Männer-WG – Teil 3

Majo und Ülle sitzen im Wohnzimmer. Beide haben ihre iPads vor sich auf dem Couchtisch. „Ey hast Du die neuen Kameras gesehen überall an den Masten?“ „Ey voll gut, da werden wir jetzt von allen Seiten aufgenommen.“ „Ey so gut finde ich das gar nicht.“ Ülle denkt mal wieder etwas weiter: „Da können wir uns keine Pause mehr gönnen oder um die Ecke eine anstecken. Alles wird beobachtet und hinterher analysiert.“ „Meinst Du wirklich?“, entgegnet Majo beunruhigt, „ich hab da doch so einen Teenie. Die bringt mir immer Schokoriegel mit und sowas. Die kenne ich noch von früher von der Schule.“ „Geht da was? Wie heißt sie denn?“ „Lieber nicht, die hat so strenge muslimische Eltern. Hülya heißt sie, glaube ich.“ „Siehste, das ist voll krass mit den Kameras. Und deshalb habe ich mir was überlegt.“ Majo ist ganz Ohr. „Als der Trainer mal aufs Klo war, hat er sein Notizbuch liegen lassen. Und da habe ich schnell geguckt. Und ey ich sag Dir, da waren die Zugangsdaten für die Kameras drin.“ „Was für Zugangsdaten?“ „Oh Mann Majo, die sind doch übers Netz abrufbar. Meinste, der Trainer klettert hinterher hoch und holt die Filme raus?“ „Nee, wohl nicht.“ „Ja guck und jetzt gebe ich den Code ein.“ Ülle tippt und wischt. „Ey guck mal, das war Dein versuchter Hackentrick, bei dem Du auf dem Hosenboden landest.“ Ülle ist sofort drin in den Aufnahmen vom heutigen Training. „Ey voll krass, zeig mal!“ Majo ist begeistert, ey und hier die Ansprache vom Trainer mit dem neuen 4 0 6-System oder wie das heißt.“ Ülle zieht einen Stick aus der Hosentasche. „Guck mal, und hier habe ich so einen alten Film auf dem Stick. Von einem Frank Mill. Der soll auch mal hier gespielt haben. Guck mal, und da steht er vorm leeren Tor und trifft den Pfosten. Voll verpeilt der Typ!“ Majo kennt diese berühmte Szene auch noch nicht und lacht sich halb schief ob des Ungemachs seines berühmten Vorgängers. „So blöd musst Du erstmal sein“, höhnt er. „Ey und diesen Film spiele ich jetzt mal ein. Da wird der Trainer aber doof gucken, wenn er sich die Videos ansieht.“ Ülle drückt auf Hochladen und liest vor: „Sollen die bestehenden Aufnahmengelöscht werden? Sämtliche Daten gehen verloren“. „Ey das kannste nicht machen“, sagt Majo besorgt. „Ach, heute war doch gar nichts Besonderes im Training. Gut, der Neue von Bayern hat einen Zahn verloren. Aber sonst?“ „Ich bin der Neue von Bayern!“, fährt Majo auf. „Ach Quatsch, Du doch nicht. Der andere.“ „Richtig, da ist ja noch einer. Wie heißt der nochmal? Rodel oder so.“ Majo kratzt sich am Kopf. „Echt voll krass, wie den der Sokratis erwischt hat.“ „Aber der ist doch von uns. Warum freust Du Dich da?“, ist Majo etwas verwirrt. Ülle verzichtet auf eine Antwort und drückt lieber auf J. Damit werden jeweils zwei Stunden Aufnahmen von 14 Kameras gelöscht und alle mit der einen Torszene aus Borussias Vergangenheit überschrieben. „Bin gespannt, ob sich überhaupt einer diese ganzen Aufnahmen anguckt“, meint Ülle. „Ey Alter, seid Ihr auch so kaputt?“, kommt Reusi zur Tür herein. Weil er so stolz ist, will er jetzt immer allein fahren. „Das Navi ist immer noch kaputt. Ich habe nicht den kürzesten Weg genommen.