Männer-WG – Teil 5

„Just another manic monday“, klingt es aus der Superanlage mit Subwoofer, Reusi sitzt auf dem Küchenboden. Seine Unterschenkel liegen auf der Eckbank. Die stammt mittlerweile von IKEA. Papa Reus hatte gemeint, da kommen die vielen Katastrophen nicht so teuer. Reusi hatte nichts dazu gesagt. Der Vater verwaltet seine Finanzen. Reusi bekommt immer pünktlich sein Taschengeld. Er stütz sich nun auf seine Hände und hebt den Allerwertesten. So hoch, dass Beine, Hüfte und Oberkörper eine waagerechte Linie bilden. Mit der linken Hand greift Reusi jetzt nach einem gefüllten Bierglas. Leider verliert er dabei das Gleichgewicht. Auf der einen Hand kann er sich einfach nicht oben halten. Unsanft landet er auf seiner Hüfte. Das Bier mit der schönen Schaumblume verteilt sich auf dem Fußboden. Kneipenduft steigt auf. Da kommt Majo zur Tür herein: „Ey Alter, was geht?“, fragt er wie üblich. „Nichts geht. Ich kriege diese krasse Übung nicht hin“, stöhnt Reusi von unten. „Warum hast Du denn das Bier verschüttet?“, fragt Majo vorsichtig. „Der Trainer hat gesagt, ich soll bei dieser Übung ein Bierglas auf dem Bauch balancieren können. Nur dann wäre sie gut für mein Schambein.“ „Ey und das klappt nicht?“ „Doch! Ey Alter, dreimal habe ich es geschafft. Allerdings ohne Glas. Hat krass geknackt da innen drin.“ „Ey und das tat nicht weh?“ „Nein Mann. Aber jetzt tut mir die Hüfte weh, auf die ich geknallt bin“, stöhnt Reusi und reibt sein teures Körperteil. „Ey Reusi, wer soll denn das jetzt aufwischen hier?“, fragt Majo, ohne auf des Freundes Kümmernisse einzugehen. „Ich kann nicht. Das siehst Du doch“, sagt Reusi bestimmt. „Ist Madelleine nicht mehr hier?“, fragt Majo. „Ey krasser Macho. Du meinst wohl, die macht für Dich das Bier weg oder was?“, fragt Reusi lachend. „Wieso für mich?“ „Du wolltest doch, dass das Bier aufgewischt wird.“ Majo macht große Augen. Irgendwie hat Reusi ja Recht. Seine Mama ist es, die morgens immer Kontrollbesuche macht. So schreitet Majo zur Tat. Das heißt, vom Spülstein her wirft er Reusi einen nassen Lappen zu: „Ey weil Du schon da unten bist, hier, der Lappen.“ „Ey ich hab krasse Schmerzen“, erhebt sich Reusi mühsam, „ich brauche wieder so ein Pflaster.“ „Ey und das Bier?“ „Mach Du es doch weg oder ruf den Trainer an. Der ist sowieso an allem schuld. Ohne Bierglas klappte die Übung ganz toll.“ Reusi humpelt aus der Küche Richtung Bad. Seit der Schnittwunde von den Müslischalenscherben klebt sich Reusi jeden Morgen irgendwo ein Pflaster hin. Immer so rund um seine Mitte, weil er ja „Schambein“ hat. „Ey bist Du blöd oder was! Ich mach hier gar nix weg!“, ruft Majo erbost hinter seinem Freund her. „Ey Reusi, klebst Du Dir schon wieder so ein Drogenpflaster auf?“, hört er Ülle fragen. „Ich hab voll krasse Schmerzen an der Hüfte. Und ich soll doch Samstag spielen, hat der Trainer gesagt.“ Ülle kommt in die Küche und rümpft die Nase: „Ey Majo, was geht? Wozu hast Du denn hier das Bier auf dem Fußboden verteilt?“ Majo sitzt inzwischen vor seinem Laptop. „Ey voll krass Alter, schon wieder 1.527 Klicks“, ruft er glücklich. „Ey krass zeig mal!“, ist Ülle neugierig. Majo versucht schnell, die aufgerufene Seite zu schließen. „Ey Alter, lass Mal!“, schimpft Ülle, „sind das nicht Nevadas neue Bilder oder was?“ Majo schlurft hinüber zur Anrichte und gießt Milch und Kakaopulver in den Thermomix. Dabei pfeift er ganz unschuldig. „Ey Alter, was guckst Du? Ich meine, was guckst Du meine Freundin an?