Wie der Blinde sein Idol feiern will – Kapitel 12

Fahlgrünes Licht erfüllt das Zimmer des blinden Mannes. Nach einigen Tagen völliger Finsternis hatte seine Frau diese Lampe in der Ecke gefunden. Für Notfälle sollte das Zimmer ein wenig erleuchtet sein. Ihn stört es ja nicht. Seine Welt bleibt dunkel. Im fahlen Licht erkennen wir eine zerwühlte Spezialmatratze. Verschwitzt kleben unserem behinderten Protagonisten die Haare am Kopf. Die Bettdecke befindet sich weitgehend auf dem Fußboden. Sein Kissen ist zerknautscht. Vor dem Fenster singt allein ein früher Vogel. Vielleicht lockt er ein Weibchen an. Der blinde Mann hat schon eines. Seit gut fünf Jahren ist er mit Sabine so etwas wie verheiratet. Vielleicht ist es das, was ihm unruhige Nächte beschert. Auf die Spezialtechnik jedoch ist Verlass. Punkt sechs Uhr beginnt das Kopfteil der Matratze zu vibrieren. Eine besondere Musik erklingt. Genau 63 Sekunden lang. Sanft soll der blinde Mann aus der finsteren Nacht in den dunklen Tag gleiten. Denn die Sonne sieht er nie. Das glaubt jedenfalls seine Mutter, die noch in der Reha ist. Gewöhnlich wohnt sie eine Etage tiefer gemeinsam mit Manfreds Vater Karl-Heinz. Doch mit dem sanften Gleiten ist es nichts an diesem Morgen. Manfred fühlt sich wie zerschlagen. Ein Wochenende liegt hinter ihm, gegen das der Trip an die Müritz wie ein Freudenfest wirkt.

Am Freitag ging es mit der ersten Trainingsstunde in lebenspraktischen Fertigkeiten los. Anfang der Woche hatte Manfred mit der Brüller oHG telefoniert. Eine Mitarbeiterin namens Martina sollte ihn am Freitag um zehn daheim besuchen. Am Donnerstag hatte Manfred seiner Frau Sabine und seinem Vater beim Abendessen davon erzählt. Karl-Heinz hatte gemeint, das sei ja jetzt schnell gegangen mit dem Termin. Sabine hatte gar nichts dazu gesagt. Freitagmorgen hatten sie ein ebenso schweigsames Frühstück hinter sich gebracht. Es gab Biohonig aus Tansania. Der alte BVB-Latz war wieder zum Vorschein gekommen. Manfred fand ihn in Pfiffis Körbchen. Leider schützt der BVB nur Manfreds Hemd, nicht aber seine Hose. Zweimal landete ein klebriges Stück Bulgurbrot auf seinen Beinen. Natürlich mit der Honigseite nach unten. Sabine hatte daraufhin mit spitzen Fingern den Latz ergriffen und Manfred zum Spülstein geführt. So konnte er seinen Mund und seine Hände entkleben. Dann zog ihm Sabine die beklebte Hose aus. Eigentlich ein Moment für andere Ideen. Doch nicht im Hause Borkenstock. Um zehn konnte Manfred dann Mitarbeiterin Martina an der Wohnungstür begrüßen. Sie nahmen in der Küche Platz. Die Stunde begann mit einem Gespräch. Martina wollte Manfred kennenlernen und rauskriegen, wieviel Trainingsbedarf denn so bestünde. Sabine nahm am Kopfende des Tisches Platz, wo normalerweise niemand sitzt. Sie roch diesmal nach Rosen und Jasmin. Eifrige Leser werden sich an andere Momente erinnern. Martina machte sich Notizen. In die Schreibpausen hinein gab Sabine ihre Sicht der Dinge zum Besten. Während Manfred sich um wahrheitsgemäße Auskünfte bemühte, brauchte er laut Sabine