Zaubertage

Das Zauberhafte in diesen beiden Berichten können Sie mit feinen Antennen spüren. Es geschieht nichts Spektakuläres. Der erste Text ist schon sieben Monate alt. Im Februar haben wir ihn nicht veröffentlicht. Er war nur für uns! Jetzt haben wir ihn etwas entprivatisiert. Er passt so schön zu unseren Erlebnissen am vergangenen Sonntag. Vielleicht erleben Sie diese lebendigen Momente ein wenig mit.

Der 14. Februar 2016 – Ein ganz besonderer Tag

„Hörst du, wie es regnet?“, fragt mich Thorsten. Wir sind heute schon ganz früh aufgebrochen und mit der ersten Straßenbahn in den Grävingholz gefahren. Das ausgedehnte Naturschutzgebiet im Dortmunder Norden kennen wir beide noch nicht. Fuchs und Hase sollen sich dort Gute Nacht bzw. Guten Morgen sagen. Also genau das richtige für unseren heutigen Sonntagsausflug.

An der U-41-Haltestelle Grävingholz müssen wir nur die Kemminghauser Straße überqueren, dann beginnt auch schon der Wald. Es ist so schön, einen Menschen zu kennen, der ebenfalls gern die morgendliche Frische erlebt. Nach einigen 100 Metern glauben wir uns in einer anderen Welt. Die Großstadt mit den lärmenden Autos ist völlig verschwunden.

Stattdessen schmale Spazierwege zwischen Laubbäumen und vor allem wohltuende Stille. Die Stille wird nur unterbrochen vom leisen Plätschern eines neben uns sprudelnden Baches und von dem eifrigen Klopfen der Spechte. Ab und zu bellt in der Ferne ein Hund. Die Luft ist feucht; es ist ein wenig neblig. Wir wandern durch den tropfnassen Wald. Andere Menschen sind zu dieser frühen Stunde kaum unterwegs. Ganz selten mal ein Hundebesitzer.

Es ist absolut friedlich. Wir überlegen, dass bestimmt jetzt in diesem Moment in Russland oder sonst irgendwo auf der Welt auch zwei liebende Menschen Hand in Hand spazieren gehen. Zwei Menschen wie wir, die sich an der Natur freuen und am Zusammensein. Zwei Menschen, die nicht im Entferntesten an Hass und Gewalt interessiert sind. Schon gar nicht an einem Krieg, der neuerdings wieder im Bereich des Möglichen zu sein scheint.

Zurück zu Thorstens Frage und zum Regen. Ich habe natürlich schon mal Regen gehört, aber nie so richtig bewusst, wird mir klar. Regen ist wunderbar, lerne ich jetzt. Regen klingt immer anders. Je nachdem, worauf die Tropfen fallen. Tatsächlich! Wir bleiben stehen, um keine Geräusche zu machen und dem Regen besser lauschen zu können. Ganz leise und sacht fallen Tropfen auf die am Boden liegenden moosbedeckten Äste. Wenn die Tropfen auf Blätter fallen, verursacht das ein etwas lauteres, knisterndes Geräusch, Und wenn sie in die Pfützen platschen, hören wir eher ein helles Pling. Je länger ich zuhöre, umso unterschiedlichere Töne nehme ich wahr. Das ist faszinierend und unglaublich schön. Wie eine Sinfonie.

Dies ist ein leichter Landregen. Wie die Musik hält der Regen noch andere Geräusche bereit. Einmal natürlich auf anderem Untergrund. Vor allem aber auch in seiner Intensität von Rauschen bis Nieseln, mit oder ohne Böen. Weil ich den Regen schon länger kenne, stelle ich mir gern seinen Weg vor. Von da oben zu uns hinunter. An diesem Morgen sieht der Tropfen den winterkahlen Wald. Er freut sich am Leben und an seinem Fall hinab zur Erde. Es war schön, mit den Wolken übers Land zu fliegen. Doch nun möchte er schweben und dann mit den Kumpels durch einen Bach hüpfen.

Dieser Spaziergang ist wunderbar. Wir sind uns einig, dass wir diesen Wald nicht das letzte Mal besucht haben. Wir haben nur einen Bruchteil gesehen. Es gibt im Grävingholz noch eine Menge zu erkunden.

Ein klein wenig durchnässt freuen wir uns bei Thorsten sehr auf den Kaffee.

