Beben

17.410.742 Wähler haben sich für leave entschieden. Sie möchten, dass Großbritannien die Europäische Union verlässt. Der beachtliche Vorsprung zum remain-Lager beträgt über eine Million Stimmen. In Prozentzahlen heißt das 52:48. England und Wales sprachen sich gegen den Verbleib aus, Schottland und Nordirland waren dafür. Die jüngeren Wähler waren mit großer Mehrheit für den Verbleib, die älteren Wähler dagegen. Im Hinblick auf die Parteineigung gibt es kein klares Bild. Außer vielleicht bei den UKIP-Anhängern, die geschlossen für den Austritt gestimmt haben dürften. Schottland hatte vor zwei Jahren erst ein Referendum zum Verbleib im Vereinigten Königreich durchgeführt. Damals entschied sich die Mehrheit dafür. Nun müssen die Schotten mit dem gesamten Staat die EU verlassen. Ob es einen erneuten Abspaltungsversuch und einen anschließenden Wiederaufnahmeantrag gibt, steht in den schottischen Sternen. Dies sind die Fakten.

Am Abend der Abstimmung waren sich fast alle sicher, dass Großbritannien in der Gemeinschaft bleiben wird. Eine nicht repräsentative Umfrage nach dem Wahlgang sprach dafür. UKIP-Chef Nigel Farage ging mit der Ahnung ins Bett, verloren zu haben. Deutsche Politiker hatten sich mit Äußerungen zur Wahl sehr zurückgehalten. Sie machten freilich keinen Hehl daraus, dass sie gegen einen Austritt sind. Die Journallie passte sich dieser Stimmung an, mit der sie als Mainstream gut leben konnte. Es klang so wie: „Am Ende kommen sie dann wieder zur Vernunft. Alles andere als ein Verbleib wäre ja auch wirtschaftlicher Wahnsinn.“

Ja ja, die Wirtschaft. Das Argument der remain-Seite. Die ominösen Märkte waren froh über die sich abzeichnende Entscheidung. Die Börsen stiegen. Das Pfund auch. Hinter solchen Entwicklungen steckt nicht viel Geist. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Indices der weltweiten Börsen in den Medien so wichtig genommen werden. Die Börse agiert hauptsächlich nach psychologischen Mechanismen. Alle dachten, die Briten bleiben drin: Und hurra, das Pfund steigt, der DAX weit über 10.000 Punkte und das Paradies ist nahe. Am Morgen, als sich der Sieg der leave-Fraktion abzeichnet, Heulen und Zähneknirschen. Der DAX saust um 10 % nach unten. Das Pfund fällt auf ein historisches Tief. Der Goldpreis macht einen Sprung nach oben. Ganz ehrlich, die Händler, die ominösen Märkte, haben doch die Pfanne heiß! Greifbar ist gar nichts passiert. Vorläufig bleiben alle Handelsbeziehungen so, wie sie sind. Dennoch halten diese Märkte deutsche Autofirmen plötzlich für bis zu 15 % weniger wert. Hier wird so offenkundig, dass die Börsen nur ein Spiel sind. Wir brauchen sie in dem Maße nicht. Und erst recht sollten wir nicht auf die Werte schauen wie die Kaninchen auf die Schlange. Da sind Blitzbirnen am Werk. Zwei Wünsche möchten wir frei haben. 1. wird den Börsen nicht mehr viel Bedeutung gegeben und 2. verschwinden sie aus den Medien. Rohstoff- oder Nahrungsmittelbörsen wären für uns Menschen viel interessanter. Wir würden sehen, wie billig RWE und Co in Leipzig Strom einkaufen. Wir würden sehen, wie skrupellose Händler mit Getreide oder Kakao spekulieren. Das wird uns nicht gezeigt. Dafür live aus Frankfurt. Wegen der Arbeitsplätze. Blablabla. Die, die Arbeit haben, können die Sendungen gar nicht sehen, weil sie auf Arbeit sind. Den Rest geht das kaum was an. Drei Prozent der Deutschen haben Aktien. Die Pleite mit der T-Aktie hat sie alle kuriert. Nehmen wir also das Geschrei dieser hirnlosen Börsianer weg, ist das Getöse um den Brexit nur noch halb so laut.

Neben den Märkten finden die Medien die Meinung der Politiker wichtig. Wir auch. Nigel Farage hatte offenbar eine kurze Nacht. Denn als sich der Wind so ab vier Uhr deutscher Zeit drehte, war er gleich wieder am Start mit seinem indipendence day. Gabriel fluchte auf Twitter. Noch vorm ersten Kaffee. Die Kutte ist gerade in Bulgarien und Slowenien. Dort lobte er die EU-freundlichen Slowenen. Ansonsten Bestürzung beim abdankenden Präsidenten. Kanzlerin Angela beriet sich erstmal mit den Partei- und Fraktionsvorsitzenden. Dann, wie überraschend, ebenfalls Bestürzung. Keiner ist froh, dass sie endlich weg sind. Wohl aber schließen sie trotzig die Reihen. Wir 27 Länder müssen jetzt fest zusammenstehen. Es gibt keine Sonderkonditionen. Wer geht, der ist raus. Diverse Treffen sind vereinbart. Zum Beispiel lud Steini Steinmeier fünf andere Außenminister ein. Die stammen aus den Ländern, die 1957 die EWG gründeten. Es sind Italien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland und Deutschland. Großbritannien kam 1973 dazu. Zur Gründungszeit hatten wir in Spanien und Portugal noch Diktaturen. Die Mauer war noch nicht gebaut. Es ist eben lange her. Sog. Reformen der Gemeinschaft fordern vor allem Politiker, die nicht an der Macht sind. Also zum Beispiel welche aus der FDP. Zwei gibt es da noch – Lindner und Lambsdorff. Die EU-Topleute Schulz, Tusc und Juncker sagen summa summarum das gleiche.