überhaupt kein Training. Fast alles schien Manfred allein zu können, wenn wir Sabine so hörten. Und den winzigen Rest, naja, dafür war Sabine ja da. „Frau Borkenstock, gewöhnlich unterhalten wir uns gern allein mit dem potentiellen Kunden. Obwohl es nicht schlimm ist, wenn ein Angehöriger dabei ist. Es hilft uns aber nicht, wenn Sie die Dinge beschönigen“, sagte Martina nach ungefähr der fünften Intervention. „Das ist gar nicht meine Absicht“, betonte Sabine, „es ist nur so, dass ich gar nicht weiß, warum Manfred Sie bestellt hat.“ „Ich weiß das aber“, mischte sich Manfred ein. „Aha, Du weißt das. Mich hast Du aber gar nicht gefragt, was ich meine. Also dazu. Also, wie selbständig Du eben bist“, erhebt Sabine langsam die Stimme. „Wir beide reden doch sowieso nicht mehr viel. Aber das gehört nicht hierher“, flüsterte Manfred. „Ach wir reden nicht mehr viel. An wem liegt das denn?“, kommt Sabine in Schwung. Der heimliche kurze Klare um viertel vor zehn begann zu wirken. „Aber Sabine, lass uns das mal später klären“, versucht Manfred zu bremsen. „Später später, ja wann denn? Am Sankt Nimmerleins-Tag am besten?“, zetert Sabine. „Liebe Frau Borkenstock, Sie zahlen für diese Stunde. Vielleicht ist es in Ihrem Interesse, dass wir die Zeit so gut wie möglich nutzen.“ Martina setzt auf Sabines Vernunft. „Wenn Sie wüssten, was passiert, wenn ich Manfred mit einer Frau allein lasse. Aber gut. Die Klügere gibt nach.“ Sprach‘s und verschwand in ihrem Zimmer. Vorm Abendessen kam sie auch nicht wieder zum Vorschein. Martina und Manfred hatten es dann tatsächlich geschafft, ihr Gespräch fortzusetzen. Gegen Ende meinte Manfred: „Sehen Sie, Martina, ich möchte dringend was ändern. Können Sie mir helfen?“ „Herr Borkenstock, es könnte ein längerer Weg werden. Seit fast dreißig Jahren leben Sie mit Ihrer Mutter und dann mit Ihrer Frau zusammen. Ehrlich gesagt haben Sie bislang fast nichts selbständig gemacht. Damit will ich nicht sagen, dass Sie allein dafür verantwortlich sind. Ich treffe öfter Menschen, die in einer ähnlichen Lage sind. Wenn Sie nichts dagegen haben, mache ich Ihnen einen Kostenvoranschlag für dreißig Stunden. Den können Sie dann zwecks Kostenübernahme bei Ihrer Krankenkasse einreichen.“ Manfred war einverstanden. Weil das mit der Krankenkasse aber dauern werde, wollte er die ersten Stunden selber bezahlen. Martina war einverstanden, obwohl das nicht der übliche Weg sei. Am Ende hatte sie noch eine Bedingung: „Ich möchte Sie gern in unsere Übungsküche einladen. Ich glaube, bei Ihrer Frau müssen Sie noch etwas Überzeugungsarbeit leisten. Wenn Ihre Frau dann hinter unserem Vorhaben steht, können wir gern hierher zurückkehren.“ Manfred musste das einsehen. Er dachte auch daran, was denn werde, wenn Gertrude, seine fürsorgliche Mutter, wieder zu Hause ist. So wurde der nächste Termin für diese Woche am Mittwoch vereinbart. Im Treppenhaus war zu allem Überfluss Frau Borgstein-Waldschmidt aufgetaucht. „Einen gesegneten guten Morgen, Herr Borkenstock. Hatten Sie schon Besuch von einer Bekannten? Wie schön. Doch ich kenne Sie gar nicht, Frau …?