Vallon Pont d’Arc – Ein Reisetagebuch

Montag, 20. Juni 2016

Nun bin ich doch aufgeregt. Vor allen Dingen wegen des Umsteigens in Paris. Ich muss den Bahnhof wechseln, also mit einer Art Regionalexpress vom Gare du Nord zum Gare de Lyon fahren. Das wird hoffentlich klappen trotz Ausnahmezustand, Sicherheitskontrollen, Streiks und Fußball-Europameisterschaft.

Fast ein Jahr ist es her, dass mir Thorsten von einem Bericht über die Caverne du Pont d’Arc erzählte. Das war der Beginn des Höhlen-Besuchsplans. Bei der Caverne handelt es sich um einen authentischen Nachbau der Chauvet-Höhle in Vallon Pont d’Arc (Provence). Diese Replik ist die größte der Welt und ermöglicht es seit dem letzten Frühjahr vielen Menschen, einen Eindruck der 36.000 Jahre alten Malereien zu bekommen, ohne die Originale zu gefährden. Im April 2015 wurde sie eröffnet.

Um drei Uhr früh stehe ich auf. Als ich kurz vor halb fünf aus dem Hause gehe, herrscht noch Stille, nur ein paar frühe Vögel sind schon im Gespräch. Die Sonne geht auf und erinnert mich daran, dass die Sommersonnenwende bevorsteht. Morgen wird der längste Tag des Jahres sein. Ich staune wie viele Menschen schon in der Straßenbahn und auch am Bahnhof unterwegs sind.

Um 5.05 Uhr fährt der Thalys auf Gleis 18 ein, fast lautlos. Und ganz sacht setzt er sich eine Viertelstunde später Richtung Westen in Bewegung. In der ersten Stunde gleicht der Thalys einem Geisterzug. Ich bin völlig allein im Abteil. Eine nette Zugbegleitung bringt Kaffee und ein Croissant an meinen Platz. Erst in Köln füllt sich der Waggon so allmählich. Bis auf zwei Frauen im Business-Kostümchen steigen Herren mit grauem Anzug, Schlips und wichtigen Mienen ein. Fast synchron klappen sie ihre Laptops auf, legen die Handys daneben, lockern ein wenig ihre Krawatten und fangen an zu tippen. In ihrem Automatismus erinnern sie an die grauen Herren aus Momo. Einer etwas Verspäteter hastet rein und hält sich die Zeitung an die linke Gesichtshälfte. Es wirkt, als ob er Zahnschmerzen hat. Dann sehe ich, dass er Zeitung und Handy zusammen in der Hand hält und so telefoniert. Der Typ neben mir trägt tatsächlich protzige Manschettenknöpfe. Ich wusste wirklich nicht, dass es so etwas noch gibt. Das hat man nun davon, wenn man dekadent in der ersten Klasse fährt. Nach der Fahrkartenkontrolle kommt jemand mit einem Wägelchen wie im Flugzeug durchgefahren. Tee oder Kaffee? Käse oder Marmelade zum Brötchen? Etwas später störe ich die drei Zugbegleiter im Service-Abteil beim Frühstück und kaufe die Metro-Tickets für Paris. Die Herren (ein Flame, ein Franzose, ein Deutscher) versichern mir, dass die Umsteigezeit völlig ausreichend sein wird. Das beruhigt mich etwas.

Zurück im Abteil kämpft der Manschettenknopfträger damit, die Butter aufs Croissant zu kriegen. Die Butter ist hart. Und neben Laptop, Handy und Papieren mit Bilfinger-Logo ist kaum Platz auf dem Klapptischchen. Ich fühle mich sehr an den Loriot-Sketch im Flugzeug erinnert. Wäre es nicht zu schön, wenn die Butter auf Abwege geriete?

Hinter Aachen ist die Landschaft reizvoll, Wälder und Felder, ein paar vereinzelte Bauernhöfe. Dann erreichen wir die Lütticher Vorstädte. Absolut schäbige Plattenbauten beherrschen das Bild. Diese heruntergekommenen Behausungen könnten genauso gut in Berlin, Leipzig oder Essen stehen. Als wir in Lüttich halten, muss ich daran denken, wie ich vor mehr als 40 Jahren mit Helga in meinem klapprigen Renault 4 durch diese Stadt fuhr. Wir hatten uns auf der Suche nach einer Tankstelle hoffnungslos verfranst und irrten ziellos mitten in der Nacht durch die menschenleeren Straßen. Wie haben wir solche Situationen ohne Navi und Handy eigentlich gemeistert?

Weiter geht es Richtung Brüssel. Die Brüsseler Vorort-Architektur ähnelt exakt der von Lüttich. Meine Güte, warum muss es eigentlich überall so schäbig sein für die einfachen Menschen? Dass Wohnungen zum Wohlfühlen nicht eine Frage des Geldes sind, hat Hundertwasser ja hinlänglich bewiesen.

In Brüssel ist auch alles grau in grau. Hier steigen ein paar Schlipse und ein Kostümchen aus. Nun ist Paris nur noch eine gute Stunde entfernt. Im Waggon herrscht babylonisches Sprachgewirr. Viele beherrschen zwei oder drei der hier gängigen Sprachen zumindest bruchstückhaft. Nach langer Zeit denke ich mal wieder, dass uns die EU doch etwas Positives gebracht hat. Auch im Hinblick auf Grenzen und Kontrollen. Dass ich mich in Belgien und später in Frankreich befinde, merke ich tatsächlich in erster Linie daran, dass es mir mein Handy-Provider mitteilt.

