Rob16 trifft Katharina und Nils

Nach dem Ausflug in die Pokemon-Welt erwacht Rob16 noch ein wenig desorientiert in den schützenden Ästen der Platane. Ein kurzer Selbst-Check sagt ihm, dass alle Systeme wieder einwandfrei funktionieren. Das ist gerade noch mal gut gegangen.

Allmählich kehren seine Lebensgeister zurück. Wirklich verstanden hat er dieses Pokemon Go an der elektronischen Hand immer noch nicht. Aber ihm dämmert immerhin, dass es sich dabei nur um eine Art Spiel handelt. Nein, das ist nicht das, was er sucht bei den Menschen. Mit der Technik kann man doch so viel mehr machen.

Unter ihm geht ein Pärchen vorbei, Arm in Arm. „Hast du mitgekriegt, was gestern hier los war, Nils?“ fragt die junge Frau. „Ja klar, die sozialen Netzwerke waren ja voll davon. Meine Güte, wie beschränkt diese Leute sind. Aber was will man hier am Clarenberg auch erwarten. Wenn die wüssten, wie nutzbringend man die Technik im Alltag anwenden kann. Stattdessen spielen sie nur Pokemon damit. Aber das machen wir zwei viel besser, Katharina.“ Die beiden lachen und schlendern weiter. Sie merken nicht, dass ihnen ein hellhörig gewordener Rob16 folgt. Wie denn auch? Sein Unsichtbarkeitsschirm ist ja wieder voll in Aktion.

Katharina und Nils sind nach einem erfolgreichen BWL- bzw. Informatik-Studium aufstrebende Hoffnungsträger der Finanzwelt und begleiten mit ihrem Know-How den Bau der Sparkassenakademie in der Hörder Burg. Vor Ort, am Phoenix-See, haben sie sich in einem loftigen Penthouse eingemietet. Mit 145 m² und 2.200 Euro Monatsmiete genau das, was sie sich vorgestellt hatten. Gut, der Blick auf den See ist momentan eher ein Blick auf Baukräne. Aber das sei nur vorübergehend, hat der smarte Makler ihnen versichert. Und sie haben in ihr neues Domizil schon eine Menge investiert. Alles, was die moderne Technik derzeit zu bieten hat, kann man bei ihnen finden. Das beginnt damit, dass sich das Tor zur Garageneinfahrt öffnet, wenn die kleine Kamera das Nummernschild ihrer Limousine registriert und diese Information an den Zentralrechner im Keller des Hauses weitergibt. Die Wohnungstür hingegen gleitet zur Seite nach dem Spruch „Sesam, öffne dich“! Hier hat sich Katharina durchgesetzt in Erinnerung an alte Märchen. Nun gut, die Spracherkennung versagt schon mal bei starker Erkältung und Heiserkeit. An diesem kleinen Problem bastelt Nils noch. Überflüssig zu erwähnen, dass alle Leuchtquellen auf Bewegungsmelder reagieren. Nun ergibt sich im Wohnzimmer das winzige Ungemach, dass die Lampen sich automatisch ausschalten, wenn man gemütlich auf dem Sofa sitzt und sich über einen längeren Zeitraum nicht rührt. Dann muss man eben mal mit den Armen wedeln oder ein Bein strecken. Das erhält die Fitness, meint Katharina dazu lakonisch. Das eigentliche technische Highlight aber ist die Küche, bzw. deren Herzstück – der Kühlschrank. In ihm wird gezählt, gemessen, gewogen, kurz, automatisch erfasst, was an Lebensmitteln vorhanden ist und was gekauft werden sollte. Nils hat ein Programm entwickelt, das genau registriert, wenn die Vorräte zur Neige gehen. Dieses Programm ist einzigartig. Er überlegt schon, welcher Software-Firma er es zur Vermarktung anbietet. Man kann die eigenen kulinarischen Vorlieben genauso einspeichern wie den angekündigten Besuch der befreundeten Yuppie-Kollegen-Pärchen. Bei Bedarf macht das Programm entsprechende Menüvorschläge. Es orientiert sich dabei an den beliebtesten Kochsendungen in Rundfunk und Fernsehen. Die Information über die benötigten Lebensmittel wird automatisch an den angebundenen Händler übermittelt, der für prompte Lieferung sorgt. Also muss man sich über so lästige Dinge wie das Einkaufen nie wieder Gedanken machen. Wenn das kein Fortschritt ist! Wie wir uns vorstellen können, ist Rob16 völlig begeistert. Endlich trifft er Menschen, die auf dem richtigen Weg in die Technisierung sind.

Als unser Pärchen heute nach Hause kommt, wartet allerdings eine böse Überraschung. Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere. In den Fächern fristen eine Zitrone, ein angebrochenes Mousse au Chocolat und ein vertrockneter Rest Gouda ein sehr übersichtliches Dasein.

