Wie der Blinde so Geburtstag feiert – Kapitel 13

„Darf ich reinkommen?“, fragt es leise von der Tür her. Manfred liegt quer auf seiner Matratze und hört WDR 4. Er reagiert nicht. Denn im Geiste ist er noch am vergangenen Abend. Nach der etwas enttäuschenden Marburgfahrt hatte ihn Rosa überrascht. Spontan hatte sie Karten für Reinhardt Mey gekriegt. Sonst hört sie eher andere Musik. Doch diese Stimme hat es ihr angetan. Manfred hatte lange geschlafen und dann bei Rotraud gefrühstückt. Der Abend mit Rosa war schön gewesen. Ein bisschen gekuschelt hatten sie natürlich auch. Im Auto vor und nach dem Konzert. Auf einen Kaffee bei Karl-Heinz wollte Rosa nicht mit. „Das Kennenlernen heben wir uns für Deinen Geburtstag auf“, hatte sie gesagt. Jetzt klopft es leise an der Tür. Manfred schreckt auf: „Ja, was ist denn?“ „Darf ich reinkommen? Ich habe unseren Kaffee dabei.“ „Hallo Sabine, guten Morgen. Ja klar, komm doch rein.“ Sabine stellt den Tisch ab und hockt sich hin. Manfred dreht sich nur etwas, bleibt aber liegen und tastet nach seiner Tasse. „Vorsicht heiß!“, mahnt Sabine wie in alten Zeiten. „Das ist aber nett von Dir“, geht Manfred nicht darauf ein. „Heute holen wir ja Deine Mutter aus dem Krankenhaus und da dachte ich …“ „Ja stimmt, habe ich noch gar nicht dran gedacht.“ Eine Falte zeigt sich auf Manfreds Stirn. „Ja und da dachte ich, vielleicht machen wir das jetzt wieder so und …“ Sabine säuselt wie in besten Zeiten. Der blinde Mann hat ja so ein gutes Gehör und da strapaziert lautes Reden seine Nerven. Das hatte Sabine verinnerlicht. „Ja stimmt, wir fahren um zehn hin und holen sie. Kommst Du auch mit“, fragt Manfred in normaler Lautstärke. „Wenn Du … ich meine, wenn Ihr nichts dagegen habt, komme ich gern mit“, antwortet Sabine. „Ach ich denke, ein Platz ist noch frei im Auto. Gertrude freut sich bestimmt und Frau Nörgelmann-Waldschmidt will sicher nicht mit uns fahren.“ „Borgstein-Waldschmidt“, verbessert die Gattin sanft. „Jaja, gesegnete Waldschmidt. Soll sie ihre Nase lieber in die Bibel statt in unsere Angelegenheiten stecken.“ Manfred ist noch böse auf die Nachbarin. Nach dem Hochamt hatte diese vor ihrer Wohnung laut Fürbitten für den blinden Nachbarn gebetet. Im Treppenhaus. Manfred war davon wach geworden. So verschlafen wollte er nicht zur Tür gehen. Sabine war auch nicht in Form. Deshalb fiel die Aufgabe Carlo zu. „Könnten Sie das eventuell in der Kirche machen?“, kam er die Treppe hoch. Frau Borgstein-Waldschmidt hatte sich nicht stören lassen. Erst als Carlo das Kreuz umdrehte, dass Frau Borgstein-Waldschmidt an Borkenstocks Tür gelehnt hatte, fuhr ihr der Teufel regelrecht in die arme Seele. „Junger Mann, Sie sind ein gottloser Rüpel! Denken Sie doch an den armen blinden Mann. Im Moment lebt der in unklaren Verhältnissen, hat seine Mutter mir gesagt. Da muss man doch was tun als Christenmensch. Und im Hochamt hat Pfarrer Seelighaus auch gesagt, dass wir den Nächsten lieben sollen wie uns selbst.“ „Und Sie lieben sich sehr, nehme ich an“, entgegnete Carlo und half der älteren Dame gentleman-like auf die Beine. „Manchmal haben Sie ja doch etwas Benimm. Erstaunlich. Wahrscheinlich eine gute Kollegin in der Schule. Naja, Gott segne Ihren Tag.“ Mit Kreuz und Bibel unter dem Arm war die Nachbarin in ihrer Wohnung verschwunden.