Wir erreichen pünktlich den Gare du Nord in Paris. Das Umsteigen erweist sich fast als Kinderspiel. Alles ist übersichtlich und deutlich beschildert. Es ist sehr gut, dass ich die Metro-Tickets schon habe, denn die Schlangen an den Automaten sind lang. Hier im Regional- und Metrobereich muss man wie in London sein Ticket beim Rein- und Rausgehen in Automaten stecken. Erst dann öffnet sich eine Schranke und man kann den Bahnsteig betreten bzw. verlassen. Auf Gleis 44 fährt auch nach zwei Minuten eine Regionalbahn ein und so komme ich in einer guten halben Stunde von einem Bahnhof zum anderen. Zwischen den beiden liegt nur eine Station mit dem wohlklingenden Namen Châtelet-Les Halles. Es handelt sich dabei aber um ein gottverlassenes Dreckloch. Es könnte der Bahnhof Dortmund-Kurl in groß sein. Die Menschen, die hier ein- und aussteigen, sind arm, die meisten schwarz oder arabisch aussehend.

Der Gare de Lyon, wo die Züge in Richtung Süden starten, besteht aus drei großen Hallen. Wie an den Flughäfen findet man überall Monitore, die anzeigen, in welcher Halle welcher Zug abfährt. Dann kennt man allerdings noch nicht das Gleis. Man wartet in der richtigen Halle auf die entsprechende Information. Die kommt manchmal erst eine Viertelstunde vor Abfahrt. Nun setzen sich die Massen in Richtung dieses Bahnsteigs in Bewegung. Mir erscheint das ein wenig unpraktisch, aber vielleicht ist es nur ungewohnt. Es gibt trotzdem kein Gedrängel beim Einsteigen, denn alle TGVs sind reservierungspflichtig.

Inzwischen ist es halb zwölf. Pünktlich fahren wir los Richtung Süden. Ich bin gespannt auf die Strecke, die nun vor mir liegt. Gespannt auch auf das Wetter, denn in Paris ist es regnerisch und kühl. Als wir die große Stadt hinter uns haben, wird es sehr ländlich. Weite grüne Wiesen, sanfte Hügel, ein paar Ziegen und Gehöfte wechseln sich ab. Es geht aufwärts. Ich merke es an dem Druck in den Ohren. Hier in diesem TGV (entspricht in etwa unserem ICE) reisen normale Menschen, keine Schlipse, keine Laptops. Schräg vor mir sitzen zwei sehr redselige französische Damen, ich vermute Mutter und Tochter. Die ältere von den beiden muss ich immer wieder anschauen, denn sie ähnelt so sehr meiner Oma Therese. Sowohl im Aussehen, als auch in der Gestik und Mimik. Es mutet mich sehr merkwürdig an, sie in schnellem Französisch parlieren zu hören.

Wir passieren Lyon mit der Rhône, die ab hier Richtung Süden bis zum Mittelmeer fließt. Weite Weinbaugebiete prägen das Bild. Hier wird der berühmte Beaujolais angebaut. Viele Viadukte überqueren Täler und Straßen.

Um 15 Uhr fährt der Zug in Montélimar ein. Das Aussteigen ist gar nicht so einfach angesichts der drei extrem hohen Stufen, die es zu überwinden gilt. Die französische alte Dame schafft es nur mit großer Mühe und viel Hilfe. In Punkto Barrierefreiheit gibt es hier noch viel zu tun.

Nun habe ich mehr als zwei Stunden Zeit, bis mein Bus nach Vallon Pont d’Arc abfährt. Dieser Aufenthalt könnte sehr lang werden – wenn nicht das Wetter wäre. Es sind 30 Grad, ein leichter Wind und blauer Himmel. Die Luft ist weich, die Zikaden zirpen laut und ich entdecke erste Palmen. Ich bin im Süden angekommen. Die Jacke wandert in den Koffer und ich genieße einen richtigen Café au lait in der heißen Sonne.

Hinter dem Bahnhofsvorplatz ist ein kleiner Park. Die Leute, die rumstehen, sehen zum Teil nicht Vertrauen erweckend aus. Aber egal, ich mache es mir in der Sonne auf einer Bank bequem und versuche anzukommen. Immer noch kann ich es kaum fassen, dass ich nun tatsächlich in Montélimar, am Rande der Provence sitze.

Die letzte Etappe, die Busfahrt nach Vallon Pont d’Arc ist wunderschön. Allerdings kann ich sie nicht so recht genießen, weil mir übel wird auf den kurvigen Straßen, kotzübel, um es genau zu sagen. Das ist schade, denn die Landschaft ist traumhaft schön. Bergketten aus Kalkstein am Horizont, Lavendelfelder und Olivenhaine zwischen den kleinen Dörfchen begeistern mich trotzdem.

