Wie der Blinde erste Schritte tut – Kapitel 14

Im Hause Borkenstock herrscht Krisenstimmung. Allerdings nur bei den Frauen. Sabine hat sich durch Gertrudes Heimkehr eine Disziplinierung des Gatten erhofft, sodass er auch wieder unter ihren Einfluss gerät. Sie hofft, dass die Schwiegermutter die aufkeimenden Pflänzchen der Selbständigkeit zertritt. Das versucht Gertrude auch. Blindwütig. Doch bislang kann Manfred den stampfenden Füßen elegant ausweichen. Das erweckt den frommen Zorn Gertrudes, der sich dann wahlweise auf Karl-Heinz oder Sabine oder den armen Pfiffi entlädt. Zumindest hat Gertrude Sabines Gesundheitstick über Bord geworfen. Ingwer oder Lavamakrele sind aus der Küche verbannt. Sehr begrüßt von allen einschließlich Pfiffi, der die Leckerchen nicht mehr mochte. Auch der Mahlzeiten-Rhythmus stimmt wieder. Keine wird verschoben oder gar ausgelassen. Dank Gertrudes Feldwebel-Regie und Sabines Flachmann, der die Tatkraft erhält, glänzt die elterliche Wohnung wieder in altem Glanze. Es ist so sauber, dass alles Leergut freiwillig verschwindet und nicht rumsteht. Die Gardinen strahlen wie neu und ermöglichen Gertrude altgewohnte Außenbeobachtung. Im unteren Borkenstock-Haushalt ist nach außen hin wieder alles gut. Die Treppe in den ersten Stock schafft Gertrude noch nicht. Sie hat beim langen Liegen auch etwas zugelegt. Ihre Spionin Borgstein-Waldschmidt hat es bisher nur bis zu Manfreds Wohnungstür geschafft. Trotz aller Angebote hat Manfred die fromme Nachbarin noch nicht herein gebeten. So weiß die Schwiegermutter nichts über Sabines immer gleiche Abendgestaltung. Den drei Männern gelingt es, all das ein bisschen wie ein Paralleluniversum zu betrachten. Ihr gelebtes Einverständnis der Gertrude-losen Wochen bleibt. Am Samstag hat Manfred eine Verabredung mit Rotraud. Beim heimischen Frühstück beschränkt er sich deshalb auf Kaffee. Die Mahnungen der Frauen, er könne abmagern, schwächer werden, sich erkälten usw. lässt er über sich ergehen. Als Karl-Heinz aufgefordert wird, endlich auch mal was zu sagen, erzählt er von Manfreds Einladung im Hause gegenüber. „Du gehst also lieber zu dieser Rotraud als mit uns gemütlich zu frühstücken“, braust Gertrude auf. „Er hat es neuerdings mit anderen Frauen“, ergänzt Sabine. „Was soll das denn heißen?“, schaltet Gertrude in den zweiten Gang. „Ja, er unternimmt viel mit ihnen“, setzt Sabine nach. „Und mit dieser blinden Frau – was können die schon unternehmen?“, fragt Gertrude. „Ich wüsste da schon was“, lenkt Sabine die Gedanken. „Junge!“, entfährt es der alten frommen Mutter, „Du wirst doch nicht mit dieser Rotraud!“ „Nicht unbedingt mit Rotraud“, flüstert Sabine. „Warst Du etwa mit dieser Blinden an der Müritz?“, stottert Gertrude. Sie kennt die Geschichte bislang nur nebelhaft, hat sich bisher auch nicht so dafür interessiert. „Nein, an der Müritz war er doch mit seiner Rosa“, zischt Sabine jetzt. „Sind Rosa und Rotraud dieselben?“, fragt Gertrude etwas begriffsstutzig. „Nein, natürlich nicht“, wehrt Sabine ab. „Ist die denn auch blind, diese Rosa?“, fragt Gertrude fassungslos. „Ach Quatsch, sonst hätten die beiden doch wohl kaum mit dem Auto fahren können“, wird Sabine langsam ungeduldig. Sie will, dass die Schwiegermutter endlich die Schwere von Manfreds Verfehlungen begreift. „Und diese Rotraud von drüben war auch dabei?“ Gertrude ist verwirrt. „Nein, so toll ist Manfred nun auch wieder nicht“, entfährt es der Gattin. „Und was wollte er dort mit dieser Rosa?“ Gertrude findet nichts dabei, in Anwesenheit ihres Sohnes über ihn zu reden. Das ist für sie ganz normal. „Naja, was wohl?“, fragt Sabine schnippisch. „Wenn Ihr dann alles geklärt habt, können wir ja drüber reden. Oder auch nicht. Von mir aus ist alles gesagt“, äußert sich nun endlich das Subjekt des Gesprächs, „Karl-Heinz, bringst Du mich bitte rüber?“ Der Vater erhebt sich etwas schwerfällig. Die vielen frommen Gebete tun ihm nicht gut. „Ach, der Herr haben alles gesagt. Dann erzähl mal Deiner Mutter, was Du da gemacht hast und warum Karl-Heinz kommen musste!“, faucht Sabine. „Da hast Du wohl die größere Lust dazu“, mischt sich Karl-Heinz ein, „ich nehme Pfiffi mit, damit Ihr in Ruhe alles besprechen könnt.“ „Geh Du nur. Aber wir sprechen uns noch“, zischt Gertrude. Zurück bleiben zwei Frauen, die vielleicht ein gefährliches Bündnis schmieden werden