Kurz vor sieben kommt Karl-Heinz ins Zimmer. „Guten Morgen zusammen, wie geht’s denn so?“ „Es sieht nach einem sonnigen Tag aus“, säuselt Sabine. „Ach Papa, müde bin ich noch. Ist gestern doch etwas spät gewesen. Ausgeschlafen ist anders.“ „Ach komm, die zwei Bierchen am Abend und Du machst schlapp.“ „Ich gehe schnell ins Bad“, sagt Manfred und rollt sich von Sabine weg. „Ich helfe Dir dann gleich“, säuselt Sabine. Doch Karl-Heinz hat schon ein frisches Hemd in der Hand. Von unten hat er Wäsche mitgebracht, die er nun im Schrank verstaut. Sabine guckt verdutzt und greift zum Tablett. „Willst Du mit uns frühstücken?“, fragt Karl-Heinz seine Schwiegertochter. „Oh ja gern. Ich ziehe mich nur rasch an.“ Pfiffi ist da, als Karl-Heinz seinem Jungen beim Ankleiden hilft. Heute gelingt das Hemd-Zuknöpfen auf Anhieb allein. Jeder Knopf ins richtige Loch. Anfangs hatte Manfred oft drei Versuche gebraucht. Pfiffi hüpft die Stufen voran hinunter. Manfred, mit einer Hand am Geländer, folgt langsam. „Herr Borkenstock, sind Sie nicht froh, dass Ihre Mutter heute wiederkommt? Und Ihre Frau?“, schallt es von oben. „Gesegnete Mahlzeit“, brummt Manfred. Karl-Heinz ist diplomatischer. „Aber sicher. Wir holen sie gleich ab. Zu Hause ist es doch schöner für sie.“ „Dann kann sie Ihnen wieder zur Seite stehen“, setzt Frau Borgstein-Waldschmidt unbeirrt nach. „Na na, Gertrude wird es langsam angehen lassen müssen“, dämpf der ältere Borkenstock und verschwindet nach draußen. Pfiffi kriegt Freilauf. Manfred hat gerade die Wohnung der Eltern geöffnet, da erklingt wieder die gesegnete Stimme: „Ach Frau Borkenstock, Sie sehen aber frisch aus heute morgen. Waren sie krank oder sowas? Ich habe Sie länger nicht gesehen.“ „Liebe Frau Borgmann-Nörgelschmidt, mir geht es gut. Ich hoffe, Ihnen auch?“ Kurzes Schweigen. „So ganz gesund können Sie noch nicht sein. Liebe Frau Nachbarin, ich heiße Borgstein-Waldschmidt. Wissen Sie, als ich 1962 heiratete, war ein Doppelname ja ultramodern. Aber mein Gatte Gotthold, Gott hab‘ ihn selig, war da sehr fortschrittlich. Soll ich Ihnen vielleicht einen Ingwertee machen? Der ist gut fürs Gedächtnis“, fährt die fromme Lehrerin im Ruhestand fort und hält Sabine auf der Treppe fest. „Oh entschuldigen Sie vielmals, wir hatten da heute Morgen so Wortspiele gemacht“, säuselt Sabine im Manfred-Tonfall. „Ach so, das verstehe ich. Und nun frühstücken Sie mal wieder gemeinsam?“ „Genau“, fährt Karl-Heinz von unten dazwischen. „Sabine, komm runter. Es zieht.“

„Da seid Ihr ja!“ Gertrude steht in Hut und Mantel vorm Fenster und wartet auf ihre Lieben. „Manfred, mein Junge. Du siehst so müde aus. Gehst Du nicht rechtzeitig schlafen? Ach das wird wieder. Jetzt kommt Mama ja wieder nach Hause. Karl-Heinz, Du nimmst den großen Koffer und Sabine kann den kleinen nehmen. Ich kümmere mich um Manfred.“ Gertrude ist nicht zu bremsen. „Schön, dass es Dir wieder so gut geht“, sagt Manfred, „Karl-Heinz, gib mir mal den kleinen Koffer.