Öffeln im ÖPNV

Ich fahre häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln und erlebe dort so Manches. An sich habe ich immer ein Buch dabei, um während der Fahrt zu lesen. Manchmal ist das Leute-Beobachten jedoch so spannend, dass ich gar nicht zur Lektüre komme.

Heute zum Beispiel. Das fängt schon mit dem Einstieg vorn im Bus an. Offiziell soll man sein Ticket vor einen Kontrollapparat halten. Das wird im allgemeinen aber kaum praktiziert. Ganz einfach deshalb, weil es zu lange dauert, bis dieses Wunderwerk der Elektronik den Fahrschein identifiziert hat und sich zu einem bestätigenden Piepton aufrafft. Üblicherweise halten die Fahrgäste nur kurz ihr Ticket hoch und suchen sich einen Sitzplatz. Nicht so heute. Als ich der Fahrerin mein Ticket 1000 vor die Nase halte, grunzt sie „DA!“ und macht eine Daumenbewegung zum elektronischen Prüfer. Eine sehr kommunikative Person. Na ja, vielleicht hat sie schlecht geschlafen oder einen Ehekrach. Alle Einsteigenden müssen ihrer freundlichen Aufforderung Folge leisten, wobei die Nachfolgenden eben noch ein wenig länger im strömenden Regen stehen. Ich bin froh, erstmal im Trockenen zu sein und finde beim dritten Versuch einen Sitzplatz, der nicht völlig vermüllt ist.

Vor mir nimmt eine Familie Platz. Vater, Mutter, zwei Kinder. Insoweit nichts Besonderes. Was dann folgt, ist wahrscheinlich auch nichts Besonderes. Das ca. 10jährige Mädchen kramt Ohrstöpsel aus ihrem Rucksack, tackert sie an ihr Smartphone und verabschiedet sich fußwippend und mit geschlossenen Augen vor sich hin summend von der Welt. Ihr Bruder, vielleicht so 12 oder 13 Jahre alt, fischt sein Smartphone aus der Hosentasche und ist alsbald völlig vertieft in ein Spiel, bei dem es irgendwie um Schildkröten geht, wie ich seinem Murmeln entnehmen kann. Mutter, gepierct und Sonnenbank-gegrillt, telefoniert alsbald mit Conny, die am anderen Ende der Leitung wohl eine tiefgehende Beziehungskrise mit einem gewissen Michael hat. Nicht dass mich das interessiert, aber da ich keine Ohrstöpsel trage, bleiben mir empörte Ausrufe und wohlmeinende Ratschläge an Conny nicht erspart. Der Vierte im Bunde – Vater, Freund der Mutter, oder wer auch immer – ist trotz des nasskalten Wetters nur mit Jeans und Muskel-Shirt bekleidet, so dass man seine reich tätowierten und gut trainierten Oberarme bewundern kann. Er hat ein Tablet dabei, mit dem er sich intensiv beschäftigt. Er tippt und wischt darauf herum, als ob es um sein Leben ginge. Ich beobachte diese Familie und ihr Kommunikationsverhalten, sowohl untereinander als auch mit den anderen Fahrgästen. Es gibt schlichtweg keine Kommunikation. Jedenfalls nicht mit real anwesenden Personen. Nach ein paar Haltestellen schreckt Mutter hoch, blickt sich hektisch um, stößt ihre Familienmitglieder nacheinander unsanft an und schubst sie alle mehr oder weniger zur Tür. Alle vier schaffen es so gerade, mitsamt ihrem elektronischen Zubehör aus dem Bus zu springen, eher der weiterfährt. Schade eigentlich, denke ich, nun erfahre ich gar nicht, wie es mit Conny und Michael weitergeht.

In der Straßenbahn wird es interessant. Schräg vor mir sitzt der alte Herr, den ich oft in der Teutonenstraße beim Flaschensammeln beobachte. Der ist mir aufgefallen, weil er immer gut, fast elegant gekleidet ist. Da passt das Wühlen in den Mülleimern nicht so recht zum Äußeren. Auch heute trägt er eine gebügelte Stoffhose, einen anthrazit-farbenen Wollmantel und einen roten Schal. Ein asiatisch aussehender junger Mann setzt sich neben ihn und fragt in holperigem Deutsch, wie man denn zum Hauptbahnhof kommt. Der alte Herr gibt ihm Auskunft in fehlerfreiem, fließendem Englisch mit britischem Akzent. Zwischen den beiden entspinnt sich ein längeres Gespräch. Der alte Herr erzählt von seinem Studium in London und seiner Arbeit als Ingenieur mit vielen Auslandseinsätzen in aller Welt. Ich höre fasziniert zu und staune. Was treibt diesen Mann dazu, Flaschen zu sammeln? Tatsächlich Armut? Spendet er vielleicht das so gewonnene Geld? Oder ist es einfach eine Marotte? Ich überlege, dass der Anblick eines Flaschensammlers sofort bestimmte Assoziationen im Kopf entstehen lässt und dass man oft dazu neigt, vorschnelle Urteile zu fällen.