Hinauf in den ersten Stock zu Rotrauds Wohnung kommt Manfred mittlerweile recht flott. Eine Treppe hinauf hat er weniger Angst als hinunter. Mit einer Hand am Geländer schafft er Stufe für Stufe. Hinab stellt er sicherheitshalber beide Füße auf jede Stufe. Das war ein Tip von Martina gewesen, um vielleicht die zweite Hand weglassen zu können. Die beiden begrüßen sich herzlich. Es duftet nach Kaffee und frischen, warmen Brötchen. Vor allem aber herrscht eine andere Atmosphäre als im mütterlichen Haushalt. Das hat u.a. damit zu tun, dass in der gesamten Wohnung weder ein Kreuz noch das Bildnis der Mutter Maria hängt. Manfred hat natürlich keinen Latz mitgebracht. Diese Schutztücher liegen vermutlich alle in Pfiffis Körbchen. Das Brötchen mit Butter und Gouda sieht fast so gut aus wie dasjenige, das Rotraud sich gemacht hat. Manfred ist stolz. Leider traut sich Rotraud nicht, ihn auf seine Fortschritte anzusprechen. Sie plaudern über dies und das, bis Rotraud fragt: „Sag mal, Du hast neulich auf der Rückfahrt aus Marburg immer von Deinem Louis Braille gesprochen und dass der gar nicht vorkam auf dem Fest, das nach ihm benannt ist. Was findest Du denn so toll an dem?“ „Ja weißt Du nicht, dass der die Punktschrift erfunden hat?“ „Das schon, aber so toll finde ich das gar nicht.“ „Dann erzähle ich Dir mal die Geschichte vom Louis. Dazu brauche ich frischen Kaffee. Gibst Du mir mal bitte die Kanne rüber?“

„Louis Braille hat in Frankreich gelebt. Sehr alt ist er nicht geworden. Mit drei Jahren verlor er sein Augenlicht. Vater Braille war Sattler. In dessen Werkstatt stach sich der dreijährige Louis ein spitzes Werkzeug ins Auge. Dann entzündete sich das andere und so wurde er blind. Zum Glück gab es in Coupvray, wo Louis wohnte, einen netten Pfarrer. Der merkte, wie aufgeweckt der Junge war. Erst unterrichtete er ihn selber, dann kam Louis sogar in die Dorfschule. Es gab jedoch keine Bücher für ihn. Nach einigen Jahren kam Louis in eine Blindenschule in Paris. Dort hatten sie wenige Bücher mit erhabenen Schwarzschrift-Buchstaben. Nur wenige Worte passten auf ein Blatt. Eines Tages kam ein Leutnant in die Schule und zeigte den Kindern seine sogenannte „Nachtschrift“. Die hatte er fürs Militär erfunden, um nachts Befehle weiterzugeben, ohne Licht zu machen. Diese Schrift bestand aus Punkten. Der junge Louis war entflammt. Er wollte unbedingt eine Schrift für Blinde erfinden. Er wollte endlich Bücher lesen und Briefe schreiben können. So tüftelte er jahrelang – Tag und Nacht.“ Als er ungefähr fünfzehn war, fand er die Lösung. Mit einem Feld von sechs Punkten ließen sich alle Buchstaben abbilden. Seine Mitschüler waren begeistert. Die Lehrer weniger. Es fanden sich auch keine Geldgeber. Im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts hatten vor allem die Adligen das Geld. Louis wurde Lehrer an seiner Schule. Von Hand fertigte er Bücher. Bis ein Direktor kam, der die Punktschrift verbot. Louis Braille erkrankte früh an Tuberkulose. Daran starb er 1852 mit gerade einmal 43 Jahren. So erlebte er gerade noch den Durchbruch für seine Schrift. Anerkennung erntete er nicht mehr. Ich finde, er war ein Genie. Er hat uns Blinden die Welt der Schrift erschlossen. Das ergab unheimlich viele Möglichkeiten. Bücher lesen, Briefe schreiben, bessere Berufschancen! Ich finde, so ein Mann hat viel mehr Anerkennung verdient als irgendein Feldherr wie Napoleon, der Tausende in den Tod schickte. Für mich ist Louis Braille der größere Franzose!

