle so. Den Ersatzschlüssel hat wohl die Sekretärin, die vor einem halben Jahr gefeuert wurde. Die hatte ein Verhältnis mit Hexler und unserem Amtsleiter Grünkern-Bratling gleichzeitig.“ „Aha, und mit Dir wahrscheinlich auch noch?“, bricht sich Sabines Eifersucht mal wieder Bahn. Da wird es Manfred zu dumm: „Nimm noch ein Schlückchen und ruh Dich etwas aus“, zischt er und schließt die Wohnungstür hinter sich. Unten begegnet ihm Carlo: „Na, wieder LPF-Stunde oder wie das heißt?“ „Genau, aber ich höre schon das Taxi. Soll ich Ihnen mal nachher davon erzählen?“, fragt Manfred. „Ja gern, ich bin erstmal zu Hause. Klingeln Sie doch, wenn Sie zurück sind.“

„Guten Tag, mein Junge. Willst Du Deine alte Mutter besuchen?“, fragt Gertrude ihren Sohn, der gerade zur Haustür hereinkommt. „Oh guten Morgen Mutter. Nein, tut mir leid. Ich bin mit Carlo, also Herrn Gerstenbinder-Lüdke verabredet.“ „Das ist aber schade. Wir sehen uns so selten in letzter Zeit. Oh Entschuldigung“, schlägt Gertrude die Hand vor den Mund. Solche Fettnäpfchen hat sie früher elegant umschifft. „Heute zum Abendessen sind wir verabredet, hat Sabine jedenfalls gesagt“, entgegnet Manfred und klingelt bei Carlo. „Oh ja, das hätt ich fast vergessen. Ich koche Dir Dein Lieblingsgericht. Kartoffelbrei und Würstchen. Freust Du Dich?“, fragt Gertrude. „Bis nachher dann“, sagt Manfred und wendet sich Carlo zu. Der peilt die Lage und zieht Manfred hurtig in seine Wohnung. Bald sitzen sie in der gemütlichen Küche. „Ich weiß ja nicht, ob ich der Ältere bin. Aber wollen wir nicht Du sagen“, fragt Manfred. „Aber klar, also ich bin Carlo.“ „Und ich Manfred, aber das weißt Du ja schon.“ Zum Anstoßen eine kalte Cola?“ „Ja gern, für einen Schuss Asbach ist es aber noch zu früh. Außerdem muss ich noch arbeiten. Aber etwas betrunken bin ich trotzdem.“ „Den Eindruck habe ich auch. Dein Dauergrinsen spricht Bände.“ Carlo serviert. Natürlich ohne sichernden Magnetismus. Sie stoßen an. „Es steckt aber keine Frau dahinter. Jedenfalls nicht nur“, beginnt Manfred zu erzählen, „es ist auch die LPF-Stunde. Ich habe heute zum ersten Mal etwas gekocht.“ „Au backe, das geht!“, ist Carlo doch etwas verblüfft. „Naja es waren bloß Pellkartoffeln. Aber immerhin mit einem echten Herd fabriziert. Nur das Pellen war nicht so einfach. Die Dinger sind ja heiß. Martina hat mir aber einen Trick gezeigt. Hältst Du eine halb gepellte Kartoffel unter Wasser, kannst Du viel besser fühlen, wo noch Schale ist.“ Carlo nickt. „Ja und Kräuterquark gab es dazu. Das war eigentlich ganz einfach. Zwei Becher Quark zusammen in eine Schüssel, ein paar Gewürze und Schnittlauch dazu. Die haben da Gewürzbehälter mit Punktschrift“, ist Manfred gar nicht zu bremsen. „Und hat es geschmeckt?“, fragt Carlo ehrlich interessiert. „Bombastisch supertoll, kannste Dir ja denken?“, jubelt Manfred hörbar stolz. Bald kommen sie auf die Punktschrift zu sprechen und Manfred erzählt die Louis-Geschichte, die wir aus dem vorigen Kapitel bereits kennen. Zum Thema Paris kann Carlo beisteuern, dass er dort mit Montana war. Die hatte behauptet, Französisch zu können und die Leute nach dem Weg gefragt. So brauchten sie drei Stunden, um ins Hotel zurück zu finden. Als Manfred auf seine Uhr schaut, springt er halbwegs vom Stuhl: „Oh weia, halb drei schon. Gleich kommt mein Taxi zur Arbeit. Und Pfiffi war wahrscheinlich auch noch nicht richtig draußen.“ „Doch doch, mit Deinem Vater. Ich habe sie im park gesehen“, beruhigt ihn Carlo. Beide verabschieden sich herzlich und Manfred hastet so schnell er kann die Treppe hinauf.