“ „Ach nein, dann nehme ich ihn“, fährt Gertrude dazwischen, doch da hat sich Manfred sanft vorgedrängelt und nimmt den Koffer in Empfang. „Ich habe mich schon bei allen verabschiedet und bedankt. Nur bei dieser unmöglichen Schwester Liselotte nicht. Die mag mich nicht und deshalb piesackte sie mich ständig. Karl-Heieinz, hier entlang!“ „Aber Gertrude, hier ist doch der Fahrstuhl.“ „Wir müssen doch noch in die Kapelle und dem Herrgott für meine Genesung danken. Mein Junge, hier kannst Du den Koffer abstellen.“ Gertrude schiebt Manfred durch die Kapellentür und schupst ihn nach links. Sie führt alle nach vorn zum improvisierten Altar. „Ihr müsst niederknien. Ich kann das ja leider noch nicht wieder“, kommandiert Gertrude. Sie spricht geschlagene drei „Vater unser“ und vier „Ave Maria“. Dann noch ein eigenes Gebet. „Und meine Knie hatten sich so gut erholt“, flüstert Karl-Heinz leise in Richtung seines Sohnes. Der nickt verständnisvoll. „Ich zünde noch eine Kerze zum Dank für Deine Genesung an“, flötet Sabine. „Außerdem spendiere ich einen Zehner vom Haushaltsgeld.“ Gertrude staunt. „Hol mal den Wagen hier zum Haupteingang“, ordnet sie an, als alle unten angekommen sind, „dann müsst Ihr die Koffer nicht so weit schleppen.“ „Aber das ist verboten“, wendet Karl-Heinz ein. „Papperlapapp! Doch nicht für mich. Ich soll nicht so weit laufen, hat Dr. Knackbein gesagt. Und daran halte ich mich.“ Als Karl-Heinz weg ist, fährt Gertrude munter fort: „Und Treppen steigen kann ich auch noch nicht. Unsere gemeinsamen Mahlzeiten müssen erstmal bei uns unten stattfinden.“ „Oh das macht gar nichts. Ich komme dann runter und helfe Dir“, ist Sabine sofort einverstanden. Sie denkt dabei an ihre Küche, die sie wochenlang nicht mehr gewischt hat. Genau wie die Fenster, die ebenso lange kein Wasser gesehen haben. Gertrude würde das alles sofort sehen. Doch erstmal bleibt sie unten. Sabine ist von dieser Neuigkeit positiv überrascht. In letzter Zeit hat sie wenig Lust zur Hausarbeit gehabt. Qualmend fährt Karl-Heinz mit dem alten Benz vor. Abgasmanipulationen haben bei diesem Wagen keinen Sinn mehr. Das ist offensichtlich. „Du hilfst ja Deinem Mann beim Einsteigen? Ich muss nach vorn wegen meinem Bein“, wendet sich die Schwiegermutter an Sabine. Ehe die reagieren kann, ist Manfred auf der anderen Seite bereits auf den Rücksitz geklettert. Mit Rosa fährt er jetzt ja häufiger ohne Aufsicht. Gertrude fährt ihren Sitz ganz zurück, so dass Sabine hinter ihr im Schneidersitz Platz nehmen muss. Gertrude stöhnt herzerweichend. Doch niemand ist ihr behilflich. Karl-Heinz gibt beinahe schon Gas, da ist seine Frau noch nicht ganz sortiert. „Jetzt nimm aber gefälligst Rücksicht!“, faucht Gertrude. Vom Sitz aus angelt sie nach ihrer Handtasche, die sie auf dem Boden abgestellt hat. Gertrude stöhnt und ächzt. Sabine reißt ihre Hintertür auf, entfaltet die Beine und springt aus dem Wagen. „Bitte sehr, liebe Schwiegermutter.“ Nachdem alle platziert sind, knattert der Wagen qualmend davon. Sensible Raucher vor der Tür wollen gehört haben, wie das Gebäude einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken kann. Die beiden Raucher von Gertrudes Station erzählen ihren Kumpels von dieser Patientin, von deren Anwesenheit sie nun erlöst sind.