„Das war aber eine lange Lobesrede“, seufzt Rotraud. „Oh entschuldige, kürzer ging es nicht. Ich finde den Louis halt so toll“, sagt Manfred etwas verschämt. „Leicht hat er es ja nicht gehabt“, meint Rotraud. „Überhaupt nicht. In jener Zeit haben sich Blinde meist als Bettler durchs Leben geschlagen. Oder die Familie hat sich gekümmert, wenn sie einen nutzlosen Esser ernähren konnte.“ „Ohne die Schrift wäre es für uns immer noch nicht besser. Die meisten Arbeitsplätze haben mit dem PC zu tun. Und nur mit Sprache geht es nicht. Das sage sogar ich als Smartphone-Fan“, lacht Rotraud, „aber sag mal, hatten die damals schon Stöcke oder blieben die nur im Haus?“ „Stöcke hatten sie schon. Aber wie oft ein Blinder rausging, wenn er nicht Bettler war … ich weiß nicht.“ „Hast Du eigentlich einen Stock?“, lenkt Rotraud elegant vom Thema Louis fort. „Na klar.“ „Und benutzt Du den auch öfter?“ „Meistens bin ich ja in Begleitung. Oder ich fahre mit dem Taxi. Ich nehme den Stock aber immer mit. Als Kennzeichnung.“ „Hast Du denn mal gelernt, damit zu laufen?“, fragt Rotraud mutig nach. „Ja damals im Internat. Bei Frau Bockbein-Habesatt. Die musst Du doch kennen?“ „Seeligen Angedenkens“, stöhnt Rotraud, „bei der habe ich das Laufen eher verlernt. Und wie kommst Du so klar?“ „Wenn ich ehrlich sein soll, gehe ich nicht allein vor die Tür.“ „Willst Du denn mal?“ „Ja eigentlich schon. Im Moment versuche ich ja, selbständiger zu werden.“ „Bietet Deine Brüller oHG denn kein Mobtraining an?“ „Doch schon. Aber Martina meint, LPF wäre erstmal wichtiger.“ „Sollen wir dann vielleicht mal üben?“ fragt Rotraud. „Du meinst, wir zwei allein?“, entgegnet Manfred erschrocken. „Ja, wir beide allein. Das schaffen wir schon.“ „Ach ich weiß nicht. Ist das nicht zu gefährlich?“ An dieser Stelle wollen wir nicht übersehen, dass Gertrude ihrem Manfred diese Angst jahrzehntelang eingetrichtert hat. „Du kannst es Dir ja mal überlegen. Hier in unserer kleinen Straße und im Park kann uns nichts passieren. Ich passe schon auf.“ „Ich kann jetzt einen Mittagsschlaf vertragen“, beendet Manfred das Thema, „Bringst Du mich bitte rüber?“ Rotraud schnappt sich ihren Stock und den Wohnungsschlüssel. Ruckzuck stehen sie vor Manfreds Haustür. „Ruf mich an, wenn Du mal Lust auf einen Spaziergang zu zweit hast“, verabschiedet sich Rotraud. „Wie schnell sie über die Straße kommt!“, denkt Manfred, als eine Stimme an sein Ohr dringt: „Na, mit fremden Frauen unterwegs, lieber Herr Manfred?“ Unser Manfred ist kurzfristig verwirrt. „Schon, aber nicht mit dieser“, will er sagen, beißt sich gerade noch auf die Zunge. „Ach Herr Carlo, was macht denn Ihre Frauenwelt so“, lacht er schnell. „Mit Montana ist Schluss, wenn Sie das meinen“, sagt der Nachbar. „Montana!“, prustet Manfred los, „was ist das denn für ein Name? Gibt’s den wirklich?“ „Ja klar, was gibt’s denn da zu lachen? Ist doch ein ganz normaler Name“, ist Carlo etwas verstimmt. „Oh Entschuldigung, so war das nicht gemeint“, sagt Manfred ehrlich. „Schon gut, die war BWL-Studentin und jetzt ist sie wieder Model. Und mit irgendeinem Fußballer zusammen, glaube ich.“ Während Nachbar Carlo so plaudert, schließt er die Tür auf und schiebt sein Fahrrad in den Flur. „Haben Sie schon gemerkt, dass meine Mutter wieder da ist?“, fragt Manfred und folgt dem Nachbarn. „Oh ja“, seufzt Calo, „aber irgendwie hat sie sich verändert. War sie schon immer so fromm?