Wie der Blinde so langsam aufwacht – Kapitel 11

Am nächsten Morgen erscheint Sabine nicht zum Frühstück. Weder um halb sieben zur romantischen halben Stunde noch um sieben zum Zubereiten der Qualitätsnahrung. Ein paar Mal hört Manfred sie eilig zwischen der Toilette und ihrem Zimmer wechseln. Gesprochen wird nicht. Mal wieder. Gewinselt wird schon. Manfred hat sich mühsam selber angekleidet. Mit beschrifteter Unterwäsche aus dem Schrank und Hemd und Hose von gestern. Es folgt der gefahrvolle Abstieg ins Erdgeschoss. Einen Haltegurt gibt es ja nicht mehr. Auch haben die Handwerker die Stufengummierung entfernt. Pfiffi macht das nichts aus. Manfred klammert sich mit beiden Händen ans neue Geländer und ärgert sich gleichzeitig darüber. Kein normaler Mensch geht so die Treppe hinab. Unten ist alles ruhig und so kann er Pfiffi rechtzeitig in die Freiheit entlassen. Manfred hat nur Socken an und friert auf dem Asphalt. Pfiffi ist rücksichtsvoll und kehrt bald zurück. Vermutlich hat er Hunger. Manfred auch. Er wühlt in seinen leeren Hosentaschen. „Der Schlüssel“, fährt es ihm siedendheiß durch den Kopf. Da wird er wohl klingeln müssen. Das Glück ist ihm hold. Denn auf dem Klingelbrett kennt sich Manfred nicht aus. Herr Nörgelmann öffnet die Haustür und grüßt freundlich. Den kritischen Blick auf seine Füße bemerkt Manfred nicht. Wieder im Treppenhaus beginnt der Aufstieg. Auf allen Vieren, weil das schneller geht. Sonst begegnet er noch den Hoppenstedts. Das sind die Lehrernachbarn vom Nörgelmann. Sie würden sehr pädagogisch auf seine Socken reagieren. Manfred klingelt Sturm. Pfiffi bellt. Im Flur rumort es. Allerdings nebenan bei Frau Borgstein-Waldschmidt. „Was ist denn los, lieber Herr Borkenstock?“, fragt die Nachbarin besorgt und steckt den Kopf zur Tür heraus. Der Anblick ihrer hübschen Nachtmütze entgeht unserem blinden Helden. Wie so vieles in seinem Leben. „Ich war mit Pfiffi unten und habe den Schlüssel vergessen. Meine Frau kommt sicher gleich.“ Viel Hoffnung schwingt in Manfreds Worten mit. „Ich besuche heute Ihre liebe Frau Mutter in der Reha. Wir wollen gemeinsam beten“, erzählt die Nachtmütze. Endlich öffnet sich die eigene Wohnungstür. Nur einen Spalt weit. Manfred schiebt kräftig und sagt: „Einen wunderschönen Tag noch, Frau Borgstein-Waldschmidt. Und grüßen Sie meine Mutter recht herzlich.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drängt sich Manfred in den Flur. Pfiffi ist auch da. Sabine riecht nicht sehr gut. Weder nach Rosen noch nach Jasmin. „Danke“, stöhnt Manfred erleichtert, „Geht es Dir heute nicht so gut?“ „Ich weiß nicht. Muss was Verkehrtes gegessen haben.“ „Kannst Du uns einen Kaffee machen oder …?“ „Nein, lass nur. Ich mache das schon.“ Sabine schlurft Richtung Küche. Manfred beginnt, seine Hausschuhe zu suchen.