Zum Abendessen kommt Manfred allein. Wie vor der Arbeit findet er seine Gattin auch danach im Wohnzimmer vor der Glotze. War sie nachmittags noch halbwegs ansprechbar, schlummert sie abends selig. Manfred guckt erst gar nicht auf dem Couchtisch nach leeren Flaschen. Er schaltet den Fernseher aus und sagt seinen Eltern, dass Sabine etwas krank ist: „Ein bisschen Magen-Darm, das wird bald wieder.“ Karl-Heinz nickt. „Du sollst nicht nicken, wenn der Junge dabei ist. Am besten nickst Du überhaupt nie mehr“, faucht Gertrude. „Aber Ja sagen darf ich noch, wenn Du was anordnest?“, fragt Karl-Heinz keck. „Allerdings. Weil das immer vernünftig ist, was ich vorschlage“, bemerkt Gertrude natürlich nichts vom Spott. Sie wedelt mit einem Tuch und bindet es Manfred – ohne zu fragen – um den Hals, als sich der Sohn hingesetzt hat. „Ein neues Schutztuch hat Deine Mama Dir besorgt. Mit Kreuz darauf. Damit der Herr Deine Mahlzeit segne“, flötet Gertrude und macht einen Doppelknoten. Manfred schiebt versuchsweise seinen Teller. Der sitzt magnetenfest. Auch der Löffel hält sich ziemlich hartnäckig an der magnetischen Unterlage. Karl-Heinz betet vor und Gertrude sagt noch vorm ersten Bissen: „Mein Junge, wie versprochen. Die Würstchen habe ich Dir klein geschnitten. Die sind links. Ich meine von halb zwei bis fünf.“ Es schmeckt. Fast so gut wie die eigenen Pellkartoffeln. Manfred ist nicht recht bei der Sache. Er denkt ein wenig an Sabine, die immer mehr trinkt. Vor allem aber an Rosa, die ihn für Sonntag zu einem gemütlichen Nachmittag eingeladen hat. „Lieber Junge, hast Du denn Samstag etwas Zeit für Deine alte Mutter?“, fragt Gertrude nach einer Weile. Manfred ist gewarnt: „Eigentlich nicht. Da haben wir unseren Ausflugstag, weißt Du?“ „Aber Sabine ist doch krank“, entgegnet Gertrude. „Ach bis Samstag geht das wieder. Da bin ich zuversichtlich“, mischt sich Karl-Heinz ein, der ja die Lage im ersten Stock kennt. „Aber weißt Du, Manfred, Pfarrer Seelighaus will extra wegen Dir hierher kommen“, ignoriert Gertrude ihren Gatten. „Um sich zu entschuldigen?“, fragt Manfred erstaunt. „Aber Kind, die Wege des Herrn sind immer weise und wahr. Pfarrer Seelighaus folgte diesen Pfaden. Dafür kann er sich doch nicht entschuldigen“, erklärt Gertrude im besten Salbader-Singsang. „Und was will er dann?“, fragt Manfred drohend. „Mit uns beten und gemeinsam nach einer geeigneten Buße für Dich suchen. Immerhin hast Du auch das letzte Hochamt geschwänzt“, singsangt Gertrude weiter. „Ihr habt nichts kapiert, Du und dieser Pfaffe“, schimpft Manfred ehrlich böse, „bleib mir mit Deinem Pfarrer und der ganzen Kirche erstmal weg! Ich bin vorläufig geheilt.“ „Aber die Kommunionkinder haben im Pfarrersunterricht alle für Deine Heilung gebetet. Möchtest Du noch etwas Kartoffelbrei, mein Junge?