Kanonenfutter und Kondome

 

Öffeln im ÖPNV II (August 2016)

Heute möchte ich nicht meine Mitreisenden in Bus und Bahn aufs Korn nehmen, sondern ich möchte euch einmal mehr schildern, was einem unfreiwillig während einer Fahrt von A nach B in Dortmund unter die Augen kommt. Nein dieses Mal sind es keine Botschaften des Mediamarktes an den Bushaltestellen, sondern – weitaus schlimmer – es sind Botschaften der Bundeswehr und des Bundesministeriums für Gesundheit in den U-Bahn-Stationen.

Aber der Reihe nach. Fangen wir mit der Bundeswehr an. Anscheinend laufen den Militärs nach Abschaffung der Wehrpflicht nicht genug Rekruten zu. Also betreibt man seit einiger Zeit Werbung. Per Videobotschaft auf den überdimensionalen Leinwänden oder auf den großflächigen Reklamepostern.

Ein Querschnitt der Bundeswehr-Aussagen von heute:

„Wir kämpfen für die Freiheit und für Medaillen.“
„Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“.
„Bei uns geht es ums Weiterkommen. Nicht nur ums Stillstehen.“
„Wahre Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln. Mach, was wirklich zählt.“
Mein persönlicher Favorit lautet: „Grünzeug ist auch gesund für deine Karriere“.

Den passenden Hintergrund für diese Texte bildet ein Rombenmuster in Tarnfarben. Mit solch dummen Phrasen und gewollt ironischen Sätzen wird massenhaft geworben. Ich werde damit konfrontiert, ob ich will oder nicht. Es ist schier unmöglich, sich dieser Propaganda zu entziehen.

Aber nicht nur Ursula von der Leyen macht sich Sorgen. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat uns etwas zu sagen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe und die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Dr. Heidrun Thaiss, haben im Mai dieses Jahres die neue Informationskampagne LIEBESLEBEN vorgestellt. Auch das Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit wird mir ungefragt übergestülpt. Ebenfalls Botschaften auf überdimensionalen Leinwänden oder auf großflächigen Reklamepostern. Das Muster ist immer das gleiche: viel Bild, wenig Text.

Hier zwei Beispiele:
„Dein Ex juckt dich noch immer? Ab zum Arzt!“ Im Vordergrund des Plakates eine Frau, die sich mit verzerrtem Gesicht im Schritt kratzt.
Oder: „Ob rauf oder runter – benutzt Kondome“. Dazu das Bild eines Paares, dass es gerade im Fahrstuhl mit einen Quickie im Stehen versucht.

Sowohl die eine wie die andere, selbstredend aus Steuergeldern finanzierte, millionenschwere Kampagne empfinde ich als Zumutung. Eine Zumutung für Intelligenz, guten Geschmack und Schamgefühl. Ich will so etwas nicht sehen. Ich will nicht auf dümmliche, primitve Art zu meinem Sexualleben belehrt werden. Aber während ich darüber vielleicht noch müde grinsen kann, hört der Humor bei den Bundeswehr-Sprüchen auf.

Die Bundesregierung schickt junge Menschen zu lebensgefährlichen Einsätzen in Krisenregionen. Sie lügt ihnen vor, dass diese Krisenherde mit Waffen befriedet werden können. Das Ganze wird dargestellt als ein Abenteuer oder Survival-Event. Über die Risiken wird kein Wort gesagt. Das ist übelste Propaganda. Viele von den jungen Menschen bezahlen mit ihrer Gesundheit oder sogar mit ihrem Leben. Sie lassen so etwas mit sich machen, weil sie auf dreiste Behauptungen reinfallen von der „Bundeswehr als Arbeitgeber, der einen Job mit Sinn bietet“ (Zitat). Vielleicht werden sie auch Söldner aus Mangel an Alternativen. Weil es z.B. keinen Ausbildungsplatz für sie gibt. Weil sie keine Zukunfts-Perspektive sehen. Was meint ihr wohl, wie viele von den sieben Kindern der von der Leyens in Afghanistan für unsere Freiheit kämpfen?

Wenn ich die beiden Werbekampagnen der Bundesregierung in Zusammenhang setze, fällt auf, dass man in Regierungskreisen einerseits sehr besorgt ist um unsere Gesundheit, andererseits aber bedenkenlos naive junge Menschen für Kriegseinsätze anwirbt, in denen sie ihr Leben riskieren. Das ist schon ziemlich zynisch. Wie geht das zusammen? Vielleicht (und nun muss ich leider auch zynisch werden) insofern, als man nur gesunde junge Leute als Kanonenfutter benutzen kann.

 

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Eine Antwort zu Kanonenfutter und Kondome

  1. Anonymous schreibt:

    Super Artikel! Ich empfinde das ebenfalls als Zumutung und man kann bei der Bundeswehr sicher drauf warten, dass ihre Einsätze im Innern auch legitimiert werden. Dann steht da sowas wie: „Für die Sicherheit von Frauen und Kindern. Gebt der Radikalisierung keine Chance!“
    Radikalisiert werden diese Menschen selbst in ihrer sog. „Ausbildung“. Und die Bedrohung im Innern ist durch den islamistischen Terrorismus nur so groß, wie wir weiterhin mit Waffenexporten und Diskriminierung von muslimischen Mitmenschen dafür sorgen. Aber Ursachenforschung ist nicht im Interesse derer, die mit Tod, Angst und Dummheit ihr Geld verdienen.

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