Männer-WG – Teil 6

Als Ülle verschlafen aus seinem Zimmer in die Vor- und Empfangshalle ihrer WG kommt, sieht er Reusi in seinen schwarzgelben Blinkpantoffeln das Haus verlassen. „Ey Alter, mach die Tür zu! Es ist kalt hier!“, ruft Ülle seinem Kumpel nach. Als der nicht reagiert, nimmt Ülle Anlauf und kickt die Tür ins Schloss. Dabei spürt er wieder dieses unangenehme Ziehen im Rücken. Weil er dem Trainer davon erzählt hatte, durfte er nicht mit nach Polen fahren. Reusi hat in der Zwischenzeit die lange Auffahrt hinter sich gelassen und steht am Tor. Er macht sich an der Kette zu schaffen, die eine gelbe Tonne an die Umgrenzungsmauer bindet. Auf diese gelbe Tonne hat Mama Götze ein Posthorn gezeichnet. Jedenfalls sagt sie, dass dies eines sein soll. Mama Götze hatte sich an ihre kreative Vergangenheit erinnert. Ehe sie Mutter eines reichen Profifußballers wurde und ausgesorgt hatte, verdiente sie ihr Geld mit Zeichnungen. Immerhin ein bisschen Geld. Der Briefträger kann von draußen durch eine Klappe in der Mauer die Post in diese Tonne werfen. Reusi zieht einen Zettel aus seiner Hosentasche und liest davon den Geheimcode ab, den er in seinen elektronischen Briefkastenschlüssel tippt. Daraufhin löst sich die Kette und Reusi greift sich die Tonne. Fröhlich pfeifend rollert er mit ihr die kiesbestreute Einfahrt hinauf. Seinen Haustürschlüssel hatte Reusi nicht mitgenommen. Etwas verdattert steht er vor der Tür, die Ülle zugetreten hat. An der Haustür befindet sich keine Klingel. Die sitzt draußen am Tor. Rufen will er nicht, weil Majo ja noch schläft. Der hatte gestern 90 Minuten auf der Bank gesessen und war davon völlig erschöpft nach Hause gekommen. So lässt Reusi die Tonne stehen und schlurft die Einfahrt wieder hinunter. Seine Hüfte, auf die er kürzlich erst gefallen war, beginnt zu schmerzen. Reusi freut sich schon darauf, wieder ein Pflaster draufkleben zu müssen. Er stößt das schwere Tor auf und tritt hinaus auf die Straße. Neben das Tor hat Mama Götze schwungvoll ihre drei Namen auf die Mauer gesprayt. Reusi drückt entschlossen den großen Klingelknopf. „Hier ich, wer da?“, meldet sich Ülle mit seinem üblichen Spruch. „Ey Alter, mach die Tür mal wieder auf“, fordert Reusi. „Wer ist denn da?“, fragt Ülle harmlos. „Ey komm, ich friere“, drängt Reusi. „Sag Deinen Code! Da könnte ja jeder kommen“, tut Ülle ganz vorsichtig. „Ey Mann mach doch die Kamera an!“, wird Reusi ungeduldig. „Hab ich schon. Da steht ein junger Mann in komischen Pantoffeln vorm Tor. Der hat offenbar seinen Code vergessen.“ „Wenn Du nicht sofort aufmachst, dann hau ich Dir eine rein“, droht Reusi. „Erstmal reinkommen, dann reinhauen“, flötet Ülle und drückt den Summer. Reusi springt zum Tor und stolpert dabei über die schwarzgelben Fransen seiner Blinkpantoffeln. Etwas verkratzt und nicht in bester Stimmung kommt er wenig später zur Tür herein. „Ey Alter, vergess die Tonne nicht!“, ruft Ülle aus der Küche. Reusi dreht wieder um. Dabei schmerzt seine Hüfte. Die Handflächen auch, weil er damit seinen Sturz auf den Asphalt abgefangen hat. So dreht sich Reusi wieder um und steuert erstmal das Bad an. Die Haustür bleibt offen. „Ey Alter, es zieht!“, ruft Ülle. „Ey dann zieh doch Nevadas Strickjacke an!“, ruft Reusi etwas hinterlistig. Die Sache mit Nevada ist noch immer nicht geklärt. Wie ein geölter Blitz schießt Üllle aus der Küche. Doch Reusi ist gewandt und kriegt die Badezimmertür noch rechtzeitig ins Schloss. Ülle ist ein schneller Spieler und rumst mit Wucht gegen das Eichenholz. Schmerzhaft landet er auf seinen vier Buchstaben. „Ey Reusi, bring mir auch ein Pflaster mit“, stöhnt Ülle und hält seinen Rücken. „Ey Alter, wir haben bald keine mehr“, hört er von drinnen. „Ey Alter, was geht“, begrüßt Majo seinen sitzenden Kumpel, „Was machst Du da auf dem Fußboden?“ „Ey hol mal die Tonne rein und mach die Tür zu“, kommandiert Ülle. Majo trollt sich und murmelt: „Ey Alter, immer muss ich hier die Hausarbeit machen. Und ich saß immerhin auf der Bank.