“ „Ich weiß nicht, wie kommen Sie darauf?“, ist Manfred verblüfft. „Naja, ich höre sie oft beten. Von oben kenne ich das ja schon. Frau Borgstein-Sowieso hat ja einen Heiligenschein“, erklärt Carlo. „Ja, die höre ich auch manchmal“, erwidert Manfred, „und meine Mutter ist jetzt auch so heftig unterwegs?“ „Ja, manchmal. Ab und zu auch Ihr Vater. Aber bei ihm hört sich das anders an. Vielleicht ist er ja noch zu retten“, flutscht es aus Carlo, „oh Entschuldigung, aber ich bin nicht so gläubig.“ „Das muss Ihnen nicht peinlich sein. Ich bin nicht so fromm wie meine Mutter. Und glauben Sie mir, mein Vater interessiert sich auch mehr für Fußball als für den Papst.“ „Das beruhigt mich aber“, sagt Carlo, „bis bald mal wieder.“ „Alles Gute und nicht zu viel Gebete“, wünscht Manfred und erklimmt die Treppe. Oben in seiner Wohnung hört er Sabine telefonieren. „Nein Mama, was Vera da erzählt, ist kompletter Blödsinn.“ … „Ach die soll sich mal lieber um ihren Köter kümmern statt um meine angeblichen Alkoholprobleme.“ … „Ja, das wäre schön, wenn Ihr mal wieder zu Besuch kommt. Aber lass uns vielleicht lieber abwarten, bis es der Schwiegermutter wieder besser geht. Die ist noch nicht so gut zu Fuß.“ Manfred hat genug gehört. Der Besuch von Sabines Eltern hat ihm gerade noch gefehlt. Pfiffis Körbchen ist leer. Der ist immer noch mit Karl-Heinz unterwegs. Manfred streckt sich auf seiner Spezialmatratze aus. Wir erinnern uns, die ist oben breiter als unten. Damit Manfred weiß, wie herum er sich legen soll. Manfred denkt an Rosa und da fallen ihm ganz andere Vorzüge so einer Matratze ein. Sabine sieht wenig später ein Lächeln auf Manfreds Gesicht. Da er schläft, zieht sie sich leise zurück.

Gegen drei beenden Karl-Heinz und Pfiffi die schönen Träume unseres blinden Helden: „Hey Manfred, wir hätten beinahe verschlafen. Hast Du unsere Verabredung mit Theo vergessen?“ Manfred rappelt sich mühsam hoch: „Wie spät ist es denn?“ „Kurz vor drei. Wir müssen los, wenn wir überhaupt noch was sehen wollen … oh Entschuldigung.“ „Mann Papa, vergiss das blöde entschuldigen mal. Meinst Du, die haben dort auch Kaffee im „Letzter Huster“?“ „Für müde Fans immer. Obwohl die sicher meist was anderes ausschenken“, sagt Karl-Heinz. Manfred kommt in Gang und steht Minuten später abmarschbereit im Flur. Aus ihrem Zimmer taucht Sabine auf: „Wollt Ihr schon wieder weg?“ „Ja, zum Fußballgucken. Hatte ich Dir doch erzählt. Die haben da Sky im Huster“, antwortet ihr der Gatte. „Aha, Sky haben die“, murmelt Sabine, „und kommt Rosa auch?“ „Nein, die interessiert sich nicht für Fußball“, übergeht Manfred die Anspielung. „Pfiffi lassen wir hier. Der ist müde. Außerdem ist es für ihn zu laut“, erklärt Karl-Heinz. „Und für Deinen Sohn ist es nicht zu laut?“, fragt Sabine säuerlich. „Nach dem zweiten Tor vergeht das schon“, lenkt Karl-Heinz ab und schießt die Wohnungstür hinter sich. Unterwegs zur Kneipe fragt Manfred seinen Vater vorsichtig, ob Gertrude schon was gesagt hat zur Unterhaltung mit Sabine. Doch Karl-Heinz hat noch keine Ahnung, wie Manfreds Affäre bei Gertrude angekommen ist. Auf der Straße treffen sie Theo, der sogar ein Trikot trägt: „Das ist das alte Götze-Trikot. Das habe ich wieder ausgegraben“, verrät er grinsend. „Ich hab nur eins von Reus. Aber der ist ja völlig außen vor. Deshalb trage ich das nicht mehr“, sagt Manfred und stößt die Tür auf. Warmer Bierdunst und lautes Getöse kommen ihm entgegen. Leise Zweifel steigen auf, ob dies hier die richtige Nachmittags-Unterhaltung ist. Doch Manfred kriegt erstmal seinen Kaffee und als es 2:0 steht, ist er ganz gefangen. In Sachen Pils steht es zu diesem Zeitpunkt 3:2:2 im Trio. „So viele Frikadellen wie wir Tore geschossen haben!