Unwetterpotential

Ja liebe Freunde des geschliffenen Wortes. Hier haben wir eine Neuschöpfung. Jedenfalls ist sie uns in den Nachrichten des Deutschlandfunks zum ersten Mal begegnet. Diese Schöpfung ist nur eine weitere Änderung im Dasein des Wetterberichts. Zuerst erfuhr dieser Nachrichtenteil eine enorme zeitliche Ausdehnung. Es reichte weder den Radio- noch den Fernsehmachern die knappe Beschreibung des kommenden Wetters am Ende einer Nachrichtensendung. Extra-Sendungen von etwa fünf Minuten wurden eingeführt. Um diese Zeit so gut wie möglich zu füllen, gibt es einen Rückblick. So erfahren wir dann, wie es gestern in Bad Münster Eifel war. Oder wie bei uns in Dortmund. Nur, falls wir das nicht mitgekriegt haben. Dann folgen die meteorologischen Verhältnisse in pseudowissenschaftlicher Darstellung. Beliebt ist die sog. Isobarenkarte. Daraus wird dann die Wettervorhersage abgeleitet. Im Fernsehen führt diese neue Sendeart dazu, das bestimmte Moderatoren zu Stars werden. Der gestrauchelte Kachelmann ist wohl das berühmteste Beispiel. Uns fällt es zunehmend schwer, überhaupt noch eine relevante Information aus dieser Wortflut herauszuhören. Das liegt auch daran, dass unser Hirn Übersetzungsarbeit leisten muss, um den Wortschwall verstehen zu können. Denn die Begriffe haben sich verschoben. Alles ist um eine Stufe heraufgesetzt worden. Was früher gemütlicher Landregen war, ist jetzt starker Niederschlag. Was früher heftigerer Regen war, ist heute Starkregen. Aus Herbststürmen werden schnelll Orkane. Auch wenn nur eine Böe die 100 km/h-Grenze überschreitet. Gewitterzellen stürzen sich in übler Weise auf einzelne Ortschaften- Hagelkörner, die immer größer werden, schlagen durch Dächer und Scheiben. Bäche werden zu reißenden Flüssen. Gern geben wir zu, dass sich durch den Klimawandel sog. Extremwetter häufen. Genauso sicher sind wir, dass die Journallie selbst den Wetterbericht dramatisirt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Reden Sie mal fünf Minuten übers Wetter, ohne besondere Ereignisse zu erwähnen. Wir sind sicher, es wird Sie langweilen. Eine weitere Ursache der veränderten Sprache könnte bei den Versicherungsfragn liegen. Bei mancher Schadnsregulierung mag es um die Frage gehen, ob der Geschädigte mehr zum Vermeiden hätte tun können. Auf diese Idee bringt uns das neue Wort Unwetterpotential. Also sagen wir mal, ein Gewitter wird übers Land ziehen. Das ist sicher. Die Wetterfrösche können sagen, welchen Weg es ungefähr nehmen wird. Nicht vorhersagen können sie in manchen Fällen die Intensität. Sagen sie nur Gewittr an und es wird ein Unwetter, stehen sie im Regen. Will heißen, ihnen wird Unfähigkeit vorgeworfen. Nehmen die Meteorologen die Möglichkeit von Unwettern mit hinein, sind sie auf der sicheren Seite. Die Versicherungen freuen sich. Denn Unwetter wurden als möglich vorhergesagt. So schauen wir dann erstmal, ob das Überschwemmen des Kellers nicht zu verhindern war. Liebe Freunde der Sonne, auch strahlend blauer Himmel hat Unwetterpotential. Denn es könnte sich in flirrender Hitze der staubige Sand zu einer Windhose erheben, die heutzutage schnell ein Tornado wird. Und der bläst Sie samt Liegestuhl durch die Gegend. Was für den Rückblick im Wetterbericht eine ganz feine Sache ist.

 

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