Männer-WG – Teil 4

Glockengedröhn aus einer nahen Kirche durchflutet die renovierte Küche unserer drei Helden. Reusi sitzt am Küchentisch. Neben der nicht angerührten Müslischale liegen kleine viereckige Papierschnipsel herum. Reusi hält in der linken Hand den Montblanc-Füller und in der rechten Hand ein flaches Plastikstück. Dieses hält er gegen das Licht, dreht und wendet es. Sein Gesichtsausdruck zeigt Ratlosigkeit. Reusi legt die Schablone seiner Unterschrift auf eines der Papierschnipsel und malt die ausgesparten Linien und Kringel nach. Als er die Schablone wegnimmt, um sein Kunstwerk zu begutachten, zeigt sich, dass die Schablone nicht richtig auflag. Die Hälfte des Kunstwerks ist auf der Mahagonitischplatte verewigt. Hastig greift Reusi zum Radiergummi. Das rubbelt die Tinte noch tiefer ins Holz. Mit einem Geistesblitz greift er zum Tintenkiller. Den probiert Reusi erstmal auf dem Blatt. Funktioniert. Begeistert killert er auf dem Tisch herum. Funktioniert nicht. Ein Fragezeichen ziert das sonst so anmutige Antlitz unseres jungen Helden. Wie ein geölter Blitz springt Reusi auf. Dabei zwickts immer noch im Unterleib. Aber egal. Bevor die anderen kommen, will er sein Malheur beseitigen. Ülle lacht sowieso dauernd über ihn. Reusi rast ins Büro. Auf dem Schreibtisch findet er das Fläschchen mit Tipp-Ex. Sein Vater hatte damit irgendwas auf seiner schriftlichen Führerscheinprüfung verändert. Reusi durfte den theoretischen Teil zu Hause erledigen, weil er wegen des Schambeinproblems nicht auf den harten Stühlen der Fahrschule sitzen konnte. Der Papa hatte gesagt, Reusi habe lediglich ein falsches Datum eingesetzt. Anschließend hatte Papa die Ankreuzbogen zur Fahrschule Handauf gebracht. Selbstverständlich im versiegelten Umschlag. Reusi humpelt so schnell er kann in die Küche. Er zieht den Pinsel aus dem Fläschchen und gießt etwas Flüssigkeit auf die Tischplatte. Es ergibt sich – ein weißer Fleck. „Na gut, vielleicht muss das einwirken“, denkt sich Reusi und pinselt kräftig auf dem Fleck herum. Nach fünf Minuten wird ihm klar, dass es so nicht geht. Reusi springt auf – diesmal tut es schon deutlich mehr weh – und holt sich einen Lappen von einer der Spülen. Schmerzverzerrt steht er dann am Tisch und wischt so doll er kann. Leider erwischt Reusi dabei die Müslischale. All die wertvollen Frühstückscerealien landen in Scherben vor der Terrassentür. In diesem Moment schlurft Majo zur Tür herein. Er trägt sein Trikot und unten rum einen String-Tanga. Sonst nichts. In der Hand hält Majo eine große Sprühflasche. „Hey Reusi, was geht“, begrüßt Majo seinen Kumpel. „Ich habe die Müslischale runtergeworfen“, antwortet Reusi überflüssigerweise. Denn er kniet, hell erleuchtet von der Morgensonne, vor seinem Unfall und versucht, all die Körner seines Müslis wenigstens auf einen Haufen zu schieben. Plötzlich durchzuckt ihn ein heftiger Schmerz. Deshalb stützt sich Reusi haltsuchend auf die freie Hand. Ungeschützt macht seine teure Haut Bekanntschaft mit einer der Scherben. Der Schmerz am Schambein wird abgelöst durch den in der Hand. Panisch drückt Reusi den bekörnten Lappen auf die blutende Wunde und jammert herzerweichend. „Nein nein, so geht das nicht!