Drei jugendliche Grazien reißen mich aus meiner kontemplativen Stimmung. „Megageil!“ ist das Wort des Tages. Ich kann das nicht mehr hören. Dieser prollige Begriff ist allgegenwärtig. Manchmal scheint es, als gäbe es kein anderes Adjektiv mehr. Der Wortschatz mancher Mitbürger ist bemerkenswert limitiert. Geil (im Superlativ megageil) steht für Positives. Als Synonym für blöd oder dämlich benutzen die drei Damen tatsächlich das Wort behindert. Auch das hätte ich nicht für möglich gehalten. Was ihnen an Ausdruckskraft fehlt, machen sie durch Tempo und Lautstärke wett. Sie reden, als wenn es kein Morgen gäbe, schrill, vor Wichtigkeit Silben verschluckend und so schnell, dass sich unmöglich ein Gedanke vor, während oder nach dem Sprechen in ihren Kopf verirren kann. Mir fällt ein wunderbar passendes Zitat von Oscar Wilde ein. „Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Munde zu sprechen. Aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun.“ Wobei Oscar Wilde seine Ansichten zu den gut erzogenen Menschen in einer voll besetzten U-Bahn von heute revidieren würde. Da sind nämlich altmodische Umgangsformen wie beim Gähnen oder Niesen die Hand vor den Mund zu halten, nicht die Norm.

Ein junger Mann nimmt mir gegenüber Platz. Er ist etwa 15 oder 16 Jahre alt, trägt ein Kapuzenshirt über seinen Jeans. Die Haare sind gekonnt wild nach vorn gestylt, so dass sie halb in die Augen fallen. Das trägt man jetzt so. Dieser Junge ist für die nächsten Stationen mit seinem Outfit beschäftigt. Das läuft folgendermaßen ab: er betrachtet sich in der Fensterscheibe, richtet sein Haar mit den Händen, stülpt die Kapuze drüber. Nach einem prüfenden Blick in die Scheibe wird die Kapuze zurechtgerückt. Dann ist aber das Haar wieder verrutscht. Also Kapuze ab, Haar mit den Händen durchgekämmt, Kapuze wieder drauf. Prüfender Blick in die Scheibe, Kapuze wird gerade gerückt, Haar sitzt nicht mehr perfekt usw. usw. Nach dem fünften Versuch kann ich gar nicht mehr hinsehen. Der Kleine tut mir richtig leid. Er will doch wahrscheinlich nur cool sein. Das gelingt ihm nicht so ganz.

Für die letzte Strecke nehme ich wieder den Bus. Dieses Mal zeigt sich, dass das Einsteigen auch ganz anders laufen kann. Es sind noch 5 Minuten Zeit bis zur Weiterfahrt und der Fahrer sitzt mit einem Brötchen und einer Thermoskanne auf seinem Platz. „Geht ruhig alle durch. Ich muss erstmal was essen“, meint er und winkt fröhlich. So kann es eben auch sein.

Das war ein kleiner Querschnitt. Ich gebe zu, nicht all diese Ereignisse sind an demselben Tag passiert. Aber tatsächlich erlebt habe ich sie alle. Wie gesagt, man bekommt so manches mit beim Öffeln. Langweilig wird es nie.

PS: Was ist Öffeln?

Hier die Erklärung von http://www.bus-und-bahn.de/32202.html

Öffeln heißt mit Bus und Bahn zu fahren. Mit der Wortneuschöpfung „Öffeln“ haben wir die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel auf eine ungewöhnliche, sympathische und bisher einmalige Art und Weise näher gebracht. Öffeln ist direkt und total abgefahren, Öffler bleiben ihrer Linie treu und kommen an.

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Eine Antwort zu Öffeln im ÖPNV

  1. Anonymous schreibt:

    Was habe ich gelacht 😉

    Gefällt mir

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