„Ich lege mich wieder hin“, sagt Sabine, als Manfred in der Ecke endlich seinen zweiten Schuh gefunden hat. „Kannst Du hier nicht mal aufräumen?“, fragt er seine Frau. „Später“, bringt die Gattin noch heraus und eilt Richtung Toilette. Manfred ist genervt. Nichts läuft hier mehr so ordentlich wie früher. In der Küche tritt Manfred in Pfiffis Wassernapf, den Sabine mitten auf den Boden gestellt hat. Der Pantoffel ist sofort durchnässt. Die ganze Sucherei war umsonst. Manfred hat gerade den nassen Socken vom Fuß gezerrt, da kommt Karl-Heinz zur Tür herein. Er grüßt freundlich und fragt: „Wo ist denn Sabine?“ „Die liegt im Bett oder hängt über der Schüssel. Je nachdem“, knurrt Manfred. „Aha, verstehe“, sagt der Vater, „setzen wir uns erstmal.“ Er schenkt sich auch eine Tasse Kaffee ein und setzt sich seinem Sohn gegenüber. Der hat kurz den Tisch abgetastet und seinen Schutzstoff nicht gefunden. Dann muss es ohne gehen. Und es geht tatsächlich ohne. Der heiße Kaffee tut der kalten Seele gut. Zumindest äußerlich. „Hör mal Manfred, so kann es nicht weitergehen.“ „Was meinst Du, Papa?“ „Na Sabine. Hat sie gestern wieder getrunken oder was ist los?“ „Als ich nach oben kam, lag sie auf dem Sofa und schlief. Ich habe sie dann ins Bett verfrachtet. Nein, eigentlich nur bis zu ihrer Zimmertür. Ich hoffe, sie hat es bis ins Bett geschafft.“ „War es so schlimm?“ Als Manfred schweigt, steht Karl-Heinz auf und geht ins Wohnzimmer. Zurück kommt er mit einer leeren Flasche in der Hand. Heftig stellt er sie neben Manfreds Tasse. „Die ganze Flasche hat sie getrunken. Dann wäre mir auch übel“, sagt Karl-Heinz mit ernster Stimme. Manfred nimmt die Flasche und schüttelt sie. Leer. „Was war denn drin?“ „Cognac.“ Manfred atmet schwer. „Ihr müsst endlich vernünftig miteinander reden“, insistiert Karl-Heinz, „so ein Abenteuerchen ist doch kein Beinbruch. Außerdem ist an der Müritz ja gar nichts passiert, oder?“ „Eine Nacht war ich mit Rosa … ähm … mit Susanne allein im Ferienhaus“, stammelt Manfred leise. „Na wenn schon, ein kleiner Ausrutscher. Das ist den Katholischsten schon passiert.“ „Aber Papa, wie soll ich mit Sabine darüber reden. Wir haben noch nie …“ Jetzt ist Karl-Heinz doch ein wenig sprachlos. „Dann wird es aber höchste Zeit. Wie lang seid Ihr jetzt verheiratet?“ „Schon ein paar Jahre.“ „Und Ihr …? Ist ja auch egal. Wenn Du heute Nachmittag von der Arbeit kommst, wird Sabine wieder nüchtern sein. Hoffe ich jedenfalls. Dann redest Du mit ihr und sprichst darüber, wie es weitergehen soll. Und jetzt ziehen wir Dir was Gescheites an und gehen zum Bäcker frühstücken. Hier gibt es ja nichts Essbares mehr.“ Karl-Heinz ist heute Morgen ausgesprochen tatendurstig. Nach dem Ankleiden schickt er Manfred zu Sabine. „Hallo Sabine, ich gehe mit Vater ein wenig vor die Tür“, spricht Manfred ins Zimmer seiner Frau. Er hört nur ein Gemurmel. Die Luft ist verbraucht. Manfred weiß ungefähr, wo das Fenster ist. Er kann sich an die Wohnungsbesichtigung gut erinnern. Zuerst sollte dies hier sein Zimmer werden. Im Weg stehen nur ein Glas und ein paar Klamotten liegen auch rum. Manfred kickt alles beiseite und öffnet das Fenster. Sabine reagiert nicht. Karl-Heinz betrachtet von der Tür her schweigend die Szene. „Gut gemacht, mein Junge“, flüstert er, als sie im Treppenhaus sind. Pfiffi kommt mit. Gerade verlässt auch Frau Borgstein-Waldschmidt ihre Wohnung. Jetzt ohne Nachtmütze. Dafür mit der Bibel und dem Gesangbuch unterm Arm. „Noch einmal einen gesegneten guten Morgen, die Herren Borkenstock“, flötet sie. „Der Herr sei mit Ihnen“, antwortet Karl-Heinz. Er hat Übung. „Ich gehe jetzt zu Ihrer lieben Gattin in die Klinik.“ „Liebe Frau Borgstein-Waldschmidt, das ist sehr nett von Ihnen. Richten Sie meiner Frau doch aus, dass ich mittags komme. Wir müssen erst noch was erledigen heute früh“, sagt der ältere Borkenstock und zieht seinen Sohn die Treppe hinab. Unten kriegt Manfred den Lenker von Carlos Fahrrad in den leeren Magen. „Oh Entschuldigung“, murmelt sein Vater. „Jaja, wenn der gute Geist nicht im Hause ist“, spricht die Lehrerin in bester Gebetsmelodie. Karl-Heinz biegt Richtung Park ab. Das ist zwar die falsche Richtung, doch so werden sie die gottesfürchterliche Nachbarin am schnellsten los. Eine Stunde später kehren sie gestärkt und besser gelaunt wieder heim.

