DddWnb – Teil 8

Unter diesem Kürzel möchten wir von Dingen erzählen, die die Welt nicht braucht. Heute packen wir vermutlich ein heißes Eisen an. Es wird Menschen geben, die unsere Einstufung überhaupt nicht teilen. Wir dürfen Ihnen immerhin dies versichern: es gab den Versuch, blinde Fotografen zu verstehen. Ganz gewiss. Doch sie können uns am Ende nicht überzeugen. Blind zu fotografieren ist ein „Ding“, das die Welt nicht braucht.

Zunächst liegt das auf der Hand. Blinde sehen nicht. Sie sehen nicht, was sie fotografieren. Wie soll das also was werden? Wir glauben, an dieser Stelle können wir noch nachvollziehbar widersprechen. Richtig ist, Blinde nehmen anders wahr. Sie nehmen ihre Umgebung auf ihre Weise wahr, also können sie diese auch abbilden. Im Nahbereich können blinde Fotografen alles abtasten, was vor ihrer Linse sein wird. Farben und Lichteinfall müssen sie sich beschreiben lassen. Es sollte auf diese Weise gelingen, das abzubilden, was gemeint ist. Grobe Schnitzer wie das Abschneiden von Teilen des zu sehenden Gegenstandes wird es meist nicht geben. Das gilt für Objekte wie für Menschen oder Tiere.

Mit dem Tastsinn wird es umso schwieriger, je großräumiger das Objekt des Bildes sein soll. Eine Häuserzeile kann der Blinde abgehen. Im Zweifel könnte er auch die Wohnungen betreten, um einen Eindruck von höheren Stockwerken zu erhalten. Wiederum kann ihm die Beschreibung eines Assistenten helfen. Der Hörsinn tritt hinzu. Welchen akustischen Eindruck hat der Fotograf? Wie steht es um Menschen, die vielleicht dort entlang gehen? Wie befahren ist die Straße? All dies ist gut wahrnehmbar. Nun genau das aufs Bild zu bekommen, das gewünscht ist, wird schwieriger. Je größer die Distanz zum Objekt, desto stärker wirken sich leichte Schwenks des Objektivs aus.

Bei Landschaftsaufnahmen ist das Selbsterleben aufwendig. Natürlich kann der Fotograf erstmal über Stock und Stein kraxeln, um die Umgebung kennenzulernen. Das Gehör vermittelt einen guten Eindruck von der Weite. Es rauscht in den Wäldern oder plätschert einen Bach hinab. Ein Assistent kann seinen Eindruck schildern. Landschaft ist als Objekt nicht zu verfehlen.

Dass ein blinder Mensch ansehnliche Bilder machen kann, halten wir für unstrittig. Ebenso unstrittig ist, dass er sie selber nicht sieht. Er kann sie nicht beurteilen. Er weiß nicht, ob sie das abbilden, was er darstellen wollte. Damit meinen wir nicht, ob die Blumenvase auch darauf ist. Das sieht er zwar nicht. Es kann ihm aber leicht bestätigt werden. Bilder wollen Stimmungen vermitteln. Hier kann der Fotograf nur auf Beschreibungen anderer zurückgreifen. Dies ist eine Krücke. Es geht dem Blinden dann wie jedem Fotografen, dessen Bilder gesehen werden. Jeder schaut mit anderen Augen. Der entscheidende Unterschied aber ist, dass er selber keinen eigenen Eindruck hat. Er kann den Betrachter nicht auf bestimmte Einstellungen oder Feinheiten hinweisen, die dem Betrachter eine andere Sicht ermöglichen würden. Im Zweifel bleibt er den Meinungen anderer ausgeliefert.

Es gibt Projekte, da beschäftigen sich sehende Fotografen mit der „Sicht“ der Blinden auf die Welt. Auch in solchen Projekten bleibt der Blinde ein Stück weit außen vor. Er erlebt das eigene Tun und stellt sich vor, wie seine Bilder geworden sind. Dann hört er die Analyse des sehenden Kollegen. Dieser zeigt anderen sehenden Menschen womöglich die Unterschiede der Wahrnehmung und deren Abbild auf. Der Blinde kann dies nicht mit eigenen Augen nachvollziehen. Er kann es nur hören, was bei Bildern immer unzureichend bleibt. Diese „Kunstform“ mag einen gewissen Reiz haben. Vor allem für den sehenden Fotografen.