“ bleibt Gertrude unbeirrt. „Nein danke, vor lauter Heiligkeit bin ich satt“, sagt Manfred und steht auf. „Aber Junge, wir wollen Gott noch für unsere Mahlzeit danken“, hält ihn die Mutter auf. Karl-Heinz fummelt bereits am mütterlichen Knoten in Manfreds Nacken herum: „Komm Manfred, wir gucken noch nach Deinen Sachen für morgen“, sagt der Vater und drückt der sprachlosen Gertrude das Schutztuch in die Hand. Vor die Borkenstock-Tür hat die Nachbarin ein Windlicht mit brennender Kerze gestellt. Karl-Heinz löscht die Kerze und stellt das Ganze vor die Borgstein-Waldschmidt-Tür. Im Flur stehend sieht er aus dem Augenwinkel Sabine auf dem Sofa liegen. „Willst Du Deine Frau nicht ins Bett bringen?“, fragt er Manfred, „die liegt da in Klamotten auf dem Sofa.“ „Sie trinkt doch nicht. Das weißt Du doch. Sie hat alles im Griff. Höchstens mal ein Gläschen. Das sagt sie immer“, antwortet Manfred. „Aber Du weißt schon, dass dort Fläschchen auf dem Tisch stehen?“ „Ach Papa, am Samstag muss sie ja nüchtern bleiben, wenn wir nach Oberhausen fahren. Da will ich mal mit ihr reden. Heute lohnt sich das nicht. Soll sie ihren Rausch alleine ausschlafen.“

Am Freitag hat Manfred die Spätschicht. Um kurz vor sieben wollen Petra und Volker kommen und ihn abholen. Mehr als eine Stunde traut sich Manfred nicht zu schwänzen. Immer noch läuft im Grünflächenamt der Stadt die Inventur. Seit Dienstbeginn versucht Manfred, Herrn Mogelberg von der Firma „Ihr Motor ist ein Lebewesen“ zu erreichen. Endlich um halb sieben nimmt jemand den Anruf an. Selbstverständlich ist es ein Mobiltelefon, das Manfred anwählt: „Ja hallo?“ „Hier spricht Borkenstock vom Grünflächenamt, spreche ich mit Herrn Mogelberg?“ Es knackt und rattert in der Leitung. „Hey Boris, was geht?“, hört Manfred. „Hier ist das Grünflächenamt!“, ruft er in den Hörer. „Ja Boris alles klar mit den Fahrzeugen vom Grünflächenamt“, sagt Herr Mogelberg. „Nein, nicht Boris, sondern Borkenstock“, geht Manfred ein Licht auf. „Genau Boris, die Sachen kommen in Rostock aufs Schiff und dann ab gen Osten“, erahnt Manfred und ruft: „Die sollten Sie doch reparieren!“ „Ach nix reparieren. Waren ganz in Ordnung. Kriegen wir prima Preis in Russland.“ Jetzt mischt sich noch ein helles Viepen ins Gespräch ein. „Ey Boris, schlechte Leitung. Alles klar. Mach Dir keine Sorgen!“, kriegt Manfred noch mit. Danach ist das Gespräch zu Ende. Manfred ist ratlos. Was soll er denn jetzt machen? Werden da etwa die städtischen Fahrzeuge nach Russland verkauft? Er grübelt noch, als Petra und Volker kommen. Sie drängeln. Außerdem sucht Volker seinen Hausschlüssel. Den muss er mittags hier vergessen haben. Für Manfreds Geschichte haben beide kein Ohr. Sie sind etwas spät dran und der Bus fährt gleich: „Los Volker, jetzt komm! Den Schlüssel kannst Du auch Montag noch suchen.“ „Wer weiß, ob der hier überhaupt ist. Manfred, Du hast auch nichts gesehen?“, fragt Volker. „Jedenfalls keinen Schlüssel. Nur ein halb angebissenes Brötchen“, sagt Manfred und schlüpft in seine Jacke. Draußen haken sich alle drei ein. Manfred pendelt schon ein wenig mit. Manchmal verheddert er sich mit Petra: „Mensch Manfred, seit wann kannst Du denn mit dem Stock umgehen?