“ Die WG-Kollegen schmunzeln. „Du musst doch nur hinter mir herfahren“, schlägt Ülle vor. „Du bist doch noch neu hier. Wer weiß, wo Du langgurkst“, entgegnet Reusi. „Ich fahre gern mit Ülle mit. Diesmal habe ich zwei Pokemons unterwegs erlegt. Aus dem fahrenden Auto heraus“, sagt Majo stolz. „Ich war in Hörde oder wie das heißt“, erzählt Reusi, „da habe ich mal gewohnt. Ey und da war voll der Auflauf an so einer Bahnstation. Voll fett Polizei und so. Absperrungen. Und da wusste das Navi den Weg nicht mehr“, erzählt Reusi aufgeregt. „Habe ich gesehen. Da war so eine Einblendung im Pokemon-Spiel mit Wasserwerfern und so.“ Majo ist auf dem Laufenden. „Was macht Ihr denn eigentlich hier im Wohnzimmer? Gibt es nichts zu essen?“, fragt Reusi und schaut sich suchend um. „Die Küche wird immer noch renoviert“, erklärt Ülle. „Ich habe auch noch gar nicht erzählt, dass meine Mama hier einziehen will. Weil wir immer Mist bauen, hat sie gesagt“, erzählt Majo. Reusi und Ülle werden blass. „Ey Majo, nichts gegen Deine Mama, aber haben wir denn hier überhaupt genug Platz?“, fragt Ülle vorsichtig. „Sechs Schlafzimmer und vier Bäder“, entgegnet Reusi stolz. Es ist ja ursprünglich sein Haus. „Ja aber Madelleine und wenn ich mal. Und Deine Hülya“, lässt Ülle nicht locker. „Ey schalt mal die Verbindung ab, sonst kriegen die noch mit, wer wir waren“, deutet Majo auf Ülles Pad. „Ey Majo, ist das wahr mit Deiner Mutter?“, kommt Reusi zurück zur Hiobsbotschaft des Tages. „Nee, noch nicht. Sie sagt, nur im Notfall. Wenn wir nicht aufhören, alles in die Luft zu jagen.“ „Du hast an der Schnur gezogen, als ich noch auf der Leiter stand“, verteidigt sich Ülle vorsorglich. „Und ich wollte bloß die Erdbeeren schneiden oder sowas“, ist auch Reusi bar jedes Schuldgefühls. Da klingt wieder „Mein Freund, der Baum“ durchs Zimmer. „Ey nein! Nicht schon wieder Feueralarm!“, ruft Ülle. Reusi liegt schon unterm Couchtisch in Deckung. „Ist doch bloß mein Klingelton“, beruhigt sie Majo und meldet sich: „Ey, was geht“ „Nichts geht“ hört er eine bekannte, verärgerte Stimme am anderen Ende, „hier spricht Dein Trainer, lieber Mario.“ Majo steht der Mund offen. Alle haben den Trainer gehört und sind mucksmäuschenstill. „Ey ja Trainer. Guten Tag. Was geht?“, stammelt Majo ins iPhone. „Das ist ja ein netter Spaß mit der Szene von Frank Mill. Habt Ihr drei eigentlich nur Flausen im Kopf? Da sind wichtige Trainingseindrücke verloren gegangen. Wisst Ihr eigentlich, was solch ein Kamerasystem kostet?“ „Wir haben es ja nicht kaputt gemacht“, flüstert Ülle. „Der Trainer hört alles“, klingt es lauter aus Majos Freisprecheinrichtung. „Oh sch… sch… schade!“, entfährt es Reusi. „Mario und André, ich erwarte Euch in einer Stunde zum Straftraining. Und Du, lieber Marco, fährst 20 Kilometer auf dem heimischen Ergometer. Und glaube ja nicht, ich könnte das nicht überwachen.“ Der Trainer legt auf. „Oh Mann Ülle. Du baust Mist und ich kriege es ab. Straftraining! Wahrscheinlich wieder Waldlauf oder sowas“, stöhnt Majo. Reusi hingegen grinst: „Ich habe mir ja so ein Ding besorgt, dass die Pedalen des Ergometers dreht. Hat übrigens der gleiche Typ gemacht, der damals meinen Führerschein gefälscht hat.“ „Die Geschichte kennen wir“, stöhnt Ülle, „der Typ kann alles. Der hat Dir auch die blöde Wohnung am See besorgt, die jetzt keiner kaufen will.“ Da kommt Frau Götze freudestrahlend zur Tür herein: „Na Ihr lieben Jungs. Euer Trainer hat gesagt, ich soll Euch Mittagessen bringen. Ihr habt gleich ein Extratraining. Leckeres Knäckebrot mit Magerquark steht heute auf dem Plan. Dazu Bärlauchtee. Hallo Marco, komm mal unterm Tisch hervor. Für Dich ist auch was dabei.“

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Drei brave Fußballjungs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s