So wird der Bock zum Gärtner

Jeder blamiert sich, so gut er kann, sagt der Volksmund. So auch in Rheinland-Pfalz. Die Landesregierung wollte sich ihres unrentablen Flughafen Frankfurt-Hahn möglichst günstig entledigen. Da sie sich selbst und ihren zahlreichen ministeriellen Mitarbeitern den nötigen Sachverstand zur Einfädelung eines solchen Verkaufs wohl nicht zutraute, wurde eine Beraterfirma mit der Auswahl des Käufers beauftragt. Na ja, nicht ganz so. Die Beraterfirma selbst suggerierte den Verantwortlichen in Mainz, dass ein solcher Deal ohne eine ordentliche Beratung schwer zu realisieren sei. Bei dieser hilfsbereiten Firma handelt es sich um KPMG, eins der führenden Unternehmen im Bereich Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung. Allein in Deutschland beschäftigt KPMG rund 9.600 Mitarbeiter an 25 Standorten; im abgelaufenen Geschäftsjahr 2014 betrug der Umsatz 1,38 Milliarden EUR.

Prima, denkt sich der Laie, die verstehen ihr Handwerk. Sonst könnten die nicht in dieser Größenordnung tätig sein. Wenn die solche Umsätze generieren, müssen sie wirklich gut sein. So sah es auch die rheinland-pfälzische Landesregierung. Nach dem diskreten Hinweis in eigener Sache wurde KPMG engagiert. In welcher Größenordnung sich das Auftragsvolumen bewegte, ist (noch) nicht bekannt. Die Tagesschau sagt dazu: „Tatsache ist: Für ihre Arbeit hat KPMG vom Land Rheinland-Pfalz viel Geld bekommen. Öffentlich spekuliert wird über mindestens 650.000 Euro für Markterkundung und Verkaufsabwicklung sowie über weitere Tagessätze in Höhe von 1800 Euro pro Mitarbeiter.“

Dieses renommierte Beraterunternehmen mit den allerfeinsten Referenzen war jedoch unfähig herauszufinden, was der MDR-Korrespondent Sebastian Hesse bei kurzer Recherche im Netz und einer Stippvisite vor Ort in Shangai feststellte. Die Shanghai Yiqian Trading Company (SYT) hat keinen Internetauftritt. Sie ist zwar im Handelsregister eingetragen, aber dort findet sich keine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse, nur eine postalische Anschrift. Unter dieser Adresse gibt es nichts, was auf die SYT hindeutet. Ein klassischer Fall von Briefkastenfirma also.

Was soll man nun von einem solchen Beratungsunternehmen wie KPMG halten? Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder sind deren Mitarbeiter total dilettantisch, also schlichtweg dämlich oder sie hatten andere, gut bezahlte Motive, die SYT-Hintergründe nicht aufzudecken. Auf jeden Fall hat die Landesregierung in Mainz Unsummen an Steuergeldern verpulvert, um am Ende aufgrund dieser „erfolgreichen Beratung“ wie der letzte Depp dazustehen.

Und nun wird es richtig spannend. Jeder normale Auftraggeber sähe sich jetzt getäuscht, wäre außer sich vor Zorn, würde auf Regress drängen. Nicht so die Rheinland-Pfälzer. Zitat aus der Wirtschaftswoche: Trotz allem meidet das Land den Streit mit KPMG. Man plane „keine rechtlichen Schritte“ gegen die Gesellschaft, so ein Sprecher des Mainzer Innenministeriums. Stattdessen wolle man die Fehler „gemeinsam mit KPMG aufklären“.

Die Fehler sollen also zusammen mit denen aufgeklärt werden, die sie verursacht haben. Hier wird ganz offensichtlich der Bock zum Gärtner gemacht. Man darf davon ausgehen, dass sich der zum Gärtner mutierte Bock auch diese zukünftige Aufklärungsarbeit fürstlich bezahlen lässt. Das ganze schreit ja geradezu danach, dies als neue Unternehmensstrategie zu etablieren. Erst setzt man eine Sache total in den Sand, dann hilft man bei der Aufklärung. So kann man doch doppelt verdienen. Man muss nur einen Auftraggeber finden, der blöd oder vielleicht abhängig genug ist, ein solches Spiel mitzumachen.

Ja, und welche Motive für ihr Vorgehen haben die Verantwortlichen im Land Rheinland-Pfalz? Darüber kann man nur spekulieren. Alle möglichen Erklärungen, die mir einfallen, gehen in Richtung Amtsverletzung, Veruntreuung, Bestechlichkeit. Oder weiß jemand eine harmlosere Begründung?

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/dreyer-hahn-101.html

http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/flughafen-hahn-die-zweifelhafte-rolle-von-kpmg/13870778.html

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/phantom-frankfurt-hahn-101.html

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Zeitgeschehen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s