“ Derweil kommt Reusi aus dem Bad. „Ey Alter, kleb mir das Pflaster mal auf den Rücken“, bittet Ülle. Reusi umrundet seinen sitzenden Freund und lüftet dessen Strickjacke. „Ey wohin denn. Da, wo Nevada das Herz tätowiert hat?“ „Ey Alter, wenn Du noch einmal diese Person erwähnst, ist was los.“ Ülle hat da wohl einen wunden Punkt. Mitten auf Nevadas Herz klebt Reusi das vorletzte Pflaster. Majo rumpelt mit der gelben Tonne durch die Halle und lässt sie im Eingang zur Küche stehen. Sich umdrehend fragt er: „Ey Alter, was wollt Ihr mit dem Briefkasten hier? Der ist doch für unsere Manager, oder nicht?“ „Ey Alter klar. Aber da ist doch unsere Fanpost drin. Ich wollte mal gucken, was so geht“, erwidert Reusi. „Ach so“, meint Majo und lässt die Tonne stehen. Er macht sich am Thermomix zu schaffen. Auch ein WM-Held ist lernfähig. Erstmal sucht Majo nach einer sauberen Tasse. Er findet eine mit einem längeren Text darauf: „Treffen sich zwei Schalker. Sagt der eine: Ey, wir müssen mal was für die Frauen im Verein tun. Wir sind doch modern. Darauf der andere: Wir könnten unser Stadion nach einer berühmten Frau nennen. Darauf der erste: Ja klar. Wir nennen das dann Ernst Kuzorra seine Frau Stadion.“ Majo grübelt kurz. Was soll da der Witz sein? Doch lange beschäftigen solch wichtige Fragen unseren Helden nicht. Während er seinen morgendlichen Kakao zubereitet, rollert Reusi die gelbe Tonne in die Ecke und kippt sie auf dem Fußboden aus. Dann wühlt er in dem Berg aus Fanpost, der seit gestern für die drei gekommen ist. „Ey Alter, der hier ist für mich“, jubelt Reusi und nimmt einen Umschlag mit zum Tisch. „Machst Du mir auch einen Kakao?“, fragt er seinen Kumpel Majo, der gerade den Zusatzzucker in seinen Kakao rührt. „Aber nur, wenn Du mir Deinen Brief vorliest“, fordert Majo und greift zu einer weiteren Tasse. „Ey Alter, klar ey“, antwortet Reusi gut gelaunt. „Lieber Marco, ich vermisse Dich jetzt schon so lange auf dem grünen Rasen im Stadion. Du hast mich doch sicher schon bemerkt. Wir kennen uns aus der Schule. Ich bin die Blonde auf der Südtribüne. Ich meine, die in der siebten Reihe von unten. Aber Du kennst mich ja. Ich bin die Sandra aus der 6b. Wir haben in Musik mal nebeneinander gesessen. Bei der alten Weber-Münkelberg. In der 7 warst Du ja dann nicht mehr dabei. Schade. Aber ich denke immer noch an Dich und freue mich auf Dein Kammbeck.“ Majo ist ganz Ohr und passt deshalb nicht richtig auf. Er stellt die Tasse mit dem Boden nach oben unter den Kakaohahn. Erst, als ihm heißer Kakao die Zehen verbrüht, merkt Majo, was er gemacht hat. „Oh nein Alter ey, was machst Du da schon wieder?“, stöhnt Ülle, als er zur Tür hereinkommt. „Ich lese Majo was vor“, antwortet Reusi unschuldig. „Ey Alter, Du doch nicht“, sagt Ülle und geht auf Majo zu. „Ey Alter, Schuldigung. Ich war so ergriffen“, stammelt Majo und hält sich seinen Fuß. „Ey Alter, ein Pflaster haben wir noch!“, ruft Reusi und eilt aus der Küche. Ülle hat sich derweil einen Lappen gegriffen und Majos Missgeschick beseitigt. „Komm, ich mach Dir noch nen Kakao“, bietet er freundlich an. „Der ist für Reusi“, sagt Majo und humpelt zum Tisch. Gleich darauf ist Reusi zur Stelle und klebt Majo das letzte Morphinpflaster auf den lädierten Fuß. „Meinst Du, ich krieg auch so nette Briefe?“, fragt Majo seinen Freund. „Ey Alter klar doch“, sagt Reusi freundlich und nimmt Ülle die dampfende Tasse ab. „Ey Alter, is heute eigentlich Training? Ich meine, für die anderen“, fragt Ülle. „Ey ich kann heute nicht. Mir tut von gestern noch der Hintern und von eben der Fuß weh“, jammert Majo. „Ey und ich hab es wieder im Kreuz, seit ich vor die Klotür gerannt bin“, meint Ülle, während er sich seinen Kaffee zubereitet. „Ja und was ich habe, das wisst Ihr ja“, jubelt Reusi. Als Mama Götze zur Tür hereinkommt, schaut sie sich überrascht um. Kein Chaos und die Jungens sitzen glücklich grinsend am Küchentisch vereint. „Ey Mama, was geht?“, begrüßt sie ihr Sohn. „Das würde ich gern von Dir wissen, mein lieber Mario. Ihr seid so friedlich.“ „Ach Mama, wir wollten Dich fragen, ob Du uns für Heute beim Trainer abmelden kannst. Wir sind alle drei etwas verletzt.“

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