“, fragt sie erstaunt. „Ich übe jetzt öfter mit Rotraud bei uns im Park. An einer großen Straße wie hier waren wir aber noch nie.“ „Klappt aber schon ganz gut“, muntert Volker seinen Kollegen auf, „geh doch ruhig mal die letzten zwanzig Meter allein.“ Manfred ist gut drauf und versucht es. Linker Fuß, Stockspitze rechts. Rechter Fuß, Stockspitze links. Immer versetzt zueinander, um den kommenden Schritt zu sichern. So hat es ihm Rotraud erklärt. „Vorsicht!“, ruft ein Passant. Doch da ist es schon zu spät. Manfred knallt mit der Rechten Schulter gegen den Fahrplan der Bushaltestelle. „Oh Mann, was hab ich Blödmann denn jetzt falsch gemacht?“, schimpft Manfred auf sich selbst. „Sie haben nicht auf mich gehört“, sagt ein Mann mit sächsischem Akzent. „Aber doch. Ich bin sehr vorsichtig“, entgegnet Manfred. „Ey Manfred, ärger Dich doch nicht. Mit diesen Schildern ist das tückisch. Wenn Du mit dem Stock unten an den Masten kommst, hängst Du oben schon davor. Ist mir auch öfter passiert“, beschwichtigt Petra. Kurz darauf kommt der Bus und sie fahren zum Gemeindehaus. Dort hat der Verein seine Platte unterstellen dürfen. Heute sind insgesamt vier Spieler_innen vom Verein da. Sie haben gerade keine Saison und so machen einige Trainingspause. Manfred bekommt Zeit, sich den Tisch anzusehen. Ein wuchtiges Ding. Von einer Bande umrahmt, damit der Ball nicht abhauen kann. An beiden Enden ein Loch als Tor in der Tischplatte. Volker zeigt Manfred die Mittelplatte. „Hier musst Du drunter durch. Wenn Du gegen die Platte schießt, gibt’s einen Strafpunkt“, erklärt er und drückt Manfred einen Ball in die Hand. Der macht so ein raschelndes bis schwirrendes Geräusch. Manfred probiert: „Ist ja nicht mehr viel Luft zwischen Querplatte und Ball“, meint er. „Also immer schön den Ball flach halten“, lacht Holger. Er ist der Scherzkeks im Verein. Manfred bekommt einen Holzschläger in die Hand gedrückt und los geht’s. Erstmal schön langsam. Es hört sich gut an, wie die Kugel übers Holz rollt. Volker gibt nun etwas mehr Gas und Manfred wird der Schläger aus der Hand geschossen. Ihm zischen die Bälle nur so um den Schläger. Doch Manfred hat Talent. Und ein gutes Gehör. Es gelingt ihm immer besser, Volkers Schüsse abzuwehren. Viel zu schnell ist das erste Spiel rum. Manfred war völlig vertieft und ist überrascht, dass er nur 5:11 verloren hat. Im nächsten Spiel knallt Holger einen Ball an die Querplatte. Das rumpst mächtig. Von außen betrachtet findet Manfred das Spiel ganz schön laut. Doch andererseits kann er dieses Spiel mal ohne Kommentar verfolgen. Im nächsten Match ist Manfred gegen Petra dran. Sie ist auch noch Anfängerin. Beide schlagen noch nicht so fest gegen den Ball. Deshalb kommen sogar kleine Ballwechsel zustande. Anders als beim Tischtennis darf sich der Spieler beim Tischball den Ball mit dem Schläger zurechtlegen. Die Profis tun das, weil sie geübt haben, den Ball von bestimmten Punkten aus ins Tor zu schießen. Später spielt Manfred noch gegen Magda, die ihn mit ihren Crossbällen alt aussehen lässt. Das macht aber nichts. Manfred ist hellauf begeistert. Auf dem Weg zur Bushaltestelle redet er ohne Pause. „Wie kommst Du eigentlich nach Hause?