Zu Hause angekommen, trifft Gertrude fast der Schlag, weil erstens Carlos Rad vor seiner Tür angekettet ist und zweitens, weil sich ihre Wohnung doch etwas verändert hat. Mit schlecht geputzten Fenstern hatte sie ja gerechnet. Aber Staubflocken auf dem Fußboden und schmutzige Gläser im Flur, dazu gestapeltes Leergut. Heftig schluckt Gertrude ihren Unmut runter und lässt sich seufzend auf ihrem Stuhl in der Küche nieder. „Jetzt habe ich Lust auf eine gute Tasse Kaffee! Was meint Ihr dazu?“ Sabine und Manfred haben die Koffer reingeschleppt, während Karl-Heinz den Wagen parkt. Beide stimmen zu. „Ich muss nur kurz hoch, nach Pfiffi sehen“, sagt Sabine und läuft die Treppe hinauf. „Seit wann ist sie denn so fürsorglich mit dem Tier?“, fragt Gertrude. „Ich würde sagen, seit heute. Vielleicht hat sie sich vorgenommen, ein neues Verhältnis mit Pfiffi aufzubauen. Vera war ja neulich da und hatte ihren Bello dabei. Die beiden reden sehr viel miteinander“, erklärt Manfred langatmig, während in seinem Kopf der Groschen fällt. Der Treibstoff für die schöne Maske ist alle“, denkt er sich und greift zur Kanne. „Junge, was willst Du damit? Die ist leer.“ Manfred geht zum Spülstein, lässt einmal voll laufen und schüttet das Wasser wieder aus. Dann füllt er erneut die Kanne und verfrachtet das Ganze zur Kaffeemaschine. Manfred hat ja häufiger bei Karl-Heinz geschlafen und kennt sich ein wenig aus in der Küche. „Junge, was machst Du da? Lass mal! Sabine kommt doch gleich.“ Gertrude erhebt sich mühsam. Weil das nach dem Sturz nicht mehr so schnell geht, ist das Wasser im Behälter, noch ehe Gertrude zur Stelle ist. Endlich kommt Sabine wieder herein und bringt ihren Schwiegervater mit. „Sabine, machst Du mal das Pulver rein? Ich hol‘ schon mal die Tassen“, sagt Manfred deutlich. Sabine guckt. Gertrude guckt. Nur Pfiffi und Karl-Heinz wundern sich nicht. Sie kennen diesen Manfred bereits. Pfiffi ist so aufgeregt, dass er zwischen Manfreds Füße gerät. Der stolpert und lässt eine Tasse fallen. „Ich hab‘ es kommen sehen. Das konnte nicht gut gehen! Jetzt ist die schöne Tasse vom Kloster Vikarsruh kaputt!“, ruft Gertrude. „Ich hol mal die Kehrschaufel. Da konnte Manfred nichts dafür. Das war Pfiffi.“ Karl-Heinz bleibt entspannt. „Vonwegen der Hund! Was ist hier eigentlich los? Seid Ihr alle verrückt geworden während ich weg war?„ „Manfred spielt ein bisschen Selbständigkeit. Auch einen sogenannten LPF-Kurs hat er angefangen“, spottet Sabine. Sie wittert Morgenluft. Die beiden Männer – und vermutlich auch Pfiffi – wissen, dass so eine Diskussion kommen muss. Es wird auch nicht die Letzte sein. Manfred setzt sich hin. „Wo ist denn Dein Schutztuch, mein lieber Junge?“, erinnert sich Gertrude an die Regel, mit ihrem blinden Sohn immer sanft umzugehen. Seine Nerven sind äußerst angreifbar. Auf den Latz geht Manfred gar nicht ein. Während das Wasser durch den Filter läuft und alle sich gesetzt haben, erklärt Manfred seiner Mutter, dass er selbständiger werden will. Er berichtet davon, wie er mit Karl-Heinz, Theo und Rotraud einige Fortschritte gemacht hat. Natürlich auch mit Martina von der Brüller oHG. Da ist für Gertrude das Maß erstmal voll. „Was für ein Brüller! Wer ist denn diese Martina? Doch wohl nicht Tante Martina, die Schwester von Karl-Heinz?