Der Tag geht so magisch weiter, wie er begonnen hat. Zum Beispiel hören wir noch zusammen das Hörspiel Ambra, das letzte Geschenk. Es erzählt uns vom Sprechen und Singen der Wale.

 

Der 25. September 2016 – Ein ganz besonderer Tag

„Hörst du, wie es regnet?“, fragte mich Thorsten im Februar im Grävingholz.

Damals, an diesem außergewöhnlichen Tag im Winter, nahmen wir uns vor, ab und zu zurückzukehren in dieses schöne Waldgebiet im Dortmunder Norden.

Nun setzen wir diese Idee in die Tat um. Nein, heute regnet es nicht. Ganz im Gegenteil. Dieser 25. September ist ein Sommertag, wie man ihn sich nicht schöner wünschen kann. Die Temperaturen liegen bei mehr als 20 Grad, ein leichter Wind weht, die Sonne strahlt vom blauen wolkenlosen Himmel. Aber natürlich ist meteorologisch seit einigen Tagen der Herbst eingeläutet. Die Bäume wissen das auch. Deshalb leuchten ihre Blätter inzwischen im schönsten Gelb, Orange und Rot. Viele sind auch schon hinuntergesegelt, so dass es unter unseren Füßen leise raschelt beim Spazierengehen.

Eine Holzbank lädt zu einer Rast ein. Sie liegt in einer schmalen Lichtung zwischen mehreren Kastanien. Wir lassen unsere Gesichter von der Sonne bescheinen. Die neu erworbene Thermoskanne kommt das erste Mal zum Einsatz. Sie ist ein voller Erfolg. Der Kaffee ist noch heiß und tut gut. Wir sitzen dort und lauschen den geheimnisvollen Geräuschen des Waldes. Abgesehen von ein paar Joggern und Hundebesitzern sind noch nicht so viele Menschen unterwegs. Es knistert und knackt im Gebüsch, Vögel zwitschern in den Ästen über uns, Eichhörnchen huschen hin und her, um ihre Wintervorräte aufzustocken. Ab und zu spüren wir einen leichten Windstoß. Und der Wind bleibt nicht ohne Folgen. Auf einmal regnet es Kastanien. Unvermittelt fallen sie von den Bäumen. Sie plumpsen auf den Weg, auf die Büsche, fast in unsere Kaffeetassen und haarscharf an unseren Köpfen vorbei. Mir gefällt es besonders gut, wie sie mit einem leisen trommelartigen Plopp auf den gefällten Baumstämmen am Wegesrand landen. Ein paar Meter weiter stehen ein paar hoch gewachsene Buchen, die nun mit einer Menge Bucheckern für Nachwuchs sorgen wollen. Klar, die Bucheckern fallen aufgrund ihres geringeren Gewichts viel sanfter und leiser zu Boden. Das hört sich wieder völlig anders an. Kleine und große Blätter wirbeln durch die Luft. Ein paar von ihnen machen es sich auf unserer Bank gemütlich. Es herrscht eine zauberhafte Stimmung, denn der Einzug des Herbstes ist im wahrsten Sinne des Wortes mit Händen zu greifen und gleichzeitig vermittelt uns die immer noch heiße Sonne das Gefühl von Sommer. Selten ist die Natur so nah und unmittelbar.

Seit dem Baumbuch fühlen wir uns den Bäumen sehr viel näher. Sie sind zu Mitlebewesen geworden. Susanne kann an ihren Blättern beobachten wie sie sich auf den Schlaf im Winter vorbereiten. Manche früher, andere deutlich später. Und dieser Kastanienregen wirkt wie ein Gruß. Hier, Ihr mögt unsere Früchte. Wir spendieren Euch welche. Wir haben noch genug für neue Bäume.

Ein solches Baumgeschenk erhielten wir auch an einem anderen zauberhaften Ort in Dortmund. In Barop gibt es ein naturbelassenes und nur leicht gepflegtes Fleckchen Wald. Dazu gehört eine Obstwiese. Dort darf sich jeder nehmen, was er mag. Äpfel und Birnen hält die Natur hier für uns Menschen bereit. Als wir die Wiese besuchen, sind die Birnen noch klein. Aber Äpfel gibt es schon. Ganz verschiedene sammeln wir in einem Beutel. Dann sitzen wir auf dem warmen Gras in der Sonne und probieren. Es ist wunderbar still zwischen den Bäumen, deren Äste zum Teil schwer bis zum Boden hängen. So überreichlich ist das Angebot. Es ist schön, Freunde der Bäume zu sein.

 

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