Oben in der Wohnung ist es still. Pfiffi ist müde und verzieht sich in sein Körbchen. Manfred greift entschlossen zu seinem Smartphone. Zur Übung hatte er mit Sabine alle möglichen Nummern eingespeichert. So auch die von Sabines Schwester Vera. Nach drei Freizeichen hört er: „Lieber Anrufer, dies ist der Sprachaufnehmer von Vera Zaunkönig und Bello Vierbein wuff-wedel-grins. Eine tierisch nette Nachricht bitte nach Bellos Bellen.“ „Hier spricht Manfred. Könntest Du mich bitte anrufen? Sabine geht es nicht gut. Am besten hier auf dieser Nummer. Und bis halb zwölf am besten. Tschüss.“ Manfed legt auf. Dreimal atmet er tief durch. Dann ruft er Rosas SMS auf und wischt auf „Anrufen“. „Ich bin hier bei der Arbeit. Da sollen wir nicht telefonieren“, meldet sich eine fremd klingende Stimme. „Bist Du es, Rosa?“, fragt Manfred zaghaft. „Ich bin es. Ich kann jetzt nicht.“ „Nur ganz kurz. Bist Du heute Abend zu Hause?“ „Erst ab sieben. Ich gehe mit einem Freund in die Sauna.“ Aus dem Hintergrund hört Manfred eine ärgerliche Stimme: „Frau Wunderbar, kommen Sie mal bitte!“ „Ich komme dann vorbei“, sagt Manfred hastig und hofft, dass die auflegende Rosa das noch mitgekriegt hat. Dann geht er rüber zu Sabine. Es fällt ihm schon etwas leichter, die Schwelle zu übertreten. Manfred kämpft sich vor bis zum Bett. „Hallo Sabine, geht es Dir schon besser?“ Manfred hört eine Art Brummen. Sanft rüttelt er Sabines Schulter. „Lass mich in Ruhe. Ich will sterben. Mir ist so übel.“ Der fürsorgliche Gatte ist zufrieden. Grund zur Sorge besteht nicht. Sabine braucht einfach Zeit zum Ausnüchtern. Zurück im eigenen Zimmer schnappt sich Manfred die CD vom Blindenverein. Er hört der Vorsitzenden zu und gähnt. Einem Bericht über Blinde auf Facebook lauscht er gebannt. Einen Computer könnte er sich auch mal zulegen. Der Ausschreibung eines Fotowettbewerbs für Blinde lauscht er dreimal. Erst dann hat Manfred verstanden, dass Blinde die Bilder selber knipsen sollen. In seinen Ohren klingt das ziemlich utopisch. Oder dämlich? Manfred denkt noch darüber nach, wie das funktionieren soll, als das Smartphone läutet. „Hallo Manfred, hier Vera. Ich bin auf dem Trainingsplatz und habe etwas Zeit. Mein Bello wird gerade massiert.“ Im Hintergrund kläffen mehrere Vierbeiner. „Ja hallo Vera. Schön, dass Du anrufst. Weißt Du, Sabine geht es nicht so gut. Also sie ist nicht krank oder sowas. Aber sie trinkt offenbar manchmal etwas zu viel.“ „Ich weiß, ich weiß. Wir haben kürzlich telefoniert.“ „Ja und da dachte ich, vielleicht kannst Du mal mit ihr reden?“ „Lieber Schwager, vielleicht solltest Du mal mit ihr reden. Da ist wohl so einiges vorgefallen.“ „Das mach ich ja. Trotzdem wäre es gut, wenn Ihr mal …“ Manfred hört ein Jaulen. „Ja Bello, das muss sein. Das tut gut. Das sind doch Deine Meridiane. Also Manfred, was war denn das an der Müritz?“ „Das will ich jetzt nicht bereden. Schon gar nicht zwischen Hund und Katze. Ich dachte, Du kommst vielleicht mal zu Besuch oder so?“ Das Jaulen geht in Knurren über. „Ich hab‘ jetzt keine Zeit“, sagt Vera noch und legt auf. „Die hat auch ‚ne Macke“, denkt Manfred. Er wischt und tippt und schreibt dann diese Nachricht: „Liebe Vera, wenn Du mehr Zeit und Ruhe hast, ruf bitte nochmal an. Gruß Manfred“. Später will er gerade runter zum Taxi gehen, als es klingelt. „Guten Tag, Herr Borkenstock. Ich bin es. Ihre Nachbarin Borgstein-Waldschmidt. Darf ich kurz reinkommen?