“, bestellt Theo nach dem Abpfiff, „und viel Senf dazu! Wollen wir bei mir die Sportschau gucken?“, fragt er seine Kumpels. „Gertrude hat für 18.45 Uhr zum Abendessen gebeten. Pünktlich“, erklärt Karl-Heinz. „Ach Papa, lassen wir die beiden Frauen doch allein mit ihrem gesunden Zeug. Außerdem verstehen sie sich im Augenblick doch so gut“, meint Manfred und beißt herzhaft in eine Torfrikadelle., „wie gut, dass wir so hoch gewonnen haben. Ich hab Hunger.“ „Ich habe noch Pizza zu Hause. Die können wir in den Thermomix schieben“, sagt Theo und greift schnell zu, ehe er leer ausgeht. Natürlich wird das Trio von Gertrude beobachtet, als es zu Theo geht. Während Sabine Erbsen püriert, ist sie auf Posten hinter der sauberen Gardine. „Na wartet“, zischt sie, „das wird Euch morgen noch leid tun.“ Die erfahrene Gattin weiß, dass bierselige Fußballgucker nur schwer zu bewegen sind. Deshalb versucht sie es erst gar nicht. „Gut, dass ich heute schon mit dem Pfarrer gesprochen habe“, sagt sie zu Sabine, „morgen bringen wir das alles wieder in Ordnung.

Am Sonntagmorgen hört Carlo wieder Gebete. Von oben und von der Seite. Während die weiblichen Stimmen sehr beseelt wirken, klingt die des Nachbarn Karl-Heinz doch recht gequält. Ein Kater mag es nicht, wenn er um halb sieben in der Früh vor einem Kreuz knien muss. Sabine und Manfred stoßen beinahe zusammen, als sie deutlich später ein Bedürfnis treibt. Die Eheleute sind nicht in Bestform. Wenn Manfred sich nicht vertastet hat, ist es kurz nach acht. Um halb zehn geht es zum Hochamt. Diesen Termin trauen sich beide nicht, ausfallen zu lassen. Gottes Zorn wäre nichts gegen den von Gertrude. Der Restalkoholpegel ist bei beiden ähnlich. Sabine wirkt ein bisschen fitter. Das macht die Gewöhnung. Gegen neun klingelt Karl-Heinz an der Tür. „Hallo Sabine, hast Du wohl eine Schmerztablette für Deinen alten Schwiegervater?“, fragt er und deutet auf seine Knie. „Naja, wenn Du meinst“, sagt Sabine mürrisch. „Papa, komm rein! Sabine hat mir auch schon eine gegeben. Hast Du auch solche Kopfschmerzen?“, ruft der Sohn aus seinem Schlafzimmer. „Nein, die Knie tun so erbärmlich weh. Acht Vater unser. Für jedes Bier eines. Das habe ich davon, wenn ich mal die Wahrheit sage. Selber schuld. Als alter Eheesel sollte ich es besser wissen“, erzählt Karl-Heinz und betrachtet das Chaos in Manfreds Zimmer. Überall Klamotten, Braille-Bücher und mitten drin eine ungesicherte Kaffeetasse. All das unter den Augen des alten Louis Braille an der Wand. „Ich gehe rasch ins Bad“, sagt Sabine und drückt ihrem Schwiegervater eine Pille in die Hand. Der greift zu Manfreds halbvoller Tasse und spült die Tablette runter. „Zur Messe nehme ich mir ein Kissen mit“, sagt er, „und was ist hier los? In einer halben Stunde müssen wir unten sein.