Becker to serve

So begann die Tennisleidenschaft 1985. Eigentlich schon neun Jahre zuvor. 1976 wurde ein Tennisklub in meinem Heimatdorf gegründet. Ich war oft dort, weil beide Eltern spielten. Dann kam der Boris-Boom. Dass ich niemals Tennis oder Tischtennis spielen konnte und kann, ist schade. Denn die Leidenschaft ist da. Deshalb war ich umso erfreuter, als vor etwa fünf Jahren der Tischballsport nach Deutschland kam. Schon in der Wachstumsphase entwickelte er sich zum Kloppersport. Die Spieler dreschen den Ball mit voller Wucht über die Platte. Das ist nur möglich, da der Ball gestoppt werden darf. Bei direktem Spiel wäre die Kraftmeierei raus und der Pfiff wieder drin. Ist aber nicht. So verabschiedete ich mich schnell von der frisch erwachten Leidenschaft.

Im April dieses Jahres fanden die deutschen Meisterschaften in Bergkamen statt. Wir gingen gucken. Ich wollte sehen, ob es mir wohl nochmal Freude machen kann. Susanne wollte das Spiel kennenlernen. Tischball gefiel uns. Allerdings nicht so, wie es dort gespielt wurde. Bierernst und hau drauf. So gingen wir mal zum Training des hiesigen BSSV Dortmund. An der Uni haben sie einen kleinen Raum, in dem eine Platte steht. Es machte durchaus Freude. Trainer Andreas hatte kein Problem damit, dass wir nur spielen wollten. Nachwuchstalente sind wir nicht. Der BSSV stellt nämlich eine Bundesliga-Mannschaft. Susanne war begeistert. Auch unter der Augenbinde macht es Spaß. Als wir dann zum dritten Mal hingehen wollten, klappte das nicht. Warum eigentlich nicht? Wir fanden heraus, dass das Training erstens um 17 Uhr beginnt, wenn sich für uns der Tag langsam dem Ende neigt. Zweitens kommst Du in den zwei Stunden Trainingszeit nicht sehr häufig an die Platte. Jeder soll ja drankommen.

„Wir brauchen eine eigene Platte oder finden in Dortmund eine, an der wir mehr Zeit haben.“ Das war unsere Idee am 9. Juni. Tatsächlich gibt es an unserer Martin-Bartels-Schule, einer Förderschule mit Schwerpunkt Sehen, einen selbstgebauten Tisch. Die Schulleiterin reagierte positiv. Sie müsse aber erstmal diverse vorgesetzte Stellen fragen. Leider kam es wie erwartet. Der Verwaltungsleiter, wer immer das genau ist, untersagte das Spielen. Privatleute hätten keinen Zutritt. Weiter wurde das nicht begründet. Eine Frechheit, denn warum darf eine Schule und deren Einrichtung nicht von den Bürgern genutzt werden, die sie bezahlen? Wir nehmen an, beim Verwaltungsleiter hätten wir mit solcherlei Überlegungen auf Granit gebissen. Also ließen wir die Idee mit der Schule fallen. Die Platte dort verstaubt weiter vor sich hin.

Parallel erkundigten wir uns, wo wir Tischballplatten kaufen können. Vom Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Bocholt-Borken bekamen wir einen guten Tipp. Und jetzt nahm die Sache Fahrt auf. Es fügte sich eins ins andere. Die Tischlerei hatte noch eine Platte auf Lager. Also alles klar. Liefertermin 1. Juli. Als Susanne aus Frankreich heimkehrte, bestellte sie sofort Bälle und Schläger. Letztere alternativ auch als gewöhnliche Tischtennis-Version. Alles kam rechtzeitig an.

Aufstellen wollen wir die Platte eigentlich in einem wilden Schrebergarten in Hörde. Der gehört einer Bekannten von Susanne. Die Besitzerin war mit ihrem Chor unterwegs. So war uns der Garten vorerst verschlossen. Den Tisch ließen wir also zu mir liefern. Im Innenhof steht er gut. Den Garten schauen wir uns kommende Woche an. Nach nur drei Wochen ist die Idee in Realität umgesetzt. Es gab schon die ersten Ballwechsel.

Tischball

Fairness und Freude sind unsere Regeln. Es ist so schön, ohne Verein ein bisschen Sport treiben zu können. Das ist für mich als Blindensportler neu. Weil es für mich immer ein Ballsport sein muss, gab es bislang nur den Weg in Vereine. Jetzt ist das anders. Bei uns kann jeder spielen: Jung und alt, Frau und Mann, groß und klein, sehend oder blind, dick oder dünn. Wir werden sehen, wen wir so einladen. Tischball unter freiem Himmel. Dazu eine gute Tasse Kaffee. Lebensfrohe Menschen. Darauf freuen wir uns.

 

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Eine Antwort zu Becker to serve

  1. Tom schreibt:

    Ein sehr interessanter und äußerst informativer Beitrag!

    Gefällt mir

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