“ Karl-Heinz erklärt noch einmal, dass die Brüller oHG eine Firma für Lebenspraktische Fertigkeiten und Mobilitätstraining bei blinden Menschen ist. Manfred schließt direkt an, damit Gertrude gar nicht erst fragen muss. „Ich zahle das erstmal selbst. Ein Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse läuft. Ich hatte keine Lust mehr, zu warten.“ „Wahrscheinlich hat sich Sabine nicht vernünftig um Dich gekümmert. Sonst kämst Du doch nicht auf solche Ideen“, findet Gertrude zielsicher eine Sündenböckin. „Vonwegen“, trumpft diese auf, „er hat sich vor seiner Freundin blamiert und deshalb will er nun selbständig werden. So war das!“ „Welche Freundin denn? Petra?“ „Quatsch Petra! Rosa oder Susanne oder wie er sie gerade nennt. Eine Bekannte vom Karneval.“ „Ich habe Dir gleich gesagt, dass dieser Ausflug nichts für Manfred ist. Aber wer ist denn Rosa?“ „Na seine Geliebte!“, schluchzt Sabine. „Manfred, Junge! Stimmt das? Was erzählt Sabine da?“ Manfred bleibt ganz ruhig und erzählt seiner Mutter vom Karneval und dass er Rosa wiedergetroffen hätte. Die Müritz streift er ganz kurz. „Und jetzt sehen wir uns gelegentlich“, schließt Manfred seine Geschichte. „Und Du wusstest Davon?“, fragt Gertrude ihren Mann, der inzwischen den Kaffee eingeschenkt hat. Karl-Heinz nickt. „Du sollst nicht nicken, während der Junge dabei ist!“, faucht Gertrude, „und warum hast Du mir nichts davon erzählt?“ „Ich wollte Dich schonen. Schließlich warst Du in der Reha und solltest Dich nicht aufregen. Anweisung von diesem Dr. Knackfuß oder wie der heißt.“ Da klingelt es an der Wohnungstür. Als Sabine mit getrockneten Augen öffnet, steht Frau Borgstein-Waldschmidt vor der Tür. „Hallo Frau Borkenstock, ich habe gesehen, dass die liebe Gertrude heimgekehrt ist. Ich möchte sie gern willkommen heißen.“ Gertrude springt auf, so gut sie kann und eilt zur Tür: „Ach Hermine, der erste Lichtblick in diesem Irrenhaus. Komm schnell rein, wir haben frischen Kaffee.“ Selten war Manfred so froh über das Auftauchen der frommen Ex-Lehrerinnen-Nachbarin. Mit Hund und Gattin verabschiedet er sich. Karl-Heinz verzieht sich erstmal in sein Zimmer. „Der erste Akt ist geschafft“, denkt er bei sich.

Gegen halb drei sitzen Manfred und Sabine in der heimischen Küche. Sabine hat einen Radikiosalat und Vollkornbrot mit Butter aufgetischt. „Du weißt ja, dass ich übermorgen Geburtstag habe. Da möchte ich gern abends etwas feiern.“, beginnt Manfred ein Gespräch. „Ja klar, wie immer. Willst Du nicht lieber Deinen Latz umbinden?“, fragt sie. „Ich glaube nicht, dass der Tag wie früher abläuft. Ich habe um 10 Uhr meinen LPF-Termin. Den will ich nicht ausfallen lassen. Das wäre sonst eine Woche ganz aussetzen.“ „Du willst zu Martina, wenn Deine Mutter mit Dir in die Kirche will?“ Sabine ist etwas fassungslos. „Zur Brüller OHG, nicht zu Martina. Und ja, die Betstunde hinterher mit Seelighaus fällt auch aus. LPF ist jetzt wichtiger als Gott oder Mutter.“ „Ich glaube kaum, dass Gertrude das zulassen wird.“ „Ach Sabine, diese Betstunde ist jedes Jahr total langweilig. Die beiden erzählen sich was von früher und sagen immer wieder, wie gerecht Gottes Strafe ist. Ich habe da nie genau hingehört. Außerdem, was soll sie tun?“ „Keine Ahnung, hast Du Dir denn Urlaub genommen?