“ „Ich kenne Sie auch gar nicht, Frau gesegnete Nachbarin der Borkenstocks. Dennoch wünsche ich Ihnen einen tollen Tag“, entgegnet Martina und berührt Manfred kurz am Arm, „tschüss dann bis nächste Woche, Manfred.“ Ruckzuck ist Martina von der Brüller oHG zur Haustür hinaus. Frau Nachbarin holt noch immer tief Luft. „Das war aber ein etwas vorlauter Besuch“, stieß sie dann hervor. Manfred wusste gar nicht, was er sagen sollte. Es war ihm alles bloß peinlich. Erst Sabine und dann die Freundin seiner Mutter. „Ich besuche heute wieder Ihre liebe Frau Mutter in der Reha. Die ist sicher etwas gesprächiger als Sie, lieber Herr Borkenstock. Geht es Ihnen heute nicht so gut?“, fällt der Lehrerin gerade noch rechtzeitig Manfreds Blindheit ein. Mit dem armen Mann kann Frau Borgstein-Waldschmidt ja nicht so hart reden wie mit den anderen Menschn. „Ach es geht schon“, brachte Manfred nun endlich hervor, „grüßen Sie meine Mutter sehr herzlich.“ „Sie besuchen Sie gewiss auch bald wieder?“, kann die Nachbarin ihre Neugier nicht zügeln. Es wurmte sie, nicht zu wissen, welche fremde Frau da aus- und einging. „Natürlich, in Gottes Namen“, seufzte Manfred und zog die Wohnungstür zügig zu. Gleich kam das Taxi zur Mittagsschicht. Abends wollte er Rosa treffen. Nichts im Bauch und so viele Frauen. So hatte dieses Wochenende begonnen.

Der Abend mit Rosa war das einzig Positive gewesen. Sie hatten sich auf den Namen vom Karneval geeinigt. Einmal, weil Rosa schöne Erinnerungen an einen lockeren Anfang weckte. Und auch deshalb, weil Manfred böse Erinnerungen an eine Betreuerin im Internat hatte. Susanne hieß diese Dame, die die hervorstechenden Eigenschaften der Pädagogen ausgeprägt verkörperte. Diese Susanne war einfach dumm und zerredete alles. Nur, um an Ende recht zu behalten. Manfreds Susanne Wunderbar hatte dafür Verständnis. Ihr gefiel die Rosa vom Karneval auch ganz gut. Doch hatte sich ihre „Beziehung“ nach dem Müritz-Abenteuer spürbar verändert. Sie hatten begonnen, sich einander zu zeigen. Nicht nur die tolle Seite wie am Anfang. Das war nach dem Katastrophenfrühstück gar nicht mehr möglich. Andererseits kam der Spaß miteinander nicht zu kurz. Manfred hatte inzwischen keine Gewissensbisse mehr. Sabine wusste bescheid und wollte darüber nicht reden. Manfred war am Freitag nach der Arbeit direkt zu Rosa gefahren. Diesmal waren sie ins Kino gegangen und hatten sich den Bauch mit Popkorn vollgeschlagen. Anschließend hatte Rosa Manfred nach Hause gebracht. Noch war Manfreds Mutter Gertrude in Reha und so lauerte kein Drachen hinter der Gardine im Erdgeschoss. Manfred hatte bei seinem Vater geklingelt und noch ein Bierchen getrunken. Dabei hatte er ihn darauf vorbereitet, dass Sabines Schwester Vera am Samstag kommen werde. Karl-Heinz sollte sich um Gertrude kümmern. Manfred konnte noch nicht sagen, ob es zu einem Besuch kommen werde. Er ahnte Schwierigkeiten, wenn die beiden Schwestern aufeinander treffen würden. Und damit behielt Manfred leider recht.