Um 18.45 Uhr bin ich am Busbahnhof in Vallon Pont d’Arc, dem Ziel meiner Reise angelangt. Rémy, der Sohn meiner Vermieter, nimmt mich in Empfang und fährt mich bis zu meiner Unterkunft „Le Mas du Paulou“. Es sind nur wenige Hundert Meter, aber ziemlich erschöpft und mit rebellierendem Magen bin ich sehr froh, den Weg nicht erst noch suchen zu müssen. Meine Ferienwohnung ist zentral gelegen, geräumig, luftig und schön eingerichtet. Die Küche ist besser ausgestattet als meine zuhause. Eine große Terrasse und einen Garten hinter dem Haus kann ich auch nutzen. Aber all das interessiert mich heute Abend nicht mehr so sehr. Die Vermieter haben mir Wasser, Saft und selbst gemachte Konfitüre in den Kühlschrank gestellt. Für das Wasser bin ich sehr dankbar. Ich trinke etwas und falle nur noch ins Bett.

Nach ein paar Stunden Schlaf raffe ich mich zum Badezimmer auf. Danach kann ich nicht mehr zur Ruhe kommen, denn zu viele Erlebnisse spuken im Kopf herum. Da hilft nur noch Chanten mitten in der Nacht. Und tatsächlich schlafe ich wieder ein.

Dienstag, 21. Juni 2016

Ich erwache mit Energie und erholtem Magen. Als der Kaffee durchläuft, telefoniere ich mit Thorsten. Außer über meine Frankreich-Reise freuen wir uns sehr, dass die Tischballplatte so kurzfristig geliefert wird. Das Projekt steht unter einem guten Stern. Alles fügt sich.

Nach dem Frühstück starte ich zur ersten Orts-Erkundung. Es ist 9 Uhr. Hier geht es noch sehr gemächlich zu. Man schlurft zur Boulangerie für ein Baguette oder trinkt in einer der malerischen Bars erstmal einen Espresso. Die Menschen bleiben stehen, schwatzen miteinander, irgendwo kräht ein Hahn. Eine Katze hat es sich auf dem Aufsteller eines Restaurants gemütlich gemacht.

Katze im Dorf

Es herrscht noch ein anderer Rhythmus. Nichts ist von der allgegenwärtigen Hektik bei uns zu spüren. Vallon-Pont-d’Arc hat ca. 2.300 Einwohner. Die Straßen und engen Gassen im Zentrum sind weitgehend vom Autoverkehr befreit. Hier findet man glücklicherweise keine der üblichen touristischen Errungenschaften wie Riesenhotels, Spielhallen, Vergnügungsparks und McDonalds. Das Stadtbild ist geprägt von alten höchstens zweistöckigen Häusern im provenzalischen Stil mit dicken Mauern und vielfach blauen Fensterläden. Es gibt kleine Restaurants, etliche öffentliche Plätze und Tante-Emma-Läden, in denen Spezialitäten aus der Region angeboten werden. Zum Beispiel Nougat, Ziegenkäse, Olivenöl, eine Vielfalt an Kräutern oder Lavendel-Duftsäckchen. Manche Gässchen sind so schmal, dass kaum zwei Leute bequem nebeneinander hergehen können. Aber selbst auf solch engem Raum haben die Anwohner einen Blumenkübel oder ein bunt lackiertes Stühlchen zum Ausruhen aufgestellt. Vallon Pont d’Arc ist wunderschön.

Die mittelalterliche Kirche ist geöffnet, so dass ich eine Kerze anzünden kann. Vom Kirchplatz aus hat man einen phantastischen Blick über die Felder und Wiesen, die nach dem Regen Anfang des Monats in allen Grünschattierungen schimmern. Hierher verirrt sich am frühen Morgen kaum jemand. Nachdem ich mich in einem winzigen Laden mit Milch, Brot und Käse versorgt habe, kann es losgehen. Mein erster Punkt auf dem „Urlaubsplan“ ist die Ardèche. Den Weg zum Fluss finde ich mit Mühe und auch nur, weil ich ihn aus dem Internet halbwegs in Erinnerung habe. Auf Fußgänger ist man hier nicht eingestellt. Darauf komme ich später noch mal zu sprechen.

Am Ufer der Ardèche zu stehen, ist großartig.

Ardèche (2)

Meine Güte, wann habe ich mein erstes Französisch-Buch mit dem Foto der Ardèche aufgeschlagen? Elisabeth Feldmann hieß die unsägliche Lehrerin. Eigentlich ein Wunder, dass die fürchterliche Schrulle mir nicht die Freude an der französischen Sprache vermiesen konnte. Und nun stehe ich hier und staune. An diesem Flussabschnitt führen keine Wege am Ufer entlang. Aber am Rand ist das Wasser flach. Also taste ich mich auf den rutschigen Steinen vorsichtig flussaufwärts, bis ich zu einer Art Sandbank gelange. Hier mache ich es mir gemütlich. Das Wasser ist angenehm frisch, aber nicht zu kalt. Ich bin allein, abgesehen von den Paddlern, die immer mal wieder vorbeikommen. Na ja, ganz allein auch nicht. Eine Menge ganz kleiner Fische treibt sich in Ufernähe rum. Denen erzähle ich die Geschichte, wie der Fluss Ardèche seinen Weg änderte. Sie glauben mir überhaupt nicht und machen sich eilig auf in Richtung Pont d’Arc, um die Alten deswegen zu befragen.