“, fragt Volker an der Haltestelle. Darüber hat Manfred noch nicht nachgedacht. Die anderen vier fahren in andere Richtungen als Manfred fahren müsste. „Ich spendiere mir ein Taxi“, sagt er, „wie heißt denn hier die Haltestelle?“ So kommt der Neusportler sicher heim. Zu Hause ist nur Pfiffi noch wach. Im Wohnzimmer das übliche Bild. Nach unten will Manfred jetzt auch nicht mehr gehen. So wagt er mit knurrendem Magen eine Expedition in die eigene Küche. Dort stellt er fest, dass Sabine den Frühstückstisch nicht abgeräumt hat. Er findet noch ein Brötchen und so dies und das. Das erste selbst gemachte Essen in der eigenen Küche. Und niemand stört ihn oder nimmt ihm etwas aus der Hand. Es schmeckt großartig. Rundum zufrieden schläft Manfred an diesem Abend ein.

Warmgelbes Licht glimmt durchs Schlafzimmer unseres blinden Helden. Sabine hatte irgendwann die Sommerleuchte reingesteckt. Eine Sonne mit lachendem Gesicht. Manchmal weht ein Hauch aus der alten Zeit durch den jungen Haushalt. Manfred lächelt im Schlaf zurück. Ob er an Rosa oder an Tischball denkt, wollen wir offen lassen. Seinen alten Tastwecker hat Manfred auf sieben gestellt. Die Weckautomatik aus dem Schlaflabor programmiert längst keiner mehr. So müssen die zarten Nerven des Blinden das harte Läuten der Metallglocke ertragen. Bislang ist das gutgegangen. Obwohl sich Sabine und Gertrude das nicht vorstellen können. Als Manfred – wie in alter Zeit – mit der Zeitung zurück in die Wohnung kommt, steht Sabine gerade auf. Jedenfalls deutet fortgesetztes Stöhnen aus dem Wohnzimmer darauf hin. „Ich hab die Zeitung geholt und den Hund rausgelassen!“, ruft Manfred betont munter. „Oh ganz prima“, kommt es gequält. „Hast Du Kopfweh? Soll ich uns einen starken Kaffee machen?“, ruft Manfred. „Nicht so laut“, schimpft Sabine. Manfred legt die neue Zeitung neben das alte Geschirr. Dann setzt er den Kaffee auf und geht sich umziehen. „Na wie geht’s denn heute morgen?“, fragt er seine Frau, die mittlerweile am Küchentisch sitzt. „Wie spät ist es denn?“, fragt Sabine, ohne auf seine Sorge einzugehen. „Beim päpstlichen Sender schlägt es gleich acht“, erklärt Manfred, „meinst Du, wir können um neun fahren?“ „Ach lieber um zehn. Ich hab solche Kopfschmerzen.“ Das Frühstück verläuft schweigend. Sabine ist außerstande, ihrem Mann zu helfen. Schon der Anblick von Essen macht ihr Schwierigkeiten. „Der Lieblingsausflugstag fühlt sich an wie ein Zahnarztbesuch. Hätte sie ihn doch bloß nicht daran erinnert. Vielleicht hätte er ihn ja vergessen. Obwohl Blinde ja so ein gutes Gedächtnis haben. Soll er doch zu Rosa oder Rotraud oder sonst wo hingehen.