“ „Ja ich muss jetzt zur Arbeit“, stammelt Manfred. Doch die Lehrerin steht bereits im Flur. „Ihre liebe Frau Mama hat gesagt, sie essen so gerne Obst. Ich habe Ihnen mal einen bunten Korb zusammengestellt. Als Gruß von Ihrer lieben Frau Mutter, die Sie sehr vermisst.“ Zielstrebig steuert die Nachbarin das Schlachtfeld in der Küche an. Dort findet sie die halbleeren Kaffeetassen vom Morgen und den See aus Pfiffis Napf vor. Besorgt fragt sie: „Ist Ihre Frau gar nicht zu Hause?“ „Nein. Ich meine … doch natürlich. Sie ist krank.“ „Oh mein Gott. Erst die Mutter, dann die Frau! Ich hoffe doch, es ist nichts Ernstes?“ „Nein nein. Nur etwas Unwohlsein.“ Frau Borgstein-Waldschmidt stellt den Obstkorb neben der leeren Cognacflasche auf den Tisch. Zupackend schnappt sie sich einen Lappen und wischt das Wasser auf. Mitten in der Pfütze schwimmt noch einer von Manfreds Pantoffeln. Auch der wird gerettet. „Es tut mir leid, Frau Borgstein-Waldschmidt. Ich muss zur Arbeit“, drängelt Manfred ein wenig. „Sie haben es auch nicht leicht“, säuselt die Nachbarin und kommt aus der Küche, „immer so ein Leben im Dunkeln. Drei Rosenkränze haben wir extra für Ihre Genesung gebetet.“ „Ich bin doch gar nicht krank“, entfährt es Manfred. „Nein nein, sicher nicht. Für Sie ist das halt normal. Aber Ihre liebe Frau Mutter büßt seit dreißig Jahren für eine kleine Sünde. Aber ich bin sicher, der Herr wird ihr vergeben und dann können Sie wieder sehen.“ Manfred ist irritiert. Seine Mutter und eine kleine Sünde? Seit dreißig Jahren? Bevor diese Fragen geklärt werden können, erscheint Karl-Heinz auf der Bildfläche. Sozusagen als rettender Engel für den, der ahnungslos ist und für die, die zu viel redet. Die Nachbarin ist hurtig in ihrer Wohnung verschwunden und Pfiffi ins Körbchen geschickt. „Komm mein Junge. Ich bringe Dich eben zum Auto und gehe dann zu Gertrude“, sagt Karl-Heinz und zieht die Tür hinter sich zu.

 

Bei der Arbeit trifft Manfred Volker, der heute die erste Schicht hatte. „Na, wie geht’s denn so?“, begrüßt ihn der Kollege. „Naja, hatte schon bessere Morgen. Aber sag mal, wusstest Du, dass Blinde fotografieren?“ „Ja, hab‘ ich von gehört. Halte ich aber für neumodischen Quark“, sagt Volker und sucht nach seinem Stock. Er entspricht ganz und gar nicht dem Klischee eines Blinden, der ordentlich ist, um alles wiederzufinden. „Findest Du?“, fragt Manfred. Volker klemmt sich hinter den Schreibtisch und sucht. Da kommt ein weiterer Kollege zur Tür herein. „Suchst Du was, Kollege Volker?“ Der taucht hinterm Schreibtisch auf und ruft: „Kollege Franz Hexler, hast Du wieder meinen Stock geklaut, um die Spinnweben oben in der Ecke wegzumachen?“ „Der ist echt praktisch, dieser Stock. Entschuldige, dass ich ihn nicht gleich zurückgebracht habe. Aber da war so ein Stinkstiefel am Telefon. Wegen einer Hecke oder sowas.“ „Na na, Herr Kollege. Wer wird denn über unsere Kunden mit ihren wichtigen Anliegen lästern“, neckt Volker. „Tschüss Manfred. Und üb schon mal für den Fotowettbewerb“, sagt Volker im Hinausgehen. Den Kollegen Hexler nimmt er gleich mit. Manfred ist etwas neidisch. Wie normal Volker mit den Kollegen klarkommt. Bei ihm sind sie irgendwie immer etwas gehemmt. Anfangs war es noch recht locker. Aber dann war Gertrude einmal ins Amt gekommen und hatte allen Kollegen erklärt, wie sie mit ihm umgehen müssen. Sogar beim Amtsleiter war sie gewesen. Ein bisschen peinlich war das schon. Obwohl seine Mama ja immer nur das Beste will. Da fällt Manfred die Bemerkung mit der kleinen Sünde wieder ein. Was hat die alte Nachbarin da nur gemeint? Auch Karl-Heinz hatte neulich