“ „Ja kein Problem. Der Kopf tut schon gar nicht mehr weh. Prima Pillen. Ich suche die ganze Zeit nach meiner Hose“. Sagt Manfred und kriecht unter den Schreibtisch. „Die liegt drüben auf dem Sessel“, erwidert der Vater und geht durchs Zimmer. Manfred richtet sich etwas zu früh auf. So erwischt er die einzig ungepolsterte Kante in seinem Zimmer. „Da hab ich doch schon gesucht“, stöhnt er. Wie ein Wunder sind alle drei um kurz vor halb zehn aufbruchbereit. Manfred hat gerade die ersten Stufen geschafft, da flötet es aus der Nachbarwohnung: „Oh gesegneten guten Morgen, lieber junger Herr Borkenstock. Ich bin es, Ihre Nachbarin Borgstein-Waldschmidt. Ach und da kommt ja auch der ältere Herr Borkenstock. Sehr gesegneten guten Morgen auch für die Frau Gattin.“ Die gottesfürchterliche Nachbarin ist in Bestform. „Ach darf der liebe Hund nicht mit ins Gotteshaus? Der Herr liebt alle seine Geschöpfe.“ Pfiffi ist der einzige, dem etwas einfällt zu diesem frommen Redeschwall. Er knurrt und kläfft laut durchs Treppenhaus. Von oben tönt Herr Nörgelmann: „Ich drehe dem Vieh noch den Hals um! Erst Beten und jetzt Bellen. Das hält ja kein Mensch aus!“ „Aber lieber Herr Nörgelmann, bitte etwas mehr Demut am Tag des Herrn“, macht die ehemalige Lehrerin auch vor dem Nachbarn nicht Halt. „Gehen Sie doch in die Kirche zu diesen verlogenen Kinderschändern“, ätzt Herr Nörgelmann und schlägt seine Tür zu. „Herr, vergib ihm! Er weiß nicht, was er sagt“, murmelt Frau Borgstein-Waldschmidt. „Oh das weiß er schon“, zischt Manfred. „Hermine, bist Du bereit fürs Hochamt“, fragt Gertrude von unten. „Oh hallo Gertrude. Aber gewiss doch. Für den Herrn immer.“ „Hermine fährt nämlich heute mit uns im Wagen“, erklärt Gertrude ihrem verdutzten Gatten, „los, hol das Auto vor die Tür. Wir müssen los.“ Karl-Heinz schweigt und gehorcht. So wendet sich die Mutter an Sohn und Schwiegertochter: „Hermine und ich haben Einiges vorbereitet. Wir beten dann im Auto. Wir haben auch mit Pfarrer Seelighaus gesprochen.“ „Aha“, ist das Einzige, das Manfred einfällt. Sabine hat Pfiffi in der Wohnung verstaut und kommt hinter der Ex-Lehrerin die Treppe hinunter. „Ich bin Dir ja so dankbar, dass wir heute gemeinsam fahren“, flötet sie und begrüßt Gertrude herzlich, „hast Du bei Herrn Gerstenbinder-Lüdke die Luft rausgelassen?“ „Nur vorn, hinten kam ich nicht dran. Wegen meiner Schmerzen. Machst Du das bitte?“ Frau Hermine drückt Sabine ihr Gesangbuch und ihren Rosenkranz in die Hand und bückt sich zu Carlos Hinterrad. „Was Sie da machen, ist aber nicht sehr christlich!“, kommt es aus des Nachbarn Wohnungstür. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, ist Gertrude sofort mit einem Bibelzitat zur Stelle. „Ich höre sehr gut. Vor allem Ihre albernen Gebete“, sagt Carlo. „Sie Gotteslästerer!“, fährt Hermine auf. „In flagranti erwischt beim Luft rauslassen. Dass Sie mir beide das aber hübsch beichten heute beim Pfarrer. Und dass mir das nicht wieder vorkommt“, sagt Carlo, der natürlich im Schlafanzug erschienen ist. „Dann bringen Sie Ihr Rad nicht mehr ins Treppenhaus. Hier wohnt schließlich ein Blinder“, redet Gertrude mal wieder über ihren Sohn, während der daneben steht. „Mit dem Blinden ist das abgesprochen. Vor meiner Tür ist das Rad ihm nicht im Weg“, erwidert Carlo. „Das stimmt“, kann Manfred gerade noch sagen, ehe Gertrude schimpft: „Aber nicht mit mir. Ich werde Ihnen mal erklären, was mein Junge braucht. Aber nicht jetzt. Da kommt schon Karl-Heinz mit dem Wagen.“ Die Versammlung wird aufgehoben. „Sabine, Du hilfst erst mir und dann Hermine und dann Manfred beim Einsteigen, alles klar!