“, ruft Majo, „Du könntest Dir mit den Körnern eine Blutvergiftung holen. Warte, ich helfe Dir!“ Majo eilt seinem Freund zur Hilfe. Dabei schwenkt er triumphierend die Sprühflasche. „Was willst Du mit Deinem Haarspray?“, fragt Reusi mit Tränen in den Augen. „Das ist doch kein Haarspray, Du Vollpfosten. Ey Mann, das hat mir der Physio gegeben. Es ist Eisspray. Das soll ich immer auf meinen Schenkel sprühen, wenn ich zu dolle Schmerzen habe. Damit ich besser treffe, laufe ich ja halbnackt hier rum.“ „Ey krass cool, sieht echt verschärft aus, Dein Schlüpfer. Jacqueline-Sophie wird Augen machen, wenn sie Dich so sieht.“ „Jetzt nehm mal den Lappen da weg“, fordert Majo, „ich sprüh Dir ne ordentliche Ladung drauf und dann tuts gar nicht mehr weh.“ Reusi tut, wie ihm geheißen. Majo nebelt die Hand kräftig ein. Reusi schreit auf und jammert: „Das brennt ja wie verrückt!“ „Ja, bei mir zwischen den Beinen auch am Anfang. Aber dann ist alles taub“, erläutert Majo und sprüht kräftig weiter. „Hol lieber ein Pflaster aus dem Bad!“, keucht Reusi, der im Nebel kaum noch Luft kriegt. Majo sprüht sich erstmal kräftig auf den entblößten Schenkel. Dann eilt er aus der Küche und rüttelt an der Klinke des Badezimmers. „Ey Ülle, Du bist jetzt schon eine halbe Stunde da drin. Schöner wirst Du auch nicht mehr!“, ruft Majo. „Ey Alter, leck mich“, tönt es unterdrückt. Da hat Majo seinen Geistesblitz des Tages. Ihr modernes Bad hat natürlich keinen Schlüssel mehr. Vielmehr hat jeder seinen Zahlencode, um das Bad zu öffnen und zu verschließen. Mama Götze hatte gesagt, da gibt es einen Code für den Notfall. Den hat sie auf einem Zettel neben die Tür geklebt. Majo liest und tippt 1 1 2. Die Tür öffnet sich und Majo erblickt den halb bekleideten Ülle auf dem Klodeckel sitzend. Tränen rollen ihm die Wangen hinab. „Ey Ülle, was geht?“, entfährt es Majo gewohnheitsmäßig. „Ey Alter, leck mich“, antwortet Ülle monoton. Majo eilt zum Schränkchen mit dem roten Kreuz. Er wühlt in einer Schublade. „Ey Alter, was suchst Du denn?“, fragt Ülle schluchzend. „Ein Pflaster für Reusi“, antwortet Majo, dessen Kopf halb im Schrank verschwunden ist. „Das sind die kleinen Helferchen vom Trainer. Du musst weiter unten suchen“, dirigiert Ülle aufblickend. Bevor Majo in die Küche zurückeilt, nebelt er sich und sein Bein kräftig mit Eisspray ein. „Ey Alter, das brennt in den Augen. Hör sofort auf damit!“, schimpft Ülle. „Ey Alter, das hat mir der Physio verordnet,“, kommt es aus der Wolke. Reusi sitzt inzwischen wieder am Tisch. Rote Tropfen fallen sanft auf den weißen Fleck, den die hastige Wischaktion nicht hatte beseitigen können. „Tuts noch weh?“, fragt Majo. „Ach ich weiß nicht. Heute geht wieder alles schief.“ Reusis Mundwinkel hängen zu Boden. Majo schnappt sich ein großes Pflaster, ohne die Aufschrift zu lesen. Deshalb erfährt er nicht, dass es sich um ein Morphinpflaster gegen starke Schmerzen handelt. Sorgfältig und mit viel kumpelhafter Liebe klebt Majo das gute Stück auf die Wunde. „Ey Alter, wie kommt denn der Fleck auf unseren neuen Tisch?“, fragt Majo verblüfft. „Ich habe mit dem Füller auf unseren Tisch gemalt. Aus Versehen natürlich. Das wollte ich damit wegmachen“, erklärt Reusi. „Ey und das geht nicht? Das hat Mama bei meinem letzten Zeugnis benutzt. Da half das noch. Ist vielleicht abgelaufen.