so eine Bemerkung gemacht. Bisher war er felsenfest davon überzeugt, dass seine Eltern sich 40 Jahre lang treu waren. Das kann auch gar nicht anders sein. „Meine Gedanken sind von den eigenen Hormonen gestört“, denkt Manfred und liest die Notizen, die Volker auf dem Streifenschreiber hinterlassen hat. „Wieder drei Laubbläser und vier Kantenschneider kaputt“ und „Hexler wegen Stinkstiefel in den … treten“. Zu Beginn des Jahres hatte das Grünflächenamt die Wartung der Maschinen an eine externe Firma vergeben. Weil das billiger ist. Und jetzt fallen dauernd welche aus. Weil die billige Firma ihre Leute mit billigen Werkverträgen beschäftigt. Und damit die Leute dabei noch Geld verdienen, müssen sie statt der Wartung noch einen Zweit- oder Drittjob erledigen. Ihr Amtsleiter hatte bei der letzten Betriebsversammlung gesagt, das seien nur Startschwierigkeiten. Von wegen. So zählten sie jetzt jeden Morgen, wie viele Maschinen diesmal ausgefallen sind. Seine erste Anruferin an diesem Mittag beschwert sich darüber, dass die Gemeindewiese Am Gottesacker in dieser Woche zum dritten Mal gemäht wurde. Der Rasen sei schon kürzer als in Wimbledon. Manfred verbindet diese Frau Glasmeier erstmal mit Herrn Bizeps. In Wirklichkeit heißt der natürlich Schirinowski. Doch er gilt als amtlicher Womanizer für Beschwerden. Der kann gut mit Frauen. Ob er wohl auch Rosa gefallen würde? Manfred beginnt zu träumen. Nach einer Weile stört ihn sein Smartphone. Das steckt noch in der Jacke. Manfred springt auf und hastet zur Garderobe. Dabei stolpert er über Volkers Rucksack, den der hier vergessen hat. Manfred landet auf dem gerade wieder geheilten Knie. So klingt seine Stimme etwas verkrampft, als er sich meldet. „Hier Vera. Was ist los?“ „Ach nur das Knie. Es geht schon wieder.“ „Bello hat gerade Entspannung unter der Rotlichtdusche. Da habe ich etwas Zeit. Also was meinst Du? Ich soll Euch besuchen?“ Vera klingt durchaus erstaunt. „Ich glaube, das könnte ganz gut sein. Weißt Du, Sabine ist auch viel allein zu Hause. Etwas Abwechslung täte ihr gut.“ „Ich glaube zwar nicht, dass sie deswegen unglücklich ist. Aber warum nicht. Ich habe nächstes Wochenende nichts vor. Ist Euer Pfiffi denn inzwischen ein bisschen besser erzogen?“ „Wieso? Der hat sich doch prima mit Bello vertragen.“ „Aber nur, weil mein Bello so nachsichtig war. Seit er die neue Therapeutin hat, ist er viel toleranter. Auch mit Straßenkötern wie Eurem Pfiffi.“ Manfred denkt an seines Vaters Strategie und entscheidet sich dafür, mit Vera nicht über Hunde zu diskutieren. „Spaß beiseite“, sagt Vera nach kurzem Schweigen, „aber meinst Du nicht, Du hast Dir da etwas viel geleistet mit der Müritz?“ „Ach ich weiß auch nicht. Das ist einfach so passiert. Es war total öde zu Hause und da kam die Einladung von Rosa“, sprudelt es aus Manfred heraus. „Ach so, und Du konntest gar nichts dafür?“, höhnt Vera. Da klingelt das Diensttelefon. „Moment mal, Vera. Ich bin gleich wieder da.“ Manfred legt sein Smartphone auf den Schreibtisch und meldet sich. Er kann den Anrufer kaum verstehen. Es klingt wie „hier ist ein Stinkstiefel und was Sie da hören, ist mein neuer Ratzeputz. Den setze ich Ihnen auf die Rechnung.“ Manfred ist verwirrt. Plötzlich wird es still im Hörer. „Sind Sie überhaupt noch da?“, hört Manfred. „Ja, aber sicher. Ich konnte Sie sehr schlecht verstehen.“ „Also nochmal zum Mitschreiben. Hier Stinkstiefel aus dem Hahnenkamm. Ich habe jetzt die Hecke selber geschnitten, die hier seit Wochen den Gehsteig bewächst. Das Geld für die neue elektrische Heckenschere, den Arbeitslohn und den Transport bis vor Ihre Tür werde ich in Rechnung stellen. Alles klar?