“, kommandiert Gertrude. Schwer stützt sie sich auf die zierliche Sabine und plumpst vorn auf den Sitz, der natürlich bis ganz nach hinten geschoben ist. Als sie dann Hermine hilft, hat sich Manfred bereits hinter Karl-Heinz gesetzt. Hermine hat wegen des zurückgeschobenen Vordersitzes keinen Platz, um in die Mitte zu rutschen. Sie sitzt auf ihrem Gurt, dann fällt ihr die Handtasche runter und verstreut alles im Fußraum. Die Nachbarin ist ans Autofahren nicht gewöhnt. Nach fünf Minuten ist endlich alles gerichtet. Für Sabine bleibt ein winziges Plätzchen neben der ausladenden Gläubigen. Im Schneidersitz quetscht sie sich daneben. Sie denkt nur daran, wie sie unauffällig an ihren Flachmann kommen kann. Jetzt im Wagen hat sie keine Chance. Viel zu eng. Hermine versetzt Manfred und Sabine Rippenstöße, als sie ihr Gesangbuch hervorzerrt und spricht: „Wir, also die liebe Gertrude und ich, wir haben uns was überlegt. Wir wollen heute daran denken, wie Moses die zehn Gebote erhielt. Unser Augenmerk, oh Entschuldigung! … Ähm … Also unsere Aufmerksamkeit wollen wir auf zwei Gebote richten. Du sollst Vater und Mutter ehren und Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib.“ Es wird eine fromme Fahrt. Karl-Heinz kann sich kaum auf den Verkehr konzentrieren. Vor allem, weil er einer jungen Radlerin nachstarren muss. Manfred sehnt sich nach Freiheit und Sabine – na Sie wissen ja. Den Behindertenparkplatz vor der Kirche hat der Pfarrer freigehalten, indem er ein Kreuz aufstellen ließ. Das nimmt ein Messdiener jetzt weg, da sich die Qualmwolke mit dem Stern voran auf den Parkplatz rollt. Sabine fällt fast aus der Tür, als sie diese öffnet. So gedrängt sitzt sie da. Manfred entflieht der frommen Enge auch sehr rasch. Die älteren Damen werden mit vereinten Kräften auf die Beine gestellt. Handtaschen, Rosenkränze und Gesangbücher werden sortiert. Am Eingangsportal ist heute viel los. Deshalb sagt der Pfarrer nur zu Gertrude, die natürlich an Manfreds Arm hängt: „Wir sehen uns ja hinterher noch, liebe Familie Borkenstock.“ So wird es ein Hochamt voller böser Vorahnungen für die Borkenstock-Männer und Sabine. Sie verlässt mitten im Gottesdienst die Kirche mit dem Hinweis darauf, dass ihr schwindlig sei und sie kurz frische Luft schnappen müsse. Was sie wirklich schnappt, wissen die Männer. Neben Hermine hat wieder ein Kirchgänger die BILD eingeschmuggelt und liest. Das bringt ihm einen wuchtigen Rippenstoß ein. Als er darauf nicht reagiert, entreißt ihm Hermine die Zeitung und knüllt sie Aufmerksamkeit heischend zusammen. Die fromme Gemeinde gerät aus dem Takt. Einige lachen. Der Pfarrer funkelt sie warnend an. Ansonsten verläuft das Hochamt wie immer. Langweilig, zäh und schmerzhaft für die Knie. Zufällig predigt Pfarrer Seelighaus über die zwei der zehn Gebote, die schon im Auto Thema waren. Nach dem „Gehet hin in Frieden!“ bleiben die älteren Damen sitzen. Manfred traut sich nicht, allein aufzustehen. Als er seine Mutter fragt, was denn los sei, salbadert Gertrude: „Oh mein Junge, der Herr, unser Gott, und unser Hirte, Pfarrer Seelighaus haben für Dich etwas vorbereitet. Warte nur noch einen Moment, bis alle draußen sind.“ Es dauert etwa zehn Minuten. Dann erheben sich Hermine und Gertrude und führen Manfred nach vorn vor den Altar. Bald kommt der Pfarrer und tätschelt Manfred sanft die Wange. Dann schlägt er das Kreuz über ihm: „Lieber Junge, Du warst vor vielen Jahren schon einmal hier. Damals glaubtest Du, zum jungen Manne gereift zu sein. Zum Glück hast Du eine so liebe Mutter, die Dich vor Abwegen bewahren möchte. Sie hat gestern mit mir gesprochen. Mit der Hilfe Gottes wollen wir Dich auf den rechten Pfad zurückführen.