“ Majo dreht die Flasche um. Leider hatte Reusi sie noch nicht wieder zugeschraubt. Nun ist der gesamte Tisch weiß befleckt. „Ey Alter, was macht Ihr da schon wieder für einen Mist?“, kommt Ülle zur Tür herein und wischt sich die Tränen aus den Augen. „Ey Ülle, was geht?“, fragt Reusi zur Begrüßung. „Alles Mist“, stöhnt der Kumpel. Majo pfeffert die Flasche Tippex derweil ins Müslichaos. So verzieren letzte Tropfen auch noch das teure Parkett. „Warum habt Ihr denn den Tisch weiß angestrichen? Der sah doch ganz gut aus?“, fragt Ülle befremdet. „Krasser Unfall ey! Komm, wir breiten eine Tischdecke darüber“, schlägt Reusi vor. „Haben wir sowas?“, fragt Ülle. „Na klar. Ey Alter, nicht versagen, Majo fragen.“ Majo nebelt sich und sein Bein erstmal kräftig ein. Dann holt er die elektrische Stehleiter aus der Ecke und fährt damit zum Küchenschrank. Weil er ja nicht der Größte ist, braucht er die Leiter, um an das obere Fach zu gelangen. „Ey Alter, die hier ist blauweiß. Das findet Jacqueline-Sophie ganz toll.“ „Steht was mit Bayern drauf?“, fragt Ülle aufmerksam. „Nein, bloß S04.“ „Na dann ist gut. Nevada fand blauweiß auch immer toll.“ Ülle schluchzt auf. „Ey Alter, was geht“, fragt Reusi, dem es schon viel besser geht, „Du hast doch gestern den Elfer für uns rausgemogelt. Der Trainer liebt Dich mehr als diesen Rodel oder wie der heißt. Ich meine diesen Neuen von Bayern.“ „Ich bin dieser Neue von Bayern“, ruft Majo und steigt im Nebel von der Leiter. „Ach Trainer, wen interessiert denn der?“, zetert Ülle. „Nevada hat mir einen Tweet geschickt.“ „Ja und, geht noch was?“, fragt Majo mitfühlend. „Ey Alter, ich weiß nicht.“ „Was shreibt sie denn?“ „Sie liebt mich noch und so.“ „Hast Du nicht mit ihr Schluss gemacht?“ „Ey klar doch. Ich hab ihr nen Tweet geschickt. Da stand nur: „Schluss!“ Das kann sie doch gar nicht falsch verstehen.“ „Ey klar nicht“, pflichtet Reusi bei, „Madelleine ist immer sehr verständnisvoll, wenn ich Schluss sage. Ihr wisst ja, wie weh so ein Schambein tut. Da müssen wir manchmal aufpassen.“ Reusi wird immer lockerer und redseliger. Das Pflaster wirkt. „Ey Alter, bleib uns weg mit Deinen Intimi … Intimu … na eben mit dem, was man nicht erzählt“, interveniert Majo. „Sie liebt mich noch und will mit mir sprechen“, jammert Ülle. „Typisch Frauen“, entfährt es Reusi. Da kommt Mama Götze zur Tür herein. „Was ist typisch Frauen, mein lieber Marco?“, fragt sie flötend. „Ach die Nevada vom Ülle will nicht kapieren, dass Schluss ist“, plappert Reusi munter, „und deshalb will sie jetzt reden.“ „Ey Alter, halt die Klappe!“, schimpft Ülle. Majo versucht, die Schalke-Tischdecke schnell auszubreiten. Die Mama soll wenigstens nichts von der geweißten Tischplatte erfahren. Dabei lässt er seine große Sprayflasche fallen. Wie das so ist in unserer Geschichte, fällt sie auf ihren Notfallknopf. Luxusflaschen unserer Helden haben sowas. Augenblicklich ist die gesamte Küche vereist. Alle flüchten in den Garten. Nur Reusi sitzt am Tisch und kichert. Das Pflaster wirkt.

 

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