Das Frühstück hatte Sabine weitgehend zeternd mit ihrem Mann verbracht. Diese Frau von der Brüller oHG wäre das Letzte! Die wolle doch nur Geld verdienen. Dafür müsse sie Manfreds Fähigkeiten so gering wie möglich reden. Und dann sei Manfred abends erst spät nach Hause gekommen. Sie musste wieder mit dem Hund raus. Wo er sich denn rumgetrieben hätte? Manfred hatte sich bei alldem der bewährten Taktik seines Vaters bedient. Schweigen ist Gold. Sabine erwartete ohnehin keine Antwort. Erst gegen Ende, als sie fragte: „Hast Du diese Martina jetzt engagiert?“ „Ja, nächste Woche habe ich meine erste Stunde.“ „Ich will nicht, dass diese Frau in meine Küche kommt.“ „Es ist ja auch meine Küche. Aber keine Bange, wir treffen uns bei ihr in der Firma.“ „Aha, die nächste Geliebte oder was?“ „Ach Sabine, natürlich nicht. Die haben dort eine Übungsküche und wer weiß was noch.“ „Ein Schlafzimmer vermutlich. Da könnt Ihr üben, wie man Betten macht.“ An dieser Stelle verfiel Manfred wieder ins Schweigen. Sabines Verletztheit war unübersehbar. Doch er wusste nicht, wie er mit Sabine zu neuem Verständnis kommen könnte. Nach einer Weile sagte er: „Du denkst daran, dass nachher Deine Schwester kommt?“ „O ja, mit Grausen. Du hast sie eingeladen. Sieh Du doch zu, wie Du mit ihr klarkommst.“ „Sie kommt Deinetwegen. Ich habe ihr von Deinem Problem erzählt.“ „Was für ein Problem?“ „Das Trinken.“ „Du hast was?“ „Da gab es nicht viel zu erzählen. Vera weiß bescheid.“ „Da wird doch das Huhn in der Pfanne verrückt! Was weiß Vera? Gar nichts weiß Vera! Die kennt nur sich selbst und ihre blöden Hunde.“ „Gegen Mittag wird sie da sein.“ Manfred war aufgestanden, hatte den Latz selbständig losgeknotet und war in sein Zimmer gegangen. Rotraud hatte ihm eine Nachricht geschrieben: „Hallo Nachbar, nächstes Wochenende ist Louis Braille-Fest in Marburg. Hast Du Lust, mitzukommen? Wir können ja unsere zwei alten Herren mitnehmen.“ Er rief Rotraud an und beauftragte sie, mit Theo und Karl-Heinz zu reden. Sie würden erst Samstag anreisen können, weil Manfred so kurzfristig keinen Urlaub kriegen konnte. Karl-Heinz würde sicher häufig drüben sein an diesem Wochenende. Er ging Vera gern aus dem Weg. Manfred freute sich ein wenig auf das Fest. Da würde es sicher ganz viel um Louis selber und seine Schrift gehen.