“ „Nein, nur eine Überstunde feiere ich ab. Um halb acht treffen wir uns im „Letzter Huster“ zum Umtrunk mit open end. Möchtest Du auch kommen?“ Sabine braucht eine Weile, um diese Informationen aufzunehmen. „Das gibt ja schöne Auseinandersetzungen mit Gertrude. Na vielleicht kann sie Dich zur Vernunft bringen. Du hörst ja nur noch auf diese Rosa.“ „Ich höre auf überhaupt niemanden. Oder nur dann, wenn ich es möchte. Sonst höre ich jetzt erstmal auf mich. Aber apropos Rosa, sie habe ich natürlich auch eingeladen.“ „Soso, natürlich nennst Du das. Und mich willst Du hübsch dabei haben. Soll ich zugucken, wenn Ihr knutscht oder sowas? Vielleicht den Platz frei halten, wenn Ihr mal verschwindet?“ „Du hast immer Phantasien, sobald Rosa ins Spiel kommt. Wir wollen anstoßen, nichts weiter.“ „Und wer kommt sonst noch?“ „Petra und Volker und Rotraud. Vielleicht auch Theo und Papa. Mal sehen.“ „Auf mich wirst Du wohl verzichten müssen. Ich habe keine Lust, dieser Frau über den Weg zu laufen.“ „Das ist schade.“ „Über Deinen Geburtstag ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, verheißt Sabine und steht auf. Manfred telefoniert noch mit Rotraud, bevor er zur Arbeit muss. Rotrau sagt zu. Im Büro trifft er Volker, der wieder seinen Stock sucht. „Hexler ist auf einem Seminar. Der kann ihn diesmal nicht versteckt haben“, spottet Manfred. „Wegen Mittwoch alles klar?“, fragt Volker, während er im Schrank wühlt. „Ja, alles klar. Rotraud kommt auch. Die habe ich eben angerufen.“ „Und Sabine?“ „Die wohl eher nicht.“ „Oh weia, dicke Luft wegen Rosa?“ „Natürlich, was sonst.“ Da platzt der Kollege Wagenburg herein und ruft: „Feierabend!“ „Nicht für alle“, brummt Manfred. „Ja, aber für Herrn Volker. Und hier habe ich Deinen Stock.“ „Walter Wagenburg, zuständig für Wald- und Wasserwege, was hast Du mit meinem Stock gemacht?“ „Ich habe ihn unter die Klinke der Klotür geklemmt. Kollege Breitgesäß war schon eine halbe Stunde abwesend. Ich wollte mal sehen, wann er Krawall macht.“ „Ich habe nichts gehört.“ „Konntest Du auch nicht. Er sitzt immer noch dort. Gleichmäßige Atemzüge sind zu vernehmen.“ „Na, das war wohl nix mit Deinem dollen Scherz.“ „Herr Wagenburg, haben Sie nicht Lust, mit mir auf meinen 29. anzustoßen?“ „Jetzt?“ „Nein, übermorgen um halb acht im „Letzter Huster.“ „Ja gern. Ich bin nämlich sowieso da. Da trifft sich meine Bürgerinitiative gegen Alkohol in der Verwaltung. Da schaue ich mal vorbei. Los Volker, ich nehme Dich mit zur Bahn. Hopphopp!“ Diesmal ist es sein Diktiergerät, das Volker liegen lässt. Manfred legt es beiseite. Da kommt der erste dienstliche Anruf der Spätschicht. „Hier Mogelberg von der Firma „Ihr Motor ist ein Lebewesen“. Wir warten im Moment Ihre Fahrzeuge. Ich wollte nur sagen, dass die drei Turbo-Heckenschneider erst in zwei Wochen wieder einsatzbereit sind. Wir müssen da Ersatzteile in Indonesien bestellen.“ „Habe ich notiert und gebe ich weiter. Schönen Feierabend, Herr Mogelberg.“ Manfreds Laune ist an diesem Tag nicht zu erschüttern. Für den Feierabend hat er mit Karl-Heinz einen prima Plan ausgeheckt. Der Vater holt Pfiffi, um mit ihm Gassi zu gehen. Sabine wird sich freuen, wenn er das macht. Und dann trifft er zufällig Rotraud und Theo auf der Straße und kommt mit ihnen zum „Schlanker Hahn“. Da gibt es gute Pommes und wenn sie nach Hause kommen, liegen die Frauen hoffentlich brav im Bett.