“ Kurze Zeit ist Manfred sprachlos, dann richtet er sich auf und fragt: „Was soll das heißen? Soll ich wieder zwei Stunden hier knien oder was?“ „Oh mein Sohn, der Teufel hat Dich diesmal sehr in Versuchung geführt. Ich bat den Herrn im Gebet um Rat und so sage ich Dir, fünf Stunden sollen es sein. Fünf Stunden inbrünstige Buße.“ „Ach ja, und dann am Ende wieder eiskaltes Weihwasser in den Nacken gießen?“, fragt Manfred drohend. „Aber Kind, der Pfarrer meint es doch nur gut mit Dir“, mischt sich Gertrude ein. Frau Borgstein-Waldschmidt murmelt das Vater unser. „Ich glaube auch, dass dies eine angemessene Buße ist“, signalisiert die gestärkte Sabine ihre volle Zustimmung. „Dies ist ja keine Kirche, sondern ein Irrenhaus! Was wollt Ihr eigentlich alle von mir?“, braust Manfred auf. „Mein Sohn, zurück zu Gott wollen wir Dich führen. Und zurück zu Deiner kirchlich angetrauten Gattin Sabine“, sagt der Pfarrer. „Ich bin nicht Ihr Sohn! Und ich will auch nicht geführt werden zu Ihrem Gott, den wir ständig anflehen und verehren müssen“, wird Manfred lauter. Frau Hermine betet ebenfalls lauter. „Aber mein Sohn, so höre doch, was Dir der Her sagt …“, versucht es Herr Seelighaus. „Ihr spinnt doch alle! Papa, bring mich bitte sofort hier raus! Oder ich suche mir selber den Weg!“ Manfred wirkt überzeugend. So ergreift Karl-Heinz Manfreds Hand und sagt laut: „Ich denke, dies hier war keine gute Idee. Was Manfred und Sabine miteinander zu klären haben, geht weder die Kirche noch uns Eltern was an. Von der Nachbarin ganz zu schweigen.“ Die Gebete der frommen Nachbarin im Ohr verlassen die Borkenstock-Männer die Kirche. Gertrude weint. Der Pfarrer zürnt. Sabine sehnt sich – na Sie wissen schon. Draußen zückt Manfred sein Smartphone und telefoniert kurz. „Papa, wenn Du Lust hast, können wir zu Theo und Rotraud fahren. Die sind zu Hause.“ „Die Frauen können sich ja ein Taxi nehmen. Ich hab die Schnauze sowas von voll. Komm, wir hauen ab“, stimmt der Vater aufgebracht zu. „Weißt Du, noch heute werde ich mit Rotraud üben, mit dem Stock zu laufen. Dann kann ich solchen Wahnsinnigen besser entfliehen. Vielleicht bist Du ja nicht immer zur Stelle“, erklärt Manfred, als er sich etwas beruhigt hat. Karl-Heinz fährt bewusst langsam, um sich ebenfalls zu beruhigen. „Ich denke, das ist eine gute Idee. Wir haben Dich viel zu lange davon ferngehalten, selbständig zu werden“, sagt er leise zu seinem Sohn. „Du warst das ja nicht“, wehrt Manfred ab. „Oh doch. Ich habe immer die Klappe gehalten und Gertrude machen lassen. Und dabei habe ich doch gesehen, was sie da macht und warum sie das tut. Sie will, dass Du für immer Ihr hilfloses Kind bleibst. Deshalb war sie auch von Sabine nicht sonderlich begeistert. Da hat der Pfarrer gedrängelt“, erzählt Karl-Heinz. „Ach Papa, das besprechen wir alles demnächst mal. Jetzt brauche ich etwas Ruhe.“ Die Fahrt bis in die kleine Straße verläuft still. Nach einer Weile kommen Rotraud und Manfred aus dem Haus. Beide haben einen weißen Langstock in der Hand und wenden sich in Richtung Park. Natürlich nicht ganz unbeobachtet.

 

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