Über Veras Besuch sollte der rücksichtsvolle Autor den Mantel des Schweigens decken. Mit „katastrophal“ ist er wohl treffend beschrieben. Die Ankunft am frühen Nachmittag verlief frostig. Sabine hatte eine kleine Mahlzeit vorbereitet, die Vera frank und frei ausschlug. Sie meinte, Bello müsse dringend Auslauf haben nach der langen Fahrt. Umständlich hatte Sabine alle Kennzeichnungsutensilien zusammengesucht. Manfred wurde von beiden Frauen genötigt, seine Armbinden anzulegen. Auch Pfiffi musste unter die Kennzeichnungsdecke schlüpfen. Vera fand sowohl das Material als auch die Farbe völlig ungeeignet für Hunde. Ihr Bello trug ein Baumwollhalsband mit Jade gespickt. Die Leine zierten besondere Steine aus dem Himalaya. Zur Krönung setzte sich Sabine die gelbe Pudelmütze auf den Kopf, obwohl es draußen gut zwanzig Grad warm war. Schon an der Haustür hätte es beinahe Krach gegeben, als Herr Nörgelmann reinkam und meinte: „Oh, haben Sie sich noch so einen Mottenpfiffi angeschafft? Macht das eine Mistvieh nicht schon genug Lärm?“ Zum Glück blieb Vera die Luft weg. Sobald die Zweibeiner mal wegschauten, vertrugen sich Pfiffi und Bello ganz gut. Doch blieb es bei einer Sekundenfreundschaft. Vera war auf der Hut. Nach diesem entspannenden Spaziergang hatte Vera abends zum Essen eingeladen. Karl-Heinz übrigens auch. Doch der war nicht auffindbar gewesen. Es ging in ein vegetarisches Lokal, in dem Hunde erlaubt waren. Das führte dazu, dass kaum ein Gespräch möglich war. Denn das große Wort führten die wohlerzogenen Vierbeiner, die immer wieder unterm Tisch hervorschossen, um den Hund am Nebentisch zu ärgern oder das Revier zu markieren. Letzteres führte zu erhöhtem Taschentuchverbrauch. Wegen des Lärms bekam Manfred kaum etwas mit. Pfiffi ging es besser. Denn der durfte zu Hause bleiben. Vera hatte darauf bestanden. Nach der Heimkehr und der Abendrunde mit Bello kam Vera zielstrebig auf den Anlass ihres Besuches zu sprechen: „Manfred hat mich ja neulich angerufen. Er klang ganz verzweifelt. Liebe Sabine, willst Du denn Eure Ehe aufs Spiel setzen?“ Da sprang Sabine auf und fauchte: „Wer setzt denn hier was aufs Spiel? Ich bin die Gehörnte im Duett. Dauernd rennt er zu so einer Rosa oder Susanne oder wie er sie gerade nennt!“ Vera ließ sich nicht einschüchtern: „Ist doch alles bekannt. Das meine ich gar nicht. Manfred sagt, Du trinkst wie verrückt. Stimmt das nicht?“ „Trinken soll ich! Das sagt der? Ab und zu ein Schlückchen. Mehr nicht. Ist das verboten?“ „Wie ich Dich kenne, zählen die Schlückchen in Flaschen, liebe Schwester.“ „Ach jetzt tu nicht so schlau! Zählen in Flaschen … Hier im Zimmer ist nur eine Flasche.“ Dabei fiel ihr Blick erst auf Manfred und dann auf eine Weinflasche auf dem Tisch. „Will jemand auch ein Gläschen?“, säuselte Sabine scheinheilig. „Oder ein Schlückchen?“, platzte Manfred der Kragen. Der nachfolgende Tumult ging nur knapp an einer Keilerei vorbei. Irgendwann hatte sich Sabine die Flasche geschnappt und war in ihr Zimmer geflüchtet. Vera war erstmal damit beschäftigt, Bello zu beruhigen. „Für den Schock brauchen wir mindestens drei Therapiestunden“, hatte sie vorwurfsvoll gesagt. Auch Manfred floh und nahm Pfiffi mit. Der konnte nichts dafür und sollte nicht zur Zielscheibe möglicher Therapieanschläge werden. Der Sonntag ist schnell erzählt. Nach einem schweigsamen Frühstück verzog sich Sabine. Sie habe Kopfschmerzen. Vera enthielt sich diesmal jeden Kommentars. Es gab noch eine Runde im Park ohne jede Kennzeichnung. Viel hatten sich Manfred und Vera auch nicht mehr zu sagen. „Das war nix!“, zogen beide einhellig Bilanz. Sabine tauchte nicht mehr auf. So fuhr Vera kurz vor Mittag wieder ab. Manfred ging ins Erdgeschoss und plünderte den elterlichen Süßigkeitenschrank. Erst abends tauchte Karl-Heinz auf. „Das war keine gute Idee, mein Junge“, war alles, was ihm einfiel.