Zurück in meiner Unterkunft „Le Mas du Paulou“ gönne ich mir einen Imbiss und ein Schläfchen. Beides tut gut. Danach laufe ich noch einmal zum Busbahnhof (wenn man diesen Wendeplatz mit Fahrplan und zwei überdachten Sitzplätzen so nennen kann). Ich erhoffe mir hier einen Hinweis auf den Shuttle-Service zur Caverne. Fehlanzeige. Stattdessen entdecke ich Schilder für Wanderwege zur Pont d’Arc und zur Caverne. Beide Ziele sind ca. 4,5 km entfernt. Eigentlich zu schaffen. Da haben wir mit unserer Wandertruppe längere Märsche gemacht. Im Touristik-Büro erzählt man mir dann, dass der Shuttle-Service nur in den Hauptferienmonaten Juli und August angeboten wird. Es bleiben die Möglichkeiten Laufen oder Taxi. Ohne Auto ist man hier ein Exot. Darauf ist so recht niemand eingestellt. Die freundliche Mitarbeiterin organisiert mir aber eine Taxi-Reservierung für morgen früh. Ob das wohl klappt?

Ich überlege, dass ich vielleicht am Donnerstag zur Pont d’Arc laufen könnte und es insofern ganz hilfreich wäre, sich den Anfang des Wanderweges einmal anzuschauen. Es wird sich zeigen, dass dies eine ausgezeichnete Idee ist. Der Wanderweg entpuppt sich als in jeder Hinsicht atemberaubend. Sowohl von der Schönheit der Landschaft her, als auch von der Steigung und von der mangelnden Ausschilderung. Als ich nach Luft japsend auf einem immer enger und steiler werdenden Trampelpfad im Nirgendwo gelandet bin, gebe ich den Wanderplan für Donnerstag auf. Ich weiß nicht, wo ich die falsche Abzweigung genommen habe. Es gab schlicht keine Hinweise. Nun wird es zu unwegsam. Meine Sandalen sind so gar nicht geeignet und beim rechten Latsch löst sich ein Stück Sohle. Umkehren ist angesagt, denn ich bin erschöpft, habe kaum noch Wasser bei mir und weiß auch nicht, wo es weitergehen könnte.

Trotzdem oder gerade deshalb hat sich dieser Weg auf jeden Fall gelohnt. Ich entdecke Feigenbäume, Kakteen in Blüte, Lavendelfelder, Wiesen voller Mohnblumen und freue mich über die wunderschönen Ausblicke auf das Örtchen Vallon Pont d’Arc. Bienen und Cigalles summen um die Wette, die Sonne knallt heiß vom tiefblauen Himmel. Nun bin ich mitten in der Provence angekommen und nehme unvergessliche Eindrücke mit auf den Rückweg.

Impressionen  Lavendelfeld (2)

Nach dem Abendessen möchte ich mich noch einen Moment in den malerischen Kirchhof setzen wegen der Aussicht und der Ruhe dort. Aus der Ruhe wird dann aber nichts. Denn auf einem kleinen Platz neben der Kirche spielt eine irische Musikgruppe. Die verbreitet Stimmung! Es wird mitgesungen, geklatscht, getanzt. Leute setzen sich einfach auf den Boden und hören zu. Neben mir eine Familie mit Kindern. Die packen erstmal ihr Abendessen aus. Die Kleinste (vielleicht 18 Monate) klaubt ganz andächtig die herunter gefallenen Krümel auf und steckt sie sich in den Mund. Die beiden Größeren tanzen. Es ist so schön. Ein ganz besonderer, glücklicher Moment für mich. Zwei Sträßchen weiter spielt eine junge Frau Gitarre und singt. Die hat Talent und Stimmvolumen. Ich lausche und denke, dass sie eine wunderbare Stimme für Janis-Joplin-Lieder hat. Als wenn sie mich gehört hätte, stimmt sie „Bobby McGee“ an. Sie steht dem Original in nichts nach. Mit diesem Lied im Ohr schlendere ich langsam nach Hause.

Heute ist Sommersonnenwende. Diesen längsten Sonnentag habe ich wahrhaftig genutzt.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Heute ist der große Tag der Caverne du Pont d’Arc. Ich bin ein wenig unruhig, ob das bestellte Taxi kommt. Aber alles klappt hervorragend. Ein freundlicher, englisch sprechender Fahrer sammelt mich am „Hotel de Ville“ ein. Das Hotel de Ville ist übrigens das einzige dreistöckige Gebäude im Städtchen. Es ist aber kein Hotel, sondern beherbergt die Kommunalverwaltung. In 10 Minuten Fahrzeit bin ich an der Höhle. Es geht allerdings die ganze Zeit bergauf. Da hätte ich mich zu Fuß ziemlich abquälen müssen. Der Taxifahrer organisiert auch die Rückfahrt für mich. Jetzt kann es losgehen.

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der Caverne du Pont d’Arc um eine Replik der Chauvet-Höhle, die man 1994 in der Nähe entdeckte. Die Gemälde wurden 1:1 nachgezeichnet. Alle, die das Glück hatten, die Original-Höhle zu sehen, bestätigen, dass der Nachbau naturgetreu gestaltet wurde. Ich bin sehr gespannt.

Das Außengelände ist riesig. Im Juli und August herrscht hier wahrscheinlich Massenbetrieb. Aber heute früh ist alles noch ruhig. Auf von Zypressen gesäumten Sandwegen läuft man ungefähr 5 Minuten zum Eingang der Caverne.