Um 9.15 Uhr trat dann der Initiator des Referendums vor die Kameras. Erinnern Sie sich? David Cameron hatte sich das ausgedacht. Er wollte ein klares remain erreichen, um die EU-Nörgler bei seinen Torries zum Schweigen zu bringen. 2013 schien es, als könne das so klappen. Nun kam David zerknirscht aus Downing Street number ten. Im Schlepptau hat er seine Frau. Irgendwie etwas islamisch, einen Schritt hinter ihm. Naja, eben so wie anno dominae Christian Wulff mit seiner Bettina. David sprach, er wolle das Schiff noch sicher weiter steuern bis in den Herbst, Für das neue Ziel sei er nicht der richtige Kapitän. Wir merken, England war einst eine große Seefahrernation und bekriegte die halbe Welt. So sprach David und verschwand samt Gattin. Vermutlich nahmen sie die zweite Tasse Tee des Tages.

Was Cameron da gesagt hatte, kriegten die anderen erst gar nicht so richtig mit. Sie waren noch mit Bedauern und Zusammenstehen beschäftigt. Erst am Abend hatten sie dem Schulz das erklärt. Cameron macht erstmal weiter wie gehabt. So kommt er nächste Woche auch zum Gipfel. Erst in drei Monaten tritt er zurück. Bis dahin soll ein Nachfolger gefunden sein. Formal muss noch das Unterhaus über den Austritt abstimmen. Die Abgeordneten dürften sich diesem Votum nicht verschließen. Ebenso wenig wie Camerons Nachfolger. Denn der soll dann einen Brief nach Brüssel schicken mit der Kündigung der Mitgliedschaft. Einen kleinen Verdacht, dass hier auf Zeit gespielt werden soll, damit Gras darüber wächst, können wir nicht verhehlen. Bleiben sie am Ende doch drin? Nun ja, gehen wir erstmal nicht davon aus. Martin Schulz tut das öffentlich auch nicht. Er schimpft. „Wieso erst im Oktober? Wieder wollen die Briten eine Extrawurst!“ Man wolle das jetzt zügig abwickeln. Zwei Jahre sind laut dieses zuständigen § 50 der Lissaboner Verträge sowieso vorgesehen bis zum „Scheidungsurteil“. Tja lieber Martin, fürs Rauswerfen gibt es keine Regeln. Das ist nicht vorgesehen. Wir hatten das im Zuge des Griechen-Auspressens überlegt. Ärgern die Blödmänner von der Insel die braven Europäer noch weiter? Und am Ende wird von denen auch noch einer Europameister. Außer Schottland sind alle noch dabei.

Unsere Freude über das Ergebnis folgt einem einfachen Gedanken. Wir haben das Gefühl, sie regieren in Brüssel völlig ohne Bindung zu den Menschen. Nicht nur das glorreiche Trio mit u, sondern auch die Regierungschefs. Sie murksen sich dort was zurecht auf ihren Gipfeln und sagen im Zweifel zu Hause, die EU wäre schuld. Das ginge eben nicht anders. Es gab keinen anderen Weg, um diese selbstgefälligen Politschauspieler einmal aufzuscheuchen. Alle Versprechen auf Demokratisierung oder Transparenz sind nicht ernst gemeint und wurden nie angepackt. Die Menschen sind es leid. Wir gehen nicht automatisch davon aus, dass in Berlin mehr für die Menschen regiert wird als in Brüssel. Das nicht. Aber Berlin ist eine Stufe näher dran. Es ist hohe Zeit, dass sich die EU zurückbildet. Von Auflösen ist nicht die Rede. Aber die Menschen wollen näher dran sein an den Entscheidungen. Deshalb muss viel Befugnis zurück in die Hauptstädte zu den nationalen Parlamenten. Gemeinsame Außen- oder Finanzpolitik sind doch Chimären. Das brauchen wir auch gar nicht. Unser Gewicht in der Welt. Blablabla. Mit kluger Friedenspolitik könnte Deutschland genug Einfluss aufs Weltgeschehen nehmen. Neben der Rückentwicklung, möglicherweise auch mit weiteren Austritten, muss es weitere Abstimmungen geben. Wenn nicht über Verbleib oder Austritt, dann über Sachfragen wie zum Beispiel den Euro. Die EU darf kleiner werden, ohne dass dies gleich eine Katastrophe ist. Dieses „immer größer, immer enger“ haben sich die Politschauspieler ausgedacht. Nicht die Menschen. Dass wir hier das gleiche Ziel haben wie rechte Bewegungen wie UKIP, der FN oder die AfD, ist bedauerlich. Bei menschlicherer Politik gäbe es diese Bewegungen in sehr viel kleineren Versionen. Am Sonntag wählt Spanien. Keine Bange, nur eine neue Regierung. Aber die könnte Leuten wie Wolfgang Schäuble ähnlich schwer im Magen liegen wie die griechische. Ob in Österreich die knappe Präsidentenwahl wiederholt werden muss, ist noch offen. Es könnte sein, dass nach dem Brexit weitere schwere Beben auf die EU zukommen.

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