Todesschüsse

Eine Meldung vom 19. Juli, wie sie leider in keiner deutschen Zeitung stand: „Am späten gestrigen Abend wurde bei einer Polizeiaktion in Würzburg ein junger Mann getötet. Der 17jährige befand sich auf der Flucht. Zuvor hatte er in einem Regionalzug fünf Passagiere mit einem Messer und einer Axt schwer verletzt. Zufällig war ein SEK der bayerischen Polizei in der Nähe des Ortes, an dem der Zug per Notbremsung zum Stehen kam. Als der junge Afghane auf seiner Flucht von zwei Beamten gestellt wurde, griff er sie an. Eine der Beamten gab mehrere Schüsse auf den Angreifer ab. Einer davon traf tödlich in die Stirn. Die Polizei bedauert außerordentlich, dass sie einen finalen Rettungsschuss abgeben musste. Deren Notwendigkeit wird geprüft. Die Opfer des möglichen Amoklaufs schweben zum Teil in Lebensgefahr. Konkrete Hintergründe zu dieser Bluttat sind bis dato nicht bekannt.“

Was wirklich in der Zeitung stand, wissen Sie. Schwerpunkt der Berichterstattung ist die Frage, in welchem Verhältnis der Täter zum Islamischen Staat steht. Aktuell wird von einer Turbo-Islamisierung gesprochen. Binnen zweier Tage habe sich der zuvor unauffällige junge Mann radikalisiert. Anlass könnte der Tod eines guten Freundes in der Heimat sein. Die Frage der Islamisierung nimmt 90 % der Berichterstattung ein. Vielleicht 10 % beschäftigen sich mit den fünf Opfern. Genau niemand fragt nach der Notwendigkeit des tödlichen Schusses. Renate Künast von den Grünen hat in einem frühen Tweet kurz nach den Ereignissen diese Frage aufgeworfen. Daraufhin brach ein Shitstorm über sie herein, der keine Gnade mehr kannte. Künast blieb die einzige Politikerin, die den Todesschuss auch nur in Frage stellte. Nicht einmal aus der eigenen Partei erhielt sie Beistand. Das heißt, alle halten die Tötung des jungen Mannes für zweifelsfrei notwendig. Ohne Kenntnis der Umstände, ohne Prüfung. Im Gegenteil wird die fragende Frau Künast von Politikern anderer Parteien verunglimpft. Da heißt es wörtlich: „Wenn ein deutscher Polizist schießt, ging es nicht anders.“ Der Großteil der erstklassigen Ausbildung beschäftige sich mit der Frage, wie ein Schuss zu vermeiden sei. Es ist tieftraurig, dass die Frage nicht einmal mehr gestellt werden darf. Der Mainstream stellt sie nicht. Wir tun das dennoch. Wie wir bislang wissen, waren zwei SEK-Beamte auf der Suche nach dem jungen Mann, als er ihnen aus dem Gebüsch entgegen sprang. Bekannt war den Beamten, dass der Mann eine Axt und ein Messer, aber keine Schusswaffe mitführte. Dann sei er ihnen aus einem Gebüsch entgegen gesprungen und habe angegriffen. Die Distanz zwischen Angreifer und Polizisten sei gering gewesen. Gab es da für ausgebildete Nahkämpfer keine Chance, dem Angreifer auszuweichen? Kaum denkbar. Bestand unmittelbare Todesgefahr? Bei der Schutzausrüstung von SEK-Beamten kaum denkbar. Warum traf die Kugel die Stirn und nicht die Beine? Entweder kann der Beamte nicht schießen oder er nahm den Tod des jungen Mannes billigend in Kauf. Die Antworten auf Nachfragen ließen diese Aktion nicht gerade in gutem Licht erscheinen. Wir glauben aber nicht, dass dies das Problem ist. Nicht deshalb werden Fragende diskreditiert. Vielmehr ist die Stimmung bei Politschauspielern wie Medien derart aufgeheizt, dass rechtsstaatliche Grundsätze nicht mehr gelten. Schusswaffengebrauch, erst recht tödlicher, darf nur das allerletzte Mittel sein. In einem Rechtsstaat muss geprüft werden, ob dies hier der Fall war. Es gibt diese Prüfung. Das wollen wir nicht verschweigen. Doch ihr Ergebnis ist doch bereits allerorten vorweggenommen. Französische Politiker sprachen am 14.11.15 davon, im Krieg zu sein. Und da gelten andere Gesetze. Da dürfen Feinde kalt gemacht werden. Das übernimmt der deutsche Mainstream gerade eins zu eins. Deshalb auch das Hauptaugenmerk auf die Verbindung zum IS. Irgendwie muss es gelingen, den Täter mit dem Feind in einen Topf zu kriegen. Im Zweifel ist der eben turboradikalisiert. Es läuft gehörig was schief in unserem Staat. Er verliert ein Stück Lebensqualität, wenn die Polizei einfach so töten darf.

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