Pokemon Go – Rob16 schöpft wieder Hoffnung

Nach den letzten Erlebnissen auf der Erde ist Rob16 vorerst auf seinen Heimatplaneten zurückbeordert worden. Zu wirr klingen seine Berichte. Sicher, er ist nie der Hellste gewesen, aber dieses Mal machen sich seine Vorgesetzten ernsthaft Sorgen um seine Schaltkreise. Vielleicht ist es besser, ihn erstmal eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen.

Zunächst gefällt es Rob16 auch ganz gut, wieder daheim zu sein. Hier ist eben alles wie gewohnt. Das Leben läuft seinen durchorganisierten elektronisch gesteuerten Gang. Alles funktioniert reibungslos, eben wie immer. Keine Pannen, keine Katastrophen, nichts Unvorhergesehenes, kein Nieselregen und keine schlechte Stimmung. Wenn man es genau betrachtet, überhaupt keine Stimmung. Das macht das Leben in Rob’s Welt ja so einfach und überschaubar.

Nach einer Weile jedoch merkt Rob16, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er fühlt sich so merkwürdig. Fühlen? Nein, Fühlen kann es nicht sein. Das ist doch etwas von vor-vorgestern und schon lange als völlig ineffizient abgeschafft. Rob 16 formuliert es deshalb für sich so: er hat das dringende Bedürfnis, noch einmal auf den Planeten Erde zurückzukehren. Das muss eine rationale Ursache haben! Bestimmt gibt es noch etwas Wichtiges zu entdecken bei der Spezies Mensch. Aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht versteht, hat er einen kleinen Sensor versteckt im Goystadion des Vorortes Hörde zurückgelassen. Als er diesen nun aktiviert, staunt er nicht schlecht über das Bild, das sich ihm bietet. Fast alle Biologischen haben inzwischen eine elektronische Hand. Zumeist ist es die linke Hand, während die rechte ziemlich unpräzise auf ihr herumwischt Vereinzelt hat Rob 16 so etwas auch schon bei seinen letzten Besuchen gesehen, aber sicher nicht in diesem Ausmaß.

Nach einem kurzen Disput mit seinen Vorgesetzten (die auch keine nützlichere Aufgabe für ihn wissen), bekommt er die Erlaubnis zu weiteren Recherchen.

Als Rob16 am Bruchheck landet und, durch seinen Unsichtbarkeitsschirm geschützt, durch die Straßen wandert, ist da noch einmal so etwas, was er nicht einordnen kann. Er merkt, dass er wieder einmal vor sich hinsummt – auch solch eine unlogische Eigenart, die er von den Biologischen übernommen hat, ohne es recht zu merken. Aber das wird erstmal in den hinteren Speicherschubladen abgelegt, denn in erster Linie geht es ja um die Technisierung der Spezies Mensch. Und die hat wahrlich Fortschritte gemacht.

Abgesehen von den ganz kleinen Menschen ist kaum noch jemand mit zwei biologischen Händen unterwegs. Die kleinen Menschen nennt man Kinder oder Babys. Das hat Rob16 noch im Gedächtnis. Die sind noch nicht ganz fertig. Vielleicht wachsen denen die elektronischen Hände erst später, überlegt er. Tja, und die übrig gebliebene biologische Hand wischt dauernd hektisch auf ihrem elektronischen Pendant herum. Dabei murmeln die Menschen etwas wie „krieg dich gleich“ oder „Mist, brauche Nachschub“. Es wird gelacht und laut geschimpft. Ab und zu ist die Rede von einem Zusatz-Akku und dauernd von einem sog. Pokestop. Die Leute hasten durch die Gegend auf der Suche nach diesen Pokestops. Dabei muss es sich um eine hochwichtige Angelegenheit handeln, denn alle sind total konzentriert auf der Jagd. Dabei rennen sie auch schon mal gegen Hindernisse oder rempeln sich gegenseitig an. Trotz vollen Körper-Einsatzes kriegen sie das Problem nicht richtig in den Griff, scheint es.

Rob16 seufzt. Manchmal stellen sich die Menschen sehr unbeholfen an auf dem Weg in die Robotisierung. Irgendwie hat er das Bedürfnis einzugreifen, zu helfen. Eigentlich soll er sich ja nicht einmischen, aber….