“ „Ich verbinde Sie mit dem Kollegen Hexler“, antwortet Manfred und drückt ein paar Tasten. Das ist der Vorteil, wenn man nur in der Zentrale arbeitet. Als Manfred zum Smartphone greift, hört er eine sanfte Stimme liebe Worte murmeln. Die gelten aber nicht ihm. „Hallo Vera, bist Du noch da?“ „Ja, aber ich habe keine Zeit mehr. Bello hat die Dusche diesmal nicht gut vertragen. Ich komme dann Samstagmittag. Sieh zu, dass Sabine nüchtern ist.“ Vera legt auf. Manfred ist zufrieden. Das hat schon mal geklappt. Jetzt wischt er und tippt: „Also heute Abend um sieben. Ich komme zu Dir. M“. Der Rest der Mittagsschicht verläuft ruhig. Schon um halb vier kommt Petra. „Hat Volker seinen Rucksack hier gelassen?“, fragt sie. Manfred gibt ihr den Stolperstein und erzählt von seinem Knie. Dann fragt er: „Hast Du von diesem Fotowettbewerb im Blindenverein gehört?“ „Ja, auf der Herfahrt. Ich hab‘ mir die CD auf den Player kopiert. Ziemlicher Blödsinn.“ „Hat Volker auch gesagt. Aber wenn es der Verein doch anbietet, muss doch was dran sein.“ „Ach die springen da nur auf einen Zug auf, von dem sie nichts verstehen. Willst Du etwa Fotograf werden?“ Manfred lacht. Da piept sein Smartphone. Petra soll Rosas Antwort nicht hören. Deshalb verabschiedet sich Manfred etwas vor Dienstende und hört die SMS lieber vor der Tür. „Hier die Nummern der LPF-Lehrer: Nadel 35 65 41 oder die Brüller oHG 77 14 30. Kenne ich beide nicht. Gruß und viel Glück, Rotraud.“ Manfred fällt wieder ein, dass Rotraud ja nach LPF-Lehrern gucken wollte. Da kommt auch schon sein Wagen.

Als Manfred zu Hause die Wohnung betritt, ruft Sabine: „Bin im Wohnzimmer. Habe hier Kaffee und Waffeln für uns. Karl-Heinz kommt nicht.“ Manfred hängt seine Jacke auf und begrüßt Pfiffi. „Du bist kein Straßenköter. Vera hat selber zu viel rot geduscht. Nicht wahr, mein Lieber?“ „Wenn Du mit mir auch mal so lieb reden würdest“, sagt Sabine. Manfred tastet sich zum freien Sofa. “Willst Du Deinen Latz?“, fragt Sabine. „Nein, lass mal.“ Er tastet umher und findet alles sorgfältig auf der Magnetunterlage drapiert. Durchaus hungrig greift er zur Waffel. Leider entspricht sie nicht seinen Erwartungen, was seinem Gesicht anzusehen ist. „Die sind mit einer speziellen Gewürzmischung aus Indonesien gemacht“, sagt Sabine. Manfred legt die angebissene Waffel hin und stürzt sich ins kalte Wasser: „Sabine, ich muss mit Dir reden. Wir können so nicht weitermachen.“ „Das meine ich auch. Dann mal raus mit der Sprache.“ „Also der Lippenstift, dieser Labello, war nicht von Petra.“ „Dachte ich mir.“ „Kannst Du Dir auch denken, von wem er ist?“ „Ich würde es gern von Dir hören.“ „Als wir zu Karneval in Düsseldorf waren, da hat mich doch so eine Frau abgeschleppt.“ „Ja ich weiß. Ich war live dabei.“ „Von ihr ist dieser Labello.“ „Hatte sie ihn zu Karneval dabei?“ „Nein, er lag in ihrem Auto.“ „Und wann bist Du in ihrem Auto gefahren? Nun lass Dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen!“ Sabine wird ungeduldig. „Ein paar Tage später hat sie mich mal abgeholt. Wir waren bei ihr zu Hause.“ „War das der Abend, als Gertrude die Treppe runtergefallen ist?“ „Ja.“ „Und was weiter?“ „Ja ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Aber ich habe mich ein bisschen in Rosa verliebt.“ „Das habe ich gesehen. Und sie sich auch in Dich?“ „Das glaube ich nicht. Wir waren dann auch zusammen an der Müritz.