“, fragt Ülle lauernd. „Wieso Freundin, habt Ihr nicht Schluss oder was?“ „Geht Dich das was an? Was sagt überhaupt Jacqueline-Sophie dazu?“ „Die findet Nevada auch nicht schlecht“, meint Majo und drückt auf „Power“. „Mann Majo, Du sollst erst die Tasse drunter stellen und dann den Knopf drücken!“, schreit Ülle und stürzt zum Thermomix. Er schafft es gerade noch, Majos Kindertasse unter den Ausflusshahn zu schieben. Auf der Tasse prangt ein Bild von Majo mit seiner Familie. Die hatte er zum sechsten Geburtstag bekommen. Als der Kakao fertig ist, gibt Majo noch zwei Extralöffel Zucker hinzu. „Das Ding registriert nämlich, was wir reintun. Und wenn der Trainer das kontrolliert, gibt es wieder Waldläufe“, erklärt Majo sein geschicktes Vorgehen. „Jetzt nehm Deinen Kakao und erklär mir mal, warum Du Dir Nevada anguckst“, fordert Ülle. Derweil drückt er am Thermomix auf Latte Macchiato. „Du musst auch Deine Tasse drunterstellen“, sagt Majo. Ülle schaut sich hektisch um. In der Ecke erspäht er die Scherben seiner Liebestasse. Die hatte ihm Nevada geschenkt. Damals noch in London. Gestern hatte Ülle sie vor Wut in die Ecke geworfen. Es hilft nichts, er muss Reusis Gladbach-Tasse nehmen. Die ist auch schon etwas älter. Endlich sitzen beide am Küchentisch. Der ist auch von IKEA und wackelt ein bisschen. Die drei Jungs hatten ihn selber zusammengeschraubt. Direkt nach der Heimkehr aus Leipzig. Reusi war ja nicht mitgefahren und konnte somit vor den anderen die Aufbauanleitung studieren. Beim Aufbau war er dann der Vorarbeiter. „Also zum letzten Mal! Was guckst Du Dir Nevadas Bilder an?“, fragt Ülle böse. „Ey Alter, calm down oder so. Wir haben es nur gut gemeint“, stottert Majo. „Wer … wir?“ „Na meine Mama, Jacqueline-Sophie und ich.“ „Ihr redet über mich. Ey Alter, wir sind doch Kumpels oder was?“ „Ja eben, deshalb machen wir uns ja Sorgen um Dich“, sagt Majo treuherzig. „Ey Alter, mit der Alten ist Schluss. Kapiert!“, braust Ülle auf. Reusi kommt zurück aus dem Bad und läuft auf Socken durch den Biersee. „Ey Frieden auf Erden Euch allen“, säuselt er. „Ey krass Alter, heute wirkt das Pflaster aber besonders gut“, meint Ülle, „dabei sollst Du doch gleich mit zum Training kommen. Mittags fahren wir los.“ „Theo, wir fahrn nach Lodz!“, stimmt Reusi einen alten Schlager an. „Wieso Lodz? Fahren wir nicht nach Warschau?“, fragt Majo überrascht. „Lodz oder Warschau ist doch egal. Hauptsache Ostblock!“, jubelt Reusi. „Ey Alter, Du fährst dann aber bei mir mit“, stupst Ülle seinen beschwingten Freund an. „Wieso denn? Ich kenne inzwischen den Weg in dieses Brahkel oder wie das heißt“, verteidigt sich Reusi. „Ja ey Alter, aber Du bist etwas zu … Na, wie soll ich mich ausdrücken. Dein Führerschein ist noch ganz frisch“, versucht es Ülle vorsichtig. „Also ich fahre wieder mit Dir“, sagt Majo. „Nix da, wer meine Freundin angräbt, der kann alleine fahren“, erwidert Ülle säuerlich. „Ey krass, der Majo hat mit Nevada …“, johlt Reusi, „dann fährste eben mit mir.“ Majo erschrickt bei dieser Aussicht. „Ich packe jetzt meine Sachen für Warschau oder Lodz oder was auch immer“, beschließt er und verschwindet. „Ey Alter, was ist jetzt mit Nevada?“, fragt Reusi neugierig. „Ach vergiss es, Alter. Komm jetzt mit! Aber zieh Dir vorher neue Socken an. Die hier stinken nach altem Bier.“

 

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