Er kann einfach nicht anders. Neben ihm steht ein größeres Kind, also so eins, dem schon eine elektronische Hand gewachsen ist. Und Rob16 klinkt sich ins Geschehen ein. Mit seinen technischen Mitteln ist es ein Leichtes, dem Jungen ein bisschen Erfolg zu verschaffen. „Boah ey, das gibt’s doch nicht! Wie geil ist das denn! Pokebälle, Tränke, Beleber und mega viel Rauch!“ Der Junge ist völlig aus dem Häuschen. Er springt hin und her und rast los. Wischt und schrubbt wie wild auf seiner elektronischen Hand herum. „Alles da. Ich muss nur herbe schnell sein“. Er rennt Richtung U-Bahn-Haltestelle Clarenberg, wo all diese Schätze zum Greifen nah in der virtuellen Welt rumfliegen. Aber natürlich muss er vorher noch seinen 217 Facebook-Freunden einen Hinweis schicken. Am Clarenberg knallt er vor die große Platane, die vor der Straßenbahn-Haltestelle steht. Er spürt es kaum. Was ist schon eine Beule am Kopf? Er sieht auch nicht, dass aus allen Richtungen andere Jäger angerast kommen, denn Facebook-Nachrichten verbreiten sich nach dem Schnellball-System. Alle grabschen wie von Sinnen nach virtuellen Pokebällen, Belebern und was es sonst noch gibt. Dabei wird so viel Energie verbraucht, dass die elektronischen Netze nach und nach zusammenbrechen. Die U-Bahn-Anzeigen eine Etage tiefer verabschieden sich als erste. Dann fällt das Licht aus. Rolltreppen bleiben stehen. Fahrgäste kommen in Panik die Treppen hochgehastet. Einer schreit, dass ein IS-Anschlag hinter alledem stecken muss und alarmiert die Polizei. Zwei greifen zum Pfefferspray. Sie haben immer gewusst, dass sie das eines Tages dringend brauchen werden. Inzwischen ist die Menschenmenge im Eingangsbereich Clarenberg unüberschaubar. Die Pokemon-Jäger schupsen sich gegenseitig aus dem Weg ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Mann hockt schluchzend auf dem Fußweg, weil ihm sein Smartphone runtergefallen ist und jemand draufgetreten ist.

Rob16 schaut sich dieses Spektakel fassungslos an. Ihm dämmert, dass er etwas damit zu tun haben könnte und er sich besser nicht eingemischt hätte. Zu spät! Er ist so aufgeregt, dass er nicht merkt, wie auch sein Energiespeicher zu Ende geht. Sein Antigravitationssystem und sein Unsichtbarkeitsschirm geben gleichzeitig den Geist auf. Mit einem lauten Krachen und für jeden sichtbar stürzt Rob16 in die Platane. Da hängt er nun, ein rundes hilfloses metallenes Etwas. Kleine Rauchfäden steigen hoch. Die Platane nimmt es gelassen, steht sie doch seit Jahrhunderten hier an diesem Fleck. Sie hat schon so manches kommen und gehen sehen.

An einem Punkt hat Rob16 jedoch noch Glück im Unglück. Niemand bemerkt einen Außerirdischen in einem Baum. Dafür müsste man ja hochschauen, was bei einem Pokemon-Spieler einfach nicht mehr vorstellbar ist.

Inzwischen sind laute Martinshörner zu hören. Die Polizei ist auf dem Weg. Was heißt hier, die Polizei. Nach den ersten Meldungen über einem mutmaßlichen Terroranschlag, informierte die örtliche Dienststelle ihren obersten Chef Gregor. Aber auch Gregor kann eine solche Verantwortung nicht allein tragen. Er forderte Verstärkung an und nun rollen Spezialeinsatzkommandos auf den Clarenberg zu. Und für den Fall, dass das nicht reicht, formieren sich Feldjäger, von Ursula von der Leyen vorsorglich bereitgestellt, hinter Erikas Büdchen.

Die Anwohner am Bruchheck 20 – 45 hängen in ihren Fenstern. Sie haben einen Platz in der ersten Reihe erwischt und werden morgen als Augenzeugen in der Bild zu Wort kommen. Einer von ihnen sieht auch eine merkwürdige Kugel in der Platane. Aber als er später davon erzählt, wird er nur ausgelacht. Er hat, wie so oft, einen Bierflaschen-Nachschub-Stop zuviel bei Erikas Büdchen eingelegt, ist die allgemeine Einschätzung.

An der Haltestelle haben Polizisten in martialischem Outfit inzwischen alle Pokemon-Jäger umstellt und die ersten Wasserwerfer zum Einsatz gebracht. Das kühlt die Gemüter, setzt die Smartphones außer Kraft und so kommen alle allmählich wieder zu sich. Die Verwirrung ist groß, auch bei den Gesetzeshütern. Keine IS-Kämpfer, sondern durchgeknallte Pokemon-Spieler? Sie tun dann das, was ihnen als erstes einfällt: von allen Umzingelten werden die Personalien aufgenommen. Das dauert eine Weile und die von den Wasserwerfern durchnässten vermeintlichen Terroristen freuen sich, dass die Sonne rauskommt und sie ein wenig wärmt.

Aber nicht nur die freuen sich über die Sonne. Unser Rob16 braucht dringend ein paar Strahlen, um ein bisschen Energie für seinen Unsichtbarkeitsschirm zu erhaschen. Das gelingt ihm glücklicherweise. Nun ist er wenigstens nicht mehr sichtbar. Vorsichtshalber bleibt er erstmal in der Platane hocken, wo er in Ruhe sein eingebautes automatisches Reparatur-System starten kann. Er versucht zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Aber wir wissen ja, Rob16 ist nicht der Hellste und all das Nachdenken erschöpft ihn, so dass er in seinem sicheren Baumversteck ein Schläfchen einlegt.

Am Clarenberg kehrt langsam Ruhe ein. Uschis Feldjäger, in Tarnuniform mit Büschen und Zweigen auf dem Kopf, ziehen unverrichteter Dinge von dannen. Zu ärgerlich. Wieder hat sie keiner gebraucht.

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Eine Antwort zu Pokemon Go – Rob16 schöpft wieder Hoffnung

  1. Anonymous schreibt:

    Herrlich, einfach nur herrlich….

    Gefällt mir

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