“ Die Gedanken schleichen zäh durch Sabines gemartertes Gehirn. Gegen halb neun kommt Karl-Heinz mit Pfiffi zur Tür herein. Manfred steht auf. „Ich hab Euch Euren Ausreißer mitgebracht“, begrüßt Karl-Heinz die Eheleute. Manfred nimmt beide mit in sein Zimmer: „Sie wacht noch auf“, flüstert er. „Hat es denn noch was zum Frühstück gegeben?“, fragt der Vater. „Für mich reichte es noch. Aber morgen wird es knapp. Sabine brauchte nichts Festes.“ „Aber hoffentlich auch nichts Flüssiges! Sie fährt doch heute mit Dir nach Oberhausen?“ „Nur Kaffee. Ja, bis jetzt sieht es so aus. Und wie ist die Stimmung bei Euch unten?“ „Ach heute nicht so fromm. Gertrude hat irgendwas von 4 % Rentenerhöhung in der Zeitung gelesen. Jetzt rechnet sie aus, wieviel sie kriegt, wenn ich mal nicht mehr bin.“ „Das meinst Du hoffentlich nicht ernst“, braust Manfred auf. „Ach lass sie doch! Erzähl mir lieber, warum Du nicht zum Abendessen gekommen bist. Welche Frau steckt diesmal dahinter?“, neckt der Vater. „Petra“, sagt Manfred kurz. „Petra, wer ist das? Schon wieder eine Neue?“ „Nein, die Petra von Volker.“ „Manfred, jetzt hör aber auf! Lass Dir das gesagt sein von Deinem alten Vater: Die Freundin des Freundes ist tabu!“ „Also zum Beispiel Rotraud“, sagt Manfred. „Ja genau. Ach Quatsch. Mit Rotraud ist doch gar nichts.“ Karl-Heinz ist ganz aus dem Konzept gebracht. „Mit Petra auch nicht“, meint Manfred unschuldig. „Hat sie wieder ihren Labello vergessen, diese Petra?“, fährt Sabine dazwischen. „Kind, zieh Dir was an!“, ruft Karl-Heinz etwas fassungslos. „Ich will erst die Petra-Geschichte hören“, zickt Sabine von der Tür her. „Geht es Dir schon besser, mein Schatz?“, fragt Manfred. Kurze Pause. „Du sollst nicht nicken, wenn Dein Gatte dabei ist“, ahmt Manfred seine Mutter nach. „Ich hab gar nicht genickt“, antwortet Sabine und verzieht sich. „Also zurück zu Petra und Volker“, kehrt Karl-Heinz zum Thema zurück. „Ja, wir haben gestern miteinander Tischball gespielt.“ „Was habt Ihr gespielt?“ „Tischball, so eine Art Tischtennis für Blinde.“ „Mit so einem Rasselball wie in der Schule?“ „Papa, das war ein Gummiball in der Grundschule. Mit Glöckchen für Kinder. Dieser hier ist nur so groß und aus Kunststoff.“ Manfred zeigt etwa Tennisballgröße. Dann erklärt er seinem Vater, wie das Spiel ungefähr gespielt wird. „Und das macht echt Spaß. Da geh ich jetzt öfter hin“, endet er. „Das finde ich klasse. Mach das mal! Und da sehe ich ein nacktes weibliches Wesen durch den Flur huschen. Sieht schon viel lebendiger aus“, sagt Karl-Heinz laut genug. Sabine will ihre Zimmertür hinter sich zuschlagen. Das klappt natürlich nicht. Auch diese Tür hat den hier üblichen sanften Schließmechanismus. So kann Karl-Heinz beobachten, wie die Schwiegertochter rückwärts über am Boden verstreute Klamotten stolpert und auf den nackten Hosenboden landet. Leise schließt sich die Tür wie ein Vorhang vor der Szene. Karl-Heinz muss lachen. Dann erklärt er seinem Sohn den Anblick und beide lachen lauthals. Pfiffi ist begeistert, wenn sein Herrchen so fröhlich ist.

