MH17 muss landen

Im Juli 2014 wurde ein niederländisches Passagierflugzeug über der Ukraine abgeschossen. 298 Menschen starben. Gestern veröffentlichte eine internationale Untersuchungskommission ihre vorläufigen Ergebnisse. Geschossen wurde mit einer russischen Luftabwehrrakete älterer Bauart. Die Rakete ist von separatistisch kontrolliertem Gebiet abgefeuert worden. Das sagt die Kommission. Moskau widerspricht. Ganz ehrlich – ein anderes Ergebnis haben wir nicht erwartet. Vielleicht entspricht es der Realität. Kann sein. Wir sagen fifty fifty. Wir fragen uns jedoch, wozu soll das alles gut sein?

Das Ergebnis dient auf jeden Fall westlicher Propaganda gegen Moskau. Spätestens seit der Annektion der Krim sitzt der Westen im Ukraine-Konflikt auf einem sehr hohen moralischen Ross. Beispielgebend war erst am Montag Elmar Brok, CDU-Europapolitschauspieler, als er im DLF mit Inbrunst russische Kriegsverbrechen anklagte. Beispielgebend auch „Die Welt“, die heute keinerlei Verständnis für diejenigen hat, die mit Moskau wieder ins Gespräch kommen und die Sanktionen lockern wollen. Überhaupt kein Verständnis! Soweit ist die Sache klar. Wir müssen es hoffentlich gar nicht betonen. Aber natürlich ist dieser Abschuss ein Verbrechen und eine Tragödie. Wir fragen zum Beispiel, ist es üblich, über Kriegsgebiet zu fliegen? Oder geht es kaum noch anders auf dieser Welt? Dies aber nur am Rande.

In allererster Linie denken wir an die Hinterbliebenen. Sie haben vor über zwei Jahren große menschliche Verluste erlitten. Sohn, Mutter, Vater, Tochter – mindestens einen Liebsten haben sie verloren. Das ist schlimm. Die Frage Warum ist nicht zu beantworten. Selbst wenn feststünde, wer die Rakete abgefeuert hat, wäre diese Frage nicht beantwortet. Denn warum saß mein Mädchen ausgerechnet in dieser Maschine? Warum hat Wladimir ausgerechnet auf dieses Flugzeug gefeuert? Warum durfte ich nicht vor meinen Kindern sterben? Hätten sie nicht einen anderen Urlaubsort wählen können? Warum flog der Pilot diese Route? Die Warums nehmen kein Ende. Keines davon kann diese Kommission klären. Angeklagt wird niemals jemand, verurteilt schon gar nicht. Genauso wenig hilfreich wie die Warums wäre solch ein Prozess. Niemand wird wieder lebendig. Irgendein abstrakter Wladimir käme in irgendeinen Knast. Ist das Sühne?

Trauer braucht etwas ganz anderes. Sie lebt im Innern eines jeden Hinterbliebenen. Nur dort kann er oder sie mit ihr umgehen. Von außen ist da wenig zu tun. Wir haben das persönlich erlebt. Uns hat geholfen, die Trauer zuzulassen. Sie hat ihre wichtige Daseinsberechtigung. Ignorieren hilft gar nichts. Sie zu er- und zu durchleben hat uns geholfen. Die Tränen fließen, wann sie wollen. Darüber sprechen kann helfen. Bücher gibt es mengenweise. Mancher findet Hilfe im Glauben. Ein Trauerort mag wichtig sein. Wir haben erlebt, wie der Schmerz stumpfer und das Verlustgefühl kleiner wurde. Die Blicke zurück wurden seltener. „Die Zeit heilt alle Wunden“ stimmt nur dann, wenn sich unser weiteres Leben in die richtige Richtung bewegt. In unserem Fall meinen wir mit Leben die Trauer. Immer häufiger kann sich unser Blick dann wieder ins Jetzt oder die Zukunft richten. Wir befürchten, dass solch eine Kommission den Hinterbliebenen nicht hilft. Deshalb schreiben wir diese Zeilen. Vielmehr hält sie die Wunde offen und eine Hoffnung am Leben, die trügt. Selbst ein 100%iges Ergebnis der Untersuchung wird den Hinterbliebenen nicht helfen. Hoffen sie darauf, warten sie vergebens. Das Schlimme ist, dass die Trauer während dieser Wartezeit nicht lebt und nicht kleiner wird. Das ist unser Hinweis, den wir an dieser Stelle gern geben möchten. Ähnliches erleben wir bei den Opfern des verschwundenen Flugzeugs da irgendwo in Asien. Sie suchen immer noch. Was sie jetzt noch finden könnten, kann nur die Wissenschaft identifizieren. Wenn überhaupt. Auf die muss sich die Hinterbliebene dann verlassen, dass das, was da in der Kiste ist, die Überreste ihrer Tochter sind oder so. Wir finden diese Vorstellung gruselig. Wir hoffen, dass sich die zurückgebliebenen Menschen darauf besinnen, dass sie im Innern die Kraft haben, ohne den Toten gut weiterzuleben.

 

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