Der Abendplan klappt. Doch am Dienstag gibt es kein Entrinnen. Es werden gemeinsame Mahlzeiten angeordnet. Sabine muss um halb sieben unten sein, damit das Frühstück pünktlich auf dem Tisch steht. Die Tradition der gemeinsamen Morgenstunde muss wieder abgeschafft werden. Mittags tritt Sabine um elf ihren Dienst fürs Mittagessen an. Dazwischen wird die elterliche Wohnung auf Vordermann gebracht. Das läuft so ab, dass Gertrude anweist und kommandiert und kontrolliert, während Sabine den Feudel schwingt. Zufrieden ist die Schwiegermutter selten. Lob gibt es nicht. Dank sowieso nicht. Nur gut, dass ein Flachmann so eine tolle Erfindung ist. Der passt in jede Hosentasche. Deshalb verschwindet Sabine von Zeit zu Zeit in der Toilette. Der einzige Ort, um Gertrude zu entkommen. Entkommen ist das Stichwort. Das möchte Manfred auch. Doch die Mahlzeiten sind Pflicht. Zu Sabines Verdruss ist Rosa erstmal kein Thema. Der Geburtstag steht im Vordergrund. Gertrude geht davon aus, dass gefeiert wird wie immer. Morgens Frühstück mit den Geschenken und Blumen. Dann ein Spaziergang, den diesmal alle außer Gertrude machen sollen. Dann ab zur Kirche. Karl-Heinz bleibt solange im Auto, während seine Frau und sein Sohn beim Pfarrer weilen. Zu Mittag gibt es Nudelsalat mit Würstchen. Den muss Sabine noch vorbereiten. Danach kurze Mittagsruhe und dann Kuchen backen. Wir kennen das aus dem Advent. Statt Plätzchen gibt es Manfreds Lieblingskinderkuchen. Das noch warme Prachtstück nehmen sie mit ins AWO-Heim um die Ecke, wo sich Gertrudes Freundinnen treffen. Die freuen sich bestimmt auf Gertrudes Wiederkehr. Frau Borgstein-Waldschmidt ist auch dabei. Die hilft sicher beim Kuchentragen. Am AWO-Heim holen sie Karl-Heinz und Sabine ab und sie fahren zur „Goldenen Gabel“. Gertrudes Vater hatte ihr gesagt, dass dies das vornehmste Restaurant der Stadt sei. Deshalb gehen sie zu allen feierlichen Anlässen dorthin. Auch wenn es zwischendurch den Besitzer gewechselt hat. Sogar Türken sollen da mal gekocht haben. Nach einer kleinen Bibelstunde in Gertrudes Wohnzimmer soll der Geburtstag dann friedlich und fromm zu Ende gehen. So wünscht sich das die Mutter. Manfreds Plan kennen wir bereits. Wir können uns vorstellen, wie die Gespräche oder das Gezeter oder das Geschrei oder das eisige Schweigen während der Mahlzeiten ablaufen. Einzelheiten wollen wir uns ersparen. Wichtig ist, dass Manfred bei seinem Plan bleibt. So muss er sich am Geburtstag quasi losreißen, um ins Taxi zur LPF-Stunde zu kommen. Der frühe Morgen war schön. Das Frühstück, die Geschenke (ein Tastbild des Bundespräsidenten) erfreuen das Herz und die Brötchen schmecken. Als es Zeit für die Kirche wird, ergreift Karl-Heinz für Manfred Partei: „Es ist sein Feiertag. Er soll selbst entscheiden, wie er ihn verbringen will.“ Das bringt ihm letztlich zehn Rosenkränze auf den Knien vorm Bild des Petrus ein. Vorläufig wird die Buße aber ausgesetzt. Karl-Heinz wird ja noch als Chauffeur gebraucht. Sabine hält zu Gertrude und meint: „Die Mutter kennt ihren Sohn länger als er sich selbst. Sie weiß am besten, was für Manfred gut ist. Das haben wir doch immer so gemacht.