Jetzt können wir uns vorstellen, wie es Manfred am Montag geht. Zerschlagen und zerwühlt kämpft er sich von seiner Matratze hoch. Um kurz vor sieben kommt Karl-Heinz, um seinem ‚Sohn beim Ankleiden zu helfen. Dann gehen beide runter zu einer Tasse Kaffee. „Können wir das jetzt erstmal so machen?“, fragt Manfred zaghaft. „In einer Woche kommt Deine Mutter nach Hause. Bis dahin können wir das so machen. Was danach ist, wer weiß.“ Im Laufe der Woche spielen sie sich ein. Was Karl-Heinz nicht kann, fragt er Theo. Wenn der nicht weiter weiß, fragt er Rotraud. So waschen die Borkenstock-Männer zum ersten Mal selber ihre Wäsche. Sie kochen sogar ein wenig. Ein- oder zweimal bleibt Manfred gleich unten und schläft auf dem Sofa. Sabine kriegt er tagelang kaum zu Gesicht. Vater und Sohn haben sich noch nie so gut verstanden wie in diesen Tagen. Die zweite LPF-Stunde am Mittwoch wird ein großer Erfolg. Manfred erkundet die Übungsküche. Martina lässt ihm Zeit. Zum ersten Mal im Leben greift niemand ein, weil irgendwas schneller oder besser geht, wenn es ein sehender Mensch tut. Manfred bekommt Dinge in die Finger, die er gar nicht kennt. Einen Eitrenner zum Beispiel oder einen Käsehobel. Über die Vielfalt an Töpfen und Pfannen staunt er nur so. Die erste Übung am Schluss der Stunde besteht darin, dass sich Manfred ein Brot schmiert. Er muss alles aus den Schränken holen und den Tisch decken. Die Butter ist hart und lässt sich kaum verstreichen. Manfred müht sich. Martina schweigt. Mehrfach hält Manfred inne und erwartet ihr Eingreifen. Obwohl das Brot etwas verwüstet aussieht, schmeckt es Manfred hervorragend. Einen Latz gibt es hier nicht. Dennoch bleibt das Hemd sauber. Magnetgläser gibt es auch nicht. Dennoch fällt nichts um. Am Ende ist Manfred stolz wie Oskar und schreibt noch auf der Heimfahrt eine SMS an Rotraud. Auch Rosa soll an Manfreds Freude teilhaben. Zu Hause klopft ihm der Vater auf die Schulter: „Siehst Du, das wird schon. Gehst Du nächste Woche wieder hin?“ Natürlich hat Manfred den nächsten Termin vereinbart. Rosa hat in dieser Woche keine Zeit. Ihre Firma wird mal wieder umorganisiert und ist eine Woche mit sich selbst beschäftigt. Von morgens bis abends. So langsam wächst bei den Borkenstocks die Vorfreude aufs Wochenende. Am Donnerstagabend treffen sie sich bei Theo, um letzte Einzelheiten zu besprechen. Die Frage, ob Sabine mitkommen will, kann niemand beantworten. Sie einigen sich darauf, dass sie wohl kein Interesse hat. Pfiffi soll auch nicht mitkommen. Der mag lange Autofahrten nicht.

