Männer-WG – Teil 7

Ülle hat gestern vom Trainer erfahren, dass er heute gegen Real Madrid spielen soll. Deshalb ist er sehr früh aufgestanden. Schon um sechs zieht er sich seine schwarzgelbe Badehose an und tapst zitternd hinaus zum Pool. Das Wasser ist auf 20 Grad temperiert. Das tröstet unseren fröstelnden Helden. Sein Rücken hatte den gestrigen Medizincheck gut überstanden. Ülle ist hoch motiviert. Er will nicht nur einfach ein paar Bahnen im 25 Meter-Becken ziehen. Nein, bei Reusis gibt es eine Gegenstromanlage. Die ist eigentlich für kleine Becken gedacht. Der Schwimmer bleibt quasi auf der Stelle und bewegt sich gegen den Strom des Wassers. Ülle fühlt sich fit und so stellt er die Anlage auf 1/4 ein. Dann tapst er vorbei an ein paar halbleeren Sektkelchen, die von einem der letzten Sommerabende noch rumstehen. Ülle nimmt sich vor, der türkischen Haushaltshilfe Hülya mal einen Tip zu geben. Die guckt sich lieber mit Reusi Bilder von Nevada anstatt hier für Ordnung zu sorgen. Mutig stürzt sich unser Fußballer vom Startblock aus in die Strömung. Kurz zwickt es im Rücken. Doch bald spürt Ülle seine unbändige Energie und durchpflügt die Fluten kraftvoll. Langsam bewegt er sich auf den Beckenrand zu. Da kommt Majo im rotweißen Morgenmantel aus der Küche auf die Terrasse. Mama Götze und die anderen hatten ihm gesagt, der sei von Bayern und er dürfe ihn jetzt nicht mehr nehmen. Doch ist dieser Morgenmantel einfach viel kuscheliger und wärmer als der schwarzgelbe. Außerdem kratzt der so. Hülya meinte, sie habe ihn mit Kastaniensud gewaschen. „Ey Alter, was geht?“, ruft er seinem schwimmenden Kumpel zu, „trainierst Du fleißig für die Bank?“ Ülles Puls ist bei 140. Deshalb kann er nicht antworten. Majo ist neugierig. Er wollte sich diese supermoderne Schaltanlage immer schon ansehen. Zuerst fällt ihm ein rotes Blinklicht auf. Daneben die Leuchtschrift: „Schwimmer bei 105 %! Bitte Strom drosseln!“ Selbstverständlich trägt Ülle eine Smartwatch. Die funkt seine Körperwerte zur Basisstation. Normalerweise überwacht von hier aus der Trainer die Übungen. Majo tippt versuchsweise mit dem Finger auf einen kleinen Strich, der senkrecht auf einer Skala steht. Der beginnt zu blinken. Vorsichtig schiebt Majo diesen kleinen Strich von 1/4 auf 1/3. Plötzlich hört er hinter sich einen Schrei. Als Majo sich umwendet, sieht er, dass Ülle am gegenüber liegenden Rand klebt. „Ey Alter, mach sofort aus!“, ruft er keuchend. Majo hält sich für einen guten Schwimmer. Schon mit vier hatte er das Seepferdchen gemacht. Weitere Auszeichnungen scheiterten am theoretischen Teil. Mutig springt Majo in den Pool. Den Mantel will er noch ausziehen. Doch der verheddert sich irgendwie. So sieht die Überwachungskamera ein rotweiß strampelndes Knäuel auf Ülle zujagen. Der Aufprall ist schmerzhaft. Ülles empfindlicher Rücken kriegt was ab. Beide rufen laut nach Reusi. In seinem geblümten Schlafanzug eilt der dritte Freund auf die Terrasse hinaus: „Ey Alter, was geht?“, ist das einzige, das ihm einfällt, „Ey voll krass. Wartet, ich hole schnell mein Handy. Das muss ich fotografieren.“ „Du Vollpfosten, ich kriege keine Luft mehr!“ Ülle gelingt es, sich etwas auf Majo abzustützen. Reusi ist schnell zurück und läuft um den Pool herum. Er nimmt die beiden Freunde aus jeder Perspektive auf. „Später werden sie sehr über die Szene lachen“, denkt Reusi und knipst sorgfältig. Majo taucht kurzfristig auf und schreit: „Mach aus!“ „Einem Bayernfan helfen, das fehlt gerade noch“, ruft Reusi fröhlich. Langsam wird ihm mulmig. Die Freunde kommen da nicht weg und gehen immer wieder unter. Aber was soll der hoffnungsvolle Borusse machen? Sein Papa hatte gesagt, er solle lieber die Finger von der Schalteinheit lassen. Aber dies ist ein Notfall. Entschlossen eilt Reusi auf den immer hektischer blinkenden Bildschirm zu. Sein Blick fällt auf einen großen gelben Knopf mit der Aufschrift „Exit“. „Den gab es doch auch bei der Stehleiter“, erinnert sich Reusi. Mutig drückt er darauf. Es hebt sich ein großer Gummistöpsel aus dem Wasser. Sozusagen als Badewannen-Imitation hatte den Mama Reus installieren lassen. Es wirkt. Der Wasserspiegel sinkt. Die Strömung aber bleibt. Vorerst kleben Majo und Ülle am Beckenrand. In der Schaltzentrale ertönt ein lautes Warnsignal. Verständnislos starrt Reusi auf den Bildschirm. Als Qualm aus der Pumpenkammer aufsteigt, schaltet sich die Anlage ab. Ohne Wasser gibt es nichts zu pumpen. Auf dem Bildschirm erscheint ein freundliches Gesicht: „Guten Morgen, Herr Reus. Hier meldet sich die Notfallzentrale des ASB. Wir haben ein Notsignal erhalten. Aber wie ich sehe, sind Sie wohlauf?“ „Oh ja sehr, ich habe schon mein Pflaster geklebt“, entgegnet Reusi treuherzig. „Ihr Pflaster? Beim Schwimmen?“ Die Dame versteht nicht. „Ach egal, jedenfalls geht es mir gut“, sagt Reusi schnell. „Dann ist ja alles in Ordnung. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“, sagt die Dame und schaltet ab. Sie ist daran gewöhnt, dass die reichen Kunden merkwürdig sind. Doch das sichert ihr den Arbeitsplatz. Reusi dreht sich endlich zu seinen Freunden um. Die liegen unten im leeren Pool. „Ey Alter, warum kommt Ihr nicht raus?“, fragt Reusi freundlich. „Der blöde Bayernmantel hat sich verknotet“, schimpft Ülle. Bald haben sich Majo und er befreit. Als sich Ülle aufrichtet, entfährt ihm ein Stöhnen: „Ey Alter, mein Rücken tut wieder krass weh.“ „Ich klebe Dir eins von den neuen Pflastern drauf“, sagt Reusi fröhlich. „Ey krass Alter, das ist Doping“, ist Majo stolz auf sein Wissen. „Na und – seit wann wird im Fußball kontrolliert? Das machen die doch nur bei diesen dusseligen Radfahrern und so“, erklärt Reusi. Ülle hat Zweifel. Aber auch Schmerzen. Erstmal müssen sich die beiden trocknen und umziehen.