Manche meinen, dass Blinde nun auch fotografieren, sei ein Aspekt zunehmender Inklusion. Wir meinen, hier wird ein Modewort missbraucht. Inklusion wäre dann auch, wenn zierliche Personen im Steinbruch den Hammer schwingen, um Steine zu brechen. Oder ein Nichtschwimmer will mitten auf dem Meer surfen. Das geht alles. Aber muss das sein? Da wird der Begriff der Inklusion unserem Empfinden nach überstrapaziert.

Sie werden einwenden, warum soll der Schuster nur bei seinen Leisten bleiben? Der Mensch ist neugierig und dringt gern in unbekannte Sphären vor. Der Mensch, der Einzeller durchs Mikroskop erblickt, ist fasziniert. Er dringt in andere Welten vor. Sobald er aber das Auge vom Okular nimmt, ist es mit dieser Sicht vorbei. Wenn er biologisch nicht geschult ist, konnte er gar nicht erkennen, was er da sieht. Das Okular des blinden Fotografen ist der Beschreiber des Bildes. Erkennen kann er erst, wenn er mehrere Beschreibungen hört. Jedenfalls so ungefähr. Aber eben auch nur solange, wie er die Beschreibungen hört. Mischen wir anschließend fünf Fotos, kann er das eine ohne Hilfe nicht mehr mit Sicherheit beschreiben.

Sie mögen einwenden, es gibt viele Hobbys, die die Welt nicht braucht. Briefmarken sammeln zum Beispiel. Stimmt. Genau wie der Blinde beim Fotografieren hat der Sammler Spaß daran, neue oder bestimmte Marken zu suchen. Genau wie der Blinde übers Fotografieren kann der Sammler mit Kollegen über sein Tun reden. Aber das Ergebnis seines Hobbys kann der Blinde im Unterschied zum Sammler nicht genießen. Der Briefmarkensammler sitzt verzückt vor seinen Alben, der Blinde vor Stücken Papier und seinen Vorstellungen.

Wir meinen, der blinde Fotograf dringt fast gewaltsam in eine Dimension ein, die ihm verborgen ist. Über seine möglichen Motive wollen wir hier nicht spekulieren. Sie werden vielfältig sein. Wir wollen niemandem sein Hobby madig oder streitig machen. Natürlich soll jeder Mensch nach seiner Fasson glücklich werden. Eine Meinung aber haben wir uns gebildet und die äußern wir hier gern. Wir meinen, der blinde Mensch hat im Rahmen seiner Sinne mehr als genug Möglichkeiten, ein glückliches Leben zu führen. Jedes Menschen Sinne sind begrenzt. Beim Blinden ist es eben sehr augenfällig. Wahrscheinlich nur wenige versuchen, irgendwie in den Hör- oder Geruchsbereich eines Hundes vorzudringen. Wäre doch sicher sehr spannend und hochkünstlerisch.

Apropos hochkünstlerisch. Da müssen wir Ihnen abschließend noch eine kleine Anekdote aus unserer schönen Stadt erzählen. Unser hiesiger Blindenverein lobte einen Fotowettbewerb für Blinde aus. Die Jury wurde namentlich nicht genannt. Den ersten und gleich noch den dritten Preis gewann jemand, den wir entweder in der Jury oder zumindest nahe dran vermuten dürfen. Obendrein ist der erste Preisträger auf dem prämierten Bild selbst zu sehen. Er kann es also unmöglich persönlich geknipst haben. Wir glauben kaum, dass solch ein Vorgehen der Verbreitung dieser neuen Beschäftigung dient und Menschen ermuntert. Der Verdacht des Betruges taucht auf. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schlecht Ideen umgesetzt werden können.

 

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