DddWnb – Quervernetzte Hyaluronsäure

Nie hätte ich vermutet, dass Apotheken-Besuche Auslöser für Frust, Zorn und Erheiterung gleichzeitig sind. Eigentlich, so dachte ich, könnten sie bestenfalls langweilig sein. Weit gefehlt. Gut, ich hätte vorgewarnt sein müssen, kannte ich doch den tosulit-Beitrag „Fragen Sie Ihre Apothekerin oder deren Computer!“ Ich kannte den Bericht nicht nur, sondern ich war bei diesem Ereignis live dabei. Aber das ist schon ein paar Wochen her und irgendwie klammere ich mich hartnäckig an die Vorstellung, dass Menschen – Apothekerinnen inbegriffen – lernfähig sind.

Es ist dieselbe Apotheke, die wir heute mit unserem Besuch beehren. Alles wie gehabt. Vorsichtig bahnen wir uns einen Weg zum Tresen. Wir tun unser bestes, um mit den überquellenden Regalen links und rechts nicht in Kontakt zu kommen. Jede Berührung könnte die kunstvoll aufgeschichteten Produkt-Pyramiden ins Wanken bringen. Ich muss zugeben, dass ich manchmal in Versuchung komme, mich mitsamt meinem Rucksack ein wenig ungeschickt zu drehen. Diesen Impuls kann ich heute noch unterdrücken.

Auch an der herausragenden Service-Leistung hat sich nichts verändert. „Sind Sie privat versichert?“ ist die erste unvermeidliche Frage, die das Entgegennehmen der Rezepte begleitet. Dann folgt Schweigen, unterbrochen von Tippen, Pausen, Tippen, ratloses Am-Kopf-Kratzen. Ist es nötig zu erwähnen, dass die Rezeptur für die zum gefühlten 143. Mal anzurührende Lotion nirgendwo im Computer gefunden werden kann? Wobei ich mich als Laie natürlich auch frage, warum die gefunden werden muss. Schließlich steht sie auf dem Rezept.

Was tut man so, wenn man wie blöd dasteht und darauf warten soll, dass eine gut ausgebildete Fachkraft in der Lage ist, ein gespeichertes Dokument wieder zu finden? Da gibt es mehrere Möglichkeiten:

Man könnte die Fachkraft fragen, wann sie ihre letzte Fortbildung hatte.

Man könnte das Rezept dalassen und einfach gehen mit dem Hinweis, morgen wiederzukommen.

Man könnte der Fachkraft einen kleinen Crash-Kurs geben im Hinblick auf Dateien-Verwaltung.

Man könnte anmerken, dass man im Friseurladen um die Ecke in der Wartezeit wenigstens einen Kaffee angeboten bekommt und wesentlich freundlicher angesprochen wird.

Man könnte sich auf die Wartebank setzen und erstmal ein Brötchen auspacken.

Oder man kann sich in Geduld üben und die völlig mit Produkten zugemüllte Theke in Augenschein nehmen.

Diese letzte Möglichkeit hat heute etwas zu bieten. Zwischen den Hustenpastillen, Brillenputztüchern, Fencheltee, Nasentropfen, Sonnencremes, Reizdarm-Kapseln und Bitternagellack gegen Nägelkauen hat sich etwas ganz Besonderes versteckt. Kurz drängt sich mir der Gedanke auf, dass die Dusseligkeit und Inkompetenz von der Fachkraft vielleicht nur vorgetäuscht werden, damit man genau das tut: nämlich sich umschauen und womöglich völlig überflüssige Produkte kaufen? Der hilflose zwischen Tastatur und Bildschirm hin und her huschende Blick und ihr angestrengtes Gesicht belehren mich eines Besseren.

Heute entdecken wir jedenfalls den Hyaluron Lippen-Volumenpflege Balsam mit quervernetzter Hyaluronsäure. Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben noch nichts von Hyaluronsäure gehört, Verzeihung von der quervernetzten Hyaluronsäure? Auf der Verpackung für diese Art Lippenstift steht. „Die Hyaluron Lippen-Volumenpflege lässt die Lippen voluminöser und praller erscheinen. Die Pflegekombination mit quervernetzter Hyaluronsäure und hautpflegenden Lipiden sorgt für geschmeidige Lippen mehr Lippenvolumen und ein nachhaltiges Pflegegefühl“. Beim lauten Vorlesen klingt der Text ganz besonders absurd. Sogar die überforderte Fachkraft rafft sich zu einem ganzen Satz auf: „Quervernetzt. Ja, ja, darüber haben wir auch schon gelacht“: Ja, und dann?“, denke ich. Ihr lacht darüber und stellt einen solchen Mist trotzdem hierhin zum Verkauf? Für die, die sich zum Lippen-Aufspritzen noch nicht durchringen können oder bei denen es schlicht an den finanziellen Mitteln fehlt, gibt es nun den Hyaluron Lippen-Volumenpflege Balsam. In der Apotheke Ihres Vertrauens. Zu Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Habt Ihr denn nicht so etwas wie ein Berufsethos? Wahrscheinlich ist das ein altmodischer Begriff aus einer verschwundenen Welt, jedenfalls in den heutigen Apotheken. Denn diese scheinen mehr und mehr Ramschläden zu ähneln, in denen man mit Sonderangeboten, Sale-Aktionen und Treuepunkten den Kunden die Hirne vernebelt. Die Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten ist offensichtlich nicht mehr das Hauptgeschäft. Die Fachkraft scheint zumindest mit dieser Aufgabe überfordert zu sein. Wie beim letzten Mal verlassen wir erst nach ca. einer Viertelstunde den Laden. In der Tüte zwei Medikamente, die glücklicherweise nicht angerührt, sondern nur aus einer Schublade genommen werden mussten, und neben den unvermeidlichen Taschentüchern den Abholschein für die Lotion, deren Rezeptur im Nirwana des Kundendaten-Speichers entschwand.

Vielleicht fragen Sie sich, warum mich das so aufregt. Schließlich passiert so etwas andauernd und es ist auf den ersten Blick auch nichts wirklich Schlimmes. Deshalb habe ich darüber nachgedacht, was mich so wütend macht. Es ist sicher nicht die Viertelstunde Wartezeit. Ich glaube, es ist dieses Gefühl, als Mensch überhaupt nicht mehr wahrgenommen zu werden. Immer bin ich nur noch Konsument, selbst in einem solch sensiblen Bereich wie es die Gesundheit nun einmal ist. Der Trend in Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken ist, sich wegzubewegen von den originären Aufgaben und stattdessen unter die Verkäufer zu gehen. Ich bin also nur ein Umsatzfaktor, das fängt bei den sog. Igel-Leistungen an und geht nahtlos weiter bis zu solch unsäglichen Produkten wie Balsam mit quervernetzter Hyaluronsäure. Und andererseits muss ich mich ständig den Bedürfnissen und Mängeln der Technik unterordnen. Eine Technik, die eigentlich dazu da ist, uns allen das Leben zu erleichtern. Arzt oder Apotheker beschäftigen sich mehr mit dem technischen Hilfsmittel als mit den Kranken oder Ratsuchenden.

Ganz besonders betroffen macht mich die Tatsache, dass diese gruselige Entwicklung teilweise gar nicht mehr gesehen wird. Und wenn sie überhaupt registriert wird, dann nimmt man sie als gegeben und als normal hin. Das ist eben so, da kann man nichts machen, ist die Devise.

Kann man wirklich nichts ändern?

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