Um elf Uhr sitzen dann Sabine und Manfred in ihrem Wagen und es geht los. Ihm ist das ganz recht. Hatte Sabine doch mehr Zeit, ihren Restalkohol vom Vorabend zu verarbeiten. „Hoffentlich hat sie nicht nachgelegt“, denkt Manfred. Er hat sich ein Braillebuch für die Fahrt mitgenommen, die zunächst schweigsam verläuft. „Was hast Du denn heute mitgebracht?“, fragt Sabine, als sie aus der Stadt raus auf der Autobahn sind. Manfred hat seiner Frau gern vorgelesen, wenn sie längere Autofahrten gemacht haben. „Das sind so nette Kurzgeschichten von Fritz Ekenga“, sagt Manfred, „die hat mir Volker geliehen.“ Nach Minuten des Schweigens dreht Sabine das Radio an. In WDR 4 singt Heino gerade vom schönen Westerwald. Sie dreht das Radio wieder ab und fragt: „Magst Du heute nicht vorlesen?“ „Ja doch, warum nicht?“, sagt Manfred und beginnt: „Das Märchen von der traurigen Hausfrau.“ Seit Sabine und Manfred verheiratet sind, fahren sie einmal im Jahr nach Oberhausen in den Wald. Genauer gesagt in die Hühnerheide. Hier haben die Jäger in Kooperation mit dem Blindenverein und ein paar Geldgebern einen besonderen Lehrpfad für Blinde und sehbehinderte geschaffen. Ein selbständig begehbarer Weg führt durch den Wald. Neunmal wird der Kiesweg durch Pflastersteine unterbrochen. An diesen Stellen stehen am Wegesrand kleine Stationen. Dort erfährt der Wanderer etwas über den Wald. Manchmal akustisch, in Form von Reliefs und kurzen Texten in Brailleschrift. Alles wetterbeständig aus Metall. Zu Beginn ihrer Ehe hatte Sabine nach Zielen Ausschau gehalten, von denen Manfred mehr hat als nur den Beschreibungen sehender Menschen zuzuhören. So hatte das nämlich Gertrude gemacht. „Der Junge hört mir gern zu, wenn ich ihm Kirchen beschreibe“, hatte sie gesagt. Als Freund der Punktschrift war Manfred sehr begeistert von diesen Lehrstationen in der Hühnerheide. Deshalb fahren sie heute zum fünften Mal hierher. Die traurige Hausfrau hat sich in der Waschmaschine ertränkt, als sie ankommen. „Nicht jedermanns Humor. Aber immerhin nicht im Suff ertränkt“, denkt Manfred beim Aussteigen. Vorsichtig greift Manfred nach Sabines Ellbogen. Berührt haben sich die Eheleute in letzter Zeit sehr selten. „Ich hab mitgekriegt, wie Du neulich mit Deiner Mutter telefoniert hast. Wollen Deine Eltern bald mal zu Besuch kommen?“, versucht Manfred, ein Gespräch anzuknüpfen. „Ja schon, in ein paar Wochen vielleicht“, entgegnet Sabine kurz. „Und freust Du Dich darauf?“ „Ja schon.“ Pause. „Weißt Du noch, wie wir zum ersten Mal hier waren?“ „Ach ja, lang ist’s her.“ Pause. „Ich habe gestern ein neues Spiel ausprobiert. Extra für Blinde.“ „Mit Petra?“ „Ja, mit Petra und Volker.“ „Ach was, gleich zu dritt!“ „Nein, wir waren zu fünft oder sechs.“ „So genau weißt Du das wohl gar nicht mehr? Muss ja heiß hergegangen sein.“ Diesmal zieht sich die schweigende Pause länger hin. „Na sag schon!“, drängelt Sabine. Manfred lässt Sabines Arm los: „Ich glaube, Du denkst immer nur noch in eine Richtung. Kann das sein?“ „Ich kann irgendwie nicht anders. Immer sehe ich Dich mit dieser Rosa auf dem Bahnsteig in Düsseldorf verschwinden.“ „Aber Sabine, das ist Monate her.