“ „Ich weiß. Warum musste denn Karl-Heinz kommen?“ „Es gab etwas Krach. Da ist Rosa abgehauen. Ich musste ja montags wieder arbeiten.“ „Und habt Ihr …?“ Manfred nickt. Sabine kullern Tränen die Wangen hinunter. Manfred rührt sich keinen Millimeter. Sabine schenkt sich nach. „Trinkst Du wieder was?“, fragt Manfred. „Und wenn schon! Was interessiert es Dich!“ Sabine schluchzt und trinkt. „Ich finde es schlimm, dass Du trinkst.“ „Ach ja, und was soll ich Deiner Meinung nach machen? Luftsprünge?“ „Es ist doch eigentlich gar nichts passiert. Ich fahre heute Abend zu Rosa und kläre alles mit ihr.“ „Du fährst zu Rosa. Soso. Vielleicht einen kleinen Abschieds-Quicky oder was?“ „Nein, das glaube ich nicht.“ Manfred ist nicht geübt in solchen Dialogen. „Das glaubst Du nicht! Hättest aber schon Lust oder was! Mich rührst Du fünf Jahre nicht an und mit dieser Rosatussi klappts auf einmal!“ „Ja.“ Manfred ist auch ein wenig froh, dass es geklappt hat. „Sie hat mich als Mann behandelt und nicht als Blinden.“ „Und deshalb findest Du sie toll oder was?“ „Am Anfang war das gut. Aber dann gab es doch Probleme.“ „Musste sie Dir beim Anziehen helfen oder was? Ich meine hinterher!“ Sabine wird jetzt etwas gemein. „Ist doch egal. Jedenfalls kamen wir dann doch nicht so ganz zurecht. Ich bin eben noch etwas hilflos. Das weißt Du ja. Aber das will ich bald ändern.“ „Aha, und wie?“ „Rotraud hat mir da ein paar Rufnummern gegeben.“ „Hast Du mit der auch?“ „Nein nein, das ist doch die Freundin von Theo.“ „Getrennt lebende Ehefrau. Also freie Bahn für Manfred, den Supermann!“ „Sabine, nun beruhige Dich doch mal. Es tut mir leid. Aber ich glaube, das war wichtig für mich.“ „Für Dich, für Dich! Und ich?“ „Das kann auch für uns gut sein.“ Wie gesagt, Manfred ist ungeübt. Sabine aber auch. „Du pennst mit einer anderen und das soll gut für uns sein!“ „Naja, dann kann es mit uns doch auch mal klappen. Das kann uns helfen.“ „Jetzt reicht es aber. Heute Abend gehst Du nochmal zu Rosa und dann sollen wir zwei miteinander?“ „Jetzt dreh mir doch nicht dauernd die Worte im Mund rum. Mit Rosa wird nichts laufen. Ich will bloß mit ihr reden. Und mit Dir will ich auch reden. Aber vernünftig. Ich will selbständiger werden. Das kann ich ohne Dich. Lieber aber mit Dir. Aber natürlich ohne die Sauferei. Ich mache Mobi- und LPF-Training und Du einen Entzug.“ Längeres Schweigen. „Hast Du gehört, was ich gesagt habe?“, fragt Manfred schließlich. Sabine nickt. „Hast Du genickt oder geschüttelt?“, nutzt Manfred einen alten Spruch, über den sie häufiger gelacht haben. „Genickt. Ich werde darüber nachdenken. Einen Entzug brauche ich nicht. Ich bin doch noch nicht abhängig.“ „Na hoffentlich. Das wäre gut so. Aber sei ehrlich. Zu Dir und zu mir.“ „Das sagt der Richtige. Ehrlich!“ „Ja genau, ab jetzt bin ich ehrlich. Zweimal bin ich mit Rosa fremdgegangen. Ich finde nicht, dass das ein Weltuntergang ist. Schon erst recht nicht bei unserer Sexualgeschichte.“ „Am Ende bin ich noch schuld oder was?“ „Sabine, es geht jetzt nicht um Schuld. Ich will Dir nur sagen, was war. Und dann will ich mit Dir überlegen, wie es weitergehen kann. Überleg Dir das in Ruhe und dann reden wir wieder drüber.“ Manfred erhebt sich. Kurz zögert er, ob er den Tisch nach einer Flasche absuchen soll. Dann lässt er es. Sabine muss von sich aus aufhören wollen. In seinem Zimmer streckt er sich auf der Matratze aus und atmet tief durch. Rotraud kriegt eine Dankes-SMS mit der Ankündigung, dass Manfred morgen dort anrufen wird.