Und dann betrete ich eine andere Welt. Ich bekomme einen Audioguide für deutsch und denke an eine holprige Übersetzung in schlechter Tonqualität. Es erwartet mich eine positive Überraschung. Der Sprecher hat eine tolle Stimme. Er redet nicht einfach, sondern er erzählt Geschichten. Auch ohne wirklich präsent zu sein, ist er der beste Führer seit meinem Besuch in Ephesos in der Türkei. Der Audioguide startet bei gewissen elektronischen Signalen. So ist es mir auch möglich, mich von der Besucher-Gruppe ein wenig abzusetzen, was alles noch schöner macht.

Vor ca. 36000 Jahren haben Menschen das erste Mal Spuren in der Höhle hinterlassen. Sie haben dort nicht gewohnt, sondern sie als Kultort genutzt, erfahre ich. 36.000 Jahre sind eine unvorstellbar lange Zeit. Die berühmten Höhlen von Lascaux sind „nur“ 19.000 Jahre alt.

Die Maler haben Handabdrücke und Abbildungen von Mammuts, Bären, Pferden, Löwen, Uhus und vielen anderen Tiere hinterlassen. Manchen Zeichnungen sind eher klein, andere dagegen fast zwei Quadratmeter im Durchmesser. Die Bilder wirken so lebendig, als wollten sie zu uns sprechen. Die Vielfalt und das Können der Malereien sind überwältigend. Zum Beispiel kann man an den Zeichnungen der Uhus erkennen, dass diese Tiere ihren Kopf um 180 Grad drehen, was offensichtlich auch damals schon als eine Besonderheit erschien. Als Farben herrschen rot, schwarz und alle Ockerschattierungen vor. Rot und Ocker haben pflanzlichen bzw. Lehmursprung. Für Schwarz hat man Feuer angezündet und die Holzkohle genutzt. Mit den Händen hat man Schatteneffekte gezaubert. Hier waren wirkliche Künstler am Werk. Künstler, wie es sie auch heute noch gibt. In der Höhle war es damals natürlich stockfinster. Mit einfachen Fackeln haben sich die Menschen hierher getraut. Fackeln, die beängstigende Schatten auf die Wände und die Stalagmiten und Stalaktiten geworfen haben müssen. Auch mussten sich die damaligen Höhlenbesucher immer der Gefahr bewusst sein, auf einen Bären zu treffen. Lange Zeit haben Menschen und Bären die Höhle gleichzeitig benutzt. An etlichen Malereien kann man Kratzspuren von Bärentatzen erkennen.

Hier unten gibt es keinen Mond, keine Sonne, keine Pflanzen, keine Kälte, keine Wärme, keine Zeit. Welchen Mut müssen die Menschen von damals gehabt haben, sich mit ihren Fackeln in der tiefen Dunkelheit weiter vorzutasten. An jeder Ecke lauerten bekannte und unbekannte Gefahren. Warum haben sie sich die große Mühe gemacht, hier ihre Gemälde zu hinterlassen? War es eine Art Kult? Oder einfach die Freude am Schaffen? Das werden wir nie herausfinden können.

Aber die Präsenz dieser Menschen ist deutlich spürbar. So anders als wir sind sie nicht gewesen. Sie haben ihre Handabdrücke hinterlassen. An ihnen ist zu erkennen, ob der jeweilige Maler groß oder klein, Links- oder Rechtshänder war. Das wirkt so individuell und sie sind uns ganz nah.

Vor ungefähr 22.000 Jahren wurde der Eingang der Originalhöhle durch einen Erdrutsch verschüttet. Dadurch diese natürliche Versiegelung ist eben alles so gut erhalten geblieben. Man muss sich die Aufregung in Pont d’Arc vorstellen, als man 1994 diese Schätze rein zufällig entdeckte. Die ersten Zeitmessungen wurden etliche Male wiederholt, weil man ihnen zunächst nicht traute. Als ich nach dem Rundgang ins Sonnenlicht trete, muss ich mich erstmal wieder zurechtfinden. Die Wärme tut gut. Genau diese Empfindung müssen die Menschen vor 36.000 Jahren auch gehabt haben beim Zurückkommen. Genau wie ich werden sie sich gestreckt und das Gesicht der Sonne entgegengereckt haben.

Ein paar hundert Meter entfernt befindet sich ein Restaurant. Mit einem Kaffee verziehe ich mich in eine einsame Ecke, um die Eindrücke zu verarbeiten.

Anschließend besuche ich noch die „Galerie de l’Aurignatien“. Obwohl ich mir nicht so viel davon verspreche nach den tiefen Höhlen-Eindrücken, ist es doch sehr interessant. Hier sind Tiere in Originalgröße aufgestellt und kleine Szenen aus dem Leben der damaligen Menschen nachgebaut. Wenn man neben so einem Mammut steht (doppelt so große und viermal so breit wie ich), kann man erstmal ermessen, welchen Mut es brauchte, um mit einem Speer auf Mammut-Jagd zu gehen.

In dieser Halle komme ich ins Gespräch mit einem englischen Ehepaar. Die beiden stammen aus Salisbury, nahe Stonehenge. Sie sind genau wie ich extra wegen der Höhle angereist.

Die Chauvet-Höhle originalgetreu nachzubauen und die Malereien somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war eine grandiose Idee. Erst im letzten Jahr wurde die Caverne eröffnet. Die Besucherzahlen haben alle Erwartungen übertroffen.