Wenig später versammelt sich das junge Trio in BVB-Morgenmäntel gehüllt in der Küche. „Ey, die kratzen wirklich krass“, meint Ülle. „Ey Weichei, zeig mal. Wo soll ich denn das Pflaster hinkleben?“, fragt Reusi besorgt. Er tastet Ülles unteren Rücken ab und findet bald den Punkt des Übels. Majo rührt derweil mit einem Duplo in seinem Kakao: „Ey Ülle, wieso willst Du überhaupt spielen?“ Ülle verdreht die Augen: „Weil wir gegen Real Madrid spielen vielleicht!“ „Ja und?“ Majo ist wenig beeindruckt: „Sind die gut?“ „Während Ihr spielt, bin ich mit Madelleine verabredet“, freut sich Reusi. „Du kommst nicht ins Stadion?“, ist Majo verblüfft. „Ey die Bank ist für mein Schambein krass zu hart“, sagt Reusi lächelnd. „Ein Kissen kannst Du Dir wohl nicht mitbringen?“, fragt Ülle und entspannt sich langsam. „Bring den Manager bloß nicht auf dumme Gedanken“, meint Reusi, „Madelleine beginnt morgen eine Tour im Osten. Das ist unser letzter Abend.“ „Was ist denn jetzt mit diesem Madrid?“, fragt Majo. „Ey Alter, da spielt der Ronaldo!“, ist Ülle fassungslos. „Ja und?“ „Und der Toni Kroos. Den kennst Du doch aus der Nationalmannschaft“, setzt Ülle nach. „Ist mir auch egal, Ich werd sowieso ausgewechselt“, lässt Majo den Gegner fallen, „hat gestern nicht noch Nevada angerufen?“ Ülles Wangen röten sich: „Ey krass Alter, die hat mal was mit einem Studenten gehabt, hat sie mir erzählt. Ey voll verpeilt, die Alte.“ „Und wieso telefonierst Du überhaupt noch mit ihr? Ich dachte, Ihr seid getrennt“, mischt sich Reusi ein. „Das mache ich doch nur, um Ihr nicht so weh zu tun“, erklärt Ülle. „Tut Dein Rücken noch weh?“, fragt Majo. „Ach wird schon besser.“ „Tut mir echt leid mit dem Wasser. Aber das war nur so ein kleiner Strich, weißt Du.“ „Hallo Kinder. Der ASB hat mich angerufen. Aber Euch scheint es ja sehr gut zu gehen“, rauscht Mama Götze herein und verbreitet frisch aufgelegte Düfte. Unseren Helden wird davon etwas schwindlig.

 

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