“ Pfiffi äußert sich auch, wird aber nicht verstanden. Gertrudes mangelnde Beweglichkeit kommt Manfred zugute. Er kann seiner Mutter entwischen. Bei der LPF-Stunde gibt es Licht und Schatten. Tischdecken, kein Problem. Kaffee kochen schon eher. Das Pulver will sich nicht so gut benehmen wie das Wasser. Die Hälfte landet daneben. Als das Wasser durchläuft, greift Manfred beherz zum Lappen. Die Hälfte des Kaffeepulvers schiebt er runter. Es landet auf dem Boden. Der Rest ist fortgewischt. Jetzt sucht Manfred das Kehrblech. Wo war das bloß nochmal? Nach zehn Minuten findet er es dort, wo er schon einmal gesucht hat. Er beschuldigt Martina, ihn ausgetrickst und die Kehrschaufel heimlich hingelegt zu haben. Martina beteuert ihre Unschuld und sagt, Du hast einfach vorbei gefühlt. Sie duzen sich inzwischen, weil das einfacher ist. Als der Fußboden so ziemlich sauber ist, ist der Kaffee fertig. Doch vor den Genuss hat Martina das Üben gesetzt. Mit einer frischen Filtertüte übt Manfred das Einfüllen des Pulvers. Überm Spülstein, weil das spart das Aufwischen. Manfred wird sicherer. Am Ende landen etwa 90 % des Pulvers im Filter. Nun gibt es den heiß ersehnten Kaffee. Martina ist zufrieden und lobt besonders Manfreds Einsatzbereitschaft. „Du bist echt motiviert. Das macht richtig Freude“, sagt sie. Zum Geburtstag gibt es die Übungsstunde zum halben Preis. Manfred kommt stolz nach Hause. Doch niemand will die Freude so recht mit ihm teilen. Nur Karl-Heinz findet aufmunternde und lobende Worte. Das erzürnt seine Frau. Die Buße wird auf 15 Rosenkränze erhöht. Sabine hat den Nudelsalat gemacht. Er schmeckt seltsam. „Wieso, ich habe lediglich ein par Pinienkerne und etwas Lavamakrele untergemischt. Das steht in meinem Kochbuch und soll gut für die Verdauung sein“, erklärt sie. Mehr als die Hälfte bleibt übrig. Das Backen fällt aus. Gertrude ist erschöpft. Diese Diskussionen so kurz nach der Reha machen sie fertig. Was ist nur mit dem Jungen los? Deshalb gelingt der Aufbruch zur Arbeit reibungslos und der Geburtstag kann seinen Lauf nehmen. Es wird ein lustiger, gelöster Abend im „Letzter Huster“. Niemand übertreibt es mit dem Freibier, das Manfred spendiert. Später am Abend tanzt Manfred erst mit Rosa und dann mit Petra, die sich schließlich doch traut. Sabine ist nicht gekommen. Der Vater und Theo waren für eine Stunde da. Länger wollten sie die jungen Leute nicht stören. Ganz so jung ist Rotraud ja auch nicht mehr. Aber sie versteht sich glänzend mit Petra. Sie lästern nach Herzenslust über die Leitung des hiesigen Blindenvereins und deren Vorsitzende, die auf dem Louis-Fest in Marburg auf einen Stein geklopft hat. Ein Höhepunkt, der Volker und Petra entgangen ist. Dafür haben sie einen Sport namens Tischball ausprobiert. Dass hat echt Spaß gemacht. Manfred und Rotraud sind ganz neugierig. Rosa erzählt die Müritz-Geschichte ohne Manfreds Peinlichkeiten. Einfach fröhlich und mit einem Hauch von Anzüglichkeit. Natürlich schaut auch Herr Wagenburg vorbei und bringt ein paar Kumpel und Kumpelinen aus seiner Bürgerinitiative mit. Als der „Letzter Huster“ schließt, sind Manfred und Rotraud die letzten Gäste. Beide können morgen ausschlafen. Den Heimweg finden sie gemeinsam. Es geht nicht perfekt, aber sie kommen an. Mobitraining steht ja noch auf dem Lebensplan unseres Geburtstagskindes. Heute aber ist Manfred glücklich und zufrieden. Selten, vielleicht noch nie, hatte er einen solch schönen Jahrestag. Daheim ist alles ruhig. Sabine ist mal wieder vorm Fernseher eingeschlafen. Manfred schaltet die Kiste aus, lässt seine Gattin aber in Ruhe schlummern. Er ist müde und sinkt zufrieden auf sein Lager.

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