Nach meiner Rückkehr ruhe ich mich eine Stunde aus, ehe ich den Tag mit einem Besuch an der Ardèche beschließe. Die tiefen Eindrücke wirken noch lange nach. Die Caverne du Pont d’Arc war ja der eigentliche Anlass für meine Reise. Der Besuch dort hat alle meine Erwartungen übertroffen.

Donnerstag, 23.06.2016

Rémy fährt mich mit dem Auto zur Pont d’Arc. Nun stehe ich davor – ungefähr 50 Jahre, nachdem ich das erste Foto von ihr sah.

Die Pont d’Arc ist 60 Meter lang und 54 Meter hoch. Sie ist überwältigend und in der Realität noch weitaus beeindruckender als alle Abbildungen.

Pont d'Arc 01 (2)

Das Wasser hat sich einen Weg durch eine massive Felswand gebahnt und so auf natürlichem Weg eine Brücke über die Ardèche geschaffen. Ein unglaublicher Anblick. Wie muss er auf die Menschen vor 36.000 Jahren gewirkt haben? Man kannte ja damals noch keine Brücken. Dieser Bogen über der Ardèche muss ihnen wie ein Wunder erschienen sein. Die Original Chauvet-Höhle befindet sich hier in der Nähe. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies ein ganz besonderer Ort für die Menschen war. Er ist auch heute noch besonders. Die Kraft der Natur ist deutlich zu spüren. Die Natur war vor 36.000 Jahren da und wird auch in 36.000 Jahren noch da sein. Es ist absurd überheblich, wenn wir meinen, sie zerstören zu können. Fraglich ist lediglich, ob der sog. Homo Sapiens noch eine Zukunft hat bzw. noch ein Teil von ihr sein wird.

Wie kam es denn überhaupt zur Entstehung der Pont d’Arc? Thorsten hat es herausgefunden:
Liebste Susanne, die Geschichte der Pont d’Arc spielte sich wohl folgendermaßen ab: Die Ardèche fließt friedlich vor sich hin. Die Fische kennen sich aus und wissen, wo sie ein schmackhaftes Frühstück finden. Sie wissen auch, dass der Fluss in engen Kurven schneller fließt und es Riesenspaß macht, dort herumzukurven. Irgendwann bemerken sie, dass der Fluss nach der engen Kurve so schmutzig wird. „Da ist mehr Kalk im Wasser als früher“, erzählen sich die Alten. „Früher war alles besser“, fügen sie hinzu. Ein junger, flinker Fisch ist neugierig und stark. Er guckt sich in der engen Kurve um. Dort bemerkt er, dass das Wasser eine Kuhle ins Ufer gefressen hat. Von hier stammt der Kalk, den die Alten so beklagen. Einige Fischgenerationen später ist aus der Kuhle bereits eine Unterwasserhöhle geworden. Hier sprudelt das Wasser wie wild und die jungen Fische husten, wenn sie aus der Höhle kommen. Immer mehr Kalk wird abgetragen. Und dann geschieht es! Die Ardèche hat sich durch den weichen Kalkfels gegraben. Das Wasser strömt ans Licht. Jenseits der Höhle liegt das Land tiefer als nach der Kurve, durch die die Ardèche zuvor floss. Keiner der alten Fische hat es vorausgesehen. Nun sitzen sie dort im alten Flussbett auf dem Trockenen. Die Ardèche aber sprudelt fröhlich durch ihre neue Höhle. Vor lauter Freude spült sie mit der Zeit allen Kalk weg, sodass nur das festere Gestein übrig bleibt. Die jungen Fische finden es total klasse, unter einer Brücke hindurch schwimmen zu können. Das ist einzigartig in der vom Menschen noch unberührten Natur. Im Schatten der Brücke finden sich auch prima Schmuseplätze für die Teeny-Fische. Erst viele Jahre später kommt ein Wunderwesen aus Dortmund, um sich diese einmalige Naturerscheinung anzuschauen.

Soweit die Entstehungsgeschichte der Pont d’Arc, die sich vor schätzungsweise einer Millionen Jahre abspielte. Das Wunderwesen aus Dortmund wandert tief beeindruckt am Ufer der Ardèche entlang und findet den perfekten Rastplatz.

Felsbrocken und kleinere Steine haben eine natürliche Bucht am Ufer entstehen lassen. Hier fließt das Wasser nicht so schnell, so dass es sich erwärmen kann. Wunderbar geeignet zum Schwimmen.

Still ist es. Wie überall drängeln sich die Menschen an einem Flecken zusammen. Hier ist niemand. Ich bin allein mit den Fischen, den Eidechsen, den vielen Vögeln und den Zikaden. Die legen sich heute besonders ins Zeug und machen ein ziemliches Spektakel. Sie können aber das Wasserrauschen nicht übertönen. Es ist heiß, die Sonne knallt. Ich bin glücklich, hier zu sein. Arabella tauscht sich mit den Fischen über die Entstehungsgeschichte der Pont d’Arc aus. Es ist alles so, wie Thorsten es beschrieben hat.