Kurz vor sieben verlässt Manfred seine Wohnung. Von Sabine ist nichts zu sehen. Im Treppenhaus hört er aus der Nachbarwohnung eine Rede des Papstes. Die hatte Radio Vatikan heute Morgen schon angekündigt. Frau Borgstein-Waldschmidt hat derzeit eine sehr fromme Phase. Dann wirkt sie meist unglücklich und unleidlich. Unten stößt sich Manfred das Schienbein an Carlos Pedale. Jetzt reicht es ihm. Er nimmt das Fahrrad mit und lehnt es draußen an die Hauswand. Da steht es niemandem im Weg. Schon kommt das Taxi. Manfred kennt jetzt auch Rosas Nachnamen. „Bitte bei Wunderbar klingeln“, sagt er schmunzelnd zum Fahrer, der ihn zur Tür bringt. Manfred erklimmt die Stufen lieber beidhändig gesichert. Das ist immer noch besser als schon wieder auf das Knie zu fallen. Rosa holt ihn an der Treppe ab und reicht ihm die Hand. Kein gutes Zeichen für Manfred. „Komm mit ins Wohnzimmer“, sagt Rosa und hilft Manfred aus der Jacke. „Möchtest du was zu trinken – Wasser oder Kaffee?“ Manfred wählt Wasser, weil das nicht so lange dauert. Er möchte zügig zur Sache kommen. „Weißt Du, Rosa, ich habe mich wirklich ein wenig in Dich verliebt.“ „Bitte nenne mich ab jetzt Susanne.“ „Gut also Susanne. Und für Dich war das nur ein kleines Abenteuer. Stimmt das?“ Susanne zögert. Sie weiß es immer noch nicht genau. „Sicher, meistens jedenfalls. In Düsseldorf war es lustig. Hier hatten wir einen scharfen Abend. Die Müritz war für uns beide wohl nicht das Richtige.“ „Lehrreich war sie schon“, sagt Manfred. „Wieso lehrreich?“ „Ich habe das Gefühl, jeder von uns hat dort was gelernt. Mir ist zum Beispiel klar geworden, dass ich so nicht weitermachen will. Ich meine so hilflos und unselbständig.“ „Und was soll ich gelernt haben?“ Susanne wirkt jetzt ein wenig verstockt. „Das kann ich Dir nicht genau sagen. Vielleicht, dass das Leben nicht immer nur leicht ist. Oder, dass blinde Menschen so ihre Schwächen haben. Genau wie alle. Vielleicht sind sie bei mir noch sehr auffällig. Aber letztlich kannst Du das nur selber wissen.“ Susanne schweigt. „Weißt Du Manfred, ich finde Dich tatsächlich ganz süß. Nicht gerade am Frühstückstisch an der Müritz. Aber das war auch eine doofe Situation. Ich kann mit Dir reden und auch ernst sein. Das ist etwas neu für mich. Bislang war wirklich alles immer sehr einfach. Das ist auf die Dauer etwas langweilig. Irgendwie hast Du was.“ Manfred fühlt, wie ihm das Blut zu Kopf steigt. „Du musst nicht gleich rot werden, wenn Dir eine Frau mal sowas sagt.“ „Naja, bisher hat das noch keine Frau so gesagt wie Du. Du bist schon was Besonderes.“ „Was sagt denn Sabine dazu?“ „Ich habe heute mit ihr geredet. Sie sagt erstmal gar nichts. Klar, sie hat sich aufgeregt. Weil ja mit ihr auch nichts läuft. Ich weiß nicht, ob wir gemeinsam einen Weg finden.“ „Hast Du ihr die ewige Treue geschworen?“ „Nein, ich will ehrlich mit ihr sein. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich ein wenig in Dich verliebt habe.“ Susanne legt ihre Hand auf Manfreds. „Und ich mich ein bisschen auch in Dich.“

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