Die Fahrt nach Marburg verläuft staufrei. Nur in die Stadt kommen sie nicht rein. Die gesamte Innenstadt ist gesperrt. Wegen einer Sternfahrt mit 500 Tandems, wie sie später erfahren. So parken sie irgendwo halb auf den Lahnbergen und nehmen den Shuttle zum Friedhelm-Passmann-Stadion. Rotraud hat sich mit ihrer Freundin Irmgard verabredet. Die ist gerade in der Hunde-Lounge, als unser Quartett ankommt. Leider kann niemand mehr das Areal betreten. Überall, wohin der Mensch seinen Fuß setzen könnte, liegt einer der wertvollen Vierbeiner malerisch ausgebreitet. Außerdem herrscht ein Höllenspektakel. Manfred kriegt mit, wie sich nahe des Eingangs zwei Hundebesitzer streiten, welche die beste Hundeschule in Norddeutschland ist. Ihre Vierbeiner diskutieren lautstark mit. Mit Theo an der Spitze ergreifen sie die Flucht. Irmgard muss später getroffen werden. Wenn überhaupt möglich. Es ist ziemlich voll überall. Karl-Heinz hat Hunger und späht umher, ob es wohl einen Würstchenstand gibt. Zunächst findet er nur Kuchen, der von kosovarischen Blinden gebacken wird. Nach dieser Stärkung kommen sie an einer Bühne vorbei. Hier wird gerade ein Vortrag angekündigt. Die Bundesbehindertenbeauftragte Berta Bums, selber blind, erzählt von ihrer Besteigung des Mount Everest. Ohne Träger, wie sie betont. Karl-Heinz und Theo sind mächtig beeindruckt. Manfred fragt sich, wo denn der Louis mal vorkommt. Rotraud mag solche Turbovorzeigeblinden nicht und drängt bald zum Weitergehen. Da ist Berta gerade im dritten Basislager angekommen. Als nächstes stoßen sie auf den Surf-Simulator. Ehe er sich’s versieht, steht Manfred auf einem Wackelbrett und landet dauernd in den weichen Polstern rundherum. „Surfen ist eben nicht für jedermann das Richtige“, lacht der junge, dynamische, braungebrannte Mann. Er ist Lehrer am hiesigen Blindengymnasium und Zierde des Kollegiums. Ein paar Meter weiter dringen Hammerschläge an Manfreds Ohr. Da wollen sie mal gucken gehen. Von den Umstehenden erfahren sie, dass hier eine Vorsitzende aus NRW etwas vorführt. “Fesch sieht sie aus. So mit Gummistiefeln, dicken Handschuhen, Helm und Brille“, meint Theo anerkennend. „Und was macht sie da?“, will Rotraud wissen. „Sie haut mit Hammer und Meißel auf einen Stein ein“, erklärt Karl-Heinz. „Und wozu soll das gut sein?“, lässt Rotraud nicht locker. „Vielleicht will sie zeigen, dass Du Dich als Blinde auch gegen stärkste Widerstände durchsetzen kannst. Was weiß ich.“ „Wo gibt es denn was mit Louis Braille?“, fragt Manfred. „Keine Ahnung, aber da vorne ist ein Infozelt. Da gehen wir hin.“ Wieder geht Theo voran. Die freundliche Empfangsdame versteht erstmal nicht, was Manfred will. Er weiß es selber nicht so genau und stammelt: „Naja, das heißt doch Braille-Fest hier. Wo gibt es denn was mit Braille? Vielleicht eine Vorlesung oder so.“ „Da bin ich ein bisschen überfragt, junger Mann. Vorlesungen haben wir nicht. Vorlese-Systeme werden angeboten. Oder meinen Sie Laser-Systeme? Da wird eines gezeigt. Ganz neu. Zum stolperfreien Rolltreppenfahren.“ Das aussichtsarme Gespräch wird durch Lärm im Nebenzelt unterbrochen. Hier wird über Dolby Surround die Stadionreportage von einem Bundesligaspiel vorgeführt. Ein 0:0 zwischen Darmstadt und Ingolstadt. Aber total lebensecht dargestellt. Mittlerweile tun allen die Füße weh. Sie beschließen, die Heimreise anzutreten. Einen Übernachtungsplatz haben sie in der Stadt ohnehin nicht mehr gekriegt. In einem schönen Landgasthof, an dem sie vorüberfahren, wird herzhaft getafelt. Manfreds Ohren haben die Lärmattacke des Festes hinter sich gelassen. Nach Hause zurückgekommen, lassen die vier ihre Eindrücke bei Rotraud ausklingen. Manfred fragt immer wieder: „Wieso heißt das Fest Louis Braille?“

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blinde Welt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s