Beobachten kann ich zahlreiche Paddler. Die Ardèche ist an dieser Stelle wegen herausragender Felsen und diverser Strömungen nicht ganz einfach zu befahren. Die weniger Talentierten fluchen in allen Sprachen, wenn es nicht so klappt. Sogar sächsisch und schwäbisch ist zu hören. Es gibt aber auch bei den Paddlern besonders Begabte. Zwei schaffen es, quer mit dem Kanu mitten im Fluss auf einem Felsbrocken zu stranden. Das muss man hinkriegen. Einer kippt ganz um. Nun weiß ich, warum die alle so kleine, wasserdicht verschlossene, Fässer an Bord haben. Darin befinden sich die Habseligkeiten und der Proviant der Wassersportler.

Ich bade in meiner Privatbucht, sammle Muscheln, lasse mich in der Sonne wieder trocknen und verspeise die mitgebrachten Quiche Provencals. Die billigen Plastikschlappen, die ich mir statt meiner kaputten Sandalen zugelegt habe, bewähren sich im steinigen Ardèche-Untergrund ganz ausgezeichnet. Einen verliere ich mal in der Strömung, so dass ich elegant hinterher hechten muss.

Um 14 Uhr holt mich Rémy wieder ab. Er fährt mit mir noch zu zwei besonderen Aussichtspunkten, von wo ich einen unglaublichen Blick auf die Landschaft genießen kann. Es ist ganz still hier oben. Tief unter uns liegen zerklüftete Felswände und dichte Wälder, durch die sich blau-türkis-farbene Flüsse schlängeln.

Landschaft

Auch dieser Tag hat meine Erwartungen weit übertroffen.

Am frühen Abend sitze ich noch mit Marie-Paule auf der Terrasse zum radebrechen. Mit meinen Vermietern habe ich Riesenglück. Sie sind so herzlich, gastfreundlich und hilfsbereit. Bedingt durch das heutige Referendum in Großbritannien kommen wir auf Politik zu sprechen. Es zeigt sich mal wieder, dass die „kleinen Leute“ aller Länder nicht so weit auseinander liegen in ihrer Meinung. Marie-Paule ist etwa so alt wie ich. Auch für sie ist es die größte Errungenschaft Europas, dass Frieden herrscht. Dass wir uns nicht wie früher als Feinde sehen, sondern als Freunde hier gemütlich zusammen sitzen können. Mit oder ohne Euro, mit oder ohne die Briten. Das ist ziemlich egal.

Ein paar Worte noch zum Garten. Der ist ein verwildertes Etwas mit einer Ecke für die Hühner. In einer anderen Ecke steht ein uralter (von 1978) Renault 4, den ich sofort in mein Herz geschlossen habe. Leider fährt er nicht mehr, aber man konnte sich noch nicht von dem Schätzchen trennen. Sehr sympathisch.

Abends zappe ich erstmals unschlüssig durch die französischen Fernsehprogramme wegen der Brexit-Entscheidung. Das Programm ist auch in Frankreich keine Offenbarung. Es wird gekocht, es gibt Quiz-Sendungen, dümmliche Zeichentrickfolgen, Reklame, Zoo-Besuche und Vorstadtserien auf französisch. Immerhin erfahre ich, dass man das Brexit-Ergebnis erst für den nächsten Vormittag erwartet.

Freitag, 24.06.2016

Eine SMS von Thorsten schreckt mich hoch. Nein, es ist nicht der Brexit (52% zu 48%, wie es aussieht). Es ist die Meldung, dass in Belgien Generalstreik herrscht und der Thalys möglicherweise betroffen sein könnte. Das kann ja eine holprige Rückfahrt werden. Aber erstmal sitzen Marie-Paule und ich noch einmal in der Sonne auf der Terrasse. Marie-Paule erzählt, dass ihre Mutter 95 Jahre alt wurde und so lange es ging, ihre Enkel und Urenkel bekocht hat. Auch so etwas, das in allen Ländern gleich ist. Ich muss an Helga denken. In diesem Moment fehlt sie mir ganz schrecklich. Rémy kommt mit der Internet-Information, dass der Thalys normal fährt. Dann wird es Zeit für den Abschied. Ganz französisch mit drei Küsschen auf die Wangen.

Der Busfahrer ist wieder so ein gemütlicher Typ, der erstmal eine raucht, ehe es losgeht. Dieses Mal setze ich mich ganz nach vorn. So wird mir nicht übel und ich kann dem französischen Radiosender lauschen. Sie spielen Lieder von Zaz und diesen schönen Song von Kids United „On écrit sur les murs“, den ich zwei Tage vor meiner Abreise zufällig im Internet entdeckte. Solche Ereignisse verblüffen mich immer wieder. In einigen Dörfern sind die Inseln der Kreisverkehre mit kleinen Fahrrädern und bunten Bändern geschmückt. Ob das wohl mit der Tour de France zusammenhängt, die demnächst auch an der Caverne du Pont d’Arc vorbeiführen soll? An der Haltestelle in irgendeinem verlassenen Winkel steigt eine Frau mit Baguette unter dem Arm ein. Immer wieder diese Klischees! Diese Frau hat kein passendes Geld für die Fahrkarte. Unser Fahrer ist aber gut vorbereitet. In aller Ruhe kramt er umständlich eine verbeulte Brotdose mit Gummiband aus seiner altmodischen Aktentasche hervor. Darin befindet sich das Wechselgeld. Während dieser Transaktion wird erstmal ein Schwätzchen gehalten, denn man kennt sich offensichtlich. Hier ticken die Uhren noch ein wenig anders als im vollautomatisierten DSW-Betrieb.

