LIEB VATERLAND

Lieb Vaterland du hast nach bösen Stunden aus dunkler Tiefe einen neuen Weg gefunden ich liebe dich das heißt ich hab‘ dich gern wie einen würdevollen etwas müden alten Herrn. Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben zu viel bist du noch schuldig uns geblieben die Freiheit die du allen gleich verhießen die dürfen Auserwählte nur genießen.
Lieb Vaterland magst ruhig sein die Großen zäunen Wald und Ufer ein und Kinder spielen am Straßenrand lieb Vaterland!
Lieb Vaterland magst ruhig sein doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein! Die Jugend wartet auf deine Hand lieb Vaterland! Lieb Vaterland wofür soll ich dir danken? Für die Versicherungspaläste oder Banken? Und für Kasernen für die teure Wehr wo tausend Schulen fehlen tausend Lehrer und noch mehr! Konzerne dürfen maßlos sich entfalten im Dunkeln stehn die Schwachen und die Alten für Krankenhäuser fehlen dir Millionen doch unsre Spielkasinos scheinen sich zu lohnen.
Lieb Vaterland magst ruhig sein die Großen zäunen ihren Wohlstand ein die Armen warten mit leerer Hand lieb Vaterland! Lieb Vaterland wofür soll ich dich preisen? Es kommt ein Tag da zählt ein Mann zum alten Eisen wenn er noch schaffen will du stellst ihn kalt doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt. Die alten Bärte rauschen wieder mächtig doch junge Bärte sind dir höchst verdächtig das alte Gestern wird mit Macht beschworen das neue Morgen deine Jugend geht verloren.
Lieb Vaterland magst ruhig sein doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein! Die Jugend wartet auf deine Hand

Lieb Vaterland!

Mit diesem Text trat Udo Jürgens 1970 in der altehrwürdigen ZDF-Hitparade auf. Der etwas früher geborene Teil von Tosulit sagt, dass dieses Lied durchaus für Aufruhr sorgte. Wir können uns das vorstellen. Es basiert, so lernen wir im Netz, auf der patriotischen „Wacht am Rhein“ von 1840.

Udo Jürgens streute zwischen seine Tritratrullala-Lieder immer mal solche Texte ein. Erinnern möchten wir an „Das ehrenwerte Haus“ oder „Griechischer Wein“. Genau genommen ist Deutschland nicht sein Vaterland, sondern Österreich. Das ändert aber am kritischen Inhalt nichts, der vermutlich genauso für die Alpenrepublik galt und gilt. Udo Jürgens starb 2014 im Alter von 80 Jahren.

Dieser Text ist nun 46 Jahre alt. Wir bringen ihn heute zu Gesicht verbunden mit der Frage, ob sich seit damals was geändert hat. Es war ja die Zeit von Willy Brandt mit „mehr Demokratie wagen“. Der Mief der jungen Bundesrepublik wurde ausgelüftet. Statt eines greisen gab es nun einen vorwärts gewandten Kanzler mit Ideen. Damals gab es solche Politiker in der SPD. Wenn überhaupt, waren die Sozis die Partei des Aufbruchs. Doch zurück zu unserer Frage.

Udo Jürgens kritisiert die in den Himmel wachsenden Paläste der Banken und Versicherungen. Sie stehen stellvertretend für die Macht der Konzerne, die immer größer wird. Die Banken standen 2008 im Brennpunkt des Geschehens. Alle waren sie systemrelevant und wie selbstverständlich flossen Milliarden direkt oder als Bürgschaft. Die Versicherungen wurden drei Jahre früher gestützt. Die sog. Riester-Rente war ein Riesengeschäft für diese Branche. Heute geben das sogar die Sozis zu. Jürgens kritisiert die zunehmende Schere zwischen Reich und Arm. Sie ist heute größer denn je. Ein Prozent der Deutschen besitzen etwa die Hälfte des Vermögens. Ein großer Teil der Bevölkerung ist von Vermögensbildung gänzlich ausgenommen. Ist welches da, wird es spätestens mit Hartz IV oder den Altenheimkosten verrechnet und verzehrt. Und zuletzt kritisiert Udo Jürgens, dass ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben. Ein Faktum, das heute noch genauso aktuell ist. Trotz alternder Gesellschaft hat die Wirtschaft noch lange nicht umgedacht. Ältere Menschen lassen sich eben schwerer ausbeuten als junge.

Und neben den Kritikpunkten zeigt Jürgens auf, wo es fehlt. Und auch dies ist hochaktuell. Schulen und Krankenhäuser sind chronisch unterfinanziert. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser werden ihrem Namen gerecht. Wer hingeht, ist in Not. Personal ist nicht da oder schlecht ausgebildet. In den Schulen ähnlich. Ein Unterrichtsausfall von bis zu 10 % ist Standard. Angesichts der im vergangenen Jahr zu uns gekommenen Kinder ohne Sprachkenntnisse kapitulieren die Länder beinahe schon. Die Inklusion wird wohl ebenfalls Abstriche machen müssen.

Es gibt kaum Politikfelder, an denen weniger rumgemurkst wurde als am Gesundheits- und Bildungssystem. Aus der Erkenntnis, dass sich in einem halben Jahrhundert nichts verbessert hat, können wir Schlüsse ziehen. Das System, in dem alles stattfindet, lässt eine Besserung zugunsten der Menschen nicht zu. Der Profit bleibt oberste Vorgabe. Und wenn wir das so erkennen, können wir uns das Herummurksen sparen. Ein gehöriger Teil unserer Politschauspieler ist überflüssig.

Udo Jürgens war gewiss kein linker Liedermacher. Seine Art Musik findet viel eher Zugang zu Mengen von Menschen. Insofern halten wir zum Beispiel „Lieb Vaterland“ für einen gelungenen Spiegel, den wir den Eliten vorhalten wollen.

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