“ „Na und? Ihr habt ja weitergemacht. Oder besser, Eure Beziehung vertieft.“ „Ja weißt Du, anfangs bin ich da so reingestolpert. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Heute weiß ich, dass ich bei Rosa das erste Mal das Gefühl hatte, ein Mann zu sein.“ „Und bei mir nicht?“ „Nein, Du weißt doch, wie unsere Versuche gescheitert sind. Ich hatte gar keine Ahnung, was ich machen soll.“ „Ja glaubst Du denn, ich hätte eine Ahnung gehabt?“ „Aber sicher. Du bist doch ganz normal sehend aufgewachsen.“ „Wie soll man denn bei zwei erzkatholischen Eltern normal aufwachsen? Außer Mädchenchor und Freiwilligendienst für Behinderte gab’s da nichts.“ „Willst Du sagen, Du hast noch nie?“ Sabine weint. „Oh, was sie da nur verpasst hat“, denkt Manfred. Er steht starr. Sabine in den Arm nehmen kann er nicht. Das wäre wohl auch nicht das Richtige in diesem Augenblick. „Sabine, das wusste ich ehrlich nicht. Ich dache immer, Du …“ „Und jetzt Du mit dieser Rosa. Ich kann das nicht aushalten“, schluchzt Sabine. „Das mit Rosa ist doch gar nicht die Hauptsache. Kriegst Du gar nicht mit, dass sich auch sonst eine Menge ändert?“ „Ach das ist doch alles nur Pillepalle. Ich sehe nur, dass Du dauernd zu dieser Frau gehst.“ „Das stimmt gar nicht. Wir sehen uns höchstens ein- oder zweimal in der Woche.“ „Und wann geht es das nächste Mal wieder rund?“ „Morgen“, flüstert Manfred, „aber es geht nicht rund.“ „Ach was, kann sie nicht oder was?“ „Sabine, jetzt denk doch mal an was anderes.“ „Ich denke, an was ich will.“ „Ja aber so kommen wir doch nicht weiter.“ „Weiter, weiter. Wohin sollen wir denn noch kommen?“ „Wäre es gut, wenn ich mit Rosa Schluss mache?“ „Vergiss es! Du machst doch sowieso nicht Schluss.“ „Das stimmt. Ich bin gern bei Rosa.“ „Jetzt erzähl mir bloß noch Einzelheiten!“ „Lass uns nach Hause fahren. Das hat doch hier alles keinen Sinn mehr“, seufzt Manfred. „Siehst Du, Du sagst es selber. Keinen Sinn mehr. Das glaube ich auch. Ich kann es nicht mehr ertragen in Deiner Nähe, Du, Du Fremdgänger!“ Plötzlich beginnt Sabine zu rennen. „Aber Sabine, wo willst Du denn hin?“, ruft Manfred hinter ihr her. „Nur weg von Dir!“, schreit Sabine heulend. Manfred steht ganz still. Seine Gedanken fahren Karussell. Bald darauf hört er einen Motor aufheulen und Reifen auf dem Kies knirschen. Ein Auto fährt davon. „Nein, Sabine fährt weg“, schießt es ihm ins Gehirn, „einfach weg. Wie damals Rosa.“ Manfred ist fassungslos. Sein erster Reflex ist, Karl-Heinz anzurufen und sich abholen zu lassen. Wie seinerzeit von der Müritz. Doch langsam steckt Manfred sein Smartphone zurück in die Jacke. Wie immer hat er als Kennzeichnung seinen Stock dabei. Vorsichtig und mit Bedacht schiebt Manfred ihn auseinander. „Noch bin ich ja auf sicherem Terrain“, denkt er und macht erste Schritte. Links, rechts, immer versetzt zueinander. Nach hundert Metern stößt Manfred auf die kleine Straße, die zum Lehrpfad führt. Er biegt rechts ein. „Immer an der Graskante orientieren, dann kann nichts passieren“, erinnert er sich an Rotrauds Hinweis. Manfred ist sehr konzentriert. Er weiß noch nicht, wohin dieser Weg führt.

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