In Montélimar kenne ich mich ja aus und marschiere direkt ins Café. „Pas de bombe?“ lacht die freundliche Mitarbeiterin, als ich sie bitte, kurz auf meinen Koffer aufzupassen. Nein, eine Bombe habe ich heute nicht dabei. Es ist gut, dass man hier noch Witze machen kann. Am Nebentisch sitzt eine junge Frau, die gerade ihr Baby stillt. Außer dem Säugling hat sie noch drei Jungen dabei, von denen der Größte höchstens 7 Jahre alt ist. Die Frau wirkt trotzdem ziemlich entspannt. Der mittlere Sohn hat irgendwo einen Kratzer abbekommen. Aus dem kleinen Finger rinnt ein winziger Blutstropfen. Großes Geschrei! Aber die Rettung naht. Endlich kommen einmal die Pflastermäppchen aus Thorstens Apotheke zum Einsatz. Das Pflaster hilft ungemein. Der Junge ist ganz schnell so weit genesen, dass er seinem kleinen Bruder schon wieder in die Hacken treten kann. Auf dem Bahnhofsvorplatz ist heute wirklich was los. Drei Männer mit einer großen Kamera interviewen einen alten, wichtig tuenden Herrn. Ich überlege, ob der vielleicht der Ulli oder so eine Art König Semmler von Montélimar ist und große Dinge plant.

Der Zug nach Paris fährt von Gleis 2. Das bedeutet, eine Treppe runter und eine wieder rauf. Mit der Barrierefreiheit ist es hier nicht weit her. Aber eine alte Dame, die die Treppen nicht mehr schafft, wird mit Hilfe eines Bahnbeamten quer über die Geleise auf den anderen Bahnsteig geführt. So kann man es eben auch machen. Diese Oma sitzt nun neben mir auf der Bank und redet ohne Punkt und Komma, bis der Zug einläuft. Dass ich sie aufgrund ihres Dialektes überhaupt nicht verstehe, merkt sie gar nicht. Das ist auch nicht wichtig. Es reicht völlig, dass ich ab und zu ein Mhm oder oui, oui einstreue. Die Fahrt nach Paris verläuft reibungslos. Die drei Stunden vergehen wie im Flug. Das Umsteigen am Gare de Lyon gestaltet sich jedoch schwieriger. Das fängt schon damit an, dass der Automat mein Metro-Ticket nicht akzeptiert und die Schleuse nicht öffnet. Ich schaue mir die endlosen Schlangen an den Fahrkartenautomaten an und habe schon Schweißperlen auf der Stirn. Beim dritten Versuch klappt es auf einmal doch und ich kann passieren. Am Gare du Nord herrscht Chaos. Es ist laut, überfüllt, fürchterlich hektisch. Als ich endlich den Thalys-Bahnsteig gefunden habe, traue ich meinen Augen kaum. Man hat davor eine mobile Sicherheitszone wie am Flughafen aufgebaut. Der Koffer und ich werden genauestens durchleuchtet. Die Atmosphäre ist dermaßen aufgeregt und irgendwie so aufgeladen, dass ich mir Witze wie am Düsseldorfer Flughafen nicht erlaube. Ich bin froh, als ich das alles hinter mir habe und auf meinen reservierten Platz im Thalys sinken kann. Die Schlipse und Business-Kostümchen sind auch wieder an Bord. Sie sehen nicht so zufrieden aus. Ob das am Brexit liegt? Und noch mal ein Klischee: eine junge Dame von Welt mit gepunktetem Kleidchen, dazu passendem Hütchen, High-Heels und zwei Handtäschchen steigt ebenfalls ein. Sie trägt ihre Täschchen am abgewinkelten linken Unterarm (rechts ist das Beauty-Köfferchen). So kann sie sich kaum bewegen in den engen Gängen, denn sie muss zusätzlich noch auf ihre manikürten Glitzer-Fingernägel aufpassen. Sie hastet zweimal an mir vorbei, weil sie ihre Sitz-Nummer nicht finden kann. Endlich erbarmt sich dann ein Mann (!) und spielt den edlen Ritter. Er wird behilflich bei der Platzsuche und dem Transport des Beauty-Köfferchens. Leider verliere ich die beiden dann aus den Augen. Vielleicht bahnt sich hier eine Romanze an? Der Typ hinter mir sitzt noch nicht richtig, als er sich schon über das gerade nicht verfügbare Internet beschwert. Er hat nur deswegen extra die erste Klasse gebucht. Nun fragt er den Zugbegleiter ernsthaft, ob er Geld erstattet bekommt für diesen Ausfall. Wie gesagt, die Klischees….

Zwei bewaffnete Polizisten laufen auch noch durch die Gänge. Heute ist wirklich alles dabei. Trotz aller Sicherheitsmaßnamen und merkwürdigen Mitreisenden startet der Thalys pünktlich. Wir werden bestens versorgt mit Speis und Trank und auch das Internet funktioniert nach einer Weile. Kurz vor 23 Uhr bin ich wieder in Dortmund.

Aufregende Tage und unglaublich beeindruckende Erlebnisse liegen hinter mir.

In der Caverne durfte man nicht fotografieren. Wer sich einen Eindruck der Höhlenmalereien verschaffen möchte, kann dafür folgende Links anklicken:

http://de.cavernedupontdarc.fr/

https://de.wikipedia.org/wiki/Chauvet-H%C3%B6hle

 

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