„Was ist denn hier passiert? Wieso ist der Kühlschrank leer?“ Nils ist fassungslos. „Das kann doch gar nicht sein“, meint Katharina. „Dann hätte wir doch eine Lieferung bekommen müssen“. „Hast du denn gestern gar nicht reingeschaut?“ fragt Nils genervt. „Ja, wieso denn reinschauen? Du behauptest doch immer, das sei altmodischer Schnickschnack. Dein Programm sei das beste aller digitalen Welten.“ Katharina wird langsam sauer. „Jetzt mäkel nicht an meinem Programm rum“, schreit Nils. „Das ist perfekt. Aber wer musste denn gestern Abend unbedingt noch versuchen, eine Datenverbindung zum neuen Wearable zu stricken?“ Der Hunger stimmt die beiden nicht unbedingt friedlicher. „Das ist doch auch eine super Idee. Wenn wir die Wearable-Daten mit dem Kühlschrank-System verbinden, werden automatisch all die benötigten Zusatzstoffe und Spurenelemente mitbestellt. Oder die fettreduzierte Margarine, wenn dein Cholesterin-Spiegel mal wieder viel zu hoch ist.“ „Ja, ja,“ höhnt Nils genervt. „Bei diesem Kühlschrank-Inhalt ist mit zu hohem Cholesterin wohl kaum zu rechen. Auf jeden Fall ist gestern die Technik in deinem Wearable zusammengebrochen, weil die Schnittstellen nicht kompatibel sind. Hab ich mir gleich gedacht. Und nun haben wir den Salat!“. „Wenn wir den doch nur hätten!“ entgegnet Katharina schlagfertig. Die beiden schauen sich an und brechen in lautes Gelächter aus. Die Stimmung bessert sich schlagartig, als man sich an alte Zeiten erinnert, in denen man Pizza und eine Flasche billigen Rotwein noch beim Italiener um die Ecke mithilfe eines Festnetz-Telefons bestellte. Für Katharina und Nils wird es doch noch ein netter Abend.

Rob16 ist von dieser Begegnung begeistert. Hier kann er endlich sinnvoll tätig werden. Die Schnittstellen-Problemchen sind für ihn doch ein Klacks. Gut, die Geschichte mit dem Salat hat er nicht verstanden. Aber diese Kleinigkeit schiebt er beiseite. Ungeduldig wartet er darauf, dass die beiden am nächsten Morgen zur Arbeit aufbrechen. Und dann legt er los. Er klinkt sich in den Zentralrechner im Keller ein, stellt funktionierende Schnittstellen her, bringt hier und dort eine technische Verbesserung ein und kümmert sich natürlich um die Daten für den zu füllenden Kühlschrank. Gerade, als er diese zum Lebensmittel-Händler weiterleiten will, fällt ihm noch etwas ein. Da gab es doch neulich solch eine Meldung, in der es irgendwie um Vorratshaltung ging. Akribisch durchforstet er seine Datenbank. Hier ist es: Der Bundesinnenminister empfiehlt…..   Es folgt eine lange Liste von Dingen, die man „für den Ernstfall“ im Haushalt bereithalten sollte. Diesen Hinweis müssen Katharina und Nils nicht mitbekommen haben, denn von Vorräten ist in ihrem Penthouse weit und breit nichts zu sehen. Nur gut, dass Rob16 dieses Manko noch rechtzeitig beheben kann. Vorsichtshalber erhöht er die vorgeschlagenen Mengen um den Faktor 50. Er hat inzwischen gelernt, dass die Menschen nach dem Motto leben: Mehr ist immer besser, noch mehr ist noch besser. Katharina und Nils werden froh sein.

Rob16 ist stolz auf sich. Dieses Mal hat er alles richtig gemacht. Er ruht sich in einer Edeltanne im Vorgarten aus. Aus einem unerfindlichen Grund sind ihm die Bäume sympathisch geworden. Die gibt es nicht auf seinem Heimatplaneten. Wozu auch? Ein wenig grübelt er noch darüber nach, warum sein Technik-begeistertes Pärchen über den Salat so lachte. Die Lösung will ihm nicht einfallen. Er schlummert ein und schläft so tief und fest, dass er nichts mitbekommt von mehreren Lieferwagen, die eine gewaltige Menge großer Kartons vor dem Garagentor abstellen. Nein, geweckt wird er erst durch Katharinas Geschrei. „Was ist denn hier los? Wieso geht das Tor nicht auf?“ Nils ist aus der Limousine gesprungen. „Wie soll das Tor denn aufgehen? Siehst du nicht, dass lauter Kisten vor der Erkennungskamera stehen?“ Katharina hat einen öden, nicht enden wollenden Arbeitstag mit unendlich viel Geschwätz hinter sich. Sie sehnt sich nach einer heißen Dusche, einem guten Essen und einem gemütlichen Feierabend. Der Frust ist groß. „Und was glaubst du, wie all diese Kartons hierher kommen? Wer weiß, was dein Horrorprogramm nun wieder fabriziert hat. Ich bin das alles so leid.“ „Ach was,“ Nils ist ebenfalls sauer. „Aber damit das große Geld verdienen, das wolltest du genauso gern wie ich, oder?“ Die beiden stehen sich mit roten Köpfen gegenüber. Sie werden immer lauter und ein Wort ergibt das andere. Bald geht es ans Eingemachte. „Meine Mutter hat mir von Anfang an geraten, lieber die Finger von dem spinnerten Informatiker zu lassen!“ „Na, hättest du diesen Rat doch nur befolgt. Dann wären wir jetzt beide besser dran!“ Eine Nachbarin fängt an, Fenster zu putzen, um nichts zu verpassen. „Endlich ist in diesem langweiligen Nobelviertel mal was los“, denkt sie und spitzt eifrig die Ohren. Wir verlassen unser Vorzeige-Pärchen an dieser Stelle und kehren zu Rob16 zurück.

Der sitzt noch in seiner Edeltanne. Er begreift wie so oft gar nichts mehr. Katharina und Nils sollten doch guter Dinge sein. Sie sind nun prima versorgt mit allem, was der Magen begehrt und das Innenministerium empfiehlt. Sogar mit ein bisschen mehr. Und ihr internes Programm ist optimiert. Ein Grund zur Freude, oder nicht? Die Menschen bleiben ihm ein großes Rätsel.

 

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Eine Antwort zu Rob16 trifft Katharina und Nils

  1. Anonymous schreibt:

    Welch treffende Beschreibung für den ein oder anderen Erdling, der durch Technik